Barths Besprechung des Jahrgangs 1913 der «Hilfe»1 geht auf eine Anfrage von Martin Rade zurück. Der Herausgeber der «Christlichen Welt» richtet am 4. April 1914 an Barth «eine große Bitte. Ich habe da einen ganzen Band ‹Hilfe› (Jahrgang 1913) gebunden als Rezensionsexemplar liegen. Habe schon immer gedacht, es wäre Ihnen bei Ihren jetzigen Studien vielleicht nicht unwillkommen, den Band durchzuprüfen und in der CW ein paar Worte darüber zu sagen. Darf ich ihn an Sie schicken?»2 Barth antwortet am 7. April 1914: «Die Besprechung der Hilfe 1913 übernehme ich sehr gerne. Ich habe nur das eine Bedenken, daß ich die Hilfe in den letzten Jahren nicht mehr gelesen habe und somit nicht in der Lage bin, zu vergleichen. An sich aber wäre mir der Auftrag sehr willkommen.»3 Rade meldet am 10. April 1914: «‹Hilfe› geht in diesen Tagen an Sie ab. Es genügt, daß Sie den Band ordentlich durchsehen und über seine geistige Leistung nach allen Seiten hin ein Werturteil abgeben.»4 Als Barth den Jahrgang erhalten hatte – ein von Fr. Naumann «Prof. Rade», seinem Schwager, mit den Worten «Die Hilfe grüßt die Χliche [Christliche] Welt und bittet, nach wie vor ihrer helfend zu gedenken. 13.1.1914 Euer Fr. Naumann» gewidmeter Band5 –, schreibt er am 7. Mai 1914 an Wilhelm Loew6, der ihm gerade seine Verlobung mit Liese Naumann angezeigt hatte: «Rade schickte mir einen ganzen dicken Band ‹Hilfe› 1913 […]. Was werde ich armer Wurm damit anfangen, da» ich «gerade für das, was deinen verehrten Schwiegervater von der Sozialdemokratie trennt, gar kein (aber auch gar kein) Verständnis habe?!» Im |62 Juni ging Barth ernstlich an die Arbeit und bat seinen Bruder Peter: «Bitte schicke mir doch Onkel Fritzens Gotteshilfe7 für einige Zeit. Ich muß meine Hilferezension durch einiges Naumannstudium unterbauen. Ein ganzer Turm von Thurneysens Bibliothek steht schon da, aber die Gotteshilfe fehlt noch.»8 Thurneysen beschreibt diesen Turm in seinem Brief vom 18. Juni 19149. Im Juli hatte Barth die Arbeit abgeschlossen und den Artikel nach Marburg gesendet. Er schreibt am 13. Juli an Leonhard Ragaz10: «Ich hatte letzte Woche den Jahrgang 1913 der ‹Hilfe› für die Christliche Welt zu rezensieren und habe versucht, unsre Stellung gegen Naumann wieder einmal abzugrenzen. Nun bin ich also gespannt, ob Rade die Sache auch bringen wird.» Am 16. Juli scheint Barth eine erneute captatio benevolentiae bei Wilhelm Loew angebracht: Er werde Loews Nachsicht «noch nötig haben, wenn Rade eine Rezension der ‹Hilfe› Jahrg. 1913 abdrucken wird, die er kurioser Weise mir übertragen hatte. Da mußt du dann wahrscheinlich auch bei deinem verehrten Schwiegervater ein gutes Wort für mich einlegen, denn ich habe dort versucht, wieder einmal zu sagen, was wir gegen ihn auf dem Herzen haben. Ich kann nichts dafür. Rade wollte keine Freundschaftsrezension, hat sie darum in die Schweiz vergeben u. nun ists wirklich keine geworden.»11
In der «Christlichen Welt», Nr. 33 vom 15.8.1914, trat Barths Rezension in eine durch den 1. August, den Ausbruch des Ersten Weltkriegs, völlig veränderte Öffentlichkeit. Barth wollte dem durch ein «kleines Nachwort» zu dem Artikel Rechnung tragen, «das mir nötig schien, weil er sonst unter den jetzigen Umständen völlig in die Luft zu gehen scheint». Er sendet es am 13. August 1914 an Rade und bittet: «Sie drucken es vielleicht durch * * * vom Übrigen getrennt oder als Fußnote.»12 Doch war es dazu zwei Tage vor dem Erscheinen des Heftes der «Christlichen Welt» schon zu spät. Im Nachlass Rades ist Barths Reinschrift dieses Nachworts anscheinend nicht erhalten. So ist die |63 Vorlage für den Abdruck das Konzept, ein einseitig mit Tinte beschriebenes Quartblatt.
Die doppelte Enttäuschung, die Barth in diesem «Nachwort» ganz unmittelbar zum Ausdruck bringt, klingt in einem Rückblick auf sein Erleben des Jahres 1914 nach, den er am 4. Januar 1915 seinem Freunde Willy Spoendlin gibt: «Was für ein Zusammenbruch der christlichen Ideale nicht nur in der Praxis, sondern auch in der Gesinnung, in der ruhigen Theorie! Und der Sozialismus? Die Haltung der Reichstagsfraktion u. des ‹Vorwärts›, der sich das Thema ‹Klassenkampf› verbieten läßt13 u. dafür mitschimpft über die infamen Engländer etc. Wie haben jetzt Naumann u. seine Freunde recht behalten in der Beurteilung der Sozialdemokratie!»14
Das Problem oder das Rätsel, das ihm Naumanns Haltung darstellte, hörte nicht auf, Barth zu beschäftigen. In einem Brief an Wilhelm Herrmann vom 4. November 1914 spitzt er die Frage zu: «Soll der ethische Monismus Calvins gelten oder der ethische Dualismus Luthers, Naumanns und Troeltschs?»15 An Helene Rade, die im Begriff stand, sich mit Peter Barth zu verheiraten und Schweizerin zu werden, schreibt Barth am 20. Dezember 1914: «Wir hatten wohl alle vor dem Kriege nicht gedacht, daß die Meinungen und Empfindungen der beiden Familien so weit auseinandergehen könnten, wie es jetzt der Fall war und ist. Ich könnte mir wohl denken, daß besonders deine liebe Mutter [scil. Dora Rade, geb. Naumann] tiefer enttäuscht ist über uns. Denn zwischen der Welt, in der dein Onkel Naumann jetzt lebt (ich sehe auch die ‹Hilfe› öfters) und der unsrigen ist eine Versöhnung vollends unmöglich.»16 Am 9. April 1915 nahm Barth an der Hochzeit von Peter Barth und Helene Rade in Marburg teil und begegnete dabei auch Friedrich Naumann. Auf dem Rückweg besuchte er in Bad Boll Christoph Blumhardt. Im Rückblick schreibt er am 21. April 1915 an Wilhelm Herrmann: «Wir sind mit starken Eindrücken aus Deutschland zurückgekommen. Meine stärksten waren die, die ich hatte von der Frömmigkeit Friedrich Naumanns und Christoph Blumhardts in Boll. Ich glaube, daß die feine Linie, die von dem Einen |64 zu dem Andern führt, die Linie sein wird, auf der Sie und wir uns später wieder einmal treffen können. Aber die Wege dahin sind weit und dunkel.»17
«Die Hilfe» 1913
Vorbemerkung des Herausgebers [Martin Rade]. Es war unsre Absicht, den Internationalen Kongress für soziales Christentum, der Ende September d. J. stattfinden sollte18, durch einige Artikel vorzubereiten. Der Kongress wird nun nicht stattfinden.19 Er würde uns als Schwerstes und Wichtigstes eine Auseinandersetzung zwischen den deutschen Evangelisch-Sozialen und den Schweizer Religiös-Sozialen gebracht haben. Wir hofften für diese Auseinandersetzung durch Artikel von beiden Seiten Vorarbeit tun zu können.
Obiger20 Artikel ist das Votum eines Schweizer Religiös-Sozialen über einen Jahrgang der Naumannschen «Hilfe»21. Der Verfasser, von unsern redaktionellen Plänen nicht unterrichtet, hatte keine weitere Aufgabe, als von seinem Standpunkte aus über diese uns so nahe stehende deutsche Wochenschrift seine Meinung zu sagen.
Ich würde unter andern Umständen dem Artikel sofort einige Worte über den Unterschied der deutschen von der schweizerischen Sozialdemokratie beigefügt haben, desgleichen über die Entwickelung von Naumanns Stellung zu unsrer Sozialdemokratie. Ich verzichte darauf unter dem unmittelbaren Eindruck der Reichstagssitzung vom 4. August.22
65 «Wochenschrift für Politik, Literatur und Kunst» sagt der Untertitel des Blattes. Aber die Politik überwiegt, sie gibt der «Hilfe» Physiognomie und Charakter. Der Wert der zahlreichen Beiträge über Religion, Philosophie, Theater, Musik, Malerei, Literatur usw., der Erzählungen und Gedichte soll damit nicht missachtet sein. Es ist viel Anregendes und Ernstes darunter. Ich nenne Traubs «Andachten»23, Schmalenbachs Aufsatz über Bergson (Nr. 3-5)24, J. Haeckers und Gertrud Bäumers Auseinandersetzung mit Maurenbrechers Buch über das Leid (Nr. 10)25, Gertrud Bäumers26 literarische und Zschorlichs27 musikalische Besprechungen, Helene Voigt-Diederichs’ Erzählung «Luise»28 als mir besonders wertvoll. Aber zu dem, was die «Hilfe» eigentlich will, verhalten sich die Beiträge dieses Inhalts peripherisch, sie könnten meistens auch anderswo stehen. Das öffentliche Leben, die äußere und innere, die wirtschaftliche und soziale Politik des Deutschen Reiches und seiner Einzelstaaten, auch des Auslandes, soweit es vom deutschen Standpunkt aus von Interesse ist, das ist der eigentliche Gegenstand der Hilfe, das Gebiet, über das sie berichten und auf dem sie an ihrem Teil mitarbeiten will. Der Standpunkt, von dem aus die Dinge gesehen und in Angriff genommen sind, ist der des entschiedenen Liberalismus, der in der Fortschrittlichen Volkspartei seinen äußern Zusammenschluss gefunden hat, speziell derjenigen radikalsten Gruppe dieses Liberalismus, die aus dem ehemaligen Nationalsozialen Verein hervorgegangen ist.29 Deutsch|66land soll ein modernes Industrieland werden, verfasst und regiert nach dem freiheitlichen Staatsgedanken des Idealismus der Fichte, Arndt, Stein, Scharnhorst u.s.f. – denn die Industrie bedarf der freiheitlichen demokratischen Entwicklung, des geistigen Aufstiegs der Masse ebenso sehr, wie dieser auf den technischen und wirtschaftlichen Fortschritt angewiesen ist. Dieser letztere aber hat zur Voraussetzung eine weltwirtschaftliche Stellung Deutschlands, die nur durch höchste
Machtentfaltung zu Wasser und zu Lande garantiert werden kann. Daher die notwendige Verbindung von Industrie und Demokratie mit Militarismus und Kaisertum.
Dies in ein paar Worten die eng miteinander verketteten Grundgedanken der «Hilfe»politik. Von diesem Standort aus beleuchtet, ziehen, indem wir in der Hilfe blättern, die Ereignisse des Jahres 1913 noch einmal in bunter Folge an uns vorüber: Die Einführung der Arbeitslosenversicherung in England (hierzu eine übersichtliche Darstellung von Paul Helbeck in der Beilage zu Nr. 4230), die große Militärund Deckungsvorlage in Deutschland (Gothein in Nr. 11 und 1231, Naumann in Nr. 12, 14, 1632, Schulze-Gaevernitz in Nr. 21 und 2233, Müller-Meiningen in Nr. 2434 u. A.), die Zentenarfeier der Befreiungskriege (Naumann in Nr. 11, 18, 41, 42, 4335, Gertrud Bäumer |67 in Nr. 8 und 4336 u. A.), die vorläufige Lösung der Welfenfrage (Heile in Nr. 837), die Balkankriege (Naumann in Nr. 7 und 1538), die Kruppprozesse39, der Tod des liberalen Führers Karl Schrader (dem Nr. 20 ganz gewidmet ist40), die preußischen Landtagswahlen41, die Wahl Naumanns in Waldeck (Naumann und Heile in Nr. 2642), das 25-jährige Regierungsjubiläum Kaiser Wilhelms II. (Naumann, Rohrbach, Gothein, Wenck in Nr. 2543; es ist lehrreich den Artikel Naumanns mit dem Rades in der Christlichen Welt
Nr. 24 1913 zu vergleichen44) und das Gedächtnis Kaiser Friedrichs (Philippson in Nr. 2445), der Tod August Bebels (Naumann in Nr. 3446), das 10-jährige Gedächtnis der Auflösung des Nationalsozialen Vereins (Naumann, Hohmann, Wenck, Maurenbrecher in Nr. 3547, dazu Naumann, Antwort an Mau|68renbrecher in Nr. 3748), als unerfreulicher Schluss die Zaberner Affäre49. Das sind einige von den aktuellen Stoffen, um die sich die «Hilfe» 1913 gemüht hat.
Die «Hilfe» ist Parteiblatt. Ihre größern Artikel atmen zwar durchweg einen nobleren philosophischeren Geist als die der politischen Tagespresse. Andrerseits predigt sie in Gegensatz zu verwandten und befreundeten Zeitschriften wie Türmer, Kunstwart, Christliche Welt50* sehr energisch das: «Partei, Partei, wer wollte sie nicht nehmen!»52 (Naumann gegen Maurenbrecher Nr. 3753) und tut danach. In der kleingedruckten Rubrik «Aus unserer Bewegung» kann sie auch gelegentlich ziemlich tief in die Regionen des Täglichen allzu Täglichen hinuntersteigen. Man würde Verschiedenes von diesen Plänke|69leien an dieser Stelle gerne missen. Das können die Andern auch! Aber sie bleibt ein im Ganzen vornehmes Parteiblatt, ein Parteiblatt, das den ernstlichen Willen und auch die Kräfte hat, den tiefsten Gehalt dieser bestimmten politischen Richtung zum Ausdruck zu bringen. In der Vertiefung des politischen Lebens, zunächst einmal dieser einen Partei, in sittlicher, intellektueller und ästhetischer Hinsicht, liegt ein großes Verdienst der Hilfe und auch eine ihrer wichtigsten Aufgaben für die Zukunft. Sie wird ihr in dem Maß gerecht zu werden vermögen, als ihr das Wie ebenso wichtig als das Was und der Geist wichtiger als die Macht sein und bleiben wird, also je weniger sie Parteiblatt im engern gewöhnlichen Sinn werden wird. Aber wir stehen hier vor Problemen, die eng zusammenhängen mit der sachlichen Haltung der Hilfe, mit ihrer und ihres Herausgebers eigentümlicher und vielerörterter Geschichte.
Die Hilfe ist Naumann. Auch heute noch, trotz des großen und sehr gemischten Mitarbeiterstabes. Man kann an der Hilfe studieren, was die Macht der Persönlichkeit ist. Einige von Naumanns Beiträgen sind bereits erwähnt. Ich nenne ferner seine Anreden an die Adresse der Nationalliberalen (Nr. 154) und der Sozialdemokraten (Nr. 5 und 655) behufs Bildung einer großen «deutschen Linken», seinen Aufsatz über das Taylor-System (wesentlich ablehnend, Nr. 2856), seine Rezensionen über die Bücher von Sombart (Nr. 3, 13, 49, 5057), über Huës «Bergarbeiter» (Nr. 3958). Naumann wird nie langweilig, immer |70 hat er einem etwas zu sagen, und immer sagt er es geistreich. Es hält schwer, sich dem Bann seiner Art zu entziehen, je mehr man von ihm liest. Auch die regelmäßigen Mitarbeiter der Hilfe, die dem Blatt das Gepräge geben, die Erkelenz, Heile, Jäckh, Wenck, Rohrbach, Gertrud Bäumer, Traub, Schairer59 u. A. sind im Grunde Alle mehr oder weniger Naumann; ich möchte damit keiner Originalität zu nahe treten, aber wir begegnen ihnen tatsächlich beständig auf irgend einer von den unverkennbaren Spuren des Meisters. Wie seine Gedanken von all diesen so verschiedenartigen und ihrerseits hervorragenden Köpfen aufgenommen und selbständig verarbeitet werden, das kann auch als ein Beweis gelten für ihre außerordentliche Wucht und praktische Bedeutung.
Für uns ist die dringendste Frage die, inwiefern in der Hilfepolitik noch heute neben oder über dem Evangelium der Technik, der Macht und des allgemeinen Stimmrechts das Evangelium des absoluten und lebendigen Gottes spürbar ist. Naumann hat sich von der Vorstellung einer praktischen «christlichen» Politik abgewandt. Die praktische Politik gehört in die Sphäre des Relativen, der Konzessionen und Kompromisse, der Opportunitätsrücksichten. Ihre einzelnen Entschließungen gehen aus andern Rücksichten hervor als aus der Rücksicht auf das christliche Ideal. Das sind eigentlich Selbstverständlichkeiten. Damit ist im Grunde nichts Anderes beschrieben als, etwas allgemeiner gesprochen, die Vorläufigkeit und Unvollkommenheit des Lebens überhaupt. Aber etwas Anderes ist eine Politik, die die notwendigen Konzessionen und Kompromisse zur Würde von allgemeingültigen letzten Ideen erhebt – etwas Anderes eine solche, die zwar auch Konzessionen macht und Kompromisse schließt um der nächsten Zwecke willen («ich tue nicht, das ich will, sondern das ich hasse, das tue ich» [Röm. 7,15]), aber dabei beständig zu erkennen gibt: dies sind eben Vorläufigkeiten und Unvollkommenheiten, für die wir uns keinen Augenblick begeistern und auf die wir uns nicht festlegen lassen, weil wir an Größeres glauben. Ein Anderes ist es sich in die Welt der Relativitäten einleben, schließlich ganz befriedigt und |71 mit ästhetischem Wohlgefallen an ihren Wunderlichkeiten in ihr heimisch werden, als solche, die keine Hoffnung haben [vgl. 1.Thess. 4,13] – ein Anderes mitten in dieser Welt der Relativitäten anhaltend unruhig und sehnsüchtig sein, grundsätzlich revolutionär gegenüber dem Bestehenden, sehnsüchtig nach dem Bessern, das kommen soll, nach den absoluten Zielen eines menschlichen Gemeinschaftslebens jenseits aller zeitlichen Notwendigkeiten. Nach diesem Glauben, nach dieser Unruhe und Sehnsucht habe ich gesucht in der Hilfe. Bei einem Blatt mit so viel feierlichen Anrufungen Kants und Fichtes60 dürfte das kein Unrecht sein, ganz abgesehen von seiner «christlichen» Vergangenheit.
Es gibt nun zweifellos politische Gesinnungen, denen gegenüber die Gesinnung der Hilfe außerordentlich kräftig am Absoluten orientiert erscheint, denen gegenüber sie tatsächlich den Idealismus vertritt. In den Augen eines nationalliberalen61 Geheimrats oder Pfarrers, eines freikonservativen62 Großindustriellen oder gar eines «ostelbischen» Agrariers63 muss die Politik der Hilfe als Gipfel von Glaubens-, ja von Schwärmerpolitik erscheinen. Von dort aus gesehen – und in der Selbstbeurteilung des Hilfekreises, der nur für seinen Ge|72gensatz gegen rechts ethisch-religiöses Interesse hat – muss sich das Streben Naumanns wirklich darstellen als «eine gewisse Zuversicht dessen, das man hoffet, und nicht zweifeln an dem, das man nicht siehet» [Hebr. 11,1]. Oder wie soll man sein idealistisches Vertrauen und Wagen auf die geistige Beweglichkeit und Willigkeit der Masse und besonders auch ihrer industriellen Führer, auf die Möglichkeit des Sieges über jahrhundertealte Vorurteile und Mächte, wie soll man seinen ganzen Glauben an ein freies und doch starkes, starkes und doch freies Deutschland sonst nennen? Ich sehe dann das ganz besondere Verdienst der Hilfe darin, dass sie so konsequent und tapfer für den praktischen sozialen Fortschritt eintritt, für Versicherung, Arbeiterschutz, Boden- und Wohnungsreform, Gewerkschafts- und Genossenschaftswesen. Die wöchentlichen Referate über das Wissenswerteste aus der sozialen Bewegung64 gehören zum Wertvollsten, was sie bietet. Und die Energie sei ihr hoch angerechnet, mit der sie innerhalb des Liberalismus immer wieder und trotz allerlei Enttäuschungen (Haltung des Hansabundes in der Frage des Arbeitswilligenschutzes, Erkelenz in Nr. 4865) für den sozialen Gedanken wirbt, mit der sie allen rückläufigen Stimmungen und Versuchen entgegentritt (Gerhard Keßler gegen Ludwig Bernhard in Nr. 1666). Den Politikern und Volkswirtschaftern zur Rechten gegenüber darf man auf die «Hilfe» das stolze Sprüchlein anwenden:
Der Eine fragt: was kommt danach?
Der Andre: was ist recht?
Und darin unterscheidet sich
Der Freie von dem Knecht.
67
Nach rechts vertritt die Hilfe den Idealismus.
Aber man kann auch ein wenig weiter «links» stehen als die Hilfe. Man kann noch ein wenig mehr erglauben und erhoffen als bloß ein |73 starkes industrielles demokratisches Deutschland. Der Idealismus der Hilfe kommt an ganz bestimmten Punkten ins Stocken, und ganz bestimmte Relativitäten verdichten sich ihr zu Wirklichkeiten. Man lese Naumanns Aufsatz: «Die Sterbenden von Adrianopel» in Nr. 768. Resultat: die Türken in Adrianopel sterben und müssen sterben, ohne die geringste patriotische Genugtuung sogar; das stumpfe Los eines niedergehenden Volkes, der Balkankrieg musste sein, weil die Türkei schwach war, weder durch Moral, noch durch Intervention, noch durch Schiedsgericht konnte Europa ihn hindern. Das mag nun praktisch betrachtet tausendmal richtig sein – Naumanns Welterfahrung in allen Ehren –, aber eine politische Weltanschauung, die über solche trostlosen Wahrheiten hinaus nichts, kein Wort mehr zu sagen hat, kann trotz all ihrer idealistischen Bestandteile nur bestehen unter der Voraussetzung, dass es – keinen Gott gibt. Ebenso ratlos, um noch ein Beispiel zu nennen, steht Naumann der drohenden Einführung des Taylorsystems gegenüber69, ratlos, weil auch seine Sozialpolitik trotz ihres Eifers für allerlei Reformen nichts weiß und nichts wissen will von einer Überwindung der tieferen Ursache des Übels. Man sucht in der Hilfe vergeblich nach dem Glauben an ein «Jenseits» von Krieg und Kapitalismus. Höher als bis zum starken industriellen demokratischen Deutschland langt es nicht in dieser Politik; Panzerschiffe, Eisenbeton, Stimmrecht70 sind ihre letzten Worte.
Es gibt nun eine Richtung, die hat einen höheren politischen Glauben, die will sich grundsätzlich bei keiner von den politischen und wirtschaftlichen Relativitäten beruhigen, die arbeitet zwar auch mit an den Aufgaben des Tages, aber über Alles, was der Tag erfordert, sieht sie hinweg auf das Ziel einer völligen Menschengemeinschaft der Klassen und der Völker; die muss auch zwar Konzessionen machen und Kompromisse abschließen, aber sie tut es von vornherein widerwillig, in apriorischem innerm Gegensatz zu allen Vorläufigkeiten, eben weil sie Vorläufigkeiten sind. Diese Richtung ist die internatio|74nale Sozialdemokratie. Das sozialdemokratische Wollen zeichnet sich dadurch vor allen andern Arten von Politik aus, dass da mit dem Absoluten, mit Gott politisch Ernst gemacht wird. Die Gerechtigkeit ist hier die einzige, die revolutionäre Wirklichkeit. Für dieses innerste Wesen der Sozialdemokratie, für ihre revolutionäre Unruhe, für ihren Radikalismus, für ihren Enthusiasmus, hat die Hilfe kein, ich betone es: kein Verständnis. Sie hat hohes Verständnis für das industriell-demokratische Element, für den ganzen Reformapparat im sozialdemokratischen Programm; aber gerade gegenüber dem, was der Sozialdemokratie ihre unheimliche Größe gegeben hat, weiß sie nichts zu tun als sich in die Reihen der Siebenmalweisen zu stellen und über ihre «wirklichkeitsfremden Ideale» den Kopf zu schütteln. «Utopie», «Phantasie», «überlebtes marxistisches Dogma» oder gar «Agitationsphrase»71 – das ist das Repertoire ihrer Polemik gegen links. Und darum läuft ihre ganze Stellung gegen links hinaus auf die immer wiederkehrende Einladung, diese Utopien und Phrasen in die Rumpelkammer zu stellen und Arm in Arm mit dem entschiedenen Liberalismus «Gegenwartsarbeit»72 zu machen. Vielleicht ist dieser Gedanke praktisch ausführbar, vielleicht auch nicht, das mögen intimere Kenner der deutschen politischen Verhältnisse entscheiden. Es handelt sich für uns nicht darum. Jedenfalls übersieht Naumann, dass es der Sozialdemokratie sachlich unmöglich sein muss, mit den Wirklichkeiten des gegenwärtigen Äon [vgl. Gal. 1,4], mit Kapitalismus, |75 Nationalismus und Militarismus den innern Frieden zu schließen, den er als Politiker mit ihnen geschlossen hat. Und diese Unmöglichkeit scheidet die Sozialdemokratie gründlicher von der Hilfepolitik, als diese selbst wieder von der der Konservativen usw. geschieden ist. Es ist ein religiöser Unterschied, der die Hoffnungen des Proletariats von den Hoffnungen des Hilfekreises scheidet. Diesen religiösen Unterschied versteht Naumann nicht, er verflacht ihn zu einem bloß politischen. Die Hilfe registriert mit einer Art von Behagen, dass die Betonung der «Gegenwartsarbeit» mit relativer Anerkennung des Militarismus u.s.f. auch innerhalb der Sozialdemokratie ziemlich kräftig ist, dass «die neue Armee» von Jaurès den Scharnhorstschen Reformvorschlägen ganz nahe kommt (Nr. 3873), dass sozialdemokratische Rekruten ganz harmlos Vaterlands- und Kriegslieder mitsingen (Nr. 1374), dass Bebel doch auch eine nationalistische Ader hatte, Bewunderung für artilleristische Leistungen empfand und dass seine letzte Abstimmung die Bewilligung einer militärischen Deckungsvorlage war (Naumann in Nr. 3475). Und dann soll das Letztere sogar «eine Art von Testament»76 dieses Mannes gewesen sein! Kann man die Sozialdemokratie gründlicher missverstehen als mit solchen Konstatierungen und mit solchen Schlüssen daraus? Ist das nicht, mutatis mutandis, ebenso sinnvoll, wie wenn Jemand aus der Tatsache, dass Plato ein gutes Glas Wein zu schätzen wusste77 und gelegentlich auch getrunken zu haben scheint, «eine Art von Testament» zu Gunsten der Hedoniker machen wollte?
Aber selbst wenn Naumann historisch und praktisch recht behalten, wenn die Sozialdemokratie sich zu einer radikalen Reformpartei auf dem Boden des Kapitalismus und Nationalismus verwandeln sollte, wie die Hilfe es so sehr erhofft – wir glauben nicht daran –, so wäre das für uns höchstens eine neue Enttäuschung, wie uns die Po|76litik der Hilfe schließlich eine Enttäuschung ist, nicht aber ein Beweis dafür, dass eine Politik, die vor gewissen angeblichen Wirklichkeiten einfach kapituliert, die einzig mögliche, die richtige Politik sei. Wir möchten von Gott mehr erwarten.