27. Juni 1933

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Deine Stimme gestern am Telephon war ein so willkommener Gruß auf unserem heftig in Wind und Wellen schaukelnden und allen Anzeichen nach sinkenden Schiff, daß ich ihn doch noch erwidern möchte. Ich hätte noch im Frühjahr nicht gedacht, daß ich noch einmal so in den Strudel der Geschichte geraten würde, wie es jetzt der Fall ist, wo wirklich eine Nachricht und Entscheidung die andere jagt und jeder Tag auch irgend etwas abschließend Klotziges bringen könnte. Meine Broschüre1 ist unterdessen in deine Hände gekommen, nehme ich an.

427 Ihr werdet in der Schweiz in Rechnung stellen müssen, daß ich noch sehr viel mehr hätte sagen können, aber teilweise «ufs Mul hogge»2 mußte, um nur wenigstens das sagen zu können. Und auch das kann mir das Genick brechen seit der am Samstag geschaffenen Situation3, die eben einfach bedeutet, daß die D. Chr., gehalten durch den Arm des Staates, eine Art Diktatur in der Kirche führen. Worin die besteht, wird ja noch abzuwarten sein, aber sieh dir nur die Gesichter von Müller4 und Hossenfelder5 in der mir eben zugekommenen letzten Nr. der Basl. Nachr.6 an (der Mann, der in der Mitte zwischen den beiden |428 grinst, ist übrigens Hirsch7!) — das heißt finis Ecclesiae! Oeri hatte sehr recht, wenn er neulich schrieb: «Der braune Tod geht durch die deutschen Lande»8! Genau das entspricht der Stimmung, in der wir seit Wochen und nun also auch in der Kirche leben. Menschlich geredet ist’s einfach verzweifelt. Ich lese ununterbrochen meine Theologie-Geschichte und das Johannesevangelium (froh, diesmal für beides brauchbare alte Hefte zu haben — du liebe Zeit, wenn man jetzt produzieren sollte!) und die drei Seminare (neuerdings noch eine Arbeitsgemeinschaft über die 14 Thesen von Düsseldorf [die sind wichtiger, als es wahrscheinlich von der Schweiz aus aussieht!]9). Die Studenten sind in großen Scharen und sehr ernsthaft dabei, aber o je, das Ganze erinnert doch sehr an den Untergang der Titanic, wo die Musik ja auch noch bis zuletzt spielte: «Näher mein Gott zu dir …»10 Ich bin jetzt im Begriff, noch eine zweite Flugschrift für die Pfarrer abzufassen im Blick |429 auf die neue Lage.11 Es ist ja Alles wie in den Sturm geschwätzt, aber vielleicht haftet die eine oder andere Formulierung irgendwo in der Stille und für die Zukunft. Gestern Abend wurde ich (nun wohl schon zum 4. oder 5. Mal muß ich dort hinübersausen) nach Elberfeld gerufen, wo der wackere, aber wenig überlegene D. Hesse12 (vom «Dreimännerkollegium»)13, der mich überhaupt öfter konsultiert hat, mit mir reden wollte wegen der Fortsetzung des Trauerspiels, die heute in Berlin vor sich geht14, und wo überdies eine ganze Pfarrerkonferenz (et |430 wa 16 Mann von Elberfeld und Barmen) wartete, denen ich dann ex tempore einen kleinen Vortrag halten mußte (bei diesem Anlaß wurde mir der Inhalt der zweiten Broschüre «geschenkt»!!). Auch diese guten Leute sind Offiziere ohne Soldaten (die sind alle zu den D. Chr. abgeschwommen!) und überdies Offiziere, die z. T. selber schon höchst unsicher operiert haben. Ich habe geredet, zugeredet, überredet, gesprochen und geschrieen, was das Zeug hielt, einen D. Chr. (den völlig haltlosen O. Weber15, der aber eine wichtige Position hat) förmlich angefleht, er möchte von dieser Ketzerei lassen und zur Gemeinde zurückkehren. Ich mußte dann wieder in den D-Zug, um heute 7 Uhr wieder da zu sein zur Vorlesung, und übersehe nicht im Geringsten, ob ich etwas ausge|431richtet habe. Und ob meine Broschüren auch nur herauskommen bzw. verkauft werden dürfen, ist ganz ungewiß. Wir haben hier schon vor acht Tagen bei der Propaganda der D. Chr. Unglaubliches an Rechtsbeugung erlebt16, und man muß auf Vieles, Vieles gefaßt sein. —

Wenn doch nur jemand bei euch — vielleicht redest du einmal mit Karl Sartorius17 — den braven Schweizern sagen wollte, sie sollten doch |432 nicht so dumm sein, mit diesem Feuer, mit dem Faschismus, auch nur zu spielen. Sag ihm, die Basl. Nachr. seien mir nicht oder weniger hinsichtlich der Beurteilung der deutschen Dinge, aber hinsichtlich der Stellungnahme zu der schweizerischen Nachahmung18 viel zu leisetreterisch! Man müßte dort dem Volk wirklich in die Ohren schreien, daß dieses System das Ende aller Dinge bedeutet, daß sich vorher wohl gemächlich (so im Stil von Heiner!) darüber reden läßt, aber wehe, wenn es einmal da ist. Freilich: wenn ihm die Liberalen, Freisinnigen, Katholiken und Sozialdemokraten nicht etwas Substanzielles positiv entgegenzusetzen haben, dann holt euch der Teufel sicher auch noch19, das sollte man sich jetzt sicher deutlich machen. Diese Nachrichten aus der Schweiz beunruhigen mich jetzt manchmal fast noch mehr als unsere eigenen Dinge, weil ich den Eindruck habe, man weiß dort gar nicht, mit was und wem man es zu tun hat. Wenn man hier auch nur den kleinen Finger gibt!! Sag ihnen doch einmal, z. B. bei einem Schwarzen Kaffee20, sie hätten, wenn sie wüßten, wie es aus der Nähe ist, alle Hände voll zu tun, um der Schweiz dieses namenlose Unglück zu ersparen!

Eben kommt die Zeitung mit der Nachricht, daß Hitler ein Werkzeug Gottes ist, die Kirche nur durch die Nation besteht und nun auch |433 Dibelius abgesetzt ist.21 Wer hätte sich träumen lassen, daß er, der Prediger von Potsdam22, mein alter Feind und nun beinahe Freund23, noch |434 vor mir fliegen müßte!! Vanitas vanitatum [Pred. 1,2 (Vulgata)], die Reihe wird schon auch noch an mich kommen. Aber was soll aus allen denen unter meinen Schülern und Studenten werden, die fest bleiben werden? Sie laufen alle mit verstörten Gesichtern herum und wissen nicht, was werden soll. Rudi müßte jetzt ein ganzes weitläufiges Kloster (aber freilich auch mit einer Abteilung für die in Betracht kommenden Jungfrauen) errichten, wenn man der Lage gerecht werden wollte. Ja, Eduard, man kann nur noch lachen oder heulen, wenn man Alles bedenkt. Am Samstag kommt Hirsch hieher zu einem Vortrag24, der nach Allem, was dieser Unsinnige bis jetzt zur Sache geredet, das Schlimmste bringen wird. Man macht jetzt solche Dinge meist ohne Diskussion. Wird eine solche sicher in Aussicht gestellt, dann muß ich eben hingehen und kann dann nur eine scharfe Erklärung abgeben und mich zurückziehen. Ich wünschte schon beinahe, es würde im richtigen Stil dieser Leute keine Diskussion in Aussicht gestellt, so könnte ich zu Hause bleiben. Nützen tut’s im Augenblick doch nichts mehr. …nun ja, «alles Ding hat seine Zeit …»25

Was mag jetzt Hartenstein für ein Gesicht machen? Die entsprechenden deutsch-nationalen, christlich-volksdienstlichen26 etc. Gesichter |435 hierzulande sind alle schon sehr lang geworden. Und die Kirchenpolitik unseres Freundes Georg27 war mit aller ihrer Gescheitelei nun wirklich nichts. Die Bischofswahl war eine Tragikomödie von A bis Z und der gute Bodelschwingh — an den auch Helmi Vischer mit einer Art Mystik glaubt — keine gute Figur im Ganzen. Größe und Weisheit hätte er einzig und allein damit beweisen können, daß er sich auf das ganze Theater nicht eingelassen hätte, sondern schön in Bethel geblieben wäre. Und Georgius hätte wirklich auch besser getan, seine homiletischen Übungen zu halten, statt sie dem Geschwätz über die Kirchenfrage zu opfern.28

Grüße Marguerite und grüße alle Freunde! Lollos Beistand in alle dem ist geradezu unschätzbar. (Das brauchst du ja nicht allen Freunden mitzuteilen, aber denen, die es wissen sollen.)

Mit herzlichem Gruß «aus dem Gefechtsstand»
Dein
Karl

Sachfußnoten

1
Wohl eine Durchschrift des Typoskripts vonBarths Schrift Theologische Existenz heute! (ZZ Beiheft 2), München 19331-7 📖, die am 1.7.1933 im Buchhandel war (s. Th.Ex.h. 1933, S. 7 📖; Faksimile einer Manuskriptseite bei Scholder I, Abb. 72 📖). — Zu den Umständen der Niederschrift vgl. H. Stoevesandt, «Von der Kirchenpolitik zur Kirche!» Zur Entstehung von Karl Barths Schrift «Theologische Existenz heute!» im Juni 1933, in: ZThK, Jg. 76 (1979), S. 118–138 📖; kürzer: Th.Ex.h. 1933, S. 20–23; Scholder I, S. 552f., und Lichtenfeld, S. 306–308 📖, die einer auf H. Gollwitzer zurückgehenden, verbreiteten Legende um die Entstehung der Broschüre entgegentreten, Barth habe eine erste, politisch scharfe Fassung der Streitschrift nach Kritik durch Ch. von Kirschbaum und H. Traub verworfen und deshalb widerwillig die schließlich veröffentlichte zweite, gemilderte Fassung an einem einzigen Tag niedergeschrieben.↩
2
= «auf dem Mund sitzen», also: schweigen.↩
3
Am Samstag, den 24.6.1933 erfuhren die in Eisenach tagenden Mitglieder von Kirchenausschuß und Kirchenbundesrat von einer Verfügung des preußischen Kultusministers Rust vom Vortag: «Die Lage von Volk, Staat und Kirche verlangt Beseitigung der vorhandenen Verwirrung. Ich ernenne deshalb den Leiter der Kirchenabteilung im preußischen Kultusministerium, Jäger, für den Bereich sämtlicher evangelischer Landeskirchen Preußens zum Kommissar mit der Vollmacht, die erforderlichen Maßnahmen zu treffen.» Bodelschwingh, dessen schwache Unterstützung besonders von seiten der lutherischen Landeskirchen nun offensichtlich wurde, trat noch am selben Tag zurück. Vgl. Scholder I, S. 443–451 (Zitat dort S. 450) 📖; Meier I, S. 100f. 📖; Abdruck des Telegramms bei Gauger I, S. 84.86 📖; Kretschmar/Nicolaisen I, S. 69 📖. Die Nachricht von Jägers Einsetzung und die spätere von Bodelschwinghs Rücktritt zwangen Barth zu einer — zweiten und dritten — Umarbeitung des Manuskripts der «Theologischen Existenz heute!» (vgl. Th.Ex.h. 1933, S. 21f. 📖). — August Jäger (1887–1949), ehemaliger Landgerichtsrat, seit 1.3.1933 Mitglied der NSDAP, seit Anfang Mai Leiter des Kirchenkreises Groß-Wiesbaden der Glaubensbewegung Deutsche Christen; vgl. Scholder I, S. 444f. ↩
4
Johann Heinrich Ludwig Müller (1883–1945), im 1. Weltkrieg Marinepfarrer, seit 1926 Wehrkreispfarrer in Königsberg, seit 15.12.1932 ostpreußischer Provinzialleiter der Glaubensbewegung Deutsche Christen, am 25.4.1933 Ernennung zum Bevollmächtigten Hitlers für die Angelegenheiten der evangelischen Kirchen mit dem besonderen Auftrag, die Arbeiten zur Schaffung einer deutschen evangelischen Reichskirche zu fördern, 16.5.1933 Bekanntgabe der Übernahme der Oberleitung der Deutschen Christen, am 23.5.1933 nur als deren «Schirmherr» bestätigt; seit dem 24.5.1933 war seine Kandidatur zum Reichsbischofsamt öffentlich; vgl. Schneider 📖; Scholder I, S. 390–392 📖. ↩
5
Joachim Gustav Wilhelm Hossenfelder (1899–1976), seit 1.4.1929 Mitglied der NSDAP, 1931 erster Pfarrer an der Berliner Christuskirche, 1932 Mitbegründer und Reichsleiter der Glaubensbewegung Deutsche Christen, deren erste «Richtlinien der Glaubensbewegung ‹Deutscher Christen›» vom 26.5.1932 er verfaßte, seit 20.4.1933 Hilfsreferent im preußischen Kultusministerium. Zu Hossenfelders Person vgl. Scholder I, S. 258f. 📖; s. auch unten S. 448, Anm. 16.↩
6
Die Bildunterschrift unter dem in: BN, Jg. 89 [1933], Nr. 172 vom 26.6.1933, 2. Beilage 📖, erschienenen Photo lautet: «Wehrkreispfarrer Müller und Pfarrer Hossenfelder. Am 50. Geburtstag des Wehrkreispfarrers Ludwig Müller des Schirmherrn der ‹Glaubensbewegung Deutsche Christen› fand am 23. Juni 1933 in der Berliner Philharmonie eine deutsche Morgenfeier statt, bei der Reichsleiter Hossenfelder die Ansprache hielt. Unser Bild zeigt Pfarrer Hossenfelder (rechts) bei der Beglückwünschung des Wehrkreispfarrers Müller». — Die pompöse Feier seines 50. Geburtstags war Teil von Müllers staatlich gestütztem Propagandafeldzug, mit dem er sich doch noch gegen den designierten Reichsbischof Bodelschwingh durchsetzen wollte (vgl. Anm. 16).↩
7
Hirsch stand der deutsch-völkischen Bewegung und der Glaubensbewegung Deutsche Christen nahe und war Mitglied des theologischen Arbeitskreises um L. Müller; vgl. Scholder I, S. 127–130.221.403. 📖 ↩
8
In bezug auf das am Vortag gemeldete Verbot der SPD hatte Oeri geschrieben: «Es lohnt sich kaum einen Individualfall zu untersuchen in einer Zeit, da alle nichthitlerischen Parteien in Deutschland sterben müssen, ob sie nun brav oder bös, gescheit oder dumm gewesen sind. Der braune Tod schreitet durch die deutschen Lande und mäht zur Rechten wie zur Linken mit scharfer Sense nieder, was er will. / Er wird nichts stehen lassen außer der nationalsozialistischen Partei» (Das große Sterben der Parteien [Tagesbericht], in: BN, Jg. 89 [1933], Nr. 170 vom 24./25.6.1933 📖). ↩
9
Eckige Klammern im Original.↩
10
Das Personenschiff Titanic sank in det Nacht vom 14./15.4.1912 auf seiner Jungfernfahrt nach der Kollision mit einem Eisberg. Eine Überlebende, Frau A. Dick, die den Untergang von einem Rettungsboot aus beobachtete, berichtete: «Während der ganzen Zeit spielte die Musik, zuerst, als die Gefahr noch nicht groß schien, lustige Melodien, später aber ernstere Sachen und beim Untergang hörten wir die ersterbenden Töne des Kirchenliedes: ‹Nearer my God to Thee› zu uns herüberklingen» (Die «Titanic»-Katastrophe. Weitere Berichte von Augenzeugen, in: BN, Jg. 68 [1912], Nr. 168 vom 21.4.1912, 1. Beilage 📖). ↩
11
Die am 27.6.1933 begonnene Niederschrift des Manuskripts unter dem Titel «Theologische Existenz heute! II» brach Barth nach wenigen Tagen ab; vgl. Th.Ex.h. 1933, S. 8.108-111 📖 (dort auch ausführliche Zitate). Das fünf einzeilig geschriebene Seiten umfassende Typoskript befindet sich im Karl Barth-Archiv.↩
12
Hermann Albert Hesse (1877–1957), 1916–1946 Pfarrer in Elberfeld, ab 1929 zugleich Studiendirektor des Reformierten Predigerseminars und Dozent an der Theologischen Schule in Elberfeld, April - Juni 1933 Reformierter Bevollmächtigter im Dreimännerkollegium (s. Anm. 13), 5.1.1934–1936 Moderator des Reformierten Bundes.↩
13
Das «Dreimännerkollegium» war auf Initiative des Leiters des Kirchenbundesamtes, Johannes Hosemann, gebildet und am 25.4.1933 vom Kirchenausschuß des Deutschen Evangelischen Kirchenbundes zur Durchführung der Kirchenreform bewußt eingesetzt worden als Gegenbewegung zu der von den Deutschen Christen angestrebten Gleichschaltung in der Kirche. Seine Mitglieder waren für die Unierten der Präsident des Kirchenbundes Hermann Kapler bzw. nach dessen Rücktritt am 23.6.1933 sein Stellvertreter, der sächsische Konsistorialpräsident Friedrich Seetzen, für die Lutheraner der Landesbischof von Hannover, August Marahrens, und für die Reformierten H. A. Hesse (vgl. Scholder I, S. 382f.385-387 📖; Meier I, S. 90f. 📖).↩
14
Nach seiner Amtseinsetzung hatte Jäger weitreichende Maßnahmen getroffen: am 24.6. Beurlaubung des Berliner Oberkonsistorialrates Ernst Hundt und des schlesischen Generalsuperintendenten Martin Schian, Auflösung sämtlicher gewählter Vertretungen in den evangelischen Landeskirchen Preußens (Abdruck der Verfügung bei Gauger I, S. 85 📖; Kretschmar/Nicolaisen I, S. 70 📖), Besetzung des Gebäudes des Evangelischen Preßverbandes durch SA-Leute und Übernahme der Geschäftsführung durch Hans Michael Müller und Max Grevemeyer für die Deutschen Christen (Gauger I, S. 87); am 25.6. Bildung einer kommissarischen Leitung der altpreußischen Kirche (mit Jäger als Präsidenten und Hossenfelder als geistlichem Vizepräsidenten) und Einsetzung von meist deutschchristlichen Bevollmächtigten für ihre Kirchenprovinzen. Am 26.6. veröffentlichten die abgesetzten Generalsuperintendenten und renitenten Mitglieder des Oberkirchenrates einen Protest gegen die staatlichen Eingriffe in den kirchlichen Bereich und forderten die Pfarrer und Gemeinden dazu auf, angesichts der Not der Kirche den Sonntagsgottesdienst am 2.7. als Büß- und Betgottesdienst zu begehen (Abdruck des auf den 25.6. datierten Aufrufs in: van Norden, S. 81 📖; Teilabdruck in: Gauger I, S. 86; Hermelink, S. 42 📖; Michaelis/Schraepler, S. 585 📖), woraufhin Dibelius als Rückgrat des Widerstandes beurlaubt wurde und Hossenfelder einen «Aufruf an die Gemeinden» verfaßte, der in diesem Gottesdienst vorzulesen sei (Abdruck in: van Norden, S. 85f.; Teilabdruck bei Gauger I, S. 91). Widerstand gegen staatliche Anordnungen wurde mit strafrechtlicher Verfolgung bedroht. Ein amtlicher Erlaß desselben Tages ordnete an, daß auf allen evangelischen Kirchen bei staatlichen und kirchlichen festlichen Anlässen neben der Kirchenfahne auch die schwarz-weiß-rote und die Hakenkreuzfahne zu hissen und am 2.7. ein Dank- und Fürbittgottesdienst zu halten sei (Abdruck des «Drohbriefes» in: van Norden, S. 86f., der Anordnung a.a.O., S. 87, Teilabdruck in: Gauger I, S. 91). Am 27.6.1933 reichte der beurlaubte Oberkirchenrat beim Staatsgerichtshof in Leipzig Klage gegen das Land Preußen gegen die Anordnungen des preußischen Kultusministers und seiner Kommissare ein. Rust ließ sich daraufhin von Göring seine Vollmacht bestätigen und sich sämtliche Rechte als Ministerpräsident und Stellvertreter des Reichsstatthalters übertragen (Abdruck bei Gauger I, S. 86; Kretschmar/Nicolaisen I, S. 75). In seiner Rundfunkansprache am Abend des 27.6. bezeichnete Jäger seine Maßnahmen als im Interesse von Staat und Kirche liegend, da der Streit um das Bischofsamt die von Hitler geschaffene Volkseinheit gefährdet habe und die Berufung Stoltenhoffs zum kommissarischen Präsidenten der Kirchenleitung ohne die «gesetz- und vertragmäßig festgelegte Einsichtnahme des Staates» einen flagranten «Rechtsbruch» darstelle. Widerstand müsse man als «Revolte, gerichtet gegen die Staatsautorität, betrachten und niederschlagen» (Abdruck in: Kretschmar/Nicolaisen I, S. 71–74 [Zitate dort S. 72.73]; vgl. Erlaß Jägers vom 27.7.1933, abgedruckt a.a.O., S. 74, und in: Michaelis/Schraepler, S. 585f.). Ebenfalls am 27.6. wurden beim Centralausschuß der Inneren Mission und in der Leitung des Reichsverbandes evangelischer Arbeiter Kommissare eingesetzt. In Bremen wurde am 27.6. der deutsch-christliche SS-Mann Otto Heider zum Kirchenkommissar ernannt. Vgl. Scholder I, S. 453–460 📖; Meier I, S. 101f. 386 📖; s. auch unten Anm. 21.↩
15
Otto Weber (1902–1966), Mitglied der NSDAP und vom Mai bis November 1933 derGlaubensbewegung Deutsche Christen, 1928–1933 Dozent an der Theologischen Schule Elberfeld (seit 1930 auch Direktor), 1934–1966 o. Professor für reformierte Theologie in Göttingen.↩
16
Vermutlich handelt es sich um Vorkommnisse im Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen um die Person des künftigen Reichsbischofs. Unter dem Druck des Bekanntwerdens von L. Müllers Streben nach dem Reichsbischofsamt, das von den Deutschen Christen unterstützt wurde, war von offizieller kirchlicher Seite am 25.5.1933 die Kandidatur Bodelschwinghs bekanntgegeben worden (Pressenotiz am 24.5.). Für den daraufhin entbrennenden Kampf stand den Deutschen Christen seit dem 2.6.1933 auf Anordnung Hitlers für vier Wochen — tatsächlich dann bis zur Kirchenwahl am 23.7. — der Parteiapparat der NSDAP zur Verfügung, was Barth jedenfalls bis zur Drucklegung seiner Streitschrift unbekannt geblieben zu sein scheint (vgl. Th.Ex.h. 1933, S. 38f. 📖 [Originalpaginierung: S. 10f.]). Die daraufhin einsetzende aggressive Propaganda mit Hilfe der weitgehend «gleichgeschalteten» Tagespresse und in zahlreichen Versammlungen erreichte eine große Breitenwirkung, führte zu einer drastischen Abnahme der kirchenpolitischen Unterstützung Bodelschwinghs und grenzte seinen Handlungsspielraum ein. Vgl. Schneider, S. 129–139 📖; Scholder I, S. 426–431.438-441 📖. Auch in zahlreichen Artikeln in Bonner Zeitungen wurde die Rechtmäßigkeit der Berufung Bodelschwinghs angezweifelt. Eine deutsch-christliche Verlautbarung (Warum gegen D. von Bodelschwingh? Eine Erklärung der Deutschen Christen, in: Westdeutscher Beobachter. Amtliches Organ der NSDAP [Ausgabe Bonn und Sieg], Jg. 9 [1933], Nr. 144 vom 21.6.1933 📖) machte u. a. geltend, daß «die alten Kirchenregierungen an die heute geltende Verfassung des Kirchenbundes gebunden sind und somit kein Recht haben, diese willkürlich ohne Zustimmung des Kirchenvolkes abzuändern», daß «eine evangelische Kirchenleitung nicht ohne oder gegen den heutigen Staat bestimmt werden» könne und «hinter von Bodelschwinghs Aufstellung nur die kümmerlichen Reste des alten Bürgertums und des Christlichen Volksdienstes und ein kleiner Klüngel sogenannter jungreformatorischer Pastoren» stehe (ebenfalls abgedruckt unter dem Titel Warum Deutsche Christen gegen D. von Bodelschwingh?, in: General-Anzeiger für Bonn und Umgebung, Jg. 44 [1933], Nr. 144 vom 21.6.1933, S. 2 📖). Vgl. auch Pfr. A. Freitag, Man möge doch das Volk befragen. Grundsätzliche Auseinandersetzung zur Bischofsfrage, in: Westdeutscher Beobachter, Nr. 143 vom 20.6.1933 📖 (nach Ansicht des Autors hatte «die Abstimmung [für Bodelschwingh] die peinliche Form eines evangelischen Konklaves: ein internes Kollegium kürt den obersten kirchlichen Führer, ohne Rücksicht auf das Laienvolk»); Der Kampf der Deutschen Christen. Das Loccumer Protokoll, a.a.O., Nr. 147 vom 24.6.1933 (Titelblatt) 📖 (Wertung der Ernennung Bodelschwinghs ohne «sich mit der Glaubensbewegung dieserhalb in Verbindung zu setzen» als Verstoß gegen den in Loccum [s. oben S. 422, Anm. 10] festgelegten «Modus procedendi»).↩
17
Aus einem Brief K. Sartorius’ an Barth vom 7.7.1933 geht hervor, daß Thurneysen ihm und Oeri den vorliegenden Brief zu lesen gegeben hatte. Barth war etwa seit Anfang Mai 1933 Abonnent der Basler Nachrichten (ein Brief von K. Sartorius an Barth vom 27.4.1933 betrifft die kommende Zusendung der Zeitung).↩
18
Vgl. etwa: Methoden eines schweizerischen Nationalismus (Korrespondenz), in: BN, Jg. 89 (1933), Nr. 172 vom 26.6.1933, 2. Beilage 📖 — der Artikel steht unmittelbar über dem von Barth erwähnten Bild (s. oben Anm. 6) und gehört in eine Reihe mit den Artikeln: Voraussetzungen eines schweizerischen Nationalismus (Korrespondenz), Nr. 147 vom 31.5.1933, 3. Beilage 📖; Gehalt eines schweizerischen Nationalismus (Korrespondenz), Nr. 160 vom 14.7.1933, 2. Beilage 📖; Methoden eines schweizerischen Nationalismus (Korrespondenz), Nr. 173 vom 17.6.1933, 2. Beilage 📖; Die bürgerlichen Parteien und die Frontenbewegung im Aargau, Nr. 167 vom 21.6.1933, 3. Beilage. 📖 ↩
19
Diese Überzeugung hatte Barth bereits am 10.4.1933 in einem Brief an Fritz Lieb geäußert (zitiert in: M. Rohkrämer, a.a.O. [S. 404, Anm. 9], S. 53f 📖., und von dort übernommen von Mühling, S. 141, Anm. 498 📖): «K. L. Schmidt wird wohl recht haben: der Teufel wird uns … gewiß holen und ob sie uns dann in Basel haben wollen, ist angesichts des Entstehens all der faschistischen ‹Fronten› auch in diesem sehr gesegneten Lande sehr fraglich, ganz abgesehen davon, daß es wirklich nicht gerade mein Herzenswunsch ist, in Basel vor Anker zu gehen.»↩
20
Siehe oben S. 106, Anm. 18.↩
21
Wiedergabe eines Artikels aus der National-Zeitung, Nr. 74 vom 27.6. 1933 📖, in: Zeitungsspiegel, hrsg. vom Ev. Preßverband für das Rheinland, Nr. 71/2 vom 27.6.1933 📖: «Generalsuperintendent Dibelius beurlaubt/ Berlin, 26. Juni. Der Staatskommissar für die evangelischen Landeskirchen Preußens hat folgendes angeordnet: / 1. Für die Abwendung des bolschewistischen Chaos schulden wir Gott und seinem Werkzeug Adolf Hitler Dank, Nur das Bestehen der Nation ermöglicht das Bestehen einer Kirche. / … 3. Mit sofortiger Wirkung beurlaube ich den Generalsuperintendenten der Kurmark D. Dibelius. …» (abgedruckt bei Gauger I, S. 87 📖;Kretschmar/Nicolaisen I, S. 71 📖; Michaelis/Schraepler, S. 584 📖). Barth konnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen, daß Dibelius wegen seiner führenden Rolle bei dem Protest der entlassenen preußischen Kirchenführer gegen die staatlichen Eingriffe in die Kirche vom selben Tag abgesetzt worden war (s. Anm. 14), sich aber in einem offenen Brief an Jäger vom 27.6.1933 der Absetzung von staatlicher Seite widersetzte, insoweit sie die geistliche Leitung seines Sprengels betraf (Abdruck bei Gauger I, S. 86.88, und R. Stupperich, Otto Dibelius. Ein evangelischer Bischof im Umbruch der Zeiten, unter Mitarbeit von M. Stupperich, Göttingen 1989, S. 210f. 📖, und Hermelink, S. 42f. 📖); zu Dibelius’ Absetzung und ihrer Vorgeschichte vgl. H. Fritz, Otto Dibelius …, a.a.O. (S. 94, Anm. 13), S. 418–421 📖; Scholder I, S. 455–458. 📖 ↩
22
Am 21.3.1933 war der neugewählte Reichstag — da das Reichstagsgebäude am 27.2.1933 abgebrannt war — mit einem gottesdienstähnlichen Staatsakt in der Potsdamer Garnisonkirche eröffnet worden, beginnend mit einem viertelstündigen Glockengeläut aller Potsdamer Kirchen. Dibelius hielt die Eröffnungspredigt im vorangehenden evangelischen Festgottesdienst in der Nikolaikirche über Röm. 8,31. Durch die Radioübertragung des Staatsaktes und die Verbreitung der Bilder wurde der «Tag von Potsdam» ein großer propagandistischer Erfolg für Hitler (vgl. Scholder I, S. 285f.296 sowie Abb. 44 und 45 📖; Meier I, S. 547 mit Anm. 292 📖 [bei Meier versehentlich «992»]; O. Dibelius, Ein Christ ist immer im Dienst. Erlebnisse und Erfahrungen in einer Zeitenwende, Stuttgart 1961, S. 170–173 📖; H. Fritz, Otto Dibelius …, a.a.O., S. 387.390f.397-406 📖; Abdruck seiner Predigt über Römer 8,31, am 21. März 1933 in der Nikolai-Kirche in Potsdam gehalten, in: Reichstagseröffnungsfeier in Potsdam. Das Erlebnis des 21. März in Wort und Bild, hrsg. von H. Hupfeld, Potsdam/Berlin 1933, S. 24–31 📖).↩
23
Am 13.3.1933 hatte Dibelius Barth in Erinnerung an ihre «Unterhaltung, die vor etwa einem Jahr bei mir stattfand» (vgl. oben S. 226, Anm. 7), ein Exemplar seines vertraulichen Rundbriefs an die kurmärkischen Pfarrer vom 8.3.1933 zugeschickt: «Vielleicht interessiert es Sie, einen praktischen Beleg für einiges von dem, was ich damals ausführte, zu Gesicht zu bekommen.» In dem vierseitigen Rundbrief forderte Dibelius seine «lieben Brüder» vor allem dazu auf, auch im nationalsozialistischen Staat weiterhin nach dem Grundsatz zu handeln, daß die Kirche über den Parteien stehe. Denn: «Es gilt die Reinheit der evangelischen Verkündigung!» Auch in der Terminologie dürfe es keine «Angleichung an die politische Rede» geben. Die Kirche habe allen Getauften, gleich welcher politischen Gesinnung, das Evangelium zu verkünden, und müsse sich darüber hinaus an alle ihr Fernstehenden wenden. Die Pfarrer sollten in diesem Sinne «zusammenstehen» und die Vorschriften achten. Barth antwortete am 17.3.1933: «Ich bin Ihnen sehr dankbar für die Zusendung Ihres Rundschreibens an die kurmärkischen Pfarrer, über dessen entscheidenden Inhalt ich aufrichtig froh bin.» Zwar habe er vereinzelt Einwände, doch er spreche diese «der Aufrichtigkeit halber aus, weil ich zu der großen Linie des Schreibens ebenso aufrichtig Ja sagen kann.» Er werde Dibelius’ Schreiben deshalb in die Schweiz mitnehmen und gelegentlich vorweisen, weil man dort über manche kirchliche Stimmen in Deutschland befremdet sei. Vgl. H. Fritz, a.a.O., S. 385–390.400.409.433.435.445.452f 📖.↩
24
Nach einer Notiz des General-Anzeigers für Bonn und Umgebung (Jg. 44 [1933], Nr. 14667 vom 29.6.1933, S. 4: Rubrik «Universitätsleben») 📖 hielt Hirsch am Abend des 1.7.1933 im Rahmen der Vortragsreihe «Kirche, Theologie und Politik» der evangelisch-theologischen Fachgruppe einen Vortrag über das Thema «Die evangelische Kirche und der nationalsozialistische Staat» (unveröffentlicht).↩
25
Vgl. den Refrain der ersten neun (von zehn) Strophen des Liedes «Sollt ich meinem Gott nicht singen?» von Paul Gerhardt: «Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb in Ewigkeit» (EG 325; RG 724) 🎵.↩
26
Nach dem 1. Weltkrieg entstand — zunächst in Württemberg — der «Christliche Volksdienst» mit dem Ziel, als eine politische Kraft ohne Parteiprogramm Gottes Willen im öffentlichen Leben Geltung zu verschaffen. Seit ihrem Zusammenschluß mit einer abgespaltenen Minderheit der Deutschnationalen Volkspartei 1929 nannte sich die Vereinigung Christlich-sozialer Volksdienst. Vgl. H. Hohlwein, Art. «Volksdienst», in: RGG3 VI, Sp. 1449f. 📖 ↩
27
Vgl. oben S. 424f., Anm. 3 und 4.↩
28
Barth kannte Merz’ Brief an Thurneysen vom 9.6.1933 (einen Durchschlag dieses Briefes hatte Merz seinem Schreiben an Barth vom selben Tag beigelegt), in dem es heißt: «ich mußte auf Wunsch der Studenten und nicht ohne selber auch Freude daran zu haben das Thema meines Seminars ändern. Ich habe nun keine homiletische Übung, sondern ein Seminar über ‹das Problem der Reichskirche›. Da ich ja ständig mit diesen Dingen außerhalb des Kollegiums zu tun habe, ist mir auch die Vorbereitung erleichtert worden» (Nachlaß Thurneysen 📖). Ursprünglich hatte Merz ein praktisch-theologisches Seminar über «Schriftauslegung und Lebensnähe in der Predigt (2)» angekündigt.↩