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Nachwort zu: «Die Hilfe» 1913

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NACHWORT ZU: «DIE HILFE» 1913

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Einleitung s. oben S. 61–63.

Nachwort zu: «Die Hilfe» 1913

Seitdem diese Zeilen geschrieben wurden, ist über Nacht der europäische Krieg über uns gekommen. Was sollen jetzt diese Betrachtungen? Was jetzt gilt, sind die Wirklichkeiten, denen N[aumann] so oft gegenüber den Ideologen das Wort geredet hat: die Rosse1, die Macht2, das Kapital3. Am 4. August hat der deutsche Reichstag einstimmig den Kriegskredit von 5 Milliarden bewilligt.4 Auch der üblichen Ovation für den Kaiser haben sich die 112 Sozialdemokraten diesmal nicht entzogen.5 Nach einer Wolffdepesche sollen die Sozi|78aldemokraten in Gelsenkirchen ihre roten Fahnen vor dem Bismarckdenkmal verbrannt haben.6 Si non è vero….7 Ist die deutsche Sozialdemokratie eine andre geworden seit 1870/71, wo sie zwei und nachher ein Mann hoch im norddeutschen Reichstag der ganzen nationalistisch-militaristischen Welle Trotz bot8? Oder ist der Druck der Lage diesmal so ungeheuer[,] daß die idealistische Politik darüber zusammenbrechen mußte? Wir können aus der Ferne nicht darüber urteilen. Wie man diese Vorgänge auch deuten mag, N[aumann]  kann u[nd] wird sie als Bestätigung seiner gesunden und nüchternen Auffassung buchen.9 Und der Protest gegen seine wirklichkeitsfrohe Stimmung in diesem Augenblick mag sehr kindlich erscheinen. Sei es also. Die Realpolitik, die jetzt in so fürchterlicher Weise Recht behält, trägt doch die Keime der Auflösung in sich selbst. Das Erwachen aus |79 diesem bösen Traum muß einmal kommen. Für den Augenblick freilich können die Kinder, die daran glauben, nichts anderes tun, als schweigen und warten.

Sachfußnoten

1
Naumanns militärische Vorstellungen und Forderungen finden sich zusammengefasst in: Demokratie und Kaisertum, a.a.O. (s. oben S. 49, Anm. 4), vgl. bes. S. 296–332 📖. Dass Barth hier zur Zusammenfassung das Stichwort «Rosse» wählt, scheint nicht auf entsprechende Formulierungen bei Naumann zurückzugehen, sondern außer auf die alttestamentlichen Warnungen davor, sich auf Rosse zu verlassen (Jes. 31,1; vgl. Ps. 20,8; 33,17; Hos. 1,7; Mi. 5,9), auf die Wendung in dem Aufruf Wilhelms II. «An das deutsche Volk» vom 6. August 1914: «Um Sein oder Nichtsein unseres Reiches handelt es sich, das unsere Väter sich neu gründeten, um Sein oder Nichtsein deutscher Macht, deutschen Wesens. Wir werden uns wehren bis zum letzten Hauch von Mann und Roß.» (BN, Jg. 70, Nr. 367 vom 8.8.1914 [1. Blatt], S. [2] 📖).↩
2
Schon früh hatte Naumann betont: «Es gibt Machtfragen, darum brauchen wir Macht» (Wochenschau, in: Die Hilfe, Jg. 1, Nr. 10 vom 10.3.1895, S. 1f., dort S. 1 📖). Die in Naumanns «Briefen über Religion» (1903) 📖 dokumentierte Wende in seinem Verständnis des Christentums hängt eng mit dieser Frage zusammen; vgl. oben S. 51, Anm. 13.↩
3
Zu den Wandlungen in Naumanns Verhältnis zum «Kapitalismus» – schließlich bis zur Anerkenntnis: «Nach aller menschlichen Voraussicht ist die Uhr des Kapitalismus noch nicht abgelaufen» (Neudeutsche Wirtschaftspolitik [19113], Werke, Bd. 2: Schriften zur Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik, hrsg. von Th. Schieder, Köln und Opladen 1964, S. 443) – vgl. die Einleitung zu dem angeführten Band, bes. S. XV­-XVII 📖.↩
4
Die BN, Jg. 70, Nr. 362 vom 5.8.1914 (2. Blatt), S. [1] 📖, meldeten: Der Reichstag nahm «einstimmig die kriegsgesetzlichen Entwürfe ohne Beratung an und genehmigte unter stürmischem Beifall des Hauses die Vorlagen». Vgl. Mommsen, a.a.O. (s. oben S. 64, Anm. 22), S. 566–570 📖.↩
5
BN, ebd. 📖: «Der Präsident brachte darauf, während sich auch die sozialistischen Abgeordneten erhoben, das Kaiserhoch aus, worin alle bürgerlichen Parteien und die Tribünen des Hauses begeistert einstimmten.»↩
6
BN, Jg. 70, Nr. 371 vom 10.8.1914 (2. Blatt), S. [2] 📖. In der Meldung, die von der deutschen Nachrichtenagentur «Wolffs Telegraphisches Bureau» verbreitet wurde, heißt es abschließend: «Dann entfalteten sie Nationalfahnen und zogen jubelnd wieder ab.»↩
7
Anspielung auf die italienische Redewendung «Se non è vero, è molto ben trovato» (vgl. Büchmann, S. 290 📖).↩
8
Bei der Abstimmung über die Anleihen für den Krieg gegen Frankreich im Reichstag am 19. Juli 1870 stimmten allein August Bebel und Wilhelm Liebknecht nicht zu, sondern enthielten sich der Stimme und führten dazu in einer von Bebel aufgesetzten Erklärung aus: «Als prinzipielle Gegner jedes dynastischen Krieges, als Sozialrepublikaner und Mitglieder der Internationalen Arbeiterassoziation, die ohne Unterschied der Nationalität alle Unterdrücker bekämpft, alle Unterdrückten zu einem großen Bruderbund zu vereinigen sucht, können wir uns weder direkt noch indirekt für den gegenwärtigen Krieg erklären» (A. Bebel, Aus meinem Leben, 2. Teil, Stuttgart 1911, S. 179 📖). Als es am 26. November 1870 um weitere Gelder für den Krieg ging, stellten Liebknecht und Bebel den Antrag, die Bewilligung abzulehnen, weil der Krieg «nicht ein Krieg gegen die kaiserliche Regierung und die kaiserliche Armee, welche nicht mehr existieren, sondern ein Krieg gegen das französische Volk ist, nicht ein Verteidigungskrieg, sondern ein Eroberungskrieg, nicht ein Krieg für die Unabhängigkeit Deutschlands, sondern ein Krieg für die Unterdrückung der edlen französischen Nation» (a.a.O., S. 194). In den Wahlen vom 3. März 1871 unterlag Liebknecht in seinem Wahlkreis, so dass Bebel allein am 24. April 1871 im Reichstag gegen weitere Kriegsanleihen votierte (a.a.O., S. 219–221).↩
9
Vgl. unten S. 88, Anm. 5.↩