5. Juli 1933

Charlotte von Kirschbaum an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Hier schicke ich dir in Eile einen Auszug aus einem Brief von Karl, den ich heute Morgen bekam. Es ist ja nur ein schwacher Hoffnungsstrahl, aber es ist doch einer, und du glaubst nicht, was das jetzt hier für uns bedeutet. — K. wird wohl noch länger dort bleiben müssen. Eben meldet eine Karte, daß er nun via Bonhoeffer1 auch Einfluß bei den J. Ref. gewonnen hat und daß er unmittelbar vor einem Besuch bei Di|444belius steht. Das hat ja alles seinen Sinn und seine Notwendigkeit, so schmerzlich es ist, daß seine Kleine Schar hier nun ihn entbehren muß. Der Widerstand im Osten scheint viel stärker und entschlossener als hier im Rheinland. Das hängt sicher auch mit unserem Gen. Sup. Stoltenhoff zusammen. — Bei Punkt 1 des Auszuges magst du unter «Gleichgeschalteten» die Namen Erich Seeberg2 und Leonh. Fendt3 einsetzen (!), bei Punkt 4 — leider in sehr negativem Sinn — die Brüder Heckel4. Aber trotz solcher Erfahrungen scheint K. in Berlin hoffnungsvoller dran, als er es zuletzt hier sein konnte, und das ist so gut. Stöße von Briefen treffen ein aus dem ganzen Land von Leuten (auch von theologisch sehr fernstehenden), die ihm die Hand drücken wollen für sein «tapferes» Wort.5 — Man scheint, wenigstens hier im Rheinland, nichts gegen ihn unternehmen zu wollen. Das weiß ich aus einem langen, sehr schwierigen Telefongespräch mit Goeters6, das ich gestern hatte; ihm ist ja nun leider nicht sehr zu trauen — er sympathisiert mit den D. Chr. —, aber er |445 wüßte, wenn Gefahr droht. Und er sagte mir wörtlich, das komme überhaupt nicht in Betracht. — Die Broschüre ist nun übrigens auf ausdrücklichen Wunsch der Berliner Pfarrer auch noch direkt an Hindenburg gegangen.7

Verzeih, daß ich dich mit diesem Wenigen abspeise. Aber es wartet so unglaublich Vieles, und jeden Augenblick klingelt das Telefon mit irgend einer weltbewegenden Nachricht, so daß die Ruhe zu einem ausführlicheren Mitteilen fehlt. — Übermorgen fahrt ihr nach Adelboden. Habt schöne Ferien. Ach ja, hoffentlich im August auf Wiedersehen im Bergli. Es könnte wohl sein, daß K. seinen Posten hier nicht verlassen darf. Aber wir wollen abwarten.

Alles Liebe dir und Marguerite
deine
Lollo

Es liegt bei dir noch viel Korrespondenz von uns. Schick sie bitte nicht hierher, sondern auf das Bergli zurück, daß wir sie dort vorfinden.

Am Sonntag will K., wenn es irgend geht, hier predigen. Luc. 6,36–42.

Auszug aus einem Brief vom 4. Juli 1933

…

1. Der Widerstand gegen die Maßnahmen der letzten Woche8 scheint im ganzen Revier (aber in der Mitte und im Osten viel stärker |446 als am Rhein!) sich sehr lebhaft gezeigt zu haben. Es ist am letzten Sonntag zu allen möglichen mehr oder weniger würdigen und klugen Oppositionshandlungen gekommen.9 Hier ist ein Pfarrer zwischen Predigt und Abendmahl von einem S. A.-Standartenführer verhaftet worden, mußte aber abends 6 Uhr auf Befehl von Hindenburg wieder entlassen werden.10 Die J. R. sind ganz systematisch am Werk, und auch |447 Dibelius hat ein richtiges «Büro».11 Natürlich droht dem allen Unterdrückung, aber die Regierung scheint zurückhaltender zu werden in der Unterstützung der Deutschen Christen angesichts der Fülle von Widerspruch. Ein hiesiger, sonst ganz unbedeutender kleiner Pfarrer hat es mit Erfolg riskiert, Hitler inmitten seiner Garde in einem Hausflur anzureden: «Herr Reichskanzler, geben Sie der evangelischen Kirche ihre Freiheit wieder!», und ihn 20 Minuten lang im Gespräch festzuhalten.12 Es passiert überhaupt allerhand Tapferes und Gutes, und man kann im Blick darauf nur nach allen Seiten mahnen: Aushalten! Die Gleichschältlinge werden das Feld schwerlich behaupten und sicher zuletzt mit Unehre dastehen. …

2. Dem Brief von Hindenburg an Hitler13 kommt viel mehr Bedeutung zu, als man von Weitem meinte. «Der alte Herr» sei in gewaltiger Aufregung, lese die ganzen Stöße von Telegrammen, die ihm zugehen, alle persönlich, greife je und je ganz direkt ein (so in dem Fall jenes Pfarrers), und es seien letzte Möglichkeiten zu erwarten, wenn man nicht auf ihn hören wolle. Ebenso scheint Hitler in dieser (nur in dieser?) Sache zu den Gemäßigten zu gehören14. …

3. Die rechtliche Situation hat sich insofern verändert, als der Reichsinnenminister Frick die Kirche, d. h. konkret das Dreimännerkollegium, wieder offiziell als Verhandlungsparnter neben den D. Chr. anerkannt hat und getrennt mit diesen zwei Gruppen verhandelt.15 Da|448mit ist der merkwürdige Monismus Staat-Kirche-D. Chr., wie er letzte Woche bestand, wieder aufgelöst, und es ist wenigstens wieder Luft da und die Möglichkeit, den Mund aufzutun.

4. Unter den D. Chr. selbst scheint allerhand Unstimmigkeit zu bestehen zwischen der radikalen Gruppe (Hossenfelder) und einer zahmen (Müller).16 Die letztere macht seltsame Versuche, sich mit den J. Ref. anzuschmusen. Das gelang bisher nicht.17 …

Sachfußnoten

1
Dietrich Bonhoeffer (1906–1945), 1931–1932 Privatdozent für Systematische Theologie und Studentenpfarrer in Berlin, 1933–1935 Pfarrer der deutschen Gemeinde in London, 1936–1937 Direktor des Predigerseminars der Bekennenden Kirche in Finkenwalde, aktiv im politischen Widerstand, 1943 Verhaftung, 1945 Hinrichtung im Konzentrationslager Flossenbürg. Zum Verhältnis Barths und Bonhoeffers vgl. E. Bethge, Dietrich Bonhoeffer, a.a.O. (S. 197, Anm. 7), S. 216–228 📖, zu Bonhoeffers Mitwirken bei der Jungreformatorischen Bewegung vgl. dort S. 331f.228f.; Busch (Namenregister) 📖.↩
2
Erich Seeberg (1888–1945), Sohn von Reinhold Seeberg, 1927–1945 Professor für Kirchen- und Dogmengeschichte in Berlin.↩
3
Leonhard Fendt (1881–1957), seit 1927 Prediger in Berlin mit großer Wirkung in gebildeten Kreisen, 1934–1945 o. Professor für Praktische Theologie in Berlin, Lehrer an der Missionsschule Liebenzell.↩
4
Johannes Heckel (1889–1963), 1928–1934 o. Professor für Kirchenrecht in Bonn, 1934–1957 Professor für Kirchenrecht und Staatsrecht in München, als juristischer Berater des Kirchenbundes beteiligt an der Kirchenreform, Mitglied des neuen Verfassungsausschusses unter L. Müllers Leitung; vgl. Scholder I, S. 394.473.475-479 📖. — Theodor Heckel (1894–1967), zunächst Mitglied der Jungreformatorischen Bewegung, dann der Deutschen Christen, 1932–1934 Auslandsreferent am Kirchenbundesamt Berlin, 1934–1945 Bischof der deutschen Auslandsgemeinden und Leiter des neuerrichteten kirchlichen Außenamtes der Deutschen Evangelischen Kirche in Berlin, ab 1939 zugleich Leiter des Evangelischen Hilfswerkes für Internierte und Kriegsgefangene in Erlangen, 1950-1964 Dekan in München.↩
5
«Bis zum September erreichten den Autor etwa hundert Briefe mit dankbarer Zustimmung (gegenüber einem knappen Dutzend kritischer Zuschriften und nur drei schroffen Ablehnungen)» (Th.Ex.h. 1933, S. 7 📖).↩
6
Wilhelm G. Goeters(1878–1953), 1913 bis zu seiner Strafversetzung nach Münster am 1.4.1935 Professor für Kirchengeschichte in Bonn, zeitweise Mitglied des theologischen Arbeitskreises um L. Müller, den Goeters aus seiner Studentenzeit in Halle kannte, Mitunterzeichner der Düsseldorfer Thesen (vgl. oben S. 423, Anm. 11), 23.6.1933 von Jäger zum Bevollmächtigen für die Evangelischreformierte Landeskirche der Provinz Hannover ernannt, nach Zurückweisung des Auftrags (nach Gauger I, S. 87 📖) am 30.6.1933 abgelöst; vgl. Schneider, S. 30.108 📖; Scholder I, S. 403.454 📖; Meier I, S. 553, Anm. 362 📖.↩
7
Der Eingang des Heftes wurde am 7.7.1933 im Namen des Reichspräsidenten von Ministerialdirigent Dr. Heinrich Doehle bestätigt. Bereits am 1.7.1933 war je ein Exemplar an Hitler, Kultusminister Rust und Landrat Gottfried-Adolf Krummacher, den Bevollmächtigten Jägers für die rheinische Kirchenprovinz (eingesetzt am 24.6., Amtsantritt am 27.6.), gegangen; Abdruck der drei Begleitschreiben unter dem Titel Dokumente, in: EvTh, Jg. 23 (1963), S. 389–391 📖.↩
8
Zu den Maßnahmen bis einschließlich 27.6.1933 vgl. oben S. 429f.433, Anm. 14 und 19. — Am 28.6. übertrug Jäger L. Müller die Leitung der Evangelischen Landeskirche der Altpreußischen Union, ordnete die Neubildung der aufgelösten kirchlichen Vertretungen mittels Ernennung durch die Bevollmächtigten und die Beurlaubung des Berliner Generalsuperintendenten Emil Karow an (Verfügung abgedruckt bei Gauger I, S. 87 📖; Kretschmar/Nicolaisen, S. 76f. 📖). Spät abends ließ Müller das Gebäude des Kirchenbundesamtes durch SA-Leute besetzen, nachdem er sich in einer Besprechung am 27.6. der Unterstützung der meisten lutherischen Bischöfe für diesen Schritt versichert hatte, und übernahm «um der Kirche und des Evangeliums willen» am 29.6. die Leitung des Kirchenbundes, d. h. u. a. «den Vorsitz im Kirchenbundesrat, die Befugnisse des Kirchentages, des Kirchenausschusses und seiner Unterausschüsse». In dieser Eigenschaft beurlaubte er den Leiter des Kirchenbundesamtes, J. Hosemann (an seiner Stelle Einsetzung von Admiral a. D. Ernst Meusel), entzog dem Dreimännerkollegium seinen Auftrag und kündigte die Bildung eines neuen Verfassungsausschusses an (vgl. Scholder I, S. 459–461 📖 [Zitate aus Müllers «Verfügung zur Behebung der Notstände in Kirche und Volk» dort S. 461]; Abdruck bei Kretschmar/Nicolaisen, S. 76; Michaelis/Schraepler, S. 586 📖). Am 1.7. übernahm der deutschchristliche Pfarrer Friedrich Coch, gedeckt durch das sächsische Innenministerium, die Führung der sächsischen Landeskirche. Anfang Juli ging die Leitung der Evangelisch-lutherischen Kirche Lübecks in deutschchristliche Hände über (vgl. Meier I, S. 353f.479f. 📖).↩
9
Am 2.7.1933 standen die preußischen Pfarrer und Gemeinden vor der Entscheidung, den staatlich angeordneten Dank- und Fürbittgottesdienst mit Verlesung des Aufrufs von Hossenfelder und Beflaggung der Kirche oder den Buß- und Betgottesdienst zu feiern, zu dem die abgesetzte Kirchenleitung aufgefordert hatte (s. oben S. 430, Anm. 14). Nach offiziellen Meldungen kam es in Berlin nur zu drei Zwischenfällen; unter den Nachträgen und Berichtigungen bei Gauger I, S. 28* 📖, ist jedoch vermerkt: «Die Darstellung über den Buß- und Bet- oder auch Danksonntag trifft nicht ganz zu. EPD [Evang. Pressedienst Berlin], unsere Quelle, war damals von den DC herausgegeben. Es wird darauf hingewiesen, daß in Wirklichkeit der Sonntag nicht so ‹ruhig› verlaufen sei.» Vgl. Scholder I, S. 458f.461f.469-471 📖; Gauger I, S. 91. ↩
10
Es handelt sich um die Verhaftung von Pfarrer Otto Großmann (1867–1945) am 2.7., die zu den drei offiziell gemeldeten Zwischenfällen gehörte: «In Steglitz erregte Pfarrer Großmann durch Kritik an der Rundfunkrede des Herrn Kultusminister so starken Unwillen, daß ein Teil der Zuhörer die Kirche verließ. Der Pfarrer wurde nach Beendigung des Gottesdienstes in Schutzhaft genommen und noch am selben Tage nach einem behördlichen Verhör, das seine Schuld einwandfrei ergab, wieder entlassen» (Obstruktion in der Kirche, in: Tägliche Rundschau, Nr. 156 vom 7.7.1933 📖; Abdruck bei van Norden, S. 266 📖). Über den Zeitpunkt der Verhaftung — ob in oder nach dem Gottesdienst — finden sich sowohl in zeitgenössischen Quellen als auch in der Sekundärliteratur widersprüchliche Angaben. Tatsächlich wurde Großmann zwischen dem Hauptgottesdienst und der anschließenden Abendmahlsfeier von SA-Leuten in seiner Wohnung verhaftet, wohin er während seiner Vorbereitung der Abendmahlsfeier in der darunterliegenden Sakristei gerufen worden war. Bereits der Hauptgottesdienst war während der Predigt durch «eine merkliche Unruhe in den Reihen von etwa 30 S.A.[-]Leuten, die in den ersten 4 Bänken im Kirchenschiff Plätze inne hatten und deren Fahne mit 2 Begleitern im Altarraum aufgestellt war» gestört worden; Großmann mußte seine Predigt unterbrechen, als die Abteilung auf Kommando hin die Kirche geräuschvoll verließ, gefolgt von weiteren Gemeindegliedern. In der Abendmahlsfeier mußte Großmann sich durch einen Amtskollegen vertreten lassen. (Angaben und Zitat aus einem Brief von Großmanns Amtskollegen Wendland vom 2.7.1933, in dem dieser dem Reichspräsidenten von Hindenburg die Vorgänge des Tages einschließlich Großmanns Behandlung nach seiner Verhaftung schilderte; Evangelisches Zentralarchiv Berlin, der Hrsgn. zugänglich gemacht durch Generalsuperintendent i.R. E. Schuppan mit Brief vom 11.2.1999).↩
11
Zur straffen Organisation der Jungreformatorischen Bewegung vgl. P. Neumann, a.a.O. (S. 436, Anm. 2), S. 47–49 📖. Dibelius gehörte der Bewegung nicht an.↩
12
Siehe oben S. 441, Anm. 4.↩
13
Siehe oben S. 441, Anm. 2.↩
14
Siehe oben S. 441, Anm. 3.↩
15
Bei dem von Frick geleiteten Treffen zwischen Müller und dem Dreimännerkollegium am 4.7. (s. oben S. 442, Anm. 5) war ein rasches gemeinsames Vorgehen zur Fertigstellung des Verfassungswerkes «auf kirchlich legalem Boden» vereinbart worden, nach der «die Maßnahmen der preußischen Staatsregierung zurückgenommen werden» sollten. Ausdrücklich wurde außerdem die Vollmacht des Dreimännerkollegiums «von Seiten der Reichsregierung und dem Wehrkreispfarrer Müller anerkannt» (Zitate aus einer Aktennotiz des bayerischen Landesbischofs H. Meiser, abgedruckt in: Schneider, S. 140 📖).↩
16
Zu den schon 1932 einsetzenden Auseinandersetzungen zwischen Hossenfelder und dem moderateren Müller, damals Provinzialleiter der Deutschen Christen in Ostpreußen, um die Ausrichtung der Glaubensbewegung, die sich u. a. in der Erstellung zweier nebeneinanderstehender Erklärungen im Hinblick auf die Verhandlungen in Loccum zeigten — Hossenfelders Schrift «Die evangelische Reichskirche nach den Grundsätzen der ‹Deutschen Christen›» vom 4.5.1932 (abgedruckt bei Schmidt 1933, S. 144f. 📖) und die von Fezer und Müller verfaßten neuen «Richtlinien für die Glaubensbewegung ‹Deutsche Christen›» vom 16.5.1933 (zu den «alten» Richtlinien von Hossenfelder vgl. oben S. 404, Anm. 11) —, vgl. Schneider, S. 100f.105.109.111f.119.139 📖; Scholder I, S. 393.397-401.403-405.414-416.453.460 📖; K. Meier, Die Deutschen Christen, a.a.O. (S. 404, Anm. 11) S. 21f. 📖↩
17
Am 3.7. kam es zu Besprechungen zwischen W. Künneth, M. Niemöller und dem Direktor des Centralausschusses für Innere Mission Walter Jeep mit K. Fezer, H. M. Müller und E. Vogelsang, bei denen die erstgenannten drei Vertreter der Jungreformatorischen Bewegung Bedingungen nannten, unter denen sie zur unmittelbaren Zusammenarbeit mit L. Müller zur Erreichung des gemeinsamen Ziels, den Streit in der Kirche möglichst schnell zu beenden, bereit wären. Vgl. P. Neumann, a.a.O., S. 101f. 📖; Schneider, S. 150 mit Anm. 205. 📖 ↩