Verzeih, daß ich dich mit diesem Wenigen abspeise. Aber es wartet so unglaublich Vieles, und jeden Augenblick klingelt das Telefon mit irgend einer weltbewegenden Nachricht, so daß die Ruhe zu einem ausführlicheren Mitteilen fehlt. — Übermorgen fahrt ihr nach Adelboden. Habt schöne Ferien. Ach ja, hoffentlich im August auf Wiedersehen im Bergli. Es könnte wohl sein, daß K. seinen Posten hier nicht verlassen darf. Aber wir wollen abwarten.
Es liegt bei dir noch viel Korrespondenz von uns. Schick sie bitte nicht hierher, sondern auf das Bergli zurück, daß wir sie dort vorfinden.
Am Sonntag will K., wenn es irgend geht, hier predigen. Luc. 6,36–42.
Auszug aus einem Brief vom 4. Juli 1933
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1. Der Widerstand gegen die Maßnahmen der letzten Woche8 scheint im ganzen Revier (aber in der Mitte und im Osten viel stärker
|446 als am Rhein!) sich sehr lebhaft gezeigt zu haben. Es ist am letzten Sonntag zu allen möglichen mehr oder weniger würdigen und klugen Oppositionshandlungen gekommen.9 Hier ist ein Pfarrer zwischen Predigt und Abendmahl von einem S. A.-Standartenführer verhaftet worden, mußte aber abends 6 Uhr auf Befehl von Hindenburg wieder entlassen werden.10 Die J. R. sind ganz systematisch am Werk, und auch |447 Dibelius hat ein richtiges «Büro».11 Natürlich droht dem allen Unterdrückung, aber die Regierung scheint zurückhaltender zu werden in der Unterstützung der Deutschen Christen angesichts der Fülle von Widerspruch. Ein hiesiger, sonst ganz unbedeutender kleiner Pfarrer hat es mit Erfolg riskiert, Hitler inmitten seiner Garde in einem Hausflur anzureden: «Herr Reichskanzler, geben Sie der evangelischen Kirche ihre Freiheit wieder!», und ihn 20 Minuten lang im Gespräch festzuhalten.12 Es passiert überhaupt allerhand Tapferes und Gutes, und man kann im Blick darauf nur nach allen Seiten mahnen: Aushalten! Die Gleichschältlinge werden das Feld schwerlich behaupten und sicher zuletzt mit Unehre dastehen. …
2. Dem Brief von Hindenburg an Hitler13 kommt viel mehr Bedeutung zu, als man von Weitem meinte. «Der alte Herr» sei in gewaltiger Aufregung, lese die ganzen Stöße von Telegrammen, die ihm zugehen, alle persönlich, greife je und je ganz direkt ein (so in dem Fall jenes Pfarrers), und es seien letzte Möglichkeiten zu erwarten, wenn man nicht auf ihn hören wolle. Ebenso scheint Hitler in dieser (nur in dieser?) Sache zu den Gemäßigten zu gehören14. …
3. Die rechtliche Situation hat sich insofern verändert, als der Reichsinnenminister Frick die Kirche, d. h. konkret das Dreimännerkollegium, wieder offiziell als Verhandlungsparnter neben den D. Chr. anerkannt hat und getrennt mit diesen zwei Gruppen verhandelt.15 Da|448mit ist der merkwürdige Monismus Staat-Kirche-D. Chr., wie er letzte Woche bestand, wieder aufgelöst, und es ist wenigstens wieder Luft da und die Möglichkeit, den Mund aufzutun.
4. Unter den D. Chr. selbst scheint allerhand Unstimmigkeit zu bestehen zwischen der radikalen Gruppe (Hossenfelder) und einer zahmen (Müller).16 Die letztere macht seltsame Versuche, sich mit den J. Ref. anzuschmusen. Das gelang bisher nicht.17 …