22. September 1931

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Ich bin aus äußeren Gründen nicht früher dazu gekommen, dir zum Tode deines Vaters1 zu schreiben, und der ganz äußere Grund, daß ich hier kein für solchen Anlaß passendes Kleid2 habe, hat es auch verhindert, daß ich mich zur Beerdigung eingestellt habe. Du wirst es mir auch so geglaubt haben, daß ich an eurem Leid teilnahm und teilnehme und daß meine Gedanken in diesen Tagen oft zu dir gegangen sind. |179 Weißt du, daß dein Vater bei der Hochzeit meiner Eltern3 Brautführer gewesen ist? Eine ferne Wirklichkeit, aber sie hatte einmal Gestalt und war schließlich nicht ohne Verheißung. Du hast deinen Vater nun viel länger behalten dürfen als ich und hast vor Allem im Unterschied zu mir noch Gelegenheit gehabt, ihm in seinem Alter noch so richtig — auch im Sinne jener Generation, aber schließlich nicht nur in diesem — Freude zu machen. Und ich werde es auch nicht vergessen, wie freundlich und vertrauensvoll dein Vater, die wenigen Male, wo ich ihn sah, dann auch mir begegnet ist. Es ist gut, über alles Leidvolle und Beunruhigende eines solchen Scheidens hinaus — und auch abgesehen von dem Ersten und Letzten, das da zu bedenken ist — zu sehen oder doch zu ahnen, wie eine verborgene Güte die menschlichen Dinge auch jetzt und hier ineinander greifen läßt und zusammenhält. — Eben habe ich deiner Mutter kurz geschrieben.4 Du mußt es mir dann sagen, ob es gut und erwünscht ist, wenn ich sie am Donnerstag schnell aufsuche. Es würde mir doch eine Freude sein, sie zu grüßen.

Ich komme nun also am Mittwoch5 abends 7.37 und habe mir die Sache so gedacht, daß wir zunächst den Abend für uns hätten, daß ich am Donnerstag morgen deine Mutter und vielleicht Karl Sartorius besuchte — es könnte auch in Frage kommen, daß du diesen schon auf Mittwoch Abend beschiedest — zum Mittagessen bin ich bei Heiners erwartet. Den Nachmittag könnten wir dann, am besten gemeinsam, wenn du Zeit hast, bei Lukas Christ zubringen (den du vielleicht telephonisch von dieser Absicht in Kenntnis setzest) und am Abend noch einmal ruhig Rückblick und Ausblick halten. Am Freitag sollte ich dann mit dem ca. um 7 Uhr abgehenden Zug Basel und die Schweiz endgültig verlassen. Ist’s recht so?

Über Alles, was zu erzählen ist, dann mündlich. Ich will nur im Voraus erwähnen, daß ich gestern vor 8 Tagen eine bernische positive Pfar|180rerkonferenz im Emmental6 just dabei erwischte, wie sie unter dem Präsidium von Benjamin Pfister7 sich an Köberles Rechtfertigungs-Heiligungsbuch8 erquicken und mich endgültig erledigen wollte, woran ich sie mittels je einer halbstündigen Vor- und Nachmittagsansprache dann gerade noch verhindern konnte. Ferner daß ich am Bettag zwei Predigten gehört habe: eine von Greyerz und eine von Schädelin, leider beide je in ihrer Art notorisch schlecht. Kein gutes Bild. Ich hatte reiche, aber auch anstrengende Tage mit Georg.

Inzwischen herzlichen Gruß an dich und Marguerite!
Dein
Karl

Sachfußnoten

1
Eduard Thurneysen (geb. 1856), 1892–1924 zunächst Hilfspfarrer, dann Pfarrer am Bürgerspital Basel, war am 19.9.1931 gestorben; Nachruf: A.H.M., Alt-Spitalpfarrer Eduard Thurneysen-Hindermann, in: BN, Jg. 87 (1931), Nr. 258 vom 21.9.1931, Beilage. 📖↩
2
Schweizerische Bezeichnung für Herrenanzug.↩
3
Hochzeit von Fritz Barth (1856–1912) und Anna Sartorius am 28.8.1884.↩
4
Am 22.9.1931 schrieb Barth an Emilie Thurneysen: «Da ich in den nächsten Tagen kurz in Basel sein werde, darf ich Sie vielleicht, wenn ich durch Eduard erfahre, daß es Sie nicht zu sehr stört, auch persönlich schnell grüßen.» — Emilie Thurneysen, geb. Hindermann (1860–1934), war die zweite Frau von E. Thurneysen sen., der sie 1893 nach dem Tod seiner ersten Frau Elisabeth, geb. Blüß (1865–1891), der Mutter von E. Thurneysen jun., geheiratet hatte.↩
5
23.9.1931.↩
6
Sitzung des Evangelisch-theologischen Pfarrervereins des Kantons Bern am 14.9.1931 auf Schloß Hüningen bei Konolfingen. Das Berner Tagblatt 📖 (Nr. 431 des Jahrgangs 1931) schreibt darüber: «Die ganze Tagung gewann an Interesse und Inhaltstiefe durch die Anwesenheit des Herrn Prof. Karl Barth aus Bonn, der in einer Weise in die Diskussion eingriff, daß ein besseres Verstehen hüben und drüben sich anbahnen konnte.»↩
7
Benjamin Pfister (1883–1968), 1910–1949 Pfarrer in Rüderswil im Emmental (Kanton Bern), später in Bern.↩
8
Siehe oben S. 4, Anm. 14.↩