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2. Juni 1933
Auf deinen Brief hatten wir sehr gewartet, und du sollst doch gleich ein Echo haben, ein vorläufiges, bis dann Karl einmal die Zeit findet, dir von Allem zu berichten. Also zunächst von uns beiden sehr herzlichen Dank für dein treues Begleiten, das trotz deiner vielen Arbeit nun in einem so guten Brief uns heute wieder ganz besonders spürbar hat werden dürfen. — Auch für die Beilagen danken wir dir. Die Briefe von K. Lindt waren ja eher betrüblich, aber vielleicht gerade darin auch be|418greiflich. Karl ist eben dabei, ihm mit ein paar Begleitzeilen noch die wichtigsten Stücke seiner Korrespondenz mit Nelly aus den Ferien zuzuschicken1, damit er aus etwas besserer Sachkenntnis vielleicht auch etwas verstehender mitgehen kann. —
Wenn ich im Gegensatz zu deinem Brief mit dem «innersten Kreis» beginnen darf, so möchte ich dir dazu vor allem sagen, daß du wohl in der von dir angedeuteten Beurteilung unserer Lage auf der richtigen Spur bist. Ich glaube auch, daß der Weg, den wir noch vor ein paar Wochen für den allein möglichen hielten, uns, so wie die Dinge jetzt liegen, verwehrt ist. Und eben aus dem von dir ja ausgesprochenen Grunde, daß nämlich N. ihn nicht so gehen kann, daß er zu dem Weg würde, den Karl ja wesentlich um ihretwillen einschlagen wollte. Und nun gehen wir eben den alten und doch nicht mehr «alten» Weg weiter, darum nicht mehr, weil er ja wirklich nun noch unter einem etwas anderen Aspekt steht als vorher. Äußerlich scheint er fast etwas leichter geworden, obwohl auch da natürlich Vorsätze und Durchführung oft genug klaffen. Innerlich empfinde ich ihn als die traurigste Strecke unseres ganzen bisherigen Weges, da er unter dem Vorzeichen eines so völligen Mißverstehens steht, daß irgend eine konkrete Hoffnung wenigstens im Augenblick nicht mehr gegeben scheint. Karl formulierte es gestern dahin: «man hat jetzt eben auch noch aufgehört, miteinander zu kämpfen», m. a. W: eine wirkliche Bewegung hat dieser Weg nicht mehr. Daß er trotzdem gegangen sein will, und zwar nicht in Auflehnung und Lieblosigkeit, sondern im Ertragen des Unerträglichen und in der Bereitschaft für den Anderen (oh Eduard, das sind sehr schöne Worte!), das weiß ich, auch wenn ich es nicht kann. Ich kann es nämlich nicht, sondern ich bin immer wieder in Auflehnung. Nelly hat, nachdem Karl den Plan der Scheidung zurückzog, in völligem Mißverstehen dessen, was nun geschehen war und aus welcher Resignation heraus dieses Zurückziehen erfolgte, in einer erstaunlichen Unbekümmertheit damit gerechnet, daß es nun «leichter» geworden sei und daß wir unsererseits uns nun dankbar dazu stellen müßten, daß sie die Bereitschaft gefun|419den habe, diesen Weg fortzusetzen. In dieser «Dankbarkeit» habe ich versagt (ich will jetzt nur von mir und nicht von Karl reden), und der Glaube an diese Bereitschaft hat mir gefehlt. Wie weit Nelly das zu spüren bekam, weiß ich nicht, zu Gesprächen kam es nicht mehr. Aber das ist mir die schwere Frage, die jeden Morgen wieder neu da steht: Wird es nun für alle Zukunft wirklich sich nur mehr darum handeln können, in völliger Aussichtslosigkeit in einem äußeren Nebeneinander weiterzugehen, wobei das «Nebeneinander» zu dem vorhergehenden mühsamen und problematischen «Miteinander» ja ohne Zweifel eine gewisse Kraftersparnis bedeutet, die vor allem Karl dankbar empfindet? Vielleicht muß es jetzt so sein, und vielleicht ist das die Weisung aller dieser Ereignisse in den Ferien, daß wir nun Nelly «innerlich» einfach ihren Weg ziehen lassen müssen in der ganzen Ärgerlichkeit, die das bedeutet, aber auch in der gewissen Erleichterung, es nun zu dürfen. So hat Karl es mir gestern erklärt, als ich ihm in einem etwas betrübten Augenblick die Frage stellte: «Siehst du noch einen Sinn in dem Ganzen?»
Lieber Eduard, ich weiß, daß du das alles nicht ohne Kopfschütteln wirst lesen können und dir denkst, daß diese ganze «Aufrechnung» ja gewiß stimmen mag, daß es ja aber jetzt eben um etwas unendlich viel Einfacheres gehen müßte, nämlich um das bißchen Liebe, das es brauchte, den Anderen auch in seiner nahezu totalen Rätselhaftigkeit und Andersartigkeit nun eben ein bißchen lieb zu haben. Und dieses unendlich viel Einfachere ist das, was nicht gelingt. Du mußt mir gar nichts dazu sagen. Ich sage mir selber Alles, Alles, was sich vielleicht überhaupt dazu sagen läßt, und dennoch: ich kann es nicht. Jeder Tag ist ein neuer Mißerfolg. Aber damit, daß ich das ausspreche, ist nichts geholfen. —
Das ist der «innerste Kreis». — Und um ihn herum bewegt sich das ganze jetzt so ereignisreiche Leben, so weit es uns durch Karls Arbeit unmittelbar oder auch durch Nachrichten aus größerer und kleinerer Ferne mittelbar berührt. — Wir können es wirklich nur mit staunender Verwunderung hinnehmen, wie gut und kampflos sich bis jetzt Karls Schifflein seinen Weg durch die aufgeregten Wellen bahnen durfte und wie auch alle Versuche von außen (etwa durch die Deutschen Christen2) sein gutes Einvernehmen mit den Studenten nicht stören konn|420ten. Jeden Morgen darf er, nachdem nun gerade «Schleiermacher» über die Bühne gegangen ist3, vor einer großen, aufmerksamen Zuhörerschar die wirklich ganz besonders wichtige Johannes-Vorlesung vortragen, und Stahlhelmer und Nazis sitzen in ihren Uniformen da (an den Wänden hängen ihre Uniformsmützen!) und horchen und schreiben. Und im Calvinseminar und in den Predigtübungen finden sie sich mehr oder weniger vollzählig auch wieder ein und lassen sich Dinge sagen, die mit dem dritten Reich gar herzlich wenig zu tun haben!! Vor den letzten Übungen hat Karl eine lange, sehr bedächtige und sehr eindrucksvolle kleine Ansprache an seine Studenten gehalten über die Pflichten des Theologiestudenten (zu denen er durchaus auch sich sel|421ber rechne!) im Sommersemester 1933.4 Den Anlaß dazu bot uns die jetzt so naheliegende Zerstreuung durch die Ereignisse auf politischem und kirchlichem Gebiet und eigentlich vor allem eine Bemerkung Georgs in einem Brief an einen Studenten5, die einen kleinen Zweifel an der Bedeutsamkeit theologischer Arbeit im gegenwärtigen Augenblick aufkommen ließ. Karl legte ihnen nahe, daß gerade jetzt nur ganz ernsthafte theologische Arbeit ein sinnvolles Tun sein könnte und daß ihre Mitarbeit am Aufbau ihres Volkes und ihrer Kirche nur da durch gehen könnte. Sie haben das gut begriffen, und ich habe manche dankbare Äußerung gehört über diesen Zuruf. Sie können einen ja wirklich dauern, diese armen jungen Leute, die von allen Seiten nur noch Losungen und Parolen zugerufen bekommen und jeder wirklichen Führung doch einfach weithin entbehren müssen. — Aus dem Brief an Georg hast du wohl von den Vorgängen in Berlin gehört6, auch daß Hirschs Schüler Vogelsang7 dort Ministerialrat geworden ist (Richter hat man unter übelsten Umständen an die Luft gesetzt8) und nun «Säuberungsarbeit» |422 an den Fakultäten vornehmen will. Das hat natürlich auch die Lage für Bonn verändert. «Man» ist hier nicht gewillt, dieser Gewalt zu weichen, und eine Rettungsaktion für Karl Ludwig wird bereits in die Wege geleitet.9 Davon schreibt Karl dir, wenn erst Alles etwas geklärter ist.— Auch das Bekenntnis unserer deutschen Kirche hast du gelesen und wohl auch gesehen, daß sie die hl. Schrift vergessen und Jesus Christus zum «Kämpfer» gemacht haben, während der heilige Geist etwas dürftig bedacht wurde.10 Karl hat noch sehr eindringlich versucht, via Hesse |423 einige Korrekturen anzubringen, aber es ist nicht mehr gelungen. Hingegen wurden seine 14 Düsseldorfer Thesen11 grundlegend für das offizielle reformierte Bekenntnis12. —
Ach, ja Eduard … parlez moi d’amour …
Grüße Marguerite und seid beide gegrüßt, herzlich und dankbar, von Karl und mir
Vom Bergli geht dir nach Ruedis Rückkehr eine Mappe mit Korrespondenzen zu, die dich, euch, gewiß auch interessieren.
Alles Gute zur Vortragsreise!
Lieber Eduard, wir würden eine kleine «Kollekte» veranstalten zur Deckung der Reisekosten, wenn du, ach wenn du den Rhein nach nordwärts rührest und eines Abends in Bonn ausstiegst. Kannst du nicht??