18. April 1933

Eduard Thurneysen an Charlotte von Kirschbaum

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Liebe Lollo,

heut morgen kam dein Brief, und er hat mich durch diesen Tag hindurch begleitet, und ich bin dir von Herzen dankbar dafür geworden. Du weißt ja: es fehlt mir wirklich keine Stunde an jenem letzten Vertrauen zu dir und zu Karl, aus dem heraus ich euch alle die Jahre hindurch begleiten konnte und durfte; ihr seid mir immer ganz nah und klar vor Augen in all euerm Tun und Lassen, auch wenn ich im Einzelnen lang nicht um alles weiß und sehe, was euch bewegt. Aber es ist mir jedes Gespräch mit dir oder Karl oder solch ein naher Brief wie der deine jedesmal eine innere Bestätigung und Bekräftigung alles von mir auch ohne das Gedachten und Überlegten, ohne die ich nicht ganz sein möchte. Ganz abgesehen von dem freudigen Geschenk deiner, eurer Freundschaft, das mir darin neu gegeben wird. Ich habe — wahrhaftig ganz restlos innerhalb alles Vertrauens zu euch — gelegentlich das direkte Bedürfnis nach solch einem «Zeichen», etwa dann, wenn ich mich (was ja allerdings glücklicherweise nicht zu oft vorkommt) einer Frage von Heiner, früher einem Gespräch mit Karls Mutter oder eben einem Brief oder einer Begegnung mit Nelly gegenübersah. Sogar (aber dies wirklich nur unter uns gesagt) ein gelegentliches Gespräch mit Gerty (wie letzthin — und ich weiß ja, was wir alle an Gerty haben!) kann in mir das Verlangen wecken nach einem Gespräch — mit euch. So bin ich froh um deinen guten Brief, so sehr er mir eigentlich bestätigt, was ich eben für mich selber oft genug denke und Marguerite schon mehr als einmal gesagt habe: daß deine Lage, Lollo, unter all der Last auf euch dreien fast die bedrängteste und gefährlichste ist. Aber ich bin so restlos, wie es |394 nur immer möglich ist unter Menschen, mit meinem Vertrauen bei dir, alles, was du denkst und schreibst, ist mir bis ins Letzte einleuchtend, deine Schwachheit und deine Kraft — es wird recht werden, wie es auch immer weitergeht. Noch etwas: ich habe selbstverständlich auch etwa eine Frage an Euch in mir, wie es ja nicht anders möglich ist, wenn man im inneren Gespräch steht miteinander und füreinander. So ging es mir dieser Tage. Karls Briefe an Nelly waren mir freilich an keiner Stelle fraglich. Da mußte ich ganz mitgehen. Mir ist ja, wie du weißt, der Gedanke der Scheidung von länger her aufgestiegen. Aber mich bedrängte die Frage der Rückwirkung dieses möglichen Geschehens — wie soll ich sagen? — nach außen. Du verstehst mich sicher recht: ich meine das wahrhaftig nicht «bürgerlich», ich denke an die Verantwortung, die Karl als Lehrer, der «Kirche» gegenüber hat und da wiederum besonders allen «Schwachen» gegenüber [vgl. Röm. 14,1–4; 15,1; 1.Kor. 8,7–13]. Ich habe in Bern mit Karl kurz darüber reden können. Und es hat sich auch an dieser Stelle alles für mich erledigt. Karl hat einfach recht: was da allenfalls stürzen kann, das muß stürzen, weil es Fassade war, die andere um einen aufstellten. Ich selber habe oder hatte da sicher gelegentlich mehr dahinter gesehen, als gut war. Wenn da nach außen etwas fällt, kann es nach innen nur gut sein. Ich war sehr froh auch für mich um dieses kleine Gespräch!

Nelly — ich habe ihren Brief an Karl1 gelesen. Was mir nachträglich daran zu denken gibt, das ist die bestimmte Weisung, sie wolle weder in der Nähe Zürichs noch Basels den Sommer verbringen; bedeutet das etwas anderes als das Ausweichen aller Auseinandersetzung, wie sie im Gespräch mit uns oder Ruedis oder sogar mit ihrer Schwester2 erfolgen könnte und sicher auch sollte? Und beweist nicht auch der wieder erfolgte Kontakt mit Stoevesandts und die damit offenbar erfolgte Démarche von Frau Dr. St., daß Nelly eben weiterhin die «weichen» Lösungen sucht, die Ratschläge, die irgendeine Parole ergeben, die wie die vom «Kreuz», das sie für Karl bleiben müsse, zunächst nur das bedeuten, daß wirkliche Klärungen nicht erfolgen? Stoevesandts in Ehren, aber sehen sie wirklich durch? Kaum! Aber das ist eben Nelly selbst. Und wir werden so mit ihr weiterzugehen haben. Ich hoffe trotz allem: irgendetwas sei doch auch ihr einfach klarer, in der Wirklichkeit und |395 im Ernst faßbarer, greifbarer geworden durch das rückhaltlose Aussprechen der Scheidungsmöglichkeit. Bei Nelly braucht es ja so viel, bis sie aus allem intellektuellen Planen und Träumen heraus die Dinge wirklich zu sehen beginnt. Ein paar Worte von ihr an Marguerite schienen zu verraten, daß sie in dieser Richtung einen kleinen Schritt getan habe. Wenn nun nur nicht durch die Stoevesandtsche Parole neue Verbauungen eintreten. An sich wäre ja über dieses Einander-zum-Kreuz-Werden (aber dann wirklich nach beiden Seiten!) zu reden, doch es müßte dann wirklich und in seinem ganzen, schweren Ernst genommen werden und nicht wieder (wie hier zu fürchten ist) als Ausweg um diesen wirklichen Ernst herum. Aber vielleicht ist ja alles in diesem Gespräch mit Stoevesandts auch wieder offener, besser, als ich vermute.

Lollo, der Weg geht weiter! Möchte doch all das, was jetzt wieder darauf geschieht, trotz allem nicht Erschwerung bedeuten! Wie geht es weiter? Ich verstehe durch deinen Brief von neuem und besser, wie verbaut er ist. Aber eine kleine Atempause wird der kommende Sommer doch bedeuten! Du wirst nicht einfach dich fürchten müssen! Wie froh war ich, durch Karl hören zu dürfen, daß die äußere Lage, Euer Bleiben in Bonn doch nicht ohne Hoffnung anzusehen ist. Ob Ihr da Neueres wißt?

Marguerite sitzt neben mir und schickt dir und durch dich Karl viele warme Grüße voll teilnehmendem Mitbewegen aller Dinge. Wie hat dich wohl unsere Tochter Dorothee angeschaut? Du hattest sicher keinen Atem, dich ihr ein wenig zu nähern. Ich sehe hier, daß wir erst Montag nacht in Basel eintreffen werden. Da können wir euch für diesen Abend nicht mehr gut anbieten, bei uns zu sein — es würde wohl kein ruhiges Beieinandersitzen möglich. Solltet Ihr aber doch erst Dienstag oder noch später durchreisen, dann! Wir grüßen Ruedis vielmal. Marguerite legt etwas für sie bei.

Herzlich
dein
Eduard

Sachfußnoten

1
Nicht erhalten.↩
2
Nicht eindeutig zu identifizieren.↩