Zur Vorbereitung einer Rezension hatte Barth im Juni/Juli 1914 den Jahrgang 1913 von Naumanns «Hilfe» durchgearbeitet (s. unten S. 61–76). Kurze Zeit darauf hatte er Gelegenheit, den für den «Hilfe»-Artikel erarbeiteten Stoff auch mündlich vorzutragen. Am 21. Juli 1914 tagte in Safenwil das «Religiös-soziale Kränzchen» (so die Notiz in Barths Taschenkalender). Damit ist ein Freundeskreis religiös-sozialer Pfarrer gemeint, dem Guido Ammann (Mönthal, Kt. Aargau), Lukas Christ (Pratteln, Kt. Basel-Land), Max Dietschi (Seon, Kt. Aargau), Adolf Kistler (Langnau, Kt. Bern), Paul Schild (Uerkheim, Kt. Aargau), Ernst Staehelin (Basel, kein Pfarrstelleninhaber), Eduard Thurneysen (Leutwil, Kt. Aargau) und Gottlob Wieser (Pfarrhelfer in Binningen, Kt. Basel-Land) angehörten. Eingeladen – anscheinend als Referent – war auch Hermann Kutter. Dieser sagte aber am Vorabend ab, worauf Barth mit einem Referat über «Politik, Idealismus und Christentum bei Friedrich Naumann» einsprang, das er «als Lückenbüßer ziemlich in Eile» «zusammenschusterte», wie er in einem Brief vom 27. Juli 1914 an seinen Freund Wilhelm Loew, den Schwiegersohn Naumanns, berichtete.
Was den Text betrifft, so liegt eine leicht überarbeitete Abschrift innerhalb dieses Briefes vor. Im folgenden ist diese zweite Fassung abgedruckt – mit einem textkritischen Apparat, der die Erstfassung berücksichtigt.
Barths Beschäftigung mit Naumann im Sommer 1914 hatte einen bestimmten Grund. Wesentlich unter dem Eindruck des am 24./25. November 1912 in Basel abgehaltenen Sozialistischen Friedenskongresses war, wahrscheinlich auf besonderes Antreiben von Leonhard Ragaz, für den 27. bis 30. September 1914 ein Internationaler Kongress für soziales Christentum zum Thema «Christentum und Weltfriede nach Basel einberufen worden»1.Wegen des Kriegsausbruchs konnte der Kongress nicht mehr stattfinden, an dem Barth nach ei|49genen Worten in seinem Brief an Loew teilnehmen wollte: «Und wenn du mich auf die Lücken meines Verständnisses aufmerksam machen willst, so bin ich dir sehr dankbar, und darum schreibe ich dir überhaupt. Es ist mir ernstlich daran gelegen, mit einer gründlichen Ansicht an den Basler Kongreß zu gehen.» In einer «Vorbemerkung des Herausgebers» zu Barths «Hilfe»-Rezension schrieb Martin Rade: Der Kongress «würde uns als Schwerstes und Wichtigstes eine Auseinandersetzung zwischen den deutschen Evangelisch-Sozialen und den Schweizer Religiös-Sozialen gebracht haben» (s. unten S. 64). Barth suchte in der Beschäftigung mit Naumann offensichtlich seinen Standpunkt in dieser Auseinandersetzung, in der es wesentlich um das Verhältnis der jeweiligen christlichen Gruppen zur Sozialdemokratie ging.2
Politik, Idealismus und Christentum bei Friedr. Naumann
21. VII 14
a-Problem des Verhältnisses von Christentum und Kultur, Idee und Wirklichkeit, Gott und Welt. Bei Naumann die spezielle Frage der Politik.-a
I Naumanns polit. Weltanschauung.4 (Nicht ihr Werden, sondern ihr Resultat.) b-Ziel: Entfaltung von deutscher Industrie, Demokratie und Weltmacht.-b
50 a) Das moderne Deutschland ist Industrieland.5 Die Veranlagung des deutschen Genius und die starke Bevölkerungsvermehrung machen c-den technisch-wirtschaftlichen Aufstieg-c zur ersten polit. Aufgabe. Das Gedeihen der Industrie ist nicht nur Vorbedingung d-des ökonomischen Wohls der Massen, sondern auch ihrer persönlich-geistigen Hebung. Entstehung-d einer neuen spezifisch maschinenzeitalterlichen Persönlichkeit, dargestellt im Unternehmer und im bessern Arbeiter. Daher Unterstützung aller liberal-wirtschaftlichen Tendenzen: Freihandel, e-bleibende Bedeutung des Unternehmertums, andrerseits Postulate: Demokratisierung des wirtschaftl. Lebens und deutsche Weltmachtstellung (cf. b u. c)-e
b) Demokratie.6 Hier die deutlichsten Residuen des frühern christlich-idealistischen Standpunktes. Persönlichkeitsideal des Klassizismus. f-Dito Staatsgedanke (aber national umgebogen!) Freiheit gefordert – auch-f vom Standpunkt der Industrie aus: der ganze Wirtschaftskörper muß sich heben, daher lebhaftes Interesse an Gewerkschaftsu. Genossenschaftsbewegung – und vom Standpunkt der Weltmacht aus: keine Macht ohne Freiheit und Fortschritt im Innern, daher Eintreten für Ausdehnung des Wahlrechts.
c) g-Weltmacht, von industr[iellem] und demokrat[ischem] Ideal aus gefordert.-gGermanismus, Glaubeh an die besondre Mission Deutschlands, jedenfalls: i-wir brauchen Macht-i. Daher Kaisertum, Militär, Marine, Expansionspolitikj.7
51 II Der religiös-ethische Hintergrund8
k-a) negativ: Trennung-k des Religiös-christlichen von der Politik, die ihre Eigengesetzlichkeit hat. Die «Kindschaft Gottes in Galiläa»9 l-eignet sich nicht zur Grundlage neudeutscher Wirtschaftspolitik (Bruderliebe, Reinheit10, Sorglosigkeit11 contra Bismarck12, Kaufmannsgeist, gepanzerte Faust13 u.s.f.) Die Begründung dieser Schei|52dung vollzieht sich nicht prinziell, sondern praktisch-impressionistisch: Naumann in Jerusalem14, an Ausstellungen15 etc.-l
53 b) positivm Gott in der «Wirklichkeit»n mit ihrer Schönheit und ihren Notwendigkeiten. o-Gelegentliche Anwendungen des klassischen Idealismus (vgl. I b) aber nie anders als kombiniert mit Nützlichkeitserwägungen.-o
54 III Krisisp
a) q-Stärke dieser Weltanschauung-q α) praktisch: hochgradiger Durchsichtigkeit unds Anwendbarkeit. β) prinzipiell: die realistische Anerkennung der «Welt» und ihrer Unvollkommenheit. Gut t-als Sicherung gegen-t Träumereien. Das Reich Gottes, die Idee stehtu in hartem Kampf mit der «Wirklichkeit», daher Kompromisse nötig.
b) v-Schwäche α) positiv-v: Steht w-die Idee hier-w wirklich noch im Kampf? Gilt eigentlich ˹für N.˺ das Seiende oder das Seinsollende? Sind die Kompromisse ˹mit der Welt˺ als etwas Vorläufiges aufgefaßt und behandelt? Ist die Unruhe, die Sehnsucht nach der absoluten Zukunft größer oder das (ästhetische!) Behagen an den Relativitäten der Gegenwart? x-Ist die Idee Wahrheit oder die Wirklichkeit. Die Antwort ist nicht aus gelegentlichen theologisch-philosoph. Dikta zu entnehmen[,] sondern aus dem Gesamteindruck der in N.’s Schriften herrschenden Stimmung (Asia, Br. über Rel., Ausstellungsbriefe!17)-x Die Freude an der ästhetisch verklärten «Wirklichkeit» ist schließlich größer als die Freude an der Idee. Als Wirklichkeiten wer|55den unbesehen ˹d.h. empirisch˺ hingenommen 1.y die bürgerlich-kapitalistische Wirtschaftsentwicklung 2.z der nationale Staat 3.aa der Krieg. ab-Selbstverständlich sind das Alles Wirklichkeiten dieses Äons, mit denen zu rechnen ist-ab, aber das ist bedauerlich, daß N. ac-schließlich nur noch mit ihnen rechnet, daß er den Protest dagegen nahezu völlig aus seiner Politik ausschaltet, ja daß eigentlich das stärkste Gewicht in seinen Schriften (seit Verlassen des christl. soz. Gedankens) auf die Unterstreichung und Verteidigung dieser relativen Wirklichkeiten gegenüber «Schwärmern»18 etc. fällt-ac. Es fehlt ad-dieser Politik aller-ad Enthusiasmus, allerae Glaube an eine Weltüberwindung af-– zurückgedrängt in das persönliche relig. Gefühl [tritt aber auch hier nur noch schwächlich auf im Vergleich zu der Kraft des Jenseitsgedankens des konservativen und katholischen Christentums – diese Glosse von Thurneysen beigebracht]19 -af Die Idee ag-ist in der Politik ein Faktor neben andern, nicht das Alles beherrschende Element-ag. Daher ah-völliges Versagen an gewissen Punkten (Krieg, Kapitalismus) – der Politiker nach dem Herzen Troeltschs!-ah 20 Der «neudeut|56sche Wirtschaftsbürger»21 ist ai-Idealist neben dem norddeutschen Agrarier22, dem Großindustriellen älterer Sorte23, dem kleinbürgerlichen Handwerker24 u.s.f.[,] im Grund seiner Seele ist ers trotz Kant und Fichte nicht, dazu ists ihm viel zu wohl in dieser Welt. Das zeigt sich-ai
aj-β) negativ in der Behandlung, die sich aller wirkliche politische Idealismus von N. muß angedeihen lassen.
Paradigma: Franz von Assisi (Asia!26 Sonnenfahrten!27) Was für ein Vergnügen über die närrische Unmöglichkeit des franziskanischen Ideals!-aj
57 ak-Stellung zur Sozialdemokratie:-ak Billigung ihrer Bestrebungen innerhalbal des am-Bestehenden (Gewerkschaften u. Genossenschaften)29 Versuch, sie zur Bildung einer «deutschen Linken»30 heranzuziehen. Aber damit-am Schluß. Beurteilung des sozialist. «Endziels» als Phrase und Utopie.an 31 ao-Vergnügen am Revisionismus.32 Bebel wird ge|58lobt – als Auch-Nationalist und -Militarist!33 Völliges-ao Unverständnis gegenüber dem religiösen Sinn des sozialdemokratischen Radikalismus.
IV Motive. a) Ästhetizismusap. Technik, Kapitalismus, Arbeiterbewegung, Rasseneigenarten, Konkurrenz u. Krieg aq-etc. in erster Linie Objekte der ästhet. Anschauung, erst in zweiter des-aq sittl. Willens, jedenfalls ein Zuviel ar-des ersten gegenüber dem zweiten-ar Moment.
b) Moralistisches Mißverständnis des Ev[an]g[elium]sas. Diskussion der ethischen at-Einzelforderungen oder des historischen «Geistes» Jesu34 – statt auf die von Jesus aufgeworfene-at Gottesfrage einzutreten. Parallele: Troeltschs Intellektualismus.
c) Luthertum, wenigstens negative Anlehnung: doppelte Wirklichkeit, Freude am Seienden, ˹Kapitulation vor seinen unbegreiflichen «Notwendigkeiten» (Luthers Landsknechtgebet35 = Naumanns Brief |59 an den Chinakrieger36)˺ Ablehnung der «Schwärmerei»37
60 au-Kern des Problems für uns: Sich Naumann gegenüber nicht auf die praktischen Fragen einlassen. Es handelt sich nicht um diese. Entscheidend ist die Gottesfrage. Wir möchten von Gott mehr erwarten, – stellen uns darum kritischer zum Bestehenden, positiver zum Seinsollenden in der Politik.-au