9. Juni 1933

Nelly Barth an Marguerite Thurneysen

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Liebe Marguerite,

die aufblühenden zarten Narzissen vom Genfersee, die Du Lollo schenktest, brachte sie mir mit. Das war etwas Liebes auf den Schreibtisch, und sie blühten und dufteten noch lang! […]

Ich hatte Eduards Brief Karl zu lesen gegeben, aber mir werden Karls Freundes und andere Briefe nicht mehr gezeigt ( — die Ausschließung ist härter durchgeführt). Ich hatte Eduard seinen eingehenden, guten Brief längst beantworten wollen und habe es in Gedanken ausführlich getan. Aber ich bitte Dich, ihm vorläufig meinen Dank zu sagen. Es könnte sein, daß ein mündliches Gespräch im August besser dienen würde als ein Brief jetzt. Ich weiß und lebe mit keinem anderen Halt als mit der Zuversicht des Glaubens. Ich vergesse nicht, daß eine Furcht vor eigenem Unrechttun und Blindsein am Platze ist, versteht mich nicht falsch. Wer unsere Tage sähe, dürfte bezeugen, daß ich meinen einsamen Ort bezogen habe, ohne Anklagen, ohne jeden Versuch, etwas Liebes zu verlangen. (Die jüngeren Kinder schenken ja Liebe in Fülle — die großen werde ich im August und September wieder nah haben.)

Je und je versuche ich nebst den Zeitungen wichtige Berichte oder Dokumente aus der täglich neu bewegten Lage zu erbitten. Mehr oder weniger willig gibt sie mir dann Lollo oder Karl. Briefe kommen ab und zu von meiner Mutter, von Helene in Lissabon2, von Nelly Ferrero und Frau Stoevesandt3. Diese sind vollkommen getreu, tapfer, voller Güte. Auf Fränzelis Heimkehr4 sehe ich wohl mit Freude, aber mehr noch mit Bangen hin. […]

Vor einigen Tagen kam die Rede auf die Sommerferien. Vorher dachte man in der allgemeinen Aufgeschmissenheit nicht an solche luxuriöse Möglichkeiten. Fabelhaft, vielleicht gibt es einen Bergaufenthalt in der Schweiz. Meinst Du, in oder Richtung Engelberg könnte man 2-3 Zimmer mieten mit einfacher Koch|426gelegenheit für morgens und abends? Mittagessen in einem Gasthause? Ein Chalet wäre zu groß und zu teuer. Vier Kinder kämen mit mir, wenn Fränzeli Mitte August nachreisen dürfte. Matthis freut sich auf Lindau, H. Gollwitzer hat ihn wieder freundlich eingeladen5 — Karl und Lollo wollen, daß er dorthin gehe. Ich denke auch, die bubenhaften Beschäftigungen erfreuen ihn dort und es bekomme ihm gesundheitlich vielleicht auch gut. […]

Euch allen wünsche ich schöne erquickende Wochen in Adelboden! Klossners6 sind ja besonders erfreuliche Leute! Unsere Kleinen erheben Adelboden und jenes Haus über alles Schöne. […]

Lebe wohl, liebe Marguerite! Grüße Eduard herzlich — und Dorothee. Ich habe Euer Familienleben schön und lebendig vor mir.

Herzlich
Euere
Nelly

Sachfußnoten

1
Original: Juli. — Da Engelberg (Kanton Obwalden), von Nelly Barth im vorliegenden Brief erstmals als Urlaubsort erwogen, am 8.7.1933 bereits als ihr Ferienziel feststand (vgl. unten S. 457), muß dieser Brief vor dem von ihr angegebenen Datum entstanden sein. Die Annahme liegt nahe, daß eine Verwechslung der fast gleichlautenden Monatsnamen Juni und Juli vorliegt. Der von E. Thurneysen am 11.7.1933 erwähnte, von Nelly Barth «vor vielen Wochen» an seine Frau gesandte Brief — der eine tiefe «Resignation und Müdigkeit» habe erkennen lassen (vgl. unten S. 464) — könnte auch dem Inhalt nach mit dem hier vorliegenden Schreiben identisch sein.↩
2
Nelly Barths Schwester Anna Helena de Abreu, geb. Hoffmann (1885 – 1968), lebte mit ihrer Familie in Lissabon.↩
3
Briefe nicht erhalten.↩
4
Rückkehr von ihrem viermonatigen Aufenthalt in Schweden; vgl. oben S. 334, Anm. 65.↩
5
H. Gollwitzer stammte aus Lindau und arbeitete dort an seiner Doktorarbeit.↩
6
In dem Chalet der Familie Klossner, für einige Jahre Thurneysens Ferienwohnsitz, hatte Familie Barth zusammen mit Ch. von Kirschbaum 1930 die Sommerferien verbracht.↩