Entstehungszeit und Anlass des kleinen Referats über Thomas Manns «Buddenbrooks»
📖 sind nicht überliefert. Doch weisen die Schrift der auf Vorder- und Rückseite eines Blattes im Oktavformat mit Tinte notierten Bemerkungen ebenso wie deren Stil und Inhalt auf die Zeit um 1914/1915.
Unübersehbar ist jedenfalls der Abstand von den Eindrücken der ersten Lektüre, über die Karl Barth am 22. November 1908 aus Marburg an den Vater geschrieben hatte1: Nach der Lektüre von Selma Lagerlöfs «Gösta Berling»
📖 («mörkwürdig [sic!] aber doch fein») sei er nun «an den Buddenbrooks von Mann und entsetze» sich «über diesen Realismus, der nicht versäumt, seine Helden nach dem Essen das Gilet öffnen zu lassen – genau so wie ich es gelegentlich zu Kästlis [Peter Barths] ästhet. Verdruß thue». Die kritische Einordnung des Romans hatte in einem Brief an seinen Studienfreund Otto Lauterburg vom 24.11.1908 ebenso gelautet2: «Ich las gestern die ‹Buddenbrooks› von Mann, einen Roman von einem abscheulich ins Detail gehenden Realismus mit Schopenhauer’scher Tendenz, den Frau Prof. Rade außerordentlich schätzt.» «Als Gegengift habe ich soeben Schleiermachers Monologen
📖 eingenommen und befinde mich infolgedessen so wohl, daß ich ohne die geringste Besorgnis der Nachtruhe entgegengehen kann».
Während Barth in diesen Äußerungen den Roman noch mit dem im Allgemeinsinn gebrauchten Stichwort «Realismus» kennzeichnet, ordnet er ihn in den vorliegenden Notizen richtiger dem literarischen «Naturalismus» zu – um freilich sofort klarzustellen, dass die wirkliche Bedeutung des Werkes, möglicherweise «ohne die Absicht des Verfassers», nicht in der «Durchführung einer naturalist. These» liegt. Die beiden Begriffe, mit denen Barth die Erkenntnis beschreibt, die nach seiner Meinung aus den «Buddenbrooks» eigentlich zu gewinnen ist, zeigen ihn auf einem Weg, der an anderen Safenwiler Texten deutlicher wird.
101 Zum einen handelt es sich um den Begriff des Bourgeois: es ist die «Klasse» der «Bourgeoisie», deren Problematik Barth in Manns Roman dargestellt findet. Dass Barth nicht einfach den Bürger, sondern – Gegenstand und Aussage der «Buddenbrooks» vielleicht nicht ganz genau treffend – ausdrücklich den Bourgeois behandelt sieht, mag mit dem Studium der sozialen Frage zusammenhängen, auf die Barth näher durch die Lektüre der Schriften Werner Sombarts aufmerksam geworden war, mit denen er sich in Genf und dann vor allem in Safenwil beschäftigte. Doch gebraucht Barth den Begriff hier nicht in der scharfen Prägung, in der er sich bei Sombart findet, der unter der Bourgeoisie diejenige Klasse versteht, die die Interessen des kapitalistischen Wirtschaftssystems vertritt. Barth hingegen verwendet das Wort hier eher in einem sozialanthropologischen als in politisch-ökonomischem Sinn. Darin könnte sich zeigen, daß er zur Zeit der Abfassung dieser Notizen näher bei einer allgemeinen Analyse steht, noch nicht bei den politisch-wirtschaftlichen Folgerungen, die er später zog.
Der andere für Barths Entwicklung aufschlussreiche Begriff aus diesem Referat wird erst in späteren Safenwiler Texten – dann freilich fast als ein Leitwort – entfaltet: Es ist das Wort «Leben», genauer: «das Leben» im Unterschied von «diesem Leben». Nicht in der Beschreibung des Götzen- und Idolcharakters der Firma ist das Besondere an Barths Blick auf die «Buddenbrooks» zu finden – H. Meyer-Benfey etwa hatte schon 1904 in diesem Zusammenhang die Worte «religiöse Pietät», «Glaube», «Glaubensgegenstand» und «Kult» gebraucht.3 Das Besondere liegt in der Weise, wie Barth die Wirkung dieses «blos formalen Ideals» als Verfehlen des Lebens im Leben zu fassen versucht.
So gewinnt man den Eindruck, der Text gehöre in die ersten Jahre der erneuten Besinnung auf die Grundlagen, zwei Themen anschlagend, die zu wichtigen Motiven der theologisch-pastoralen Arbeit Barths in den folgenden Jahren wurden. Vermutlich war er für einen Abend im Blauen Kreuz bestimmt, an dessen Versammlungen Barth zu sehr verschiedenen Themen vorgetragen hat.4 Barth trat der christ|102lichen Abstinenzbewegung im Oktober 1911 bei, im Januar 1912 wurde er Präsident des Safenwiler Vereins. Über die Blaukreuzversammlungen schreibt Barth am 7.8.1912 an Wilhelm Loew5:
Recht munter gehts fortwährend im Blauen Kreuz, das mir vorläufig die andern üblichen christlichen Vereine ersetzt. [...] Hier ist es fast überall das sehr erwünschte Mittelstück zwischen Landeskirche und Gemeinschaftskreisen und zugleich eine Gelegenheit, wo man im populär-kultischen Rahmen einer «Stunde» praktisch über Alles reden kann, gewöhnlich mehr oder weniger aus dem Stegreif, resp. in der Art einer Konfirmandenstunde. Dazu singt man schmetternde Lieder englischen Charakters, die aber dem Volk sehr lieb sind. Die Pfarrer machen darum meistens mit, wenigstens «wir Positiven», nur die immer seltener werdenden Reformer (im Aargau fast lauter würdige Greise!) halten sich mißtrauisch fern.
Thomas Mann. Buddenbrooks. Verfall einer Familie6
Geschichte von 4 Generationen einer norddeutschen Kaufmannsfamilie, 1835 beginnend ca. 1880 endend. Diese Familie ist der Typus der Bourgeoisie überhaupt und der Roman ist die Darstellung der Problematik dieser das 19. Jahrhundert charakterisierenden Klasse. Ihrem raschen Emporkommen entspricht ein ebenso rascher Zerfall. Beides entwickelt sich rasch und unaufhaltsam, weil ihrem Leben eigentlich der Inhalt fehlt. Der Verf. weiß aber nur den Zerfall zu schildern, das beste Zeichen dafür, daß auch er über s[eine] Zeit nicht hinaussieht, aber er kennt ihre Schwäche. Gustav Freytags «Soll u. Haben»7 steht noch diesseits, die Buddenbrooks bereits jenseits des fruchtbaren kritischen Punktes, von dem aus das 19. Jahrhundert aus den Angeln zu heben wäre. Der Optimist u. der Pessimist verfehlen diesen Punkt gleicherweise.
103 Ein Leben, das auf blos formale Ideale gegründet ist, ist dem Tode geweiht, das ist die Erkenntnis, die aus dem Roman hervorspringt. Möglicherweise ohne die Absicht des Verf[asser]s, dem es vielleicht mehr auf die Durchführung einer naturalist. These als auf die spezielle Kritik des Kaufmannsideals ankam. Jedenfalls ergiebt sich aus dem Roman diese absolute Kritik der Gesellschaft. Das Thema wäre durchaus auch z.B. an einer Pfarrersfamilie durchzuführen gewesen.
Ein formales Ideal drückt schon der Leitspruch der Familie Buddenbrooks aus: dominus providebit [Gen. 22,8]8, dem der Grundsatz des Gr[oß]vaters betr. der geschäftl[ichen] Ehrlichkeit entspricht9. Alles vortrefflich, aber der Inhalt ist ja doch nur das Geld. Das wird verhüllt unter dem sakrosankten Begriff «Firma», dem bes. auch die weibl. Familienglieder religiöse Verehrung entgegenbringen. Mit diesem fatalen Inhalt, über dessen Art man sich fortwährend täuscht[,] steht und fällt nun Alles Andre: Religion, Moral, Lebensglück, Liebe, Arbeit, Kunst, Politik. Geht es dem einen Götzen wohl, so florieren auch alle andern, fällt der eine, so erlöschen alle Lichter. Dieses System von gegenseitigen Bedingtheiten[,] das sich im Falle Buddenbrooks um das Idol «Geschäft» gruppiert, das aber auch anders gruppiert sein könnte, ist die fürchterliche Einsicht, die man aus diesem Buch gewinnt. Wie abhängig ist der Mensch von den Göttern, die er sich nach seinem Bilde gemacht hat! [vgl. Hos. 13,2]
Um der «Firma» willen widmen sich diese Menschen von früh auf einem Leben, das ihnen weder Zeit noch Interesse läßt für Dinge, an denen sie innerlich sich nähren könnten
Um der Firma willen stürzen sie sich [in] den Gegensatz von wirklicher u. repräsentativer Moral
Um der Firma willen sind sie verhindert, sich auf ein ganzes Chr[isten]t[um] einzulassen (wobei ihnen die Pfarrer freundlich Dienst leisten!!)
Um der Firma willen ruinieren sie sich gesundheitlich in einem kontrastreichen Lebenswandel
Um der Firma willen verheiraten sie sich alle ohne Liebe u.s.f.
104 Das kann als Ganzes nicht gut endigen. Senator Thomas B. ist der ausgezeichnete Typus dieses Verfalls u. s[eines] Grundes – sein in Allem entgegengesetzter Gegenspieler Christian B., dieser Schwächling u. Lüstling ist doch nur s. andres Ich, s. notwendige Ergänzung, bei dem offen zum Ausbruch kommt, was dort mühsam verhüllt ist. Darum der gegenseitige Haß der Brüder. In der einzigen guten Stunde s. Lebens (bei der Lektüre von Schopenhauer!!)10 wird auch Thomas kritisch gegen sein eigenes Ideal, zu einer Erneuerung kommt es nicht mehr, das Schicksal nimmt s. Lauf, aber im Verzicht auf dieses Leben hat er wenigstens einmal das Leben berührt u. erkannt.
Das große Verdienst dieses Buches liegt in der Vollständigkeit[,] mit der alle Linien durchgeführt werden. So entsteht ein Bild von haarscharfer Notwendigkeit. Die Impotenz des Buddenbrooks-Ideals wird rechnerisch bewiesen. Von den ersten Zeilen an ist das Gericht da u. keinen Moment kann der Leser zögern in der Erkenntnis, daß es so nicht geht.
Der Schritt vom Ernst des Todes zum Ernst der Ewigkeit freilich wird nicht getan.