1914

Weihnachtsfeier des Arbeitervereins Rothrist

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WEIHNACHTSFEIER DES ARBEITERVEREINS ROTHRIST

1914

Am Sonntag, dem 27. Dezember 1914, stand außer dem Gottesdienst, der Kinderlehre und der Weihnachtsfeier des Blauen Kreuzes noch die Weihnachtsfeier des Arbeitervereins in Rothrist in Barths Kalender. In Rothrist – einer etwa 8 km südwestlich von Safenwil gelegenen Gemeinde mit damals ca. 3000 Einwohnern – hatte Barth schon 1913 die Ansprache zur Weihnachtsfeier des Arbeitervereins gehalten (s. V.u.kl.A. 1909-1914, S. 723–725 📖). Näheres über die Umstände der erneuten Einladung und den Verlauf der Feier ist nicht bekannt.

Weihnachtsfeier des Arbeitervereins

Rothrist, 27. XII 14

Lc 2,1–20 vorlesen. Ein Ton von Freude durch die Geschichte. Lukas ein fröhlicher Mensch, kennt d. Elend u. sein Bedürfnis nach Freude. Diesen Ton spüren, dann rechte Weihnacht. Da die Kinder spüren ihn, wir wollen werden wie sie [vgl. Mt. 18,3].

Warum Freude? Wegen des Menschen, der dort geboren wurde. Ein wundervoller Mensch: glaubt nicht an das Böse[,] sondern nur an das Gute. Sieht seinen Beruf darin, den Andern aufzudecken, daß sie Gottes Kinder sind, sie Alle. Und gerade die Gefehltesten1 verstehen ihn, den Unglücklichsten wird geholfen, die Verachtetsten fassen Hoffnung. Löst alle Lebensnot durch die Botschaft: Gott ist euer Vater u. ihr seid Brüder. Das Reich Gottes ist da, sowie das entdeckt ist. Das Leben Jesu zeigte, wie ernst es ihm damit war: von ihm ging Kraft aus, die heilte jedermann [vgl. Lk. 5,17], er starb als Unterlegner u. doch als Sieger[.] Sollte es nicht eine Freude sein, von diesem Menschen zu wissen? Fällt nicht ein heller Schein auch in unser Leben? Fühlen wir nicht: der Grund der Welt ist Liebe, Freundlichkeit u. Friede?

Aber heute? Muß uns das[,] was jetzt vorgeht, nicht endgültig enttäuschen? Wo bleibt das Reich der Liebe? Wo die Menschen[,] die vom Leben Jesu erfaßt, von seinem Geiste gelehrt sind? – Wir fragen die |98 Christen. Sie antworten uns mit der Ausrede, daß die Welt unter andern Gesetzen steht als das Leben der Seele, daß die Botschaft der Liebe nur dem Einzelnen gelte, nicht den Völkern. Sie verschieben den Glauben an den überwindenden Frieden Gottes auf später oder aufs Jenseits. Da bleibt wenig von der Weihnachtsfreude, wenn wir dabei an all die sinnlose Zerstörung denken, an all die verwüsteten u. vernichteten Menschenleben, vor Allem an das Meer von Haß u. Rohheit[,] das jetzt die Erde bedeckt. Wie soll das anders werden, wenn wir nicht an ein Anderswerden glauben?

Wir fragen die Sozialisten. Auch sie sind Erben des zuversichtlichen Glaubens Jesu an das Gute. Auch sie verkündigten etwas von seiner Erlösungsbotschaft u. schon schien es überall zu tagen. Was sagen sie zum Krieg? Sie haben sich von der «Notwendigkeit» überzeugen, von der «Begeisterung» mitreißen lassen. Der Nationalismus siegt auch über ihre Überzeugung[,] und [nun] müssen sie, die nur die Selbstsucht u. das Unrecht bekämpfen wollten, einander gegenseitig zerfleischen. Sie erwarten vom Sieg ihrer «Vaterländer» die Herbeiführung ihrer Hoffnungen – als ob aus Bösem Gutes entstehen könnte. Sie verschieben die Bruderschaft aller Völker auf die Zeit nach dem Sieg, als ob aus einem kriegerischen Sieg Brudersinn u. Gerechtigkeit hervorwachsen könnte!

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Wollen wir die Zuversicht auf die Macht des Guten u. damit die Weihnachtsfreude aufgeben? Eine Prüfungsstunde ist angebrochen für Alle, die auf ein Besseres hoffen. Für den Augenblick hat diese Hoffnung versagt. Lebendiges Christentum u. lebendiger Sozialismus hätten den Krieg schon jetzt unmöglich machen müssen. Zahllose Christen u. Sozialisten gehen jetzt mit dem Strom, finden sich damit ab, daß ihr Glaube ins Gegenteil umgebogen wird[,] u. begeistern sich für das Gegenteil. Wollen wir auch mit ihnen gehen?

Nein, wir gehorchen einer höhern Notwendigkeit, wenn wir auch jetzt daran festhalten: Alles das[,] was die Menschen auseinander reißt: Kapitalismus, Nationalismus, Militarismus soll nicht sein, muß durch die Ordnung u. den Frieden überwunden werden. Wir sind nicht allein, wenn wir die Hoffnung wach u. lebendig erhalten. Unter den Millionen[,] die jetzt kämpfen u. eifern[,] ist kaum Einer, der nicht |99 weiß, daß das Alles eigentlich nicht sein sollte. Unter Allen, die das Vorgehen von Liebknecht2, Grimm3 u.s.f. verurteilen, ist kaum Einer, der nicht gestehen müßte: die haben eigentlich recht – wenn sie nur die Mehrheit hätten in allen Parlamenten u. unter ihren Wählern. Stellen wir uns resolut auf den Boden dessen[,] was eigentlich gilt! Unsre innere Treue u. Begeisterung dem wahren höchsten Ziel, nicht einer niederen Notwendigkeit! Die Andern werden einmal erwachen u. werden es uns danken, wenn wir jetzt durchhalten in der Zuversicht auf das Eigentliche!

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Aber dazu braucht es etwas: Menschen, die so fest auf sich selbst stehen, daß sie es nicht fürchten, einsam zu sein – deren Glaube so groß und stark ist, daß sie lange warten können – die soviel Frieden in sich haben, daß sie davon wahrhaft Andern geben können. Sind wir solche Menschen? Dann sind wir die Christen, die Sozialisten, die es jetzt braucht.

Das Weihnachtsfest weist uns hin auf die Quelle[,] aus der ein solches inneres Leben kommt. Wenn wir das nehmen, was Gott uns anbietet, dann ist unser Hoffen ein gewisses Hoffen u. eines[,] das Kraft hat.

Sachfußnoten

1
= Verdorbensten, Sündigsten.↩
2
Die Fraktionsdisziplin durchbrechend, hatte der sozialdemokratische Abgeordnete Karl Liebknecht (1871–1919) am 2. Dezember 1914 einen zweiten Antrag der deutschen Reichsregierung auf Bewilligung von Kriegskrediten als einziges Reichstagsmitglied verweigert; seine dazu abgegebene Erklärung wurde nicht in das Protokoll dieser Parlamentssitzung aufgenommen (vgl. J. Humbert-Droz, Der Krieg und die Internationale. Die Konferenzen von Zimmerwald und Kienthal, Wien/Köln/ Stuttgart/Zürich 1964, S. 59f. 📖).↩
3
Robert Grimm (1881–1958), sozialdemokratischer Nationalrat, stellte sich, wie Liebknecht in Deutschland, gegen die Mehrheit der SP-Fraktion im schweizerischen Nationalrat und stimmte gegen das zur Debatte stehende Militärbudget. Das Jahrbuch der Sozialdem. Partei der Schweiz 1914 (s. oben S. 9, Anm. 1), S. 10–16 📖, berichtet über die Dezembersession des Nationalrats, die am 17.12.1914 begann. Grimm gab namens der sozialdemokratischen Fraktion in der Budgetberatung eine Erklärung über die gegensätzlichen Meinungen zum Militäretat innerhalb der Fraktion ab. Er erklärte, gegen das Gesamtbudget, das auch das Militärbudget enthielt, stimmen zu wollen. Mit ihm stimmte schließlich fast die ganze Fraktion gegen das Budget (S. 15f.). Das Protokoll des Parteitages vom 31.10. und 1.11.1914 in Bern, im Anhang des Jahrbuches S. 43–54, schildert die großen Auseinandersetzungen innerhalb der Partei zu diesem Thema.↩