1914

Politik, Idealismus und Christentum bei Friedrich Naumann

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POLITIK, IDEALISMUS UND CHRISTENTUM
BEI FRIEDRICH NAUMANN

1914

Zur Vorbereitung einer Rezension hatte Barth im Juni/Juli 1914 den Jahrgang 1913 von Naumanns «Hilfe» durchgearbeitet (s. unten S. 61–76). Kurze Zeit darauf hatte er Gelegenheit, den für den «Hilfe»-Artikel erarbeiteten Stoff auch mündlich vorzutragen. Am 21. Juli 1914 tagte in Safenwil das «Religiös-soziale Kränzchen» (so die Notiz in Barths Taschenkalender). Damit ist ein Freundeskreis religiös-sozialer Pfarrer gemeint, dem Guido Ammann (Mönthal, Kt. Aargau), Lukas Christ (Pratteln, Kt. Basel-Land), Max Dietschi (Seon, Kt. Aargau), Adolf Kistler (Langnau, Kt. Bern), Paul Schild (Uerkheim, Kt. Aargau), Ernst Staehelin (Basel, kein Pfarrstelleninhaber), Eduard Thurneysen (Leutwil, Kt. Aargau) und Gottlob Wieser (Pfarrhelfer in Binningen, Kt. Basel-Land) angehörten. Eingeladen – anscheinend als Referent – war auch Hermann Kutter. Dieser sagte aber am Vorabend ab, worauf Barth mit einem Referat über «Politik, Idealismus und Christentum bei Friedrich Naumann» einsprang, das er «als Lückenbüßer ziemlich in Eile» «zusammenschusterte», wie er in einem Brief vom 27. Juli 1914 an seinen Freund Wilhelm Loew, den Schwiegersohn Naumanns, berichtete.

Was den Text betrifft, so liegt eine leicht überarbeitete Abschrift innerhalb dieses Briefes vor. Im folgenden ist diese zweite Fassung abgedruckt – mit einem textkritischen Apparat, der die Erstfassung berücksichtigt.

Barths Beschäftigung mit Naumann im Sommer 1914 hatte einen bestimmten Grund. Wesentlich unter dem Eindruck des am 24./25. November 1912 in Basel abgehaltenen Sozialistischen Friedenskongresses war, wahrscheinlich auf besonderes Antreiben von Leonhard Ragaz, für den 27. bis 30. September 1914 ein Internationaler Kongress für soziales Christentum zum Thema «Christentum und Weltfriede nach Basel einberufen worden»1.Wegen des Kriegsausbruchs konnte der Kongress nicht mehr stattfinden, an dem Barth nach ei|49genen Worten in seinem Brief an Loew teilnehmen wollte: «Und wenn du mich auf die Lücken meines Verständnisses aufmerksam machen willst, so bin ich dir sehr dankbar, und darum schreibe ich dir überhaupt. Es ist mir ernstlich daran gelegen, mit einer gründlichen Ansicht an den Basler Kongreß zu gehen.» In einer «Vorbemerkung des Herausgebers» zu Barths «Hilfe»-Rezension schrieb Martin Rade: Der Kongress «würde uns als Schwerstes und Wichtigstes eine Auseinandersetzung zwischen den deutschen Evangelisch-Sozialen und den Schweizer Religiös-Sozialen gebracht haben» (s. unten S. 64). Barth suchte in der Beschäftigung mit Naumann offensichtlich seinen Standpunkt in dieser Auseinandersetzung, in der es wesentlich um das Verhältnis der jeweiligen christlichen Gruppen zur Sozialdemokratie ging.2

Politik, Idealismus und Christentum bei Friedr. Naumann

21. VII 14

a-Problem des Verhältnisses von Christentum und Kultur, Idee und Wirklichkeit, Gott und Welt. Bei Naumann die spezielle Frage der Politik.-a

I Naumanns polit. Weltanschauung.4 (Nicht ihr Werden, sondern ihr Resultat.) b-Ziel: Entfaltung von deutscher Industrie, Demokratie und Weltmacht.-b

50 a) Das moderne Deutschland ist Industrieland.5 Die Veranlagung des deutschen Genius und die starke Bevölkerungsvermehrung machen c-den technisch-wirtschaftlichen Aufstieg-c zur ersten polit. Aufgabe. Das Gedeihen der Industrie ist nicht nur Vorbedingung d-des ökonomischen Wohls der Massen, sondern auch ihrer persönlich-geistigen Hebung. Entstehung-d einer neuen spezifisch maschinenzeitalterlichen Persönlichkeit, dargestellt im Unternehmer und im bessern Arbeiter. Daher Unterstützung aller liberal-wirtschaftlichen Tendenzen: Freihandel, e-bleibende Bedeutung des Unternehmertums, andrerseits Postulate: Demokratisierung des wirtschaftl. Lebens und deutsche Weltmachtstellung (cf. b u. c)-e

b) Demokratie.6 Hier die deutlichsten Residuen des frühern christlich-idealistischen Standpunktes. Persönlichkeitsideal des Klassizismus. f-Dito Staatsgedanke (aber national umgebogen!) Freiheit gefordert – auch-f vom Standpunkt der Industrie aus: der ganze Wirtschaftskörper muß sich heben, daher lebhaftes Interesse an Gewerkschaftsu. Genossenschaftsbewegung – und vom Standpunkt der Weltmacht aus: keine Macht ohne Freiheit und Fortschritt im Innern, daher Eintreten für Ausdehnung des Wahlrechts.

c) g-Weltmacht, von industr[iellem] und demokrat[ischem] Ideal aus gefordert.-gGermanismus, Glaubeh an die besondre Mission Deutschlands, jedenfalls: i-wir brauchen Macht-i. Daher Kaisertum, Militär, Marine, Expansionspolitikj.7

51 II Der religiös-ethische Hintergrund8

k-a) negativ: Trennung-k des Religiös-christlichen von der Politik, die ihre Eigengesetzlichkeit hat. Die «Kindschaft Gottes in Galiläa»9 l-eignet sich nicht zur Grundlage neudeutscher Wirtschaftspolitik (Bruderliebe, Reinheit10, Sorglosigkeit11 contra Bismarck12, Kaufmannsgeist, gepanzerte Faust13 u.s.f.) Die Begründung dieser Schei|52dung vollzieht sich nicht prinziell, sondern praktisch-impressionistisch: Naumann in Jerusalem14, an Ausstellungen15 etc.-l

53 b) positivm Gott in der «Wirklichkeit»n mit ihrer Schönheit und ihren Notwendigkeiten. o-Gelegentliche Anwendungen des klassischen Idealismus (vgl. I b) aber nie anders als kombiniert mit Nützlichkeitserwägungen.-o

54 III Krisisp

a) q-Stärke dieser Weltanschauung-q α) praktisch: hochgradiger Durchsichtigkeit unds Anwendbarkeit. β) prinzipiell: die realistische Anerkennung der «Welt» und ihrer Unvollkommenheit. Gut t-als Sicherung gegen-t Träumereien. Das Reich Gottes, die Idee stehtu in hartem Kampf mit der «Wirklichkeit», daher Kompromisse nötig.

b) v-Schwäche α) positiv-v: Steht w-die Idee hier-w wirklich noch im Kampf? Gilt eigentlich ˹für N.˺ das Seiende oder das Seinsollende? Sind die Kompromisse ˹mit der Welt˺ als etwas Vorläufiges aufgefaßt und behandelt? Ist die Unruhe, die Sehnsucht nach der absoluten Zukunft größer oder das (ästhetische!) Behagen an den Relativitäten der Gegenwart? x-Ist die Idee Wahrheit oder die Wirklichkeit. Die Antwort ist nicht aus gelegentlichen theologisch-philosoph. Dikta zu entnehmen[,] sondern aus dem Gesamteindruck der in N.’s Schriften herrschenden Stimmung (Asia, Br. über Rel., Ausstellungsbriefe!17)-x Die Freude an der ästhetisch verklärten «Wirklichkeit» ist schließlich größer als die Freude an der Idee. Als Wirklichkeiten wer|55den unbesehen ˹d.h. empirisch˺ hingenommen 1.y die bürgerlich-kapitalistische Wirtschaftsentwicklung 2.z der nationale Staat 3.aa der Krieg. ab-Selbstverständlich sind das Alles Wirklichkeiten dieses Äons, mit denen zu rechnen ist-ab, aber das ist bedauerlich, daß N.  ac-schließlich nur noch mit ihnen rechnet, daß er den Protest dagegen nahezu völlig aus seiner Politik ausschaltet, ja daß eigentlich das stärkste Gewicht in seinen Schriften (seit Verlassen des christl. soz. Gedankens) auf die Unterstreichung und Verteidigung dieser relativen Wirklichkeiten gegenüber «Schwärmern»18 etc. fällt-ac. Es fehlt ad-dieser Politik aller-ad Enthusiasmus, allerae Glaube an eine Weltüberwindung af-– zurückgedrängt in das persönliche relig. Gefühl [tritt aber auch hier nur noch schwächlich auf im Vergleich zu der Kraft des Jenseitsgedankens des konservativen und katholischen Christentums – diese Glosse von Thurneysen beigebracht]19 -af Die Idee ag-ist in der Politik ein Faktor neben andern, nicht das Alles beherrschende Element-ag. Daher ah-völliges Versagen an gewissen Punkten (Krieg, Kapitalismus) – der Politiker nach dem Herzen Troeltschs!-ah 20 Der «neudeut|56sche Wirtschaftsbürger»21 ist ai-Idealist neben dem norddeutschen Agrarier22, dem Großindustriellen älterer Sorte23, dem kleinbürgerlichen Handwerker24 u.s.f.[,] im Grund seiner Seele ist ers trotz Kant und Fichte nicht, dazu ists ihm viel zu wohl in dieser Welt. Das zeigt sich-ai

aj-β) negativ in der Behandlung, die sich aller wirkliche politische Idealismus von N.  muß angedeihen lassen.

Paradigma: Franz von Assisi (Asia!26 Sonnenfahrten!27) Was für ein Vergnügen über die närrische Unmöglichkeit des franziskanischen Ideals!-aj

57 ak-Stellung zur Sozialdemokratie:-ak Billigung ihrer Bestrebungen innerhalbal des am-Bestehenden (Gewerkschaften u. Genossenschaften)29 Versuch, sie zur Bildung einer «deutschen Linken»30 heranzuziehen. Aber damit-am Schluß. Beurteilung des sozialist. «Endziels» als Phrase und Utopie.an 31 ao-Vergnügen am Revisionismus.32 Bebel wird ge|58lobt – als Auch-Nationalist und -Militarist!33 Völliges-ao Unverständnis gegenüber dem religiösen Sinn des sozialdemokratischen Radikalismus.

IV Motive. a) Ästhetizismusap. Technik, Kapitalismus, Arbeiterbewegung, Rasseneigenarten, Konkurrenz u. Krieg aq-etc. in erster Linie Objekte der ästhet. Anschauung, erst in zweiter des-aq sittl. Willens, jedenfalls ein Zuviel ar-des ersten gegenüber dem zweiten-ar Moment.

b) Moralistisches Mißverständnis des Ev[an]g[elium]sas. Diskussion der ethischen at-Einzelforderungen oder des historischen «Geistes» Jesu34 – statt auf die von Jesus aufgeworfene-at Gottesfrage einzutreten. Parallele: Troeltschs Intellektualismus.

c) Luthertum, wenigstens negative Anlehnung: doppelte Wirklichkeit, Freude am Seienden, ˹Kapitulation vor seinen unbegreiflichen «Notwendigkeiten» (Luthers Landsknechtgebet35 = Naumanns Brief |59 an den Chinakrieger36)˺ Ablehnung der «Schwärmerei»37

60 au-Kern des Problems für uns: Sich Naumann gegenüber nicht auf die praktischen Fragen einlassen. Es handelt sich nicht um diese. Entscheidend ist die Gottesfrage. Wir möchten von Gott mehr erwarten, – stellen uns darum kritischer zum Bestehenden, positiver zum Seinsollenden in der Politik.-au

Textkritische Fußnoten

a-a
Mskr.: «Hilfe 1913. Weltkongreß.3 Problem des Verhältnisses von Chrt.  u. Kultur, Idee u. Wirklichkeit. Wie stellen wir uns zu N[aumann]s Lösung?»↩
b-b
Mskr.: «3 Worte: Industrie, Demokratie, Macht. Diese 3 zur Entfaltung zu bringen, ist N.’s politisches Ziel.»↩
c-c
Mskr.: «die Forderung des techn. Aufstieges».↩
d-d
Mskr.: «des wirtschaftl. u. persönl. geistigen Aufstiegs, sondern auch der Entstehung».↩
e-e
Mskr.: «Demokratisierung des wirtschaftl. Lebens, – andrerseits aber auch Anerkennung d. bleibenden Bedeutung des Unternehmertums – deutsche Weltmachtstellung».↩
f-f
Mskr.: «Dito Staatsgedanke. Gefordert auch».↩
g-g
Mskr.: «Industr. und demokr. Entwicklung postulieren Machtstellung Deutschlands in der Welt.»↩
h
Mskr.: «starker Glaube».↩
i-i
Mskr.: «wir müssen stark sein».↩
j
Mskr.: «Kolonialpolitik».↩
k-k
Mskr.: «a) Trennung».↩
l-l
Mskr.: « (Bruderliebe, Reinheit, Sorglosigkeit etc.) eignet sich nicht zur Grundlage neudeutscher Wirtschaftspolitik. Begründung nicht prinzipiell, sondern praktisch (Besuch in Jerusalem, Kenntnis des polit.[-­]wirtschaftl. Lebens)».↩
m
Mskr.: «Was bleibt?»↩
n
Mskr: «‹Gegenwart›[,] in der ‹Wirklichkeit›».↩
o-o
Mskr.: «Dazu nur[,] wenigstens der Behauptung nach, der polit. Idealismus Kants u. Fichtes etc[.] Vgl. Demokratie16, aber stark getrübt durch Nützlichkeitserwägungen.»↩
p
Mskr.: «Kritik dieses Hintergrunds».↩
q-q
Mskr.: «Die Stärke der Position N’s.»↩
r
Mskr.: «ihre».↩
s
Mskr.: «u.».↩
t-t
Mskr.: «gegenüber allen».↩
u
Mskr.: «Ideen stehen».↩
v-v
Mskr.: «Ihre Schwäche».↩
w-w
Mskr.: «hier die Idee».↩
x-x
Mskr.: «Ist die Idee die Wirklichkeit oder umgekehrt? – Alles Fragen, die sich bei N. nicht theolog[isch-]philos[ophisch] beantworten lassen, wohl aber aus dem Gesamteindruck der in seinen Schriften vorherrschenden Stimmung.»↩
y
Mskr.: «a)».↩
z
Mskr.: «b)».↩
aa
Mskr.: «c)».↩
ab-ab
Mskr.: «Daß das ‹Wirklichkeiten› dieses Äons sind, bezweifelt niemand».↩
ac-ac
Mskr.: «den Protest dagegen nahezu völlig aufgibt, ja daß eigentlich das stärkste Gewicht bei ihm (seit Aufgabe des christl. soz. Gedankens) auf der Unterstreichung u. Verteidigung der relativen Wirklichkeiten liegt».↩
ad-ad
Mskr.: «dem heutigen N. der».↩
ae
Mskr.: «der».↩
af-af
Mskr.: «resp. er ist zurückgedrängt in das persönliche religiöse Gefühl.»↩
ag-ag
Mskr.: «gilt auch – aber nur auch[,] und N. legt alles Gewicht darauf, daß sie nur auch gilt, nicht absolut».↩
ah-ah
Mskr.: «sein Versagen vor gewissen Punkten. Vgl. Troeltsch.»↩
ai-ai
Mskr.: «besser als der Agrarier, der Großindustrielle, der kleinbürgerl. Handwerker, aber er ist im Grund auch ein Philister, nur nicht so ausgeprägt wie jene. [Dazu Randbemerkung Barths:] Adrianopel S. 98 📖, Befreiungskr[iege] S. 663 📖, Taylor S. 438 📖»25.↩
aj-aj
Mskr.: «c) Folge: Verständnislosigkeit gegenüber kräftigem Idealismus[.] Franz von Assisi – N.  der zufriedene Bürger, der sich über die Unmöglichkeit dieser Ideale freut. – Franzosen28».↩
ak-ak
Mskr.: «Soz[ial]demokratie.»↩
al
Mskr.: «innerhalb».↩
am-am
Mskr.: «Bestehenden. Versuch sie heranzuziehen zu einer ‹deutschen Linken›[.] Damit».↩
an
Mskr.: «Utopie!»↩
ao-ao
Mskr.: «Lob Bebels des Militaristen!»↩
ap
Mskr.: «N.s Ästhetizismus».↩
aq-aq
Mskr.: «als Phänomene, statt als Objekte».↩
ar-ar
Mskr.: «gegenüber letzterm».↩
as
Mskr.: «Chr[isten]t[um]s».↩
at-at
Mskr.: «Einzelforderungen, statt auf die».↩
au-au
Mskr.: «Kern: Nicht die prakt. Fragen, sondern die Gottesfrage. Wir erwarten mehr von Gott, stellen uns darum kritischer zum Bestehenden u. machen das Ideal darum lebhafter geltend.»↩

Sachfußnoten

1
Vgl. M. Mattmüller, Leonhard Ragaz und der religiöse Sozialismus. Eine Biographie, Bd. II, Zürich 1968, S. 17–23 📖 (im folgenden zitiert: Mattmüller II).↩
2
Vgl. Mattmüller II, S. 20f. 📖; Der freie Schweizer Arbeiter, Jg. 7, Nr. 27 vom 3.4.1914, S. [3]: Internationaler Kongreß für soziales Christentum 📖.↩
3
Siehe oben die Einleitung.↩
4
Barth referiert Naumanns politische Weltanschauung offensichtlich vor allem nach Fr. Naumann, Demokratie und Kaisertum (1900), in: ders., Werke, Bd. 2: Schriften zur Verfassungspolitik, hrsg. von Th. Schieder, Köln und Opladen 1964, S. 1–351 📖; Fr. Naumann, Neudeutsche Wirtschaftspolitik (1906), in: ders., Werke, Bd. 3: Schriften zur Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik, hrsg. von Th. Schieder, Köln und Opladen 1964, S. 71–534 📖.↩
5
Vgl. Demokratie und Kaisertum, a.a.O., S. 36–60 📖; Neudeutsche Wirtschaftspolitik, a.a.O., S. 86–107.314–323.354–403 📖.↩
6
Vgl. Demokratie und Kaisertum, a.a.O., S. 55–137 📖; Neudeutsche Wirtschaftspolitik, a.a.O., S. 102–107.403–445 📖.↩
7
Zu dem Abschnitt I c vgl. Demokratie und Kaisertum, a.a.O., S. 235–351 📖: «Das Kaisertum»; Neudeutsche Wirtschaftspolitik, a.a.O., S. 457–469 📖.↩
8
Den religiös-ethischen Hintergrund Naumanns entnimmt Barth vor allem dessen Schrift Briefe über Religion (1903), in: Fr. Naumann, Werke, Bd. 1: Religiöse Schriften, hrsg. von W. Uhsadel, Köln und Opladen 1964, S. 566–632 📖.↩
9
A.a.O., S. 605 📖: «Das was Jesus bietet, ist die Kindschaft Gottes in Galiläa.» «Eine Kindschaft Gottes in Paris oder London oder Berlin ist nicht genau dasselbe.»↩
10
Vgl. a.a.O., S. 613 📖.↩
11
In Die sittlichen Ideale des Evangeliums (Verhandlungen des zweiundzwanzigsten Evangelisch-sozialen Kongresses) (1911), in: Werke, Bd. 1, a.a.O., S. 825–831 📖, sagt Naumann im Hinblick auf die Sorglosigkeit der christlichen Urgemeinde: «Wie konnten wir durchführen, daß wir gar nicht sorgen, was kommt? Um Essen und Trinken sorgen die Heiden, und wir versammeln uns und verkündigen miteinander, daß wir die Arbeiterversicherung trotz aller ihrer Schäden begrüßen. Auch ich tue das. Deshalb, weil sie vier Millionen neue Menschen in eine Versorgungsanstalt hineinbringt. Kurz, wir begrüßen als christlichen Fortschritt miteinander die Systematisierung des Sorgens, die Systematisierung des Sorgens für die Zukunft und für das Alter» (S. 828f.).↩
12
Naumann ehrte Bismarck besonders als den Begründer der «staats-sozialistischen Versicherungsgesetzgebung» für den Arbeiter (Die Politik der Gegenwart. Wissenschaftliche Vorträge [1905], in: Fr. Naumann, Werke, Bd. 4: Schriften zum Parteiwesen und zum Mitteleuropaproblem, hrsg. von Th. Schieder, Köln und Opladen 1964, S. 32–99, dort S. 40f. 📖).↩
13
Vgl. die Ausführungen Naumanns über Franz von Assisi in Seelenfragen und Kapitalismus (1906), in: Werke, Bd. 1, a.a.O., S. 689–694, dort S. 691f.693f. 📖: «Der heilige Franziskus ist ein Gegenstück des sich verbreitenden Mammongeistes [...]. Nur durch den Gegensatz ist die besondere Glut von Assisi zu erklären. Die alte Welt wird sich ihrer feinsten Geheimnisse in dem Augenblicke bewußt, wo diese Geheimnisse entschleiert und zur Historie gemacht werden sollen. In diesem Augenblick taucht in ihr, und zwar aus der Umgebung der Geldmenschen, ein Mann auf, der mit einem Male versteht, daß Jesus ein Gegner des griechisch-römischen Mammonismus gewesen ist. In dem Augenblick, wo die neue Welt versucht, sich mit dem Reichtum zu verloben, verheiratet er sich mit der Armut. Während die neue Welt das Ideal des neuen Genusses vor sich aufsteigen sieht, verbindet er sich mit der Keuschheit, und während alles Menschenwerk anfängt, zur berechenbaren Ware zu werden, flüchtet er in die Tiefe der unformulierbaren, geldlosen, nicht mathematisch greifbaren Bruderempfindungen. Es ist, als hätte die alte Zeit einen Schrei ausgestoßen, daß man sie nicht töten solle, und als sei dieser krampfhafte, angstvolle Schrei eine Einzelperson geworden.» «Immer, wenn seither inmitten der christlichen Konfessionen das Bedürfnis nach Abgrenzung gegenüber der kapitalistischen Entwicklung hervortrat, wurde der heilige Franziskus zu Hilfe gerufen, und er kam und sagte seine Predigt von der Entäußerung und Keuschheit und seligen Armut, vom Glück einer Welt, in der der Kampf ums Dasein durch die Macht des Gemütes ertötet wird. Und immer war diese Predigt wie Balsam auf die Wunden einer Zeit, die vom Profit regiert wird, aber immer auch verklang sie wie Orgelton in den Gewölben der Kirche von Assisi, denn immer war das Leben stärker als die Verkündigung seines Gegenteils. Die neue Welt ist nicht auf franziskanischer Grundlage aufgebaut worden, und alle ihre Fortschritte entstanden durch den Geist, der hier verneint wird. [...] Der Bettelmann ist der unkapitalistischste Mensch, den es geben kann. Er hat nichts, ist nichts, sorgt nur für den heutigen Tag. Wenn man ihn idealisiert, so hat man den Gegenmenschen zum Ideal des erwerbenden Bürgers und Arbeiters.» Weiter in: Briefe über Religion, a.a.O. (s. oben S. 51, Anm.8), S. 618f. 📖: «Entweder wir sind Wölfe oder wir sind Lämmer. Entweder wir wollen herrschen oder wir wollen liebend leiden. Entweder wir gehen mit Bismarck, oder mit Tolstoi. Entweder das Evangelium von der gepanzerten Faust, oder das Evangelium der Brüder vom gemeinsamen Leben! Es scheint mir, dass niemand das Christentum in seiner ganzen schweren Kraft verstanden hat, der nicht in diesem Gegensatz seine eigene Seele hat fast zerbrechen gefühlt.» «Das Leben braucht beides, die gepanzerte Faust und die Hand Jesu, beides je nach Zeit und Ort. Und zu wissen und zu fühlen, wann das eine und wann das andere nötig ist, das ist die Kunst, an der wir alle lernen.» Der Ausdruck «gepanzerte Faust» geht zurück auf einen Ausspruch Kaiser Wilhelms II.  gegenüber seinem Bruder Heinrich am 15. Dezember 1897 (O. Ladendorf, Historisches Schlagwörterbuch. Ein Versuch, Straßburg 1906, S. 102 📖).↩
14
Naumann berichtete über seine Eindrücke von einer Palästinareise in «Asia». Athen, Konstantinopel, Baalbek, Damaskus, Nazaret, Jerusalem, Kairo, Neapel, Berlin-Schöneberg 1899 📖, Abdruck des vorletzten Teils in: ders., Werke, Bd. 1, a.a.O., S. 535–553 📖. Sein Erleben angesichts der unterentwickelten Zustände in Palästina resümiert er S. 547f.548f.: «Bisher sah ich in aller helfenden, organisierenden, sozialen Tätigkeit ein Fortwirken des Lebens Jesu. An dieser Auffassung bleibt immer viel richtig, aber sie hat in Palästina an Sicherheit verloren. Ich habe vor der Palästinareise das Neue Testament mit dem Auge eines Deutschen für Deutschland gelesen, es gehört aber nach Galiläa. Nicht das Herz Jesu wird kleiner, wenn man sich ihn in Palästina denkt. Sein Herz ist die Liebe zu den Armen, der Kampf gegen die Bedrücker, die Freude am Erwachen der Unmündigen. Nur die Art, wie er seinem Herzen folgte, ist dem menschenfreundlichen Tun unseres Zeitalters ferner als wir dachten.» «Die protestantische Theologie steht vor einer Zwangslage: sie muß vorwärts zum historischen Jesus, und doch hat sie nicht Kraft genug, so an die Berge Palästinas zu schlagen, daß sie Wasser geben. Gibt es einen geschichtlichen orientalischen Christus, der uns soviel für unsere Seele werden kann, wie es der deutsch gedachte Jesus bietet?»↩
15
Vgl. die in Fr. Naumann, Werke, Bd. 6: Ästhetische Schriften, hrsg. von H. Ladendorf, Köln und Opladen 1969, S. 351–451 📖, abgedruckten Berichte Naumanns über seine Besuche von Ausstellungen im technischen, industriellen und künstlerischen Bereich, vor allem die Pariser Briefe (1900), a.a.O., S. 352–411 📖.↩
16
Vgl. Naumanns Vortrag zum Thema «Religiöser und politischer Liberalismus», gehalten auf dem 24. Deutschen Protestantentag in Bremen am 22.9.1909, jetzt unter dem Titel Liberalismus und Protestantismus in: Werke, Bd. 1, a.a.O. (s. oben S. 51, Anm. 8), S. 773–801, dort S. 797f.799 📖: «Während der Regentschaft von Friedrich Wilhelm II.  [...] entsteht aus dem freien Protestantismus heraus wie ein Vulkan Kant in Königsberg, und hinter ihm eine Reihe von Leuten, die nun überhaupt erst die Ideen des freien religiösen Geistes auf ihre wirklich erreichbare begriffliche Höhe emporgehoben haben. Diese Leute, die nicht wie Cromwell mit dem Schwerte das Recht geändert, sondern mit dem Gedanken aus der Tiefe des Geistes für die neue Weltanschauung die einzelnen Grundformen herausgeholt haben, sie sind das, was wir Deutschen besitzen. Ich brauche hier nicht [...] genau zu beschreiben, was die Philosophen von Kant bis Hegel, zu denen vor allem auch Fichte und Schleiermacher gehörten, was diese dem religiösen Leben geboten haben. Ich will nur mit aller Festigkeit unterstreichen, daß es religiöse Erscheinungen sind, die hier vor uns stehen.» «Die Wiedergeburt des deutschen Volkes begann nicht an den Altären, sondern an den Kathedern; dort saß der wahre Protestantismus. Es wird aber für den organisierten Protestantismus nötig, daß er nun bald die Größten, die auf seinem Boden gewesen sind, daß er unsere großen Idealisten hineinträgt in den Glauben des Volkes. Der religiöse Liberalismus muß ihre Werke verarbeiten und umsetzen. Dabei wird auch das Soziale nicht zu kurz kommen, denn diejenigen, die eine Ahnung von Fichte haben, werden wissen, mit welcher Ur- und Sturmgewalt der soziale Klang des Evangeliums in der schweren wuchtigen Sprache Fichtes wieder herauskommt.» Vgl. Demokratie und Kaisertum, a.a.O. (s. oben S. 49, Anm. 4), S. 56.246.248 📖.↩
17
Siehe oben S. 52, Anm. 14; S. 51, Anm. 8; S. 53, Anm. 15.↩
18
Als «Schwärmerei» galt Naumann in seiner Zeit vor allem die idealistische Sozialdemokratie; vgl. seine Schrift Was tun wir gegen die glaubenslose Sozialdemokratie? (1889), in: Werke, Bd. 1, a.a.O. (s. oben S. 51, Anm. 8), S. 112–141, dort S. 129f. 📖↩
19
Eckige Klammern von Barth.↩
20
Vgl. unten S. 186–188.↩
21
Vgl. bes. Neudeutsche Wirtschaftspolitik, a.a.O. (s. oben S. 49, Anm. 4), S. 418–429 📖.↩
22
Vgl. Demokratie und Kaisertum, a.a.O. (s. oben S. 49, Anm. 4), S. 147–174 📖.↩
23
Vgl. a.a.O., S. 174–190 📖.↩
24
Vgl. Neudeutsche Wirtschaftspolitik, a.a.O., S. 337–354 📖.↩
25
Es handelt sich um folgende Aufsätze Naumanns aus dem Jahrgang 1913 der «Hilfe 📖»: «Die Sterbenden von Adrianopel» (Nr. 7, S. 98f.) 📖; «Die Bedeutung der Leipziger Schlacht» (Nr. 42, S. 661–664) 📖; «Die menschliche Maschine» (Nr. 28, S. 438f.) 📖. Der erste Aufsatz stellt die türkischen Soldaten in den Balkankriegen als Sterbende innerhalb eines sterbenden Staates dar; der zweite Aufsatz steht innerhalb einer Reihe von Aufsätzen, die zum hundertsten Jahrestag der Leipziger Völkerschlacht von 1813 geschrieben sind und den Aufstieg Deutschlands zur Großmacht in Europa als den Aufstieg eines neuen Bürgertums im Industriezeitalter darstellen; der dritte Aufsatz zeichnet das Gegenbild zur Vision des modernen deutschen Wirtschaftsbürgers: den Menschen, der auf seinem nach dem Taylor-System völlig durchrationalisierten Arbeitsplatz in der industriellen Maschinenwelt selbst zur Maschine wird.↩
26
Siehe unten S. 535, Anm. 24.↩
27
Fr. Naumann, Sonnenfahrten, Berlin-Schöneberg 1909 📖. Der Band enthält die Betrachtungen Seelenfragen und Kapitalismus (hier abgedruckt unter dem Titel Assisi, die Burg des Antikapitalismus) und Beim heiligen Franziskus, S. 132–138 und S. 138–148, beide wieder abgedruckt in: Fr. Naumann, Werke, Bd. 1, a.a.O. (s. oben S. 51, Anm. 8), S. 689–694 und S. 695–704 📖. Zur Frage, «an welcher Stelle unsere Wege von seiner [scil. des heiligen Franz] Straße abgebogen haben», sagt Naumann: «Wer helfen will, muß Rationalist werden, weil Helfen eine rationelle Tätigkeit ist. Das ist es, weshalb wir uns von der franziskanischen Geisteswelt zurückziehen mussten.» (Sonnenfahrten, S. 144f.; Werke, S. 700f.). Vgl. auch oben S. 51, Anm. 13.↩
28
Wahrscheinlich wollte Barth hier einen Seitenblick auf Naumanns Urteil über die Franzosen werfen – vielleicht anhand der Pariser Briefe (1900), a.a.O. (s. oben S. 53, Anm. 15), z.B. S. 389 📖: «Man muß dieses Volk lieben. Es ist so nett, edel, sittig. Aber die Macht des Hammers hat es nicht in Händen. Es trank zu stark am Brunnen der Ethik.»↩
29
Vgl. Demokratie und Kaisertum, a.a.O. (s. oben S. 49, Anm. 4) S. 6–19 📖.↩
30
In seinem Artikel Die deutsche Linke (1912), in: Fr. Naumann, Werke, Bd. 5: Schriften zur Tagespolitik, hrsg. von Th. Schieder, Köln und Opladen 1964, S. 465–469 📖, resümiert Naumann die Ergebnisse der Reichstagswahl vom 12.1.1912, die eine «Mehrheit der Linken» (200 Sitze von 397 Sitzen: SPD als stärkste Fraktion im Reichstag 110, Nationalliberale 48, Fortschrittliche Volkspartei 42 Mandate) gebracht habe. «Die positive Kraft der Linken hängt davon ab, wie es gelingen wird, die äußerste Linke mit dem rechten Flügel der Nationalliberalen zu gemeinsamen Handlungen zu vereinigen.» «Bei dieser Sachlage kann die Sozialdemokratie zeigen, ob sie inzwischen taktisch etwas gelernt hat. Sie braucht kein einziges Prinzip zu opfern, aber sie soll lernen, lieber kleinere Schritte zu machen als gar keine.»↩
31
Siehe unten S. 74, Anm. 71.↩
32
«Revisionismus» war eine den Marxismus kritisch behandelnde Richtung innerhalb der Sozialdemokratie. E. Bernstein (1850–1932), sozialdemokratischer Abgeordneter im deutschen Reichstag, Verfasser des praktischen Teils des Erfurter Programms von 1891, Theoretiker des «Revisionismus» gegen den sozialistischen «Endziel»-Gedanken und die Dogmatisierung der Lehren von Karl Marx, forderte in seiner Schrift Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie, Stuttgart 1899 📖, die Sozialdemokratie auf, sich nicht auf die Revolution vorzubereiten, sondern auf parlamentarischem Weg politische und soziale Reformen anzustreben und dabei mit anderen Parteien zusammenzuarbeiten. Trotz seiner Verurteilung auf dem Dresdner Parteitag 1903 beeinflußte der Revisionismus die politische Entwicklung der SPD in der Folgezeit immer stärker. Zu Naumanns Stellung zu dieser «demokratische[n] Linke[n] auf dem Boden der Reichsverfassung» vgl. z.B. Demokratie und Kaisertum, a.a.O. (s. oben S. 49, Anm. 4), S. 17–23.31–36 📖.↩
33
Vgl. Fr. Naumann, Erinnerungen an Bebel (1913), in: Werke, Bd. 5, a.a.O. (s. oben S. 57, Anm. 30), S. 495–501, dort S. 500 📖; vgl. unten S. 75.↩
34
Vgl. Fr. Naumann, Briefe über Religion, a.a.O. (s. oben S. 51, Anm. 8), S. 601–610 📖.↩
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Vgl. in M. Luthers Schrift Ob Kriegsleute auch in seligem Stande sein können (1526), WA 19, 616-662 📖, das Gebet, das vor der Schlacht nach der allgemeinen Vermahnung («[…] So sey ein iglicher frisch und unverzagt und lasse sich nicht anders duncken, denn seine faust sey Gotts faust, sein spies sey Gotts spies, und schrey mit hertzen und munde: ‹Hie Gott und Keyser›! […]» [658,28-30]) «ein iglicher bey sich» sagen soll: «‹Hymlichscher Vater, hie bin ich nach deinem Göttlichen willen ynn diesem eusserlichen werck und dienst meines oberherrn […]. Und dancke deiner gnaden und barmhertzickeit, das du mich ynn solch werck gestellt hast, da ich gewis bin, das es nicht sünde ist sonder recht, und deinem willen ein gefelliger gehorsam ist. […]› Und befelh damit leib und seele ynn seine hende. Und zeuch denn von ledder und schlahe drein ynn Gotts namen.» ( 661,9-14.24–26).↩
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Zur Niederschlagung des nationalchinesischen Boxeraufstandes waren deutsche Truppen im Sommer 1900 nach China gesandt worden. Diese Aktion wurde in Deutschland als Ausdruck des neugewonnenen Weltmachtstatus empfunden. Naumann schrieb dazu in einem Brief «An einen Soldaten», dem Röm. 14,8 vorangestellt war (Die Hilfe, Jg. 6, Nr. 31 vom 5.8.1900, S. 9 📖): «Du hast den Krieg nicht angefangen, Du bist für die schweren Verwicklungen der Weltpolitik nicht verantwortlich, darum laß Dich draußen im Felde in der Ferne alle die Fragen nicht quälen, ob es so kommen mußte, wie es kam. Das kann heute noch Niemand überschauen. Du hast Dich entschlossen, dem Vaterland zu dienen. Das ist die Grundlage Deiner Gesinnung auf dem gefährlichen Wege. Nicht die Diplomatie ist Dein Fach, sondern der Dienst an der Kanone. Du wirst drüben auf einem der Stangenpferde sitzen und wenn Jemand von der Kanone weggeschossen wird, dann trittst Du an seine Stelle, dann schießt Du nach bestem Wissen und Können auf chinesische Menschen und Mauern. Das ist Dein Beruf, den Dir jetzt Gott gegeben hat, und in dem Du ein völlig gutes Gewissen haben sollst. Geh mit Gott! Das heißt: nimm Dein Gottvertrauen mit in den Krieg! Gott garantiert Dir nicht, daß Du nicht getroffen wirst, aber er garantiert Dir, daß Du mit Dir selbst im Frieden bist, wenn Du ihn als Schützer hast. Er kann Dich fröhlich heimführen, er kann Dich drüben im heißen Klima schwer leiden und sterben lassen, er wird doch bei allem und trotz allem Dein Hort und Hirt sein, wenn Du zu ihm rufst! Geh hinaus mit Deinem schlichten Glauben Deiner Kindheit an den Weltregenten, dem die Erde gehört und alles was auf ihr lebt und webt. Du gehst in die Ferne, Gott ist überall! [...] Gott ist überall, wo Jemand sich für etwas Großes opfert. Opfer für ein hohes Ziel sind nie vergeblich. Darum verliere die Zuversicht zur Nützlichkeit Deines Opfers auch dann nicht, wenn Du selbst darunter leidest. Du glaubst an Deutschlands Zukunft, ich auch! Du glaubst, daß Gott sie will, ich auch! In diesem Glauben gehe hin und sei ein tapferer wackerer Kriegsmann».↩
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Zu Naumann s. oben S. 55, Anm. 18. Zu Luthers Auseinandersetzung mit den «Schwärmern» vgl. besonders Wider die himmlischen Propheten, von den Bildern und Sacrament (1525), WA 18,37-214 📖, gegen den «schwerm geyst» Karlstadt (119,5; 122,28), und Ermahnung zum Frieden auf die zwölf Artikel der Bauerschaft in Schwaben (1525), WA 18,279-334 📖, mit Luthers Warnungen vor den «falschen Lehrern», «falschen Propheten», «Mordgeistern», «Mordpropheten», «Rottengeistern» (294,11f.; 296,7; 301,6; 308,2.14; 310,4; 316,16f.; 328,15).↩