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31. Mai 1933
Ich bin zwar an sich heute abend durchaus nicht besser dran punkto Mußezeit und Unbehelligtsein als sonst in diesen Wochen. Aber es muß einfach endlich einmal der längst in Gedanken geschriebene Brief wirklich geschrieben sein. Es ist ja wirklich wahr: täglich denkt man an euch alle in allen Dingen. Täglich redet man von Bonn, von «Onkel Karl», von «Onkel Fritz» und allem, was damit zusammenhängen kann, am Mittagessen unter Erwägung aller vorstellbaren Möglichkeiten eures Schicksals, von Nelly und Lollo nur immer wieder unter vier Augen und aus möglichst treuem Begleiten, von «Karl Barth» und «Fritz Lieb» immer wieder auch mit den hiesigen Beteiligten und Interessierten. «Sage Sie — was mache sie jetzt aigetlig in däm Bonn?», ist eine nicht selten auch von teilnehmendem Frauenmund ( — etwa Emmy Kechli1 oder Anny Burget2) ertönende Frage. Und vor allem sind die dir wohlbekannten Studenten wie Haffner3 oder Löffler4 (eben heute waren sie zum Mittagessen bei uns) oder Stählin oder Paul Frey (der sich eben an|412schickt, von unserem Weltadolf5 das Amerikastipendium in Empfang zu nehmen, einstweilen aber noch unter Lukas’ bewährter Anleitung seine ersten Kinderlehren6 und Predigten («i muess em der Spickzedel grindlig abgwehne»7 sagt Lukas) in Pratteln hält)8 sehr darauf aus, novissimas res aus Bonn zu vernehmen. Kurzum, «wir schalten um auf Bonn» ist eine tägliche Parole am Minschterplatz. Ich selber bin eigentlich über die Vorgänge und Ereignisse in Deutschland ziemlich gut unterrichtet, einmal aus lebhafter Zeitungslektüre auch eurer Blätter und auch durch immer wieder eingehende persönliche Berichte. Hartenstein kam eben vorgestern von einer großen Sitzung des deutschen Missionsausschusses9 aus Berlin zurück, wo er mit allen kirchlichen Spitzen zusammengewesen war und wirklich die genauesten Einzelheiten über den Gang der Dinge bis zur Reichsbischofernennung10 wußte. |413 Auch von Bethel (Helmi!) ist natürlich Nachricht eingetroffen über die Vischerschen und Staehelinschen.11 Und heute kam sogar ein Brief von Georg selbst.12 Dank, vielen Dank nun aber vor allem dir und Lollo für die Zusendung aller der Dokumente, die — das seid versichert — hierseits genau geprüft und bedacht werden. Grundlage alles Verstehens ist immer noch dein ausgezeichneter Brief an Georg13, den Ruedi hat kopieren lassen. Ich werde übrigens nun gleich nach Pfingsten meinerseits einen kleinen Sprung über die Grenze tun, indem ich also den badischen Pfarrern in Nonnenweier zwei Vorträge zu halten habe.14 Zu meiner persönlichen Begleitung und Bestärkung kommt wahrhaftig wer mit? — Der getreue Lukas! Das wird sicher ein guter Anblick sein: des Lukas kräftige Gestalt unter all den badischen Positiven. Hätte ich nur die beiden Vorträge schon beieinander und die Pfingstpredigt dazu! Was werdet Ihr über Pfingsten unternehmen? Einfach in Bonn selbst eine Atempause einschalten? Du bist ja unerhört belastet mit deinen gegenwärtigen Vorlesungen und Seminarien. Ich denke mir, daß ganz besonders die Joh.-Vorlesung einfach eine ganz entscheidende Sache |414 sein wird für die Studenten. Ich kenne sie ja in der ersten Fassung wirklich sehr genau, weil sie mich durch meine Bibelstunden begleitet hat. Mir war sie ganz selten viel. Ich habe das Gefühl, ich wisse erst seit ihr und durch sie ein wenig Bescheid über das vierte Evangelium. Es ist eine wahre Fügung, daß durch Schmidts Urlaub diese ganz große Kanone aus dem Arsenal heraus- und wieder zum Schuß gebracht wurde. Ob du viel daran geändert hast?15 Die Grundeinsichten sind ja alle sicher unverändert gut vorhanden schon in dieser Fassung. Ob du ein wenig beschleunigter vorgingst und deshalb weiter kamst als seinerzeit in Münster?16 Doch wird das in dem kurzen Sommersemester kaum möglich gewesen sein. Denk, unter meinen Schülern sitzt, und zwar als sehr eifriger und in bester Weise beteiligter Mann, gegenwärtig der Sohn von Stählin in Münster17. Ich lese nun noch einmal, freilich zweistündig, meine homiletischen Grundfragen, obwohl ich sie ursprünglich gar nicht angezeigt hatte. Und dazu kommt also dann das Seminar, an dem auch Paul Frey noch einmal teilnimmt und das wirklich diesmal mit siebzehn Teilnehmern sehr belebt ist, aber auch zu tun gibt.
Sonst ereignet sich im alsgemach18 sommerlichen Basel nichts Besonderes. Das Politische gibt ja auch hierseits zu denken. Du wirst aus den Basler Nachrichten das Nötige entnehmen. Die große Abstimmungsschlacht ist entschieden, und zwar durchaus gegen die Nachrichten.19
415 Basel selber scheint einstweilen von den verschiedenen neu auftauchenden «Fronten»20 nicht viel wissen zu wollen. Dafür steht das Missionsfest vor der Türe und wird einigermaßen sorgenvoll, weil das Schicksal der Basler Mission ja schließlich nicht hier, sondern eben in Deutschland entschieden werden wird, wozu allerlei zu sagen wäre. Hartenstein geht seinen Weg nicht nur in Sicherheit und vor allem nicht unangefochten. Morgen reist er übrigens nach Tübingen, um also dort seinen «Doktor» zu bestehen.21 Er ist aber wirklich nicht etwa auf den Kurs eines Fezer22 umgestellt, sondern sieht diesen Wendungen auch nur mit Kopfschütteln zu.
Wie geht es euch wohl im innersten Kreise? Ich bin Lollo einfach dankbar für ihren guten Brief. Ich habe dann ja an Nelly einmal zu schreiben unternommen, weiß aber seither nichts mehr näheres. Ob sie |416 meinen Brief wohl gut aufnehmen konnte? Ich lege dir die zwei Äußerungen von Karl Lindt23 bei. Ich habe noch damit zugewartet, weil ich hoffte, es komme zwischen mir und ihm noch zu einer etwas besseren Abklärung. Das ist aber offensichtlich so einfach nicht möglich. Ich denke bei mir eigentlich, kurz und nackt gesagt, dieses: Nelly wird den Schritt in die volle Selbständigkeit hinaus nicht tun. Sie kann ihn nicht tun. Es wird nicht in ihr liegen, ihr Leben neu und selbständig aufzubauen. Und so wird man sie auch nicht dazu überreden dürfen. Es brauchte dazu bei ihr ganz andere innere Kräfte, als sie darüber verfügt. Wahrscheinlich müßte für sie ein solcher Lebensversuch mit einem Zusammenbruch endigen, in den wir sie nicht hineingehen lassen dürfen. Es ist dies so mein Eindruck, wie er sich mir herausgebildet hat. Ich weiß, es ist schwierig, darüber so in kurzen geschriebenen Sätzen zu reden. Aber du wirst mich verstehen. Wenn es euch nun nur allen gegeben ist, das Zusammensein tragbar zu gestalten! Vielleicht hat all das Erwägen und Erkennen der letzten Monate doch das Gute gehabt, daß keines von euch je vom Anderen mehr zu viel verlangt und daß damit doch alles ein klein wenig lockerer geworden ist! Kürzlich war Heiner einmal bei mir einen Abend lang. Sein Eindruck war hinsichtlich Nellys einfach der: er fürchtet für sie, [sie] sei an einem äußersten Punkt angelangt, wo es bei ihr bis zum Gedanken des Wegwerfens des Lebens gekommen sei. Mir gegenüber hat Nelly eigentlich an so etwas nie gerührt. Aber offenbar doch auch euch gegenüber schon und eben irgendwie auch Heiners gegenüber in ihren Gesprächen in Basel. Mir ist darüber ein Urteil nicht möglich, wie weit hier wirklich ernst geredet worden ist. Aber sicher ist es mir eben ein Zeichen dafür, daß Nelly den von ihr selber ins Auge gefaßten Schritt des Weggehens nicht als Möglichkeit eines neuen Anfanges aus eigener Kraft sieht, sondern wirklich nur als Ende, das nicht weiter führt, eben aus tiefem Mangel an allem eigenen Wollen und Können heraus. Und darum und von daher mein Eindruck, daß man sie dazu nicht ermuntern dürfte. Sie kann das nicht. Es wird viel gegenseitige «Lindigkeit» [vgl. Phil. 4,5], viel Verstehen und Tragenwollen für euch alle brauchen, um Tag für Tag durchzukommen. Aber — unsereiner hofft und hofft das ja von fernher unter Bangen und |417 Fragen — vielleicht geht es ja wirklich tragbar und so, daß alle doch miteinander ein wenig Luft zum Atmen haben, besser, als man immer wieder erwarten kann. Vielleicht muß es nun doch einfach an immer wieder verschlossenen Türen vorbei so weitergehen für euch alle. Vielleicht müssen die «Lösungen» wirklich ausbleiben und darf doch das bißchen Öl im Krug und Mehl im Kad, das Ihr alle täglich braucht zum Leben, nicht ausgehen zwischen euch [vgl. 1.Kön. 17,14–16]. Ihr seid ja auch im übrigen durchaus und immer neu auf diese Hoffnung gestellt. Und bisher ist es ja gegangen. —
Und unterdessen rollt und rollt der Chrysler mit Ruedi und Gerty durch Iberien und nähert sich bereits wieder dem Bergli. Was für ein Stapel von Leicabildern wird sich da wieder aufgetürmt haben! Wie fern, wie fern liegt im übrigen der gute, letzte Sonntag über dem Zürichsee wieder für uns alle … «parlez moi d’amour…»24, Lollo! Wann werden wir im neuen Chrysler wieder einmal eine freundliche Fahrt zusammen unternehmen?
Ich muß schließen in Anbetracht der allerlei kleineren Sorgen, die auf mich warten. Aber seid alle herzlich gegrüßt. Marguerite grüßt treulich mit!