Der Brief ist liegen geblieben. Und unterdessen ist mir die neueste, eben herausgekommene Nummer der Christl. Welt vor Augen gekommen, und dort liest man geradezu unerhörte Enthüllungen über einen fabelhaften Skandal in der deutschen Inneren Mission.7 Hör an, würde Georg sagen, diese Leute in Berlin haben 15 Millionen Mark kleiner Leute eingetrieben, um damit getreu der Parole ihres Dibelius8 ein gro|176ßes soziales Werk zu starten, also werktüchtig zu sein, Öffentlichkeitswillen zu bezeugen — und haben diese fabelhafte Summe so vollständig vertan, daß nur noch 3% ausgezahlt werden können. Und dies unter den Augen und mit Wissen ihres Oberkirchenrates. Dazu als Einzelheiten, das hat mir Hartenstein als authentisch mitgeteilt, der Generaldirektor9 dieser sauberen Bande hat 100.300 Mark Jahresbesoldung bezogen, dazu Dividenden, Hartenstein meinte, er sei auf 200.000 M. im Jahr gekommen, und auch das wußten diese Kirchenobersten. Als sie am Zusammenkrachen waren, kam ihr Bonze, der Herr Füllkrug10, noch im Juli in die Schweiz und wollte beim Verband für innere Mission die Erlaubnis erwirken, in der Schweiz für ihre ungeheure Pleite 2 Millionen Franken herauszukollektieren; Hartenstein, der damals schon um den Krach wußte, hat das Manöver dann vereitelt. Ganz sicher, ganz eindeutig ist das eine praktische Auswirkung der Parolen eines Dibelius. Eine glänzendere und traurigere Bestätigung deines Quousque tandem
📖-Rufes11 hätte es gar nicht geben können. Und nun solltest du nach Meldung Lollos mit Hinderer konferieren.12 Hartenstein meinte, |177 mit dem hättest du nun auf Grund dieser Dinge leichtes Spiel. Ich lege dir als Dokument ein Heft des Deutschen Volkstums bei, in dem der Aufsatz von Stapel beachtlich ist über die Rundfunkbestrebungen. Er schließt, wie du sehen wirst, mit dem direkten Schrei nach einer Hinschlachtung der Evangelischen Presseleute, die Stapel seinerseits und von seinen Gesichtspunkten aus nicht weniger als du verantwortlich macht für die ganze Verkitschung des Christentums und der Kirche.13
Sei nochmals herzlich gegrüßt. Hartenstein reist am Bettag für 8 Monate nach Afrika.14 Ich war heute noch ein letztes Mal mit ihm zusammen. Er läßt dich sehr grüßen und hat den Anselm
📖 dringend für Afrika bestellt, er habe so ums Neujahr herum dort einmal 14 Tage Ferien und werde dann um solch eine gute Kost froh sein. Aus Georgs Buch hat er |178 den Aufsatz über evangelische Erziehung15 zunächst zu privatem Gebrauch ins Englische übersetzt. Er sagte mir, er werde ihm sehr gute Dienste tun in der Auseinandersetzung mit den Schulmännern der Engländer16 draußen in Afrika. Es sei da doch alles so gut beieinander, im ganzen liege überhaupt Georg irgendwie in einer Linie mit Bestrebungen unseres Freundes Emil in Zürich, was in diesem Falle und für Hartensteins zum Teil praktische Bedürfnisse sicher ein Lob ist.
Da Georg nach Lollos Meldung nach Bern kommen wird17, fällt mein Vorschlag, er könnte dich in Basel treffen, dahin. Aber trotzdem: sieh doch zu, daß du schon am Mittwoch abend kommen kannst, wenn du am Freitag früh verreisen mußt.