14. Mai 1933

Eduard Thurneysen an Nelly Barth

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Liebe Nelly,

Du hast lange warten müssen auf eine Antwort von mir her auf deinen so guten und klaren Brief — er liegt, ich habe ihn eben wieder gelesen, wie ich mit Schrecken sehe, bereits einen Monat zurück. Aber du verzeihst mir sicher mein Zögern im Schreiben und glaubst mir, daß es seinen Grund nicht darin hat, daß ich dir nicht im Gehen deines Weges und im Tragen gerade deiner Last so treu zur Seite stehen möchte, als ich es immer kann. Ich möchte es wirklich. Aber ich stehe unter dem Eindruck — und davon rührt mein Zögern her —, daß, was man sich so von weitem zuruft, immer schon ein wenig hintendrein und zu spät komme. Deine Briefe geben mir allerdings ein Bild von deiner augenblicklichen Lage. Aber die hat sich vielleicht schon wieder verschoben, bis ich meinerseits etwas dazu zu sagen komme. War es nicht gerade jetzt wieder so? Die Erwägung tauchte auf, du möchtest einmal für den Sommer von Bonn weg, um |408 zu versuchen, für dich allein ein paar Monate zu leben, dich selber1 sein zu können ohne das, was Bonn für dich immer neu so schwer tragbar macht, und daraus Klarheit zu bekommen über die weiteren Schritte, die vielleicht dazu führen könnten, endgültig im Auseinandersein zu leben. Aber als Karl wieder zurückkam, habt Ihr diesen Plan zunächst jedenfalls wieder fallen lassen und wolltet versuchen, den Weg im alten, bisherigen Zusammensein fortzusetzen. Ich selber war ja, wie du aus meinem letzten Briefe sahst, der Auffassung, daß in dem ursprünglichen Plane etwas liege, was wirklich hätte weiterführen können. Du weißt ja auch warum: es war und ist eigentlich noch meine wirkliche Sorge um dich. Der bisherige Weg hat so viel von dir verlangt! Er hat dich und, wie mir diesmal im Zusammensein mit Karl erstmals deutlich entgegentrat, auch Karl selber so müde gemacht, daß es mir trotz allem neuen Schweren, was das mit sich bringt, fast wie eine Entlastung vorkam, denken zu dürfen, Ihr gebet einander Raum. Uns, den Freunden, gab es einfach immer wieder schwer zu tragen, von weitem wissen zu müssen um so viel innere Not und tägliche Mühe, wie sie vor allem dir erwuchs aus dem bisherigen Lebensversuch. Ich hatte das, was du von Wernigerode schreibst, auch noch deutlich in Erinnerung: Karl, der Lollo und dich, der euch beide an der Hand hielt — Karl hat auch mir damals in diesem Sinne geredet —, aber nun ist das doch, und zwar irgendwie für euch alle drei, sehr schwer tragbar geworden und, wenn ich recht sehe, vor allem darum, weil es dir (ach, ich verstehe es wohl) immer neu zur wirklich unmöglichen Möglichkeit wurde. Dabei weiß ich wohl, daß du mir sofort wirst sagen müssen: das liege einfach daran, daß — von dir aus empfunden — Karl eben doch nicht in gleicher Weise euch beide an der Hand behalten habe. Vielleicht liegt in der Verschiedenheit dessen, was Ihr jedes auf seiner Seite unter diesem «euch beide an der Hand halten» euch vorstellen und erwarten mußtet, die ganze Not des bisherigen Lebensversuches beschlossen, die ganze Enttäuschung, die schließlich dabei vor allem für dich, aber doch wohl auch für Karl und auch für Lollo herauskam. Du hast ein Anderes dabei dir gedacht, und Karl und Lollo mußten wiederum ein Anderes dabei sich denken. Und so kamst du dir immer wieder wie als Betrogene vor, und auf der anderen Seite konnten Karl und Lollo jedes auf seine Weise sich in die Stellung und Rolle von solchen, die dir nicht halten, was versprochen war, doch auch einfach nicht folgen. Karl hat das immer — und wie ich’s sehe von ihm aus gedacht sicher mit Recht — zurückgewiesen. Die Quelle dieses so schwer tragbaren, für alle Beteiligten an der Grenze des ethisch Möglichen liegenden gegenseitigen Dranseins aber lag sicher darin, daß eben wie gesagt über das Beieinander in dieser Gestalt, in der Gestalt des engen Zusammenseins jedes sich eine je andere Vorstellung gemacht hatte. Sieh, Nelly, ich bin fest davon überzeugt, daß dieser Lebensversuch einfach gemacht werden mußte. Er ist sicher nicht verkehrt gewesen. Ihr mußtet darein eintreten. Und alle Mühe und alles Leid, das er euch gekostet hat, ist ganz gewiß nicht einfach nutzlos auf die Erde gefallen. Das wird, ich möchte sagen, im Himmel noch einmal klar und deutlich werden dürfen. Laß dir das nicht nehmen. Glaub doch nicht, daß, so ernst wie die Dinge zwischen euch damals standen, ein anderer Weg besser gewesen wäre. Und so schwer es dir fallen mag, glaub doch redlich |409 und schlicht daran, daß es wirklich Karl damit restlos ernst gewesen ist (und ich weiß, was ich sage: bis heute damit ernst ist): er wollte und er will euch beide an der Hand halten. Nur freilich, das hat sich nun allerdings herausgestellt, Lollo so, wie er eben Lollo an der Hand hält, dich, so wie er eben dich an der Hand hält. Und, Nelly, glaub doch auch oder versuch, es zu glauben: Karl hätte dich, du hättest Karl nicht anders an der Hand nehmen können, als es nun einmal euch gegeben ist, auch wenn Lollo nicht in euer Leben hineingetreten wäre. Vielleicht wäre dies euer Miteinander-Dransein, dein Dransein mit Karl, Karls Dransein mit dir, vor allem für dich nicht so sichtbar, so aufgedeckt worden, wenn Lollo nicht an Karls Seite gekommen wäre, aber es wäre, wenn auch verdeckter, im Grunde nicht anders gewesen. Sieh, das ist mir in einem kurzen Gespräche, das ich mit Karl am Bahnhof in Bern hatte (ich unterbrach deswegen meine Reise an den Genfersee am Samstag vor Ostern) doch einfach wieder ganz eindrücklich geworden: Karl denkt nicht daran, seine Verantwortung dir gegenüber leicht zu nehmen, abzuschütteln. Er behält dich, so gut er’s kann und in der Weise, wie es ihm möglich ist (eingerechnet alle seine dir ja vertrauten Ecken und Kanten), an seiner Hand. Er meinte auch mit dem Vorschlag von Trennung, ja Scheidung nichts anderes, er meinte, wie er’s ich glaub in einem Briefe an dich ausdrückte, eine Um-ordnung eurer Lage, eures Dranseins, aber keine Un-ordnung, kein Hinaustreten aus diesem Dransein als solchem. Gelt, du denkst nicht, wenn ich dir so zuredend schreibe, ich wolle nun einfach wieder seine «Partei» nehmen. Es ist nicht das. Aber ich glaube, ich kann dir nicht besser helfen als so, daß ich die Dinge sage, wie ich sie sehen muß. Ich glaube zu wissen, daß man sich damit nicht hilft, daß man die ja so naheliegenden Vorhalte, die im Anderen aufsteigen müssen, einfach übernimmt und verstärkt. Ich möchte sie eher abbauen helfen, wie ich ja auch, wenn ich zu Karl von dir rede, bei ihm abbauen möchte, was etwa an Vorhalt dir gegenüber ihm naheliegen kann. Aber nun steht es bei euch also so, daß das Beieinander im Zusammenbleiben fortgesetzt wird. Sieh, Nelly, ich bin ja auch da wieder dabei und möchte euch wirklich nicht dreinreden. Aber ich möchte sagen: dann dürfte es nicht geschehen, daß genau das gleiche Leiden wie bisher einfach fortgesetzt wird. Und — ich schreibe ja nun dir, muß also dich fragen: meinst du, es gehe wirklich? meinst du, du könnest den bisherigen Weg, das bisherige An-der-Hand-Karls-Sein, wie es nun einmal ist in seiner ganzen Schwere, die es ja für dich behalten wird, besser bejahen, als es dir vorher möglich war? Haben wohl die gewissen Abklärungen, die das Gespräch über die Scheidungsmöglichkeit vielleicht doch gebracht hat2, wie es nun hinter euch liegt, dir irgendwie doch in dieser Richtung ein klein wenig weitergeholfen? Darf ich dir, noch einen Schritt weitergehend, etwas ganz Bestimmtes sagen — versteh es doch ja nicht als «billigen» Rat? Sieh, mir scheint für dich alles daran zu liegen, daß du (ich weiß, das klingt jetzt so hart — aber es ist wirklich nicht hart gemeint) es fertig bringst, nicht mehr immer neu jenes «Mehr», jenes Andere erwartest und verlangst und suchst (um es doch immer wieder nicht zu finden), das dir von Karl her ach nun einmal nicht gegeben werden kann (Karl müßte nicht mehr sich selber sein, wenn er es geben könnte). Lollo ist anders dran mit Karl, als du es bist, er ist an|410ders dran mit Lollo, als er es ist mit dir. Nelly, aber er hat auch dich an der Hand, nur anders, anders! Dies Leid, Nelly, kann dir und ihm niemand abnehmen. Das bleibt zu tragen. Aber es müßte nicht so zur Qual werden, es müßte nicht immer neu zum Vorwurf werden gegen Lollo und gegen Karl und damit zum immer neuen Stachel für dich. Meinst du, Nelly, du könnest verstehen, was ich damit sagen möchte, ohne daß ich dir dadurch nur weh tue? Gelt, nur nicht wieder und wieder genau so leiden und dich innerlich verletzen lassen müssen wie bisher! Sieh, sonst würde ich glaub wieder auch meinerseits denken, es wäre doch das Bessere, das äußere Auseinander träte ein. Die gewisse Mitverantwortung, die wirklich auch auf unsereinem liegt, sofern wir als eure Freunde zu euch stehen, ist auch für mich nur tragbar, wenn der bisherige Weg dieses tief Quälende, unter dem wir dich vor allem immer wieder stehen sahen, nicht weiter und weiter in sich trägt. Ach, Nelly, wie erlöst und erleichtert wären auch wir in der Ferne (ich denke an Marguerite, ich denke an Ruedi und Gerty, ich kann aber auch an Heiner oder an Karl Lindt denken, mit denen ich ja auch ein wenig ins Gespräch über euch gekommen bin gerade in der letzten Zeit), wenn wir ein wenig etwas von Entlastung gerade bei dir, bei dir wahrnehmen dürften.

Liebe Nelly, ich schreibe jetzt, was ich da schreibe, dir ganz allein. Wenn du es aber Karl und Lollo zeigen kannst und magst, so tu es, ich bin damit nicht nur einverstanden, ich wäre fast froh darum. Aber es Hegt bei dir. Ich werde in der nächsten Zeit dann auch Karl und auch Lollo schreiben, was ich ihnen zu sagen habe. Es wird irgendwie in der gleichen Richtung gehen, obwohl ich ihnen darum nicht so vieles sagen kann, weil ich eben erst im Gespräch mit ihnen war. Das wäre ja überhaupt das Beste, wenn man sich immer etwa wieder selber sehen und austauschen könnte. Ich war so froh darum, diese Möglichkeit gerade mit dir in Basel auch wieder einmal ein wenig zu haben. Möchte sie sich doch wieder geben! Aber auch so laß mich doch, wenn es dir möglich ist, wieder von dir selber hören. Ich bin sicher so gut an deiner Seite, als es mir möglich ist, obwohl ich weiß, daß das nicht viel bedeutet. Denn was kann man sich schließlich in diesen Dingen von weitem wirklich helfen und sein!

Marguerite läßt vielmal grüßen. Ich habe ihr gesagt, daß ich dir schreibe, sie ist eben nach dem Nachtessen ein wenig zu ihren Eltern3 gegangen. Grüße Karl und Lollo herzlich von uns. Wir haben auf unserer Seite auch die Hände voll Arbeit. Ich habe eine zweistündige Vorlesung über Homiletik, die sehr gut besucht ist für Basler Verhältnisse, das heißt mit gegen 30 Studenten, dazu ein Seminar4 mit 17, worunter auch ehemalige Bonner, die sich fast ohne Ausnahme deutlich abzeichnen und herausheben als die wirklich Instruierten, mit denen etwas Rechtes anzufangen ist, über die man nur froh sein kann. Karls Arbeit trägt da wirklich Früchte. Und Lollos Mithilfe kommt mir zugut in allerlei Nachschriften, die ich von ihr her immer wieder erhalte. Ich bin so froh dar|411über. Diese Woche reiste Fritz Lieb vorbei. Ich sah ihn, und er berichtete über eure Lage. Wie geht es wohl alles weiter? Sei selber treulich und herzlich gegrüßt von deinem

Eduard

Sachfußnoten

1
= du selber (in der Schweiz übliche Akkusativkonstruktion).↩
2
Original: haben; Korrektur von der Hrsgn.↩
3
Der ehemalige Lehrer Dr. Paul Meyer (1854–1938) und seine Frau Sophie, geb. Lieb, wohnten in ihrem Haus an der Birsigstraße 96 in Basel. Von seiner Pensionierung 1959 an bis zu seinem Tod wohnte E. Thurneysen selbst mit seiner Frau in diesem schwiegerelterlichen Haus.↩
4
Homiletisches Seminar. Die Vorlesung über Homiletik war nicht im Vorlesungsverzeichnis angekündigt.↩