25. Oktober 1931

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Nächsten Mittwoch möchte ich mit meinen Bibelstunden wieder beginnen und habe mir nun also das Johannesevangelium vorgenommen. Ich kann mich aber eigentlich nur dann wirklich mit der nötigen Zuversicht auf diesen Weg begeben, wenn ich für diesen Winter deine Münstervorlesung über Johannes1 zur Einsicht haben kann. Du sagtest mir seinerzeit auf dem Bahnhof vor der Abreise, das sei zu machen. Und ich möchte dich bitten, sie mir so bald wie möglich zukommen zu lassen. Ende des Winters soll sie wieder unversehrt in deine Hände kommen. Vielen Dank zum voraus!

Was ist wohl alles auf deiner Seite gegangen seit jener Abreise zu den |181 Examina in Koblenz2? Wie hast du diese auch für dich anstrengende Prüfungszeit bestanden? Und wie haben deine Knaben bestanden? Eben in diesen Tagen verabschieden sich drei Jünglinge von hier, um nun also die Fahrt nach Bonn anzutreten: einmal der dir treugebliebene Frey3, der irgendwie durch seine schlechtweg begeisterten Schilderungen des Bonner Lebens auch die zwei anderen nachgezogen hat, der auch aufs eifrigste studiert zu haben scheint, um nun wiederum ins Seminar hineinzukommen, wirklich eine gute Gestalt, dann also der aus Zaghaftigkeit und sozialistischer oder besser religiös-sozialer Begeisterung gemischte Paul Dieterle4 und endlich ein dritter: Schär5 mit Namen, der eben heute eine kleine Empfehlung von mir an Karl Ludwig und an dich erhielt, der nach aller Voraussicht zu denen gehören wird, die bald nach Beginn der Seminaraufnahmeprüfung aufstehen und das Lokal verlassen werden, der aber im übrigen den Typ des biederen Eidgenossen so wacker vertritt und so ehrlich darstellt, daß man ihm auch wieder nicht gram sein kann.

Wir hatten, Marguerite und ich, noch 6 gute Tage in dem klassischen Ort Brissago und einige weitere ausgezeichnete, in jeder Hinsicht ausgezeichnete Tage im Bergli, um das die ganze Süßigkeit und leise Melancholie des Spätherbstes lag … Man trank noch diesen und jenen Klingsorbecher6, ließ das Grammophon Mozart spielen und machte letzte Waldfahrten mit dem Velo7. Und dann begann der Basler Winter, denn bereits ist es ganz grau und regnerisch. Ich habe mit Heiner die Gründung einer theologisch-philosophischen Arbeitsgemeinschaft im Sinne8, das Seminar setzt nächste Woche ein, die Kindlein sammeln sich zum Konfirmandenunterricht, man wird (Lollo!) wieder ein Jährlein älter. Was wird der Winter alles bringen? Sogar in Basel höre ich fast bei jedem Besuch, wenigstens bei den besseren Leuten, ängstlich |182 und in bestimmter Voraussicht, daß etwas kommen werde, nach der Krisis fragen. Die Aktien fallen auch bei uns, und die Zinslein werden schmäler. Morgen wird der Nationalrat9 gewählt, und die Basler Nachr. tun ihr bestes, um den Sozi brandrot an die Wand zu malen und zur Wahrung der heiligsten Güter den hintersten Burger10 an die Urne zu bringen.11 Der Papa Zellweger12, der bereits nicht mehr ganz weiß, welche Zeit und welcher Tag es gerade ist, ist sogar schon am letzten Sonntag gestützt auf seine in diesen Dingen nichtwissende Tochter Madi13 versehentlich an die noch gar nicht aufgestellte Urne geschritten, um seiner liberalen Partei zu stimmen. Merkwürdig, ein paar Tage vorher hatte ich einen Besuch bei ihm gemacht und über Tod und Leben und einiges andere ein gutes Gespräch geführt. Aber die Basler Nachr. sind irgendwie so in Fleisch und Blut bei ihm übergegangen, daß er dafür bis zum letzten Hauch marschieren muß. Wenn du kannst, so verschaff dir das Buch von Kurella: Mussolini ohne Maske14, das Ruedi eben gelesen hat und das nun bei mir liegt, ein lehrreiches Dokument!

183Und nun gute Fahrt ins Semester. Darf ich Lollo bitten um Durchschläge der Seminarverhandlungen über die theologia naturalis15, die mich besonders brennend interessieren? Und vielleicht auch noch um jenen Durchschlag, von dem im Bergli die Rede war16, der ebenfalls aufs Seminar des letzten Semesters Bezug hat? Ich bin sehr dankbar für alle solche Zusendungen. — Peter! Endlich hat er die wohlverdiente Ehrung empfangen.17 Sie war, wie mir Brunner wenige Tage vorher gesagt hatte, auch von Zürich geplant — aber zur Strafe für langweiliges Zögern zu spät geplant. Und Peter hat sie sicher auch lieber von Marburg als von Zürich erhalten. Herzliche Grüße Nelly und Lollo, herzliche Grüße dir

dein
Eduard

Sachfußnoten

1
K. Barth, Erklärung des Johannes-Evangeliums (Kapitel 1-8). Vorlesung Münster, Wintersemester 1925/26, wiederholt in Bonn, Sommersemester 1933, hrsg. von W. Fürst (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 1977. 📖 ↩
2
Barth reiste am Montag, dem 28.9., für 10 Tage zur Abnahme von Prüfungen nach Koblenz.↩
3
Paul Oskar Frey (1910–1995) war im SS 1931 und im WS 1931/32 Mitglied in Barths Seminar.↩
4
Paul Dieterle (1909–1997), Sohn von Samuel Dieterle, war im SS 1932 Mitglied in Barths Seminar.↩
5
Johann Arnold Schär (1908–1973) studierte in Basel, Zürich und Bonn.↩
6
Siehe oben S. 61, Anm. 21.↩
7
= Fahrrad.↩
8
Siehe unten S. 186, Anm. 15.↩
9
Eidgenössisches Parlament.↩
10
= Inhaber des Bürgerrechtes.↩
11
Vgl. etwa Anzeige in:BN, Jg. 87 (1931), Nr. 289 vom 21.10.1931 📖: «Der Sozialismus hat überall versagt, wo er positive Arbeit leisten sollte. Er kann nur kritisieren und niederreissen. Die Sozialdemokratie macht Versprechungen, aber kann dieselben nicht halten, oder sie ruiniert dadurch Wirtschaft und Staat. Schweizerbürger! sieh Dich um: überall wo Sozialisten regierten oder Einfluss hatten, sind Ruhe und Wohlstand erschüttert. Die Sozialdemokratie ist die Partei des Klassenkampfes und des Klassenhasses, nicht der Volkssolidarität, die allein aus der Krise fuhren kann.»; -chi, Die sozialistische Klassenkampftheorie in der Praxis, in: BN, Nr. 289 vom 21.10.1931, 2. Beilage 📖; Anzeige über die Breite des Titelblattes: «Sozialismus ist Gesinnungszwang! — Wählt freiheitlich, wählt liberal!» (BN, Nr. 291 vom 23.10.1931); 📖 Anzeige: «Wer am Wahltag aus Bequemlichkeit oder Gleichgültigkeit zu Hause bleibt, ist der demokratischen Rechte nicht würdig! Die 25 % Stimmfaulen sind schuld daran, dass es in Basel eine rote Gefahr gibt!» (ebenda); Personen- oder Parteipropaganda? Ein Wort zum Plakat des Basler Angestelltenkartells (Korrespondenz), in: BN, Nr. 291 vom 23.10.1931, 1. Beilage 📖; Sozialdemokratische Wahllügen (Korrespondenz), in: BN, Nr. 292 vom 24./25.10.1931 📖 (= Artikel der Liberalen Partei Liste 2 als Reaktion auf: Wahltag — Zahltag, in: AZ, Jg. 11 [1931], Nr. 248 vom 23.10.1931, S. 1f. 📖).↩
12
Pfarrer Otto Zellweger (1858–1933), 1902–1925 geschäftlicher Leiter und Chefredaktor der Basler Nachrichten.↩
13
Marguerite Zellweger (1888–1935), Fürsorgerin.↩
14
A. Kurella, Mussolini ohne Maske. Der erste rote Reporter bereist Italien, Berlin 1931. 📖 ↩
15
Thema von Barths Seminar im WS 1931/32: «Das Problem der natürlichen Theologie». Eine maschinenschriftliche Abschrift der Seminarprotokolle (29 S. in einem Pappschnellhefter) befindet sich im Nachlaß Thurneysen (Signatur: D 12) 📖.↩
16
Eine Abschrift des von Lili Simon erstellten Protokolls «Elfte außerordentliche Sitzung. / ‹Die Lehre von den Sakramenten› / Vortrag des Pater Damasus aus Maria-Laach / am Donnerstag und Freitag, den 9./10. Juli 1931» (vgl. S. 144, Anm. 12) befindet sich im Nachlaß Thurneysen (gebundenes Manuskript, 40 S.; Signatur: D41) 📖.↩
17
Peter Barth wurde von der Marburger Universität am 11.10.1931 anläßlich des 400. Todestages Zwinglis zum Dr. h. c. ernannt.↩