Nachwort zu: «Die Hilfe» 1913
Seitdem diese Zeilen geschrieben wurden, ist über Nacht der europäische Krieg über uns gekommen. Was sollen jetzt diese Betrachtungen? Was jetzt gilt, sind die Wirklichkeiten, denen N[aumann] so oft gegenüber den Ideologen das Wort geredet hat: die Rosse1, die Macht2, das Kapital3. Am 4. August hat der deutsche Reichstag einstimmig den Kriegskredit von 5 Milliarden bewilligt.4 Auch der üblichen Ovation für den Kaiser haben sich die 112 Sozialdemokraten diesmal nicht entzogen.5 Nach einer Wolffdepesche sollen die Sozi|78aldemokraten in Gelsenkirchen ihre roten Fahnen vor dem Bismarckdenkmal verbrannt haben.6 Si non è vero….7 Ist die deutsche Sozialdemokratie eine andre geworden seit 1870/71, wo sie zwei und nachher ein Mann hoch im norddeutschen Reichstag der ganzen nationalistisch-militaristischen Welle Trotz bot8? Oder ist der Druck der Lage diesmal so ungeheuer[,] daß die idealistische Politik darüber zusammenbrechen mußte? Wir können aus der Ferne nicht darüber urteilen. Wie man diese Vorgänge auch deuten mag, N[aumann] kann u[nd] wird sie als Bestätigung seiner gesunden und nüchternen Auffassung buchen.9 Und der Protest gegen seine wirklichkeitsfrohe Stimmung in diesem Augenblick mag sehr kindlich erscheinen. Sei es also. Die Realpolitik, die jetzt in so fürchterlicher Weise Recht behält, trägt doch die Keime der Auflösung in sich selbst. Das Erwachen aus |79 diesem bösen Traum muß einmal kommen. Für den Augenblick freilich können die Kinder, die daran glauben, nichts anderes tun, als schweigen und warten.