6. Juni 1933 – 9. Juni 1933

Charlotte von Kirschbaum an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard,

hier eine Korrespondenz, die dich als weiterer Beitrag zur «Lage» interessieren mag. Inzwischen hast du ja selber etwas deutsche Luft geatmet! —

Ich war an Pfingsten in Bethel1, hörte eine Ansprache von Bodelschwingh (er stellte sich seiner Bethelgemeinde als Bischof vor)2 und ei|424ne Predigt von Georg und hatte mit diesem einen Abend unter schwierigen, aber notwendigen Gesprächen. Sie haben mir sein Dransein, sachlich und persönlich, neu gezeigt, und sie haben andererseits ermöglicht, ihn zu hindern, Karl mit psychologischen Erklärungen zu belasten, wo für diesen entscheidend wichtige theologisch-kirchliche Einwände gegen Georgs Weg im Augenblick vorliegen. Ich glaube, es war gut, daß dies alles zur Sprache kam, auch wenn das Ergebnis nicht das sein kann, Wege, die sich sicher notwendig scheiden, aufzuhalten.3 Bodelschwinghs Rede war sehr sympathisch, aber das kann ja die grundsätzliche Frage gar nicht berühren. Karl ist sehr erstaunt, wie hemmungslos jetzt alle «Gutgesinnten» — auch in der Schweiz — diese vergessen und sich von der diakonischen Haltung4 beeindrucken lassen. —

Mit herzlichen Grüßen
Lollo

Sachfußnoten

1
Da Barth keine Zeit hatte, war Ch. von Kirschbaum an seiner Stelle am 4./5.6.1933 nach Bethel gefahren, um die Differenzen zwischen ihm und Merz zu klären. Offenbar unterbreitete sie dabei Merz auch Barths Kritik an dessen öffentlichem Eintreten für Bodelschwingh in Berlin (s. Anm. 4); vgl. Lichtenfeld, S. 300, Anm. 148, und S. 317f 📖.↩
2
D. Friedrich von Bodelschwingh (1877–1946), seit 1910 Leiter der von seinem Vater gegründeten Bodelschwinghschen Anstalten in Bethel bei Bielefeld, war seit dem 26.5.1933 der kirchliche Kandidat für das neuzuschaffende Amt des Reichsbischofs (vgl. oben S. 412, Anm. 10).↩
3
U. a. durch seine Mitgliedschaft in einem theologischen Arbeitskreis unter H. Asmussens Leitung hatte G. Merz den kirchenpolitischen Vorstoß des ehemaligen westfälischen Generalsuperintendenten Wilhelm Zoellner faktisch unterstützt, der in seinem «Aufruf an alle Lutheraner» vom 13.4.1933 angeregt hatte, die Frage der Kirchenreform nicht primär vom Verhältnis zwischen Staat und Kirche, sondern vom Problem Kirche und Bekenntnis aus zu betrachten (abgedruckt bei van Norden, S. 55f. 📖; Schmidt 1933, S. 140f. 📖; vgl. Scholder I, S. 372–376 📖; Gauger I, S. 72 📖). Darüber war es zwischen Barth und Merz — wie auch zwischen Barth und Asmussen — zur Auseinandersetzung gekommen. Vgl. Th.Ex.h. 1933, S. 11–18.117f. (dort Abdruck des Hauptteils der Briefe Barths an Merz vom 21.4.1933 und vom 29.4.1933) 📖; Lichtenfeld, S. 288–294 📖; Scholder I, S. 551f.; ferner Merz’ Stellungnahme nach Erscheinen von «Theologische Existenz heute!» unter dem Titel «Mitteilungen und Hinweise» in: ZZ, Jg. 12 (1933), S. 374–376. 📖 ↩
4
Am Schluß eines am 27.5.1933 veröffentlichten Grußwortes Bodelschwinghs heißt es: «Ich habe dieses Bischofsamt für mich nicht begehrt, sondern ich gehe den Weg des Gehorsams. Wenn die verantwortlichen Männer der Kirche mich beauftragt haben, der ich aus einer Arbeit an Armen und Kranken komme, so zeigt das den Weg, den ich auch weiter zu gehen habe. Es ist der Weg der Diakonie. Ginge es nach mir, so würde ich lieber Reichsdiakon als Reichsbischof genannt werden. Aber es liegt nicht am Namen. Seinen Namen soll das Amt bekommen durch einen Willen, der nicht herrschen, sondern dienen möchte in der demütigen Nachfolge Dessen, der ‹nicht gekommen ist, daß er sich dienen läßt, sondern daß er diene und gebe sein Leben zur Erlösung für viele› [Mt. 20,28 par.] …» (Abdruck mit den Hervorhebungen bei van Norden, S. 79f., Zitat dort S. 80 📖; Teilabdruck bei Gauger I, S. 82 📖; Zitat bei Scholder I, S. 421 📖, mit leichten Abweichungen). Am 1. Juni hatte Merz auf einer von der jungreformarorischen Bewegung organisierten «Vertrauenskundgebung» für Bodelschwingh einen Vortrag gehalten, dessen Typoskript «Bischof und Diakon» überschrieben ist (unveröffentlicht); vgl. Lichtenfeld, S. 297–300 📖; zu Merz’ Haltung gegenüber Bodelschwingh a.a.O., S. 294–305. ↩