17. April 1933

Charlotte von Kirschbaum an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Ich habe dir für einen so guten Brief zu danken und für das Einsichtnehmendürfen in deinen Brief an Nelly. Alle deine Äußerungen und Stellungnahmen in beiden Briefen waren hilfreich, und ich bin dir dankbar für dieses dein Dabeisein auf unserem Weg. Karl habe ich Alles weitergegeben, und er hat mir durchs Telefon zugerufen, wie froh er darum sei. Inzwischen habt ihr euch ja in Bern gesprochen und hat er dir wohl selbst gesagt, was zu sagen ist. Aber ich möchte doch gerne von mir aus auch zu dir reden gerade jetzt aus diesen einsamen stillen Berglitagen heraus, in denen sich mir Manches klärt.

Du schreibst in deinem Brief an mich (ich habe ihn nicht da und kann nicht wörtlich anführen): «Konnte, konnte die ‹Notgemeinschaft› nicht doch noch halten?» Das ist die Frage, die auch mich in allen diesen Tagen immer wieder beunruhigt hat. Haben wir wirklich Alles aufgewandt, um dieses nahe, räumlich nahe zu dreien zu stützen? Ich kann für mich darauf nur antworten: Nein. Ich weiß zu viele Situationen, Eduard, in denen, um Karls Bild aus der Ethik zu nehmen, ich den Anderen von der Planke stieß, um mich selbst zu halten.1 Und wenn wir darum heute so weit sind, daß wir sagen müssen: So geht es nicht weiter, so kann ich das nur verstehen als ein ganz schlimmes, unwiederbringliches Versagen. Aber — und davor stehe ich rätselnd — ein Versagen, zu dem ich stehen muß, ein Resignieren an meinem eigenen Vermögen, das so radikal ist, daß ich nur sagen kann: Und wenn ich es wieder und wieder versuchen wollte, ich würde wieder versagen. Ich sage das ja nicht zum erstenmal, ich habe es ja wieder und wieder versucht und bin immer wieder gescheitert. — Und als nun Karl in Basel (auf dem Weg zum Vetter Anstein2 an jenem Vormittag) mir sagte: «Sieben Jahre war es mir verboten, diesen Weg (den der Scheidung) zu denken, aber jetzt kann ich ihn nicht mehr als unmöglich abweisen», da ist es in mir plötzlich wie eine Hoffnung aufgegangen: Ach, vielleicht darf es sein, vielleicht ist das für uns alle drei leichter und besser als der bisheri|390ge Versuch. Ich habe ihn (diesen Weg) wirklich nie gedacht oder nur gedacht als Katastrophe, die droht, wenn wir das Andere nicht besser machen. So habe ich es auch Nelly damals zugerufen. Und ich habe im letzten Jahr wirklich Boden gewinnen dürfen in der Arbeit und wieder anfangen dürfen, etwas mich abzuwenden von den persönlichen Fragen, wieder etwas aufzuleben innerhalb dieser ja immer schweren Grenze. Aber gerade das hat es nicht getragen, gerade das mußte Nelly so schmerzlich als meinen «Aufbau» und ihren «Abbau» erleben. Gerade das, was ich glaubte als Gehorsam verstehen zu dürfen, daß ich nicht mehr rüttle an der mir zugewiesenen Stellung, daß ich es mir verbiete, mehr zu wollen, daß ich ganz schlicht anfing, das zu gestalten, was mir gegeben war. Was mich dazu förmlich zwang, war noch etwas Anderes, etwas, was sich Nellys Einsicht völlig entzog. Ich bin auch in meiner Beziehung zu Karl durch schwere Krisen gegangen, und es gab Augenblicke, wo auch zu ihm hin Alles in die Brüche zu gehen drohte. Und zwar darum, weil ich das, was wir innerhalb der Grenze leben durften, nicht leben wollte, weil ich weinen mußte um das, was [ich] nicht leben durfte. Siehst du, Eduard, es war einfach schwer, so aufgerufen zu sein als Frau und fortwährend immer wieder aufgerufen zu werden und dann abbrechen und Griechisch und Latein lernen und — ja, in diesem Zusammenhang stellt sich sogar das manchmal so dar — Luther und Calvin lesen zu müssen. Ich durfte erwachen an Karls Betrübnis, ich durfte plötzlich sehen, daß ich ihn so zugrunde richte, ihn und mich. Und das hat mir gerufen, und seitdem geht es viel leichter und besser. — Und in dem Augenblick muß Nelly sagen: «Ich kann nicht mehr.» — Verstehst du, wie erschreckend das ist und wie aussichtslos das den Weg erscheinen läßt? Wie gerade das, was für uns Weitergehen bedeutet, für sie tödlich ist? Verstehst du jetzt, was ich meinte, wenn ich oben von einem Versagen redete, zu dem ich stehen muß, weil es ein Versagen ist, das ich mit gutem Willen einfach nicht ändern kann, das immer und immer wieder eintreten wird N. gegenüber? Ich weiß wohl, Eduard, (Karl sagte es mir neulich auch einmal) die Liebe hofft Alles, trägt Alles, duldet Alles [vgl. 1.Kor. 13,7]. Aber diese Liebe ist das Wunder, um das ich nicht aufhören möchte zu beten und die uns ja irgendwie auch in den sieben Jahren getragen hat, aber die ich auf mich gesehen nicht in Rechnung setzen kann und die ich auch nicht dazu verwenden kann, wie Frau Stoevesandt in ihrem Brief an Karl es möchte, um die «Notge|391meinschaft» auf christlicher Grundlage zu gestalten3. Auf mich gesehen kann ich nur sagen, ich habe diese Liebe nicht, ich bin arm, unsäglich arm dran, und ich werde immer wieder und wieder den Anderen von der Planke stoßen. Ich will damit freilich nicht sagen: ich will es im Glauben an diese Liebe, die uns hält, nicht etwa wieder und wieder versuchen. Versuchen freilich ohne die geringste konkrete Hoffnung. Die habe ich nicht mehr, oder wenigstens jetzt nicht mehr. Und Karl hat sie ja auch nicht mehr. Alles, was ich tun kann — und das war für mich die innere Arbeit dieser Tage —, ist das, daß ich mich bereit zu halten suche, und das wird konkret bedeuten müssen, daß ich das, was einen Augenblick lang wie eine neue Lebenshoffnung vor mir stand, Karls Frau werden zu dürfen und mit ihm ein sicher schweres, aber friedliches und nicht hoffnungsloses Leben leben zu dürfen, wieder hergeben kann, daß das nicht bestimmend sein darf für meine und damit auch für Karls Entscheidungen. Lieber Eduard, ich darf dir das sagen, daß ich darum unermüdlich gebetet habe, daß mir das nicht zur Versuchung werde, |392 und ich habe erfahren dürfen, daß uns beim «inneren Hergeben» unseres Lebens geholfen wird. Ich habe Karl gestern schreiben können, daß mir mein Wünschen nicht mehr im Wege steht und daß er es ernst nehmen darf, wenn ich ihm jetzt sage: ich bin bereit, das Alte noch einmal aufzunehmen, freilich ohne zu wissen, wie. Und daß mir Alles daran liegt, daß er jetzt den Weg finden darf, den er gehen muß. Du hast vielleicht Nellys letzten Brief gesehen. Man versteht ihn erst in der Interpretation von Frau Stoevesandts Brief, nach dem der «ernsthafte Grund», von dem N. schreibt, der ist, daß sie als das Karl auferlegte Kreuz bei ihm bleiben muß.4 Wenn natürlich N. das auch nie sagen dürfte, weil es von ihr gesagt nicht wahr ist, so könnte sie ja als solche trotz ihrem Sagen oder Nichtsagen wirklich diese Frage an Karl und damit auch an mich sein. Ob sie das ist, das muß Karl wissen und entscheiden, bzw. ob sie das sein und bleiben muß in dem bisherigen Stand. Alles, was ich tun kann, ist mit ihm gehen und ihm die Aufmerksamkeit bei der Entscheidung nicht zu stören. Und siehst du, Eduard, ich kann nicht anders als ihm so zu innerst vertrauen, daß ich wirklich auch jeden Weg mitgehen kann. Alles, was ich mit ihm erleben durfte im Kleinen wie im Großen in all diesen Jahren, hat mir dieses Vertrauen so unerschütterlich gegeben.

Das ist es, was ich dir sagen wollte. Es geht alles ein bißchen durcheinander, ich hätte Manches sicher klarer sagen können, aber vielleicht verstehst du doch, was gemeint ist damit. Es ist nur mein Ort aufgezeigt, aber gerade das wollte ich auch.

393Grüße Marguerite. Eure Tochter Dorothee hatte zwei sehr einsame Tage, als die großen Kinder fort waren. Jetzt sind sie eine umso munterere Schar mit Velofahrten, viel «Verbannis»5 und sonnigen Lesestunden im Liegestuhl.

Ich grüße dich sehr herzlich und bin dir sehr dankbar, daß ich so vorbehaltlos zu dir kommen darf.
Deine
Lollo

Sachfußnoten

1
Siehe Ethik I, S. 243. 📖↩
2
Hans Anstein (1863–1940), 1926–1940 Reiseprediger der Basler Mission für Osteuropa und die Schweiz.↩
3
Dorothee Stoevesandt (1886–1973), Frau von Dr. K. Stoevesandt, warb — unter dem Eindruck ihrer Gespräche mit Nelly Barth (vgl. unten S. 396, Anm. 3) — in ihrem zwölfseitigen Brief vom 12.4.1933 bei K. Barth um Verständnis für die ablehnende Haltung seiner Frau zu einer Scheidung im Gegensatz zur Möglichkeit einer vorübergehenden Trennung: N. Barth sei «bereit, jetzt wegzugehen und Ihnen Raum zu geben, auf lange Zeit, wenn es sein muß. Aber nicht mit dem Ziel der Scheidung, sondern mit dem Ziel der Notgemeinschaft unter der vierten Bitte [des Vaterunsers] und nicht mit menschlichem Können, sondern mit der Angewiesenheit auf die Verheißung: da bin ich mitten unter ihnen.» Darüber hinaus nahm D. Stoevesandt «für sich selbst das Wort» und urteilte auf dem Hintergrund dessen, was sie seit 1929 erfahren hatte, bisher sei der Lebensversuch zu dritt «doch noch keine Notgemeinschaft gewesen, sondern es waren zwei und eins». Doch nachdem dies «neulich so schmerzhaft aufgedeckt» worden sei, «dürfte … die Zeit der wirklichen Notgemeinschaft anbrechen, wo Sie Nelly nicht nur gerade an der Peripherie dulden, sondern wo Nelly zu Ihnen beiden gehört, Ihnen von Gott verordnet nicht durch ihre Schuld und Halsstarrigkeit, sondern als armer Lazarus vor Ihre Türe gelegt; nicht nur von Ihnen gerade nicht weggeschickt, auf die Brosamen gestellt, die von Ihrem Tisch fallen (denn wie reich sind Sie im Vergleich zu ihr?!) und im übrigen auf die Hunde angewiesen, die ihre Schwären lecken; sondern wie der unter die Mörder Gefallene, durch den der barmherzige Samariter sicher gesegnet wurde. … Glauben Sie nicht, daß gerade diese Last, die Nelly gewiß für Sie ist, für Sie der Segen Gottes sein könnte? Können Sie unter der vierten Bitte ‹zu spät› sagen? … Und darum, ehe Sie das tun [die Scheidung einleiten], so schlimm und schrecklich und schwer es ist, nehmen Sie es nun doch noch einmal und nun wirklich als Notgemeinschaft auf sich!»↩
4
In ihrem Brief an Barth fuhr D. Stoevesandt fort: «Nun rede ich als Sachwalter für alle die Schwachen, die ‹Kleinsten› [vgl. Mk. 9,42 par.], die auf Sie sehen und denen Ihre Predigt und Ihr Wort von Gott etwas bedeutet und die durch Sie gänzlich in Verwirrung geraten würden. ‹So wenig hilft ihm sein Glaube, daß er sein Kreuz abschüttelt und daß er es nicht tragen kann?› Könnte Ihnen dies Kreuz — daß Ihnen der Mensch, den Sie mit Ihrer ganzen Menschlichkeit lieben, erst dann begegnet ist, als ein anderer unlösbar an Sie gebunden und auf Sie angewiesen war — nein, diese Frage darf ich Ihnen ja nicht stellen.» Vgl. auch K. Stoevesandts Brief an Barth vom 12.4.1933 (s. unten S. 399, Anm. 3), wo es in Zusammenhang mit Erwägungen darüber, was das Zusammenbleiben der Eheleute bedeuten würde, heißt: «Sie würden bleiben in dem, was Ihnen verordnet ist, sicher auch als Kreuz verordnet ist, aber doch auch als Kreuz, das dem Menschen gesegnet wurde. Die Hüfte wird gebrochen beim Ringen, und sie wird weiter schmerzen, und sie wird ein Hindernis bleiben, aber daran wurde der Segen geknüpft.»↩
5
Geländespiel mit festen Regeln.↩