1914

Unsre Stellung als Schweizer zum Weltkrieg

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UNSRE STELLUNG ALS SCHWEIZER ZUM WELTKRIEG WELTKRIEG

1914

Die zum Dorf Walterswil gehörende Siedlung Rothacker, in der Barth diesen Vortrag hielt, liegt etwa 2 Kilometer nordwestlich von Safenwil, gehört aber schon zum Kanton Solothurn. Die Einladung zu dem Anlass im «Lokal-Anzeiger 📖»1 lautet etwas unbestimmt:

  •  Oeffentliche Versammlung
  • Sonntag, den 25. Okt. 1914, abends
  • punkt 8 Uhr im Schulhaus.
  •  Referenten:
  • Herr Pfarrer Barth, Safenwil
  • Herr Student Schenker, Rothacker.
  • Jedermann, auch Frauen und
  • Töchter sind freundlichst eingeladen.

Barth notierte in seinem Taschenkalender lediglich: «Versammlung auf d. Rothacker. Schenker, ich, Grolimund».2 Dass Barth Arnold Grolimund – wohl als einen der Redner – erwähnt, deutet vermutlich darauf hin, dass die Initiative zu der Veranstaltung von Grolimund als dem römisch-katholischen Pfarrer des Ortes ausging. Es wiese auch in diese Richtung, wenn es sich bei dem Studenten Schenker um den aus Walterswil stammenden Studenten der katholischen Theologie und späteren Domherrn Jakob Schenker (1894–1974) handelte. Barth wäre demnach als Seelsorger der Diaspora-Reformierten in Walterswil (s. unten S. 711) um einen Beitrag gebeten worden.

Der Vortrag weist viele inhaltliche Parallelen mit gleichzeitigen Predigten Barths auf: In den Anmerkungen werden entsprechende Predigtstellen herangezogen, um die Stichworte des Vortragskonzepts anschaulicher zu machen.

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Unsre Stellung als Schweizer zum Weltkrieg. 

Unser persön[liches] Schicksal: Teurer Winter, unsichere Arbeit, Männer fort.3 Aber in dieser Zeit ziemt sichs nicht, nur ans Nächstliegendste zu denken. Große Gedanken, große Pflichten.4

1. Uns ein eignes freies Urteil bilden. Wer nicht nachdenken will, der erlebt umsonst eine der größten Perioden der Geschichte. Aber selbst nachdenken. Nicht Zeitungs- u. Wirtshausbehauptungen, sondern ruhiges Erwägen aller bekannten Umstände.

[Wir Deutschschweizer und Deutschland. Steht uns am Nächsten5, verdanken ihm viel6. Aber Achtung, es ist jetzt Partei u. wir sind Schweizer.7 Urteile über das Verhalten Rußlands8, über die Absichten |82 Englands9, über das Recht des belg[ischen] Neutral[itäts]bruchs10, über die tadellose Haltung der deutschen Truppen, über ihre Siege11 – Zurückhaltung, nicht einfach einstimmen]12

Probleme: Das Recht Serbiens13, die deutsch-russische Kriegserklärung14, das Eingreifen Englands15, wer hat den Krieg gewollt, Drei|83bund oder Dreiverband16. Löwen.17 Burzweiler.18 Rheims.19 Paris.20 Dum[-­]Dumgeschosse.21

Als Neutrale haben wir das Recht u. die Pflicht, in dem Allem selber zu denken, resp. unser Urteil aufzuschieben, bis Klarheit käme (Wilson)22

84 2. Unsre Einheit mit den welschen Schweizern zu pflegen

Unsre Grenze ist geschützt, aber wir sind in Gefahr, geistig auseinanderzufallen, einander nicht mehr zu verstehen. Dann müßte der polit[ische] Zerfall bald folgen wie 179823[.] Nicht abschrecken lassen durch ihre Sympathie für Frankreich. Das Zutrauen haben, daß sie doch vor Allem Schweizer sind.24 An die hohe Aufgabe der Schweiz glauben: Zusammengehörigkeit der Rassen25

3. Uns auf den Standpunkt höherer Ideale stellen

Der Krieg wird geführt zwischen den Rassen, den Militärmächten[,] den widerstreitenden Geldinteressen.26

85 Wir haben keinen Anlaß an diesen Gegensätzen teilzunehmen

Wir glauben a) daran[,] daß die Menschen aller Rassen Brüder sind

b) daß sie einander nicht bekämpfen müssen

c) daß der Kapitalismus, der die Menschen im Frieden aussaugt u. diesen Krieg mitverschuldet hat, überwunden werden kann.

Wir glauben das, d.h. wir müssen als Schweizer Christen sein, die das U[nser] V[ater] [Mt. 6,9–13 par.] ernsthaft beten, denen die Welt Gottes Wirklichkeit ist.

Wenn wir das glauben, dann ist die Schweiz im gegenwärtigen Sturm nicht nur Insel, sondern Kraftcentrum, ein Licht der Völker! [vgl. Jes. 42,6]

Sachfußnoten

1
Lokal-Anzeiger, erscheint je Donnerstags für die Gemeinden Schönenwerd, [...] Safenwil, Walterswil-Rothacker, Jg. 16, Nr. 41 vom 15.10.1914 (2. Blatt), S. [4] 📖.↩
2
Zu A. Grolimund vgl. Gespräche 1964-1968, S. 186 📖.↩
3
Vgl. K. Barth, Predigten 1914, hrsg. von U. und J. Fähler (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1974 (im folgenden: Predigten 1914), S. 502 (20.9.1914) 📖: «wir fürchten uns vor einem teuren Winter mit wenig Verdienst.» – Vgl. Schweizerische Arbeiterbewegung. Dokumente zu Lage, Organisation und Kämpfen der Arbeiter von der Frühindustrialisierung bis zur Gegenwart, hrsg. von der Arbeitsgruppe für Geschichte der Arbeiterbewegung Zürich, Zürich 1975, S. 161 📖: «Viele Familien von Wehrmännern hatten aber unter den Auswirkungen des Militärdienstes schwer zu leiden. Der Sold war klein und der Arbeitsplatz ungeschützt. Eine Entschädigung für Verdienstausfall gab es nicht und Wehrmannsunterstützung erhielten nur die Bedürftigsten.»↩
4
Vgl. Predigten 1914, S. 486f. (20.9.1914) 📖: «es ist eine große Zeit [...]. Vor allem eine Zeit, die uns wieder einmal große Gedanken gebracht hat. Wir haben oft gebetet: Gib uns große Gedanken in den kleinen Sorgen des Tages. Das ist nun ganz ungesucht und ohne daß wir Verdienst daran hätten, so gekommen. [...] Und es ist ja nicht bei den großen Gedanken geblieben. Große Aufgaben stellt diese Zeit an uns alle, auch an unser Schweizervolk».↩
5
Vgl. Predigten 1914, S. 446 (30.8.1914) 📖: «Wir hier sind zwar auch deutschen, alemannischen Stammes, und insofern stehen uns selbstverständlich unsere deutschen Nachbarn von den kämpfenden Parteien am nächsten.»↩
6
Vgl. Predigten 1914, S. 447 (30.8.1914) 📖: «ich denke an die Männer, die Deutschland uns geschenkt hat: Goethe, Schiller, Kant und so manche andere, und an alles das, was die Menschheit diesen Männern verdankt.»↩
7
Vgl. Predigten 1914, S. 447 (30.8.1914) 📖: «Sind nicht die Waadtländer, die Genfer, die Tessiner unsere schweizerischen Brüder? Und es sind doch Franzosen, Italiener, fremde Völker, wenn man so will. Aber wir anerkennen das nun einmal nicht, wir Schweizer, daß zwischen fremden Völkern Haß und Krieg sein müsse, wir haben uns zusammengetan, drei ‹fremde› Völker, und zueinander gesagt: wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern.» Vgl. auch S. 458 (6.9.1914): «Unter uns erwachsenen Schweizern und Christen sollte Keiner sein, der so nach Bubenart Partei ergreift.»↩
8
Vgl. Predigten 1914, S. 520f. (18.10.1914) 📖: «Und Rußland? Es kann keine Rede davon sein, daß dieses große geheimnisvolle Volk ein einziger Haufe von Mördern und Barbaren sei. Wir kennen es wenig, es fällt uns schwer, es zu verstehen, umso mehr sollten wir uns hüten, in Urteile des Hasses ohne Weiteres einzustimmen. Auch Rußland hat Ideale, hat die Überzeugung des Rechts in diesem Krieg. Es wahrt durch den Schutz der Serben seine Ansprüche, wie Deutschland die seinen wahrt durch das Bündnis mit Österreich.»↩
9
Vgl. Predigten 1914, S. 520 (18.10.1914) 📖: «An seine [scil. Frankreichs] Seite tritt England mit derselben Absicht: die Menschheit soll los werden von der Furcht vor der deutschen Gefahr, die kleinen Völker geschützt werden vor der Willkür großer Nachbarn.»↩
10
Vgl. Predigten 1914, S. 532–543 📖. Diese Predigt von Sonntag, dem 25. Oktober 1914, dem Tag, an dem auch dieser Vortrag in Rothacker gehalten wurde, ist eine theologische Auseinandersetzung mit einem Wort des deutschen Reichskanzlers von Bethmann Hollweg (1856–1921), der am 4. August 1914 vor dem deutschen Reichstag den deutschen Einmarsch in Belgien und den damit verbundenen Neutralitätsbruch gerechtfertigt und entschuldigt hatte unter der Devise «Not kennt kein Gebot».↩
11
Vgl. Predigten 1914, S. 524 (18.10.1914) 📖: «Nehmen wir gegenwärtig eine Zeitung aus Deutschland in die Hand, dann sehen wir, wie da die guten Eigenschaften der deutschen Soldaten, des deutschen Volkes zwar kräftig herausgestrichen und verteidigt werden gegen jeden Vorwurf, von den Feinden Deutschlands aber hören wir, das seien eben die ‹Welt voll Teufel›, von der Luther in seinem Lied ‹Ein feste Burg› gesungen hat. Das hat ein Marburger Professor geschrieben, einer der gebildetsten Menschen in ganz Deutschland! Nichts als Hinterlist, Feigheit und Gemeinheit ringsum!, so sehen sie jetzt dort die Anderen an.» Der Marburger Professor ist Paul Natorp (1854–1924); Barth bezieht sich auf P. Natorp, Löwen. Brief an einen holländischen Theologen, in: ChW, Jg. 28 (1914), Sp. 861f. 📖↩
12
Eckige Klammern von Barth.↩
13
Vgl. Predigten 1914, S. 521 (18.10.1914) 📖: «Ich könnte sogar in die allgemeine Verdammung der Serben nicht einfach einstimmen, obwohl sie den äußeren Anlaß zum Krieg gegeben haben. Ein starker einheitlicher Wille lebt in diesem Volk, den gerade wir Schweizer verstehen müssen. In schweren Kämpfen sind sie unabhängiger Staat geworden und wollen sich als solcher behaupten.»↩
14
Am 1. August 1914.↩
15
Am 4. August 1914.↩
16
Der «Dreibund» war ein 1882 durch Otto von Bismarck bewirkter militärischer Pakt zwischen Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien. – Der «Dreiverband» war eine Erweiterung der 1904 zwischen England und Frankreich abgeschlossenen Entente cordiale durch Rußland zur «Triple Entente» im Jahre 1906.↩
17
Am 14. August 1914 wurde die belgische Stadt Löwen, von der deutschen Führung fälschlich der Teilnahme an Franctireur-Überfällen beschuldigt, beschossen und teilweise eingeäschert.↩
18
Vgl. St. Fisch, Das Elsass im deutschen Kaiserreich (1870/71-1918), in: M. Erbe (Hrsg.), Das Elsass. Historische Landschaft im Wandel der Zeiten, Stuttgart 2002, S. 123–146, dort S. 145 📖: «Die Repression der deutschen Truppen gegen die eigene elsässische Bevölkerung ging gleich zu Beginn des Krieges so weit, dass wegen des Vorwurfs, aus einem Haus sei auf sie geschossen worden, in Burzweiler sechs Männer standrechtlich erschossen, fast achtzig weitere wegen ‹Meuchelmords› verhaftet und sechzig Wohnhäuser, Fabriken und Ziegeleien durch Feuer zerstört wurden. Wenig später ergab die kriegsgerichtliche Untersuchung, dass in der Dunkelheit zwei deutsche Trupps aufeinander geschossen hatten.» Barth wusste von den umstrittenen Vorgängen in Burzweiler (heute Mulhouse-Bourtzwiller), auf die auch in Bw. R., S. 101 📖 (dort irrtümlich als «Burgweiler» wiedergegeben), angespielt wird, wahrscheinlich aus den Berichten der BN, Jg. 70, Nr. 383 vom 16.8.1914 (2. Blatt), S. [2] 📖; Nr. 392 vom 21.8.1914 (2. Blatt), S. [1]; Nr. 401 vom 26.8.1914 (2. Blatt), S. [1]; Nr. 414 vom 2.9.1914 (2. Blatt), S. [1]; Nr. 456 vom 24.9.1914 (2. Blatt), S. [1].↩
19
Vom 18. bis 28. September 1914 stand die Stadt Reims unter deutschem Beschuss, in dem insbesondere Brandbomben eingesetzt wurden. Eines der Hauptangriffsziele war die Kathedrale, in der ein Lazarett eingerichtet worden war. Vgl. Predigten 1914, S. 535 (25.10.1914) 📖.↩
20
Wahrscheinlich bezieht sich Barth auf deutsche Meldungen über Ausschreitungen gegen die in Paris ansässigen Deutschen, die schon längere Zeit vor der Mobilmachung begonnen haben sollten. Entsprechende Meldungen erschienen in den BN, Jg. 70, Nr. 370 vom 9.8.1914 (2. Blatt), S. [1f.] 📖.↩
21
Dumdumgeschosse (nach der indischen Stadt Dumdum als erstem Herstellungsort) waren seit 1868 wegen ihrer sprenggeschossartigen Wirkung, die schwerste Verwundungen hervorruft, völkerrechtlich verboten. In den ersten Kriegsmonaten 1914 beschuldigten sich die kriegführenden Staaten gegenseitig, Dumdum-Munition zu verwenden.↩
22
Woodrow Wilson (1858–1924), von 1913-1921 der 28. Präsident der USA, erklärte in der Antwort auf ein Telegramm Wilhelms II. zu dessen Klage über in der französischen Festung Longwy gefundene Dumdum-Geschosse (BN, Jg. 70, Nr. 427 vom 9.9.1914 [2. Blatt], S. [2] 📖) u. a. : «In all solchen Angelegenheiten ergänzend einzugreifen, wäre unklug und wäre verfrüht. Für eine einzelne, selbst eine dem gegenwärtigen Kampf glücklicherweise fernstehende Regierung, wäre es sogar unvereinbar mit der neutralen Haltung einer Nation, die wie diese an dem Kampfe nicht beteiligt ist, sich ein endgültig[es] Urteil zu bilden oder zum Ausdruck zu bringen. Ich spreche mich so frei aus, [...] weil ich sicher bin, daß eine Zurückhaltung des Urteils bis zur Beendigung des Krieges, wo alle Ereignisse und Umstände in ihrer Gesamtheit und in ihrem wahren Zusammenhang übersehen werden können, sich Ihnen als wahrer Ausdruck aufrichtiger Neutralität von selbst empfehlen wird.» (BN, Jg. 70, Nr. 480 vom 8.10.1914 [2. Blatt], S. [3]). Die Neutralitäts-Erklärungen Wilsons vom 4.8. und 19.8.1914 wurden in den BN nicht behandelt.↩
23
1798 bereiteten französische Revolutionstruppen der alten Eidgenossenschaft ein rasches Ende; den Zerfall beschleunigten damals Gegensätze zwischen den reformunfähigen Oberschichten der 13 herrschenden Orte und den Bewohnern der ländlichen Territorien und Untertanengebiete. Die neue Helvetische Republik war ein demokratischer Einheitsstaat von Frankreichs Gnaden.↩
24
Vgl. unten S. 105, Anm. 3.↩
25
Vgl. Predigten 1914, S. 447f. (30.8.1914) 📖: «Es ist das hohe Vorrecht unserer schweizerischen Freiheit und Unabhängigkeit, daß wir das Gute und Edle an allen Völkern ruhig und unparteiisch sehen und anerkennen, daß wir jetzt in dieser Zeit der Leidenschaft die Brüderlichkeit aller Völker hochhalten dürfen. Wir wollen dieses Vorrecht nicht verscherzen durch törichte Parteinahme.»↩
26
Vgl. Predigten 1914, S. 446.448 (30.8.1914) 📖: «Der gegenwärtige Krieg ist zu einem guten Teil ein Rassenkampf.» «Und der gegenwärtige Krieg ist zum anderen Teil ein Machtkampf. [...] Wirtschaftliche Gründe spielen dabei mit.»↩