Krieg, Sozialismus und Christentum [II]
KRIEG, SOZIALISMUS und CHRISTENTUM [II]
Der Vortrag am 14. Februar 1915 war der erste, den
Krieg, Sozialismus und Christentum
Wie war das möglich, daß die Völker
Nationalismus: Die falsche Betonung: zuerst das «Vaterland», dann die Menschheit. «Vor allem Schweizer».3 Daraus notwendig Gegensatz der Völker u. Vaterländer.
106 Militarismus: Das «Vaterland» ist das gegen die «Feinde» mit Geschützen u. Gewehren bewaffnete u. zu verteidigende Vaterland. Trugschluß: si vis pacem4[.] Einflußreiche Rüstungsindustrieen und Militärkasten
Kapitalismus: Unser Wirtschaftssystem des ungeordneten (auf dem Privatbesitz der Produktionsmittel beruhenden) Gewinnstrebens. Zoll- u. Kolonialprobleme. Verhängnisvolle Gegensätze der nationalen Interessengruppen. An Stelle der alten Kabinettskriege trat der moderne Wirtschaftskrieg
Gouvernementalismus: Die Regelung der internationalen Beziehungen liegt in den Händen weniger unkontrollierbarer u. nicht sehr vertrauenswürdiger Persönlichkeiten, Fürsten u. Diplomaten
Alle diese Tatsachen mußten zum Kriege treiben. In verschiedenem Verhältnis waren sie ja überall vorhanden. Sie waren ein Stück Krieg schon mitten im Frieden.
Aber das ist problematisch, daß die geistigen Mächte Christentum, Sozialismus u. Wissenschaft versagten u. sich so mitreißen ließen, daß jetzt außer schwachen Lebenszeichen andrer Art nur noch der Krieg das Leben der Menschheit beherrscht. Darüber nachzudenken, dazu Stellung zu nehmen, lohnt sich mehr als zu schwadronieren über die einzelnen politischen u. militärischen Ursachen u. Folgen der gegenwärtigen Ereignisse.
I
Von diesen Geistesmächten war zu hoffen – wenn auch kaum zu erwarten! – daß sie als Schutzwälle gegen die lange schon drohende Flut wirken würden. Instinktive Äußerungen dieser Hoffnung bei Kriegsausbruch.
a) Das Christentum: Von Jesus her ist ein Geist in der Welt wirksam, dessen Grundzüge die folgenden: Voller rücksichtloser Gehorsam gegen den Gott, der die Liebe ist [
b) Der Sozialismus: Die Bestrebung eine neue Gesellschaft zu begründen, aufgebaut auf die Wertschätzung des Menschen gegenüber dem Geld, auf die solidarische Verpflichtung der M[enschen] gegenüber dem Alleinrecht des Einzelnen, auf die Gerechtigkeit gegenüber der Willkür der Stärkern. – Ungeheure Ausbreitung der sozialistischen Ideen u. Kräfte. Beginnende Anerkennung seitens des Staates u. der bürgerlichen Kreise. Erfolgreiche Tätigkeit der Gewerkschaften u. Konsumvereine. Bedeutsamkeit der sozialistischen Internationale. Versammlung im Basler
c) Die Wissenschaft. Unsre Zeit war eine Zeit objektiver ruhiger Forschung wie keine andre. Und diese stille Arbeit war gemeinsame Tat aller Kulturvölker. Viel internationales Gemeingut, zum Ausdruck gebracht in Kongressen, Zeitschriften etc. Die führenden feinsten Köpfe der Menschheit schienen verbunden zu unauflöslicher Arbeitsgemeinschaft.
II
Die Enttäuschung, die wir erlebt haben: die Schutzwälle hielten nicht stand, ja sie gingen mit dem Strom u. halfen seine zerstörende Kraft vermehren.
a) Die äußere Mitwirkung beim Krieg durch Militärdienst, Steuerzahlen, Abstimmungen. Wir Alle! Eine Ausnahme machten die rus|108sischen u. serbischen Sozialisten!!6 Ein Vorgang von grandioser Tragik: Millionen u. Abermillionen haben auf einen Schlag u. durch die Tat ihre teuersten Überzeugungen verleugnet.
b) Innerliche Anerkennung des Krieges: nicht Zwang, sondern vermeintliche klare sittliche[,] ja religiöse Erkenntnis. Nicht trotz, sondern weil ... Man sagt: Die Ideale des Gottesreiches, der neuen Gesellschaft, der Kulturgemeinschaft sollen zwar gelten[,] aber zu ihrer Durchführung ist der Krieg notwendig. Das Neue soll in den Formen des Alten, auch der nationalen Gegensätze realisiert werden. Darum nationales Chr[isten]t[um], nat[ionaler] Soz[ialismus], nat[ionale] Wiss[enschaft]. – Die Geistesmächte mußten den -ismen des Teufels folgen. So haben
c) Kriegsbegeisterung und Kriegswut: Der Krieg wird nicht nur als Notwendigkeit, sondern als Gotteserlebnis, als Freiheitsbewegung, als Kulturtat empfunden.
α) bei den Christen: «Groß ist der Gott der russischen Erde»[.]8 Kreuzzugsstimmung. Heiliger Krieg. Kriegsgebete.9 Die Feinde sind Gottesfeinde. Abstreitung aller eigenen Schuld am Kriege.
β) bei den Sozialisten: symptomatische Bedeutung der Ermordung von
110 γ) bei den Kulturträgern etc.: verschwunden die Anerkennung des Wertes u. des Rechtes fremder Nationen, verschwunden die Selbstkritik, verschwunden die ruhige Sachlichkeit.
An ehrenvollen Ausnahmen fehlt es nicht. In den Schützengräben u. überhaupt in der Masse lebt ein anderer Geist u. seine Wirkungen werden spürbar. Aber das Gesamtbild ist das eines Bankerottes der geistigen Mächte. Der Strom des Gotteslebens, der durch die Menschheit fließt, ist versandet in der «Wirklichkeit». Die Tatsache dieses Bankerottes ist furchtbarer als alle Schrecken u. Greuel des militärischen Krieges. Hier müssen wir einsetzen mit unserm Nachdenken.
III
Irrtümer, die jetzt zu unterlassen sind:
a) allgemeine Anklagen, als ob das Chrt. u. der Soz. nichts wert seien. Verleugnung der Ideale, als ob wir bessere nötig hätten (oder gar atavistischer Rücksprung in Tieferes z.B. die Vaterlandsidee –
113 b) persönliche Anklagen: gegen «die Christen» «die Soz[ialisten]». Tua res agitur.31 Wir haben Alle versagt gegenüber dem Krieg. Auch über die Haltung z.B. der deutschen soz[ial]dem[okratischen] Parlamentsvertreter können wir uns wohl ein Urteil bilden, sollen uns aber vor Anklagen hüten: was hätten wir an ihrer Stelle getan? Wir müssen uns durchdringen lassen vom Gefühl einer Gesamtschuld.
114 c) Gedankenloses Weitermachen, als ob unsere bisherige Art, unsern Idealen zu leben, genügen könnte. Hinter der Geschichte waltet ein ewiger Wille[,] der uns nicht zufällig u. umsonst diese Ereignisse erleben läßt, sondern damit wir zu neuen bessern Erkenntnissen u. Einstellungen kommen. Es gilt jetzt, zu lernen u. sich nicht zu fürchten vor entscheidenden Wendungen u. Opfern.
IV
Was brauchen wir, damit solche Katastrophen nicht wieder kommen? Nichts Neues, aber das Alte in ursprünglicher Reinheit u. Kraft
1. Ein radikales Christentum, wie das des neuen Testamentes war: Es komme dein Reich, es vergehe diese Welt!32 Die Liebe Gottes läßt die Welt nicht bestehen, sondern erlöst sie. Ein Christ sein heißt Anteil haben an jenem ewigen Willen, der hinter der Geschichte verborgen [,] u. darum ein Salz der Erde sein [
a) mein Reich ist nicht von dieser Welt [
115 b) Dein Reich komme! [
In diesem weltfreien und weltüberwindenden Christentum liegen die Kräfte, die auch den Krieg unmöglich machen. Möchten die Christen wieder glauben lernen an diese Kräfte u. statt Urteile u. Anklagen gegen die böse Welt zu schleudern, selber Freie und Sieger werden.
2. Ein radikaler Sozialismus. Auch hier muß nur mit dem Alten, Eigentlichen, Selbstverständlichen Ernst gemacht werden. Ich habe weder Ergänzungen noch Abstriche am Parteiprogramm vorzubringen34, aber die selbstverständl. Voraussetzungen des Programms in den einzelnen Menschen müssen ganz anders leuchten u. wirken als bisher. Denn daran hats gefehlt.
a) Das Ideal der Gerechtigkeit ist der Inhalt des Sozialismus und nicht die Verbesserung der Lebenslage der Arbeiterklasse. Wer für |116 jenes kämpft, arbeitet auch für diese[,] aber nicht um dieser willen kämpfen wir[.] An die Stelle des Appells an die niedrigen egoistischen Instinkte muß wieder deutlich u. machtvoll der Appell an das Gerechtigkeitsgefühl Aller treten. Ein egoistischer Sozialismus ist ein Widerspruch in sich selbst und bringt es praktisch nicht weit, sondern bleibt[,] wenn er gesättigt ist, in inkonsequenten Konzessionen an die bestehende Welt stecken. Wir brauchen Menschen, die für eine bessere Ordnung arbeiten rein aus Einsicht u. gutem Willen. Auch der rechte Sozialist lebt «allein durch den Glauben» [
b) Die Kraft der Wahrheit ist das eigentliche Kampfmittel des Sozialismus und nicht die Gewinnung der politischen u. wirtschaftlichen Macht. Die andern Kampfmittel (Lohnkämpfe, Wahlen, Presse, Konsumgenossenschaften) sind in der Anwendung selten frei von Ungerechtigkeiten, wie bei andern Parteien u. Bestrebungen auch. Darum entsteht das seltsame Bild, daß das Recht durch das Unrecht herbeigeführt werden soll[,] u. die Soz[ial]dem[okratie] wird aus der Vertreterin der absoluten Gerechtigkeit zu einer Partei unter andern. Ferner haben es diese Kampfmittel an sich, daß sie die Soz.dem. stark mit der bestehenden bürgerlichen Welt komplizieren (Versicherungen, Gewerkschaftskassen, Sozialisten in den Parlamenten u. in den Regierungen!) Diese Kampfmittel sind nun zwar unvermeidlich, aber ihre Unvollkommenheiten werden zur schweren tötlichen Gefahr, wenn nicht hinter und über ihnen das Zutrauen zu der sozialistischen Wahrheit als solcher steht, die sich durch ihre eigene Kraft durchsetzen muß. Dieses Vertrauen hebt jene Kämpfe u. Kampfmittel auf ein höheres Niveau, reinigt sie u. macht solche Zusammenbrüche unmöglich, wie wir sie jetzt erlebt haben.
c) Die sozialistische Persönlichkeit ist das nächste Arbeitsziel und nicht das soz.dem. Partei- oder Kassenmitglied, nicht der soz. Wähler. Der Geist ists, der lebendig macht [
Das ist die Reformation des Chrts. u. des Soz. (+ Reform[ation] der Wissenschaft!) auf die die gegenwärtige Katastrophe hinzudrängen scheint. Ihre innere Wahrheit zwingt sie unter den heutigen Umständen zu einer Vertiefung in dieser Richtung. Der erste u. wesentlichste Schritt dieser Reformation wird darin bestehen, daß die beiden Geistesmächte endlich u. endgiltig ihre innere Verwandtschaft erkennen, [um] ihren innern Anschluß zu vollziehen: Ein wirklicher Christ muß Sozialist werden (wenn er mit der Ref. des Chrts. Ernst machen will!)
Ein wirklicher Sozialist muß Christ sein (wenn ihm an der Ref. des Soz. gelegen ist!) muß im Evg. das Allein Notwendige, die umfassende Lebenskraft erkannt u. empfangen haben.
Haben wir genug vom Krieg? Sehnen wir uns nach dem Frieden auf Erden, der durch jenes Wurzelübel nicht mehr gestört wird? Dann muß jetzt eine Generation aufwachsen, die aus Christen und Sozialisten besteht im Geist u. in der Wahrheit [
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