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27. Juni 1933
Deine Stimme gestern am Telephon war ein so willkommener Gruß auf unserem heftig in Wind und Wellen schaukelnden und allen Anzeichen nach sinkenden Schiff, daß ich ihn doch noch erwidern möchte. Ich hätte noch im Frühjahr nicht gedacht, daß ich noch einmal so in den Strudel der Geschichte geraten würde, wie es jetzt der Fall ist, wo wirklich eine Nachricht und Entscheidung die andere jagt und jeder Tag auch irgend etwas abschließend Klotziges bringen könnte. Meine Broschüre1 ist unterdessen in deine Hände gekommen, nehme ich an.
427 Ihr werdet in der Schweiz in Rechnung stellen müssen, daß ich noch sehr viel mehr hätte sagen können, aber teilweise «ufs Mul hogge»2 mußte, um nur wenigstens das sagen zu können. Und auch das kann mir das Genick brechen seit der am Samstag geschaffenen Situation3, die eben einfach bedeutet, daß die D. Chr., gehalten durch den Arm des Staates, eine Art Diktatur in der Kirche führen. Worin die besteht, wird ja noch abzuwarten sein, aber sieh dir nur die Gesichter von Müller4 und Hossenfelder5 in der mir eben zugekommenen letzten Nr. der Basl. Nachr.6 an (der Mann, der in der Mitte zwischen den beiden |428 grinst, ist übrigens Hirsch7!) — das heißt finis Ecclesiae! Oeri hatte sehr recht, wenn er neulich schrieb: «Der braune Tod geht durch die deutschen Lande»8! Genau das entspricht der Stimmung, in der wir seit Wochen und nun also auch in der Kirche leben. Menschlich geredet ist’s einfach verzweifelt. Ich lese ununterbrochen meine Theologie-Geschichte und das Johannesevangelium (froh, diesmal für beides brauchbare alte Hefte zu haben — du liebe Zeit, wenn man jetzt produzieren sollte!) und die drei Seminare (neuerdings noch eine Arbeitsgemeinschaft über die 14 Thesen von Düsseldorf [die sind wichtiger, als es wahrscheinlich von der Schweiz aus aussieht!]9). Die Studenten sind in großen Scharen und sehr ernsthaft dabei, aber o je, das Ganze erinnert doch sehr an den Untergang der Titanic, wo die Musik ja auch noch bis zuletzt spielte: «Näher mein Gott zu dir …»10 Ich bin jetzt im Begriff, noch eine zweite Flugschrift für die Pfarrer abzufassen im Blick |429 auf die neue Lage.11 Es ist ja Alles wie in den Sturm geschwätzt, aber vielleicht haftet die eine oder andere Formulierung irgendwo in der Stille und für die Zukunft. Gestern Abend wurde ich (nun wohl schon zum 4. oder 5. Mal muß ich dort hinübersausen) nach Elberfeld gerufen, wo der wackere, aber wenig überlegene D. Hesse12 (vom «Dreimännerkollegium»)13, der mich überhaupt öfter konsultiert hat, mit mir reden wollte wegen der Fortsetzung des Trauerspiels, die heute in Berlin vor sich geht14, und wo überdies eine ganze Pfarrerkonferenz (et |430 wa 16 Mann von Elberfeld und Barmen) wartete, denen ich dann ex tempore einen kleinen Vortrag halten mußte (bei diesem Anlaß wurde mir der Inhalt der zweiten Broschüre «geschenkt»!!). Auch diese guten Leute sind Offiziere ohne Soldaten (die sind alle zu den D. Chr. abgeschwommen!) und überdies Offiziere, die z. T. selber schon höchst unsicher operiert haben. Ich habe geredet, zugeredet, überredet, gesprochen und geschrieen, was das Zeug hielt, einen D. Chr. (den völlig haltlosen O. Weber15, der aber eine wichtige Position hat) förmlich angefleht, er möchte von dieser Ketzerei lassen und zur Gemeinde zurückkehren. Ich mußte dann wieder in den D-Zug, um heute 7 Uhr wieder da zu sein zur Vorlesung, und übersehe nicht im Geringsten, ob ich etwas ausge|431richtet habe. Und ob meine Broschüren auch nur herauskommen bzw. verkauft werden dürfen, ist ganz ungewiß. Wir haben hier schon vor acht Tagen bei der Propaganda der D. Chr. Unglaubliches an Rechtsbeugung erlebt16, und man muß auf Vieles, Vieles gefaßt sein. —
Wenn doch nur jemand bei euch — vielleicht redest du einmal mit Karl Sartorius17 — den braven Schweizern sagen wollte, sie sollten doch |432 nicht so dumm sein, mit diesem Feuer, mit dem Faschismus, auch nur zu spielen. Sag ihm, die Basl. Nachr. seien mir nicht oder weniger hinsichtlich der Beurteilung der deutschen Dinge, aber hinsichtlich der Stellungnahme zu der schweizerischen Nachahmung18 viel zu leisetreterisch! Man müßte dort dem Volk wirklich in die Ohren schreien, daß dieses System das Ende aller Dinge bedeutet, daß sich vorher wohl gemächlich (so im Stil von Heiner!) darüber reden läßt, aber wehe, wenn es einmal da ist. Freilich: wenn ihm die Liberalen, Freisinnigen, Katholiken und Sozialdemokraten nicht etwas Substanzielles positiv entgegenzusetzen haben, dann holt euch der Teufel sicher auch noch19, das sollte man sich jetzt sicher deutlich machen. Diese Nachrichten aus der Schweiz beunruhigen mich jetzt manchmal fast noch mehr als unsere eigenen Dinge, weil ich den Eindruck habe, man weiß dort gar nicht, mit was und wem man es zu tun hat. Wenn man hier auch nur den kleinen Finger gibt!! Sag ihnen doch einmal, z. B. bei einem Schwarzen Kaffee20, sie hätten, wenn sie wüßten, wie es aus der Nähe ist, alle Hände voll zu tun, um der Schweiz dieses namenlose Unglück zu ersparen!
Eben kommt die Zeitung mit der Nachricht, daß Hitler ein Werkzeug Gottes ist, die Kirche nur durch die Nation besteht und nun auch |433 Dibelius abgesetzt ist.21 Wer hätte sich träumen lassen, daß er, der Prediger von Potsdam22, mein alter Feind und nun beinahe Freund23, noch |434
vor mir fliegen müßte!! Vanitas vanitatum [Pred. 1,2 (Vulgata)], die Reihe wird schon auch noch an mich kommen. Aber was soll aus allen denen unter meinen Schülern und Studenten werden, die fest bleiben werden? Sie laufen alle mit verstörten Gesichtern herum und wissen nicht, was werden soll. Rudi müßte jetzt ein ganzes weitläufiges Kloster (aber freilich auch mit einer Abteilung für die in Betracht kommenden Jungfrauen) errichten, wenn man der Lage gerecht werden wollte. Ja, Eduard, man kann nur noch lachen oder heulen, wenn man Alles bedenkt. Am Samstag kommt Hirsch hieher zu einem Vortrag24, der nach Allem, was dieser Unsinnige bis jetzt zur Sache geredet, das Schlimmste bringen wird. Man macht jetzt solche Dinge meist ohne Diskussion. Wird eine solche sicher in Aussicht gestellt, dann muß ich eben hingehen und kann dann nur eine scharfe Erklärung abgeben und mich zurückziehen. Ich wünschte schon beinahe, es würde im richtigen Stil dieser Leute keine Diskussion in Aussicht gestellt, so könnte ich zu Hause bleiben. Nützen tut’s im Augenblick doch nichts mehr. …nun ja, «alles Ding hat seine Zeit …»25
Was mag jetzt Hartenstein für ein Gesicht machen? Die entsprechenden deutsch-nationalen, christlich-volksdienstlichen26 etc. Gesichter |435 hierzulande sind alle schon sehr lang geworden. Und die Kirchenpolitik unseres Freundes Georg27 war mit aller ihrer Gescheitelei nun wirklich nichts. Die Bischofswahl war eine Tragikomödie von A bis Z und der gute Bodelschwingh — an den auch Helmi Vischer mit einer Art Mystik glaubt — keine gute Figur im Ganzen. Größe und Weisheit hätte er einzig und allein damit beweisen können, daß er sich auf das ganze Theater nicht eingelassen hätte, sondern schön in Bethel geblieben wäre. Und Georgius hätte wirklich auch besser getan, seine homiletischen Übungen zu halten, statt sie dem Geschwätz über die Kirchenfrage zu opfern.28
Grüße Marguerite und grüße alle Freunde! Lollos Beistand in alle dem ist geradezu unschätzbar. (Das brauchst du ja nicht allen Freunden mitzuteilen, aber denen, die es wissen sollen.)
Mit herzlichem Gruß «aus dem Gefechtsstand»