7. Juli 1933

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Du bist augenblicklich in großer Fahrt irgendwo in der Mitte des Geschehens. Das ist sicher so in der Ordnung. Und so schwierig die dadurch an dich herankommenden Verantwortungen sich gestalten können, du wirst das schon restlos gut machen, was da zu machen ist. Und vor allem: du wirst deine Pfeife nicht ausgehen lassen, wirst viele Menschen und Dinge ganz von nahem sehen. Und das ist sicher doch einfach etwas wert. Wir in der Provinz verfolgen alles, was uns von dir her |449 zukommt, mit ganzer Beteiligtheit und einem gewissen Eifer, so als ob auch uns so ein ferner Schimmer von Verdienst daran zukäme, wenn du als unser Fähnleinchef1 nun ins Gefecht eingreifen wirst. Ich bin richtig froh geworden um die Nachricht, die Lollo aus einem Bonner Brief gleich an mich weiterkabelte, während ich sogleich nach Erhalt Ruedi anläutete und sogar ein kleines, etwas aufgedonnertes Gsätzlein2 für die Basler Nachrichten schrieb, dies auf dringendes Verlangen von Karl Sartorius und meinerseits ganz einfach darum, weil ich unbedingt möchte, daß dein Wort zur Lage nun auch bei uns von allen Ernstzunehmenden gelesen und erhoben werde. Es ist dringend nötig. Und du redest da ja schließlich nicht nur zur Lage der deutschen Kirche, sondern zur Lage der Kirche überhaupt. Und das muß gehört werden. Es ist ein ganz selten gelungenes Schriftlein. Hoffentlich kann’s seinen Weg weiterlaufen und seinen Dienst ausrichten. Hoffentlich kommen die rückläufigen Bewegungen in der Kirche nicht doch wieder obenauf. Wem allem und was allem wirst du jetzt in Berlin begegnen. Könnte, könnte ich nur ein, zwei Tage so ein wenig von nahem mitdabeisein — Dibelius, Hirsch3! Der wird ein seltsames Gesicht machen, wenn er dich sichtet. Kam es übrigens in Bonn, als er letzthin dort redete, zu einem Rencontre? Und dann alle die Jungreformatoren und nirgends Eingeschalteten, die es ja sicher auch noch geben wird. Wenn du, wenn du einmal vielleicht wieder via Lollo eine kleine Nachricht zu uns herübersickern lassen kannst, so weißt du, wie wir dafür empfänglich sind.

450 Letzte Woche war deine Mutter zu einem kleinen, nicht sehr langen Gesprächlein bei mir. Es verlief wirklich gut, natürlich vor allem darum, weil wir im Hauptpunkt diesmal einig gingen, d. h. den gegenwärtigen Weg bejahten, wenn auch unter verschiedener Motivierung. Deine Mutter begleitet dich ja mit einer riesigen Aufwendung von innerer Mühe und bestem Willen. Und das ist sicher etwas ganz selten Großes und Gutes an ihr. Heiner habe ich in der letzten Zeit wenig gesehen. In der Sitzung der Gesellschaft, die kürzlich stattfand, konnte ich nicht anwesend sein, glücklicherweise! Denn es hätte sicher Krach gegeben, Heiners Fachkollege Gauß entwickelte seine innere Stellung, die einfach ein schon gar nicht mehr Krypto- zu nennender Katholizismus ist, sondern direkter Katholizismus, wenn auch rein anglikanischer Färbung. Und weil er alles so ganz persönlich und warm und lebendig sagte, war der Friede groß, den er um sich verbreitete.4 Und weil er das |451 Anliegen des Humanismus so betont mitaufnahm, war’s auch Heiner natürlich zufrieden. Gestern abend fand ein kleines Nachtesselein der Fakultät auf der Solitude5 statt. Da war wieder einmal der ganze Klub dieser Harmlosen beieinander, von Wendland bis zu Köberle, von Goetz über Vischer und Baumgartner6 bis zu Ruedi Liechtenhan und doch auch meiner Wenigkeit. Es wurde — ja, du liebe Zeit — über Gespenstererscheinungen geredet. Wendland sind natürlich noch keine erschienen, infolgedessen soll es auch keine geben, während Köberle zwar daran glaubt, sie aber natürlich in den Raum des Menschen hineinrechnet, und Vischer sie immerhin aus der Literatur kennen wollte, und Goetzius nur darüber lachte. Ich beteiligte mich an diesem Gespräch gar nicht, sondern verschlang still meine Erbslein und trank meinem Nachbarn Ruedi den alkoholfreien (es gab keinen anderen) Wein weg, weil es schrecklich durstig war, und dachte unausgesetzt an dich und die deutsche Lage, die da so weit, weit weg zu sein schien, als ob es sie gar nicht gebe. O Basel, o Eberhard. Eberhard wußte übrigens zu melden, sein Sohn Helmi habe ihm geschrieben, er habe dir einiges aus einem Brief vom Vater vorgelegt und du habest gesagt, da seiest du nun einmal wirklich mit ihm einverstanden. Was Eberhard bewegen wird, auch dein Schriftlein mit guten Erwartungen zur Hand zu nehmen. Ruedi Liechtenhan hat — hast du es gesehen? — einen ungerechten Angriff in den Basler Nachrichten erlitten.7 Ich habe mich aufgemacht |452 und ihm zu helfen versucht, was darum nicht ganz leicht ist, weil man es nicht tun kann, ohne [das] instrumentum delicti, nämlich eine schrecklich dumme religiös-soziale Broschüre von Trautvetter, die der wackere Ruedi fatalerweise glaubte mitherausgeben zu müssen8, seinerseits auch in aller Form preiszugeben, was natürlich dann wieder als Abschüttelung dieser unglücklichen Religiös-Sozialen herauskäme. Ruedi hat sich nun entschlossen, direkt das Wort in den B. N. zu nehmen, nachdem wir ihm die Wege dazu geebnet hatten.9

Was macht wohl Georgius? Du hast recht: alle seine kleine Schiebungen scheinen gründlich mißglückt zu sein. Er dauert mich. Was wird überhaupt aus diesem ganzen Ecken der theologischen Schule in Bethel? Und damit auch aus Helmi? Der Vater Eberhard wußte auch nichts Rechtes. Man wartet dort einfach auf ein lösendes Wort von Bodelschwingh. Aber ob der noch manövrierfähig genug ist, um ein solches Wort Berlin gegenüber zu sagen?

453 Ich gedenke deiner am Sonntag. Gelt, die Predigt wird ja bald auch erhältlich sein, die du da unter größter Anteilnahme in Bonn halten wirst. Ich bin gespannt darauf. Die Studenten hier sind eher etwas trostlos heimgereist. Ich konnte ihnen aber noch im letzten Augenblick deine Schrift zustecken oder sie darauf hinweisen. Und das hat ihnen Erleichterung gegeben. Wann, wann werden wir uns direkt sehen? Allzulang dauert’s hoffentlich doch nicht mehr. Unsere Adresse ist also von jetzt an: Adelboden, bei Klossner im Boden. Hoffentlich gelingt dies unser Ferienunternehmen einigermaßen.

Sei mit Nelly und Lollo herzlich gegrüßt. Lollo ist sicher gerade jetzt von besonderer Unersetzlichkeit. Wir gedenken eurer herzlich.

Dein
Eduard

Sachfußnoten

1
Kommandant einer unter einer Fahne zusammengeschlossenen Landsknechtsabteilung im 15. und 16. Jahrhundert. In der Hitlerjugend wurde, in bewußter Aufnahme dieses Sprachgebrauchs, eine Unterabteilung des Deutschen Jungvolks (10–14jährige) Fähnlein genannt; ihr Leiter, der Fähnleinführer, stand vier «Jungzügen» (ca. 160 Jungen) vor. Vgl. Art. «Fähnlein», in: Das große Lexikon des Dritten Reiches, hrsg. von Chr. Zentner / Fr. Bedürftig, München 1985, S. 167 📖; H. Scholtz, Art. «Hitlerjugend», a.a.O., S. 264f. 📖↩
2
Hier etwa «Aufsätzlein». — Unter dem Titel «Zur Lage der evangelischen Kirche» erschien neben einer Zusammenstellung der Ereignisse vom 7. Juli der kurze, nur mit «Korr.» gezeichnete Artikel in: BN, Jg. 89 [1933], Nr. 183 vom 7.7.1933. 📖 Daß es sich hier um Thurneysens Artikel handelt, belegt auch ein Brief K. Sartorius’ an Barth vom 7.7.1933, der vom Erscheinen des Artikels am selben Tag spricht. Abdruck unten S. 932f. (Anhang Nr. 3).↩
3
Hirsch gehörte zu dem theologischen Arbeitskreis um L. Müller, in dem er nach der Erinnerung von Müllers zeitweiligem «Adjutanten», dem Deutschen Christen Horst Schirmacher, zusammen mit H. M. Müller «für [Ludwig] Müller die gesamte geistige Arbeit» leistete (zitiert in: Schneider, S. 109, Anm. 28 📖).↩
4
Über diese Zusammenkunft der Vereinigung schrieb Thurneysen am 14.7.1933 an H. Barth: «Was mich besonders dabei bewegt hat, ist allerdings dieses, daß ich von der letzten Sitzung der Vereinigung Berichte erhielt, die mir ziemlich eindeutig zu sagen schienen, daß hier durch Gauß nun zwar nicht eine nur ‹christliche› (dieses Prädikat sagt eben nicht allzuviel!), sondern eine betont katholische (in der Form des Anglikanismus) Vertretung des Anliegens der Humanität gegeben worden ist. Wobei bis zu dem Satze vorgestoßen worden sein soll, daß sich die ‹Christlichkeit› vor der (natürlich katholisch verstandenen) Humanität auszuweisen habe. In der Diskussion ist dieser Satz dann dem (offenbar diesmal gut protestantischen) Einwand von Dieterle gegenüber zurückgezogen worden — aber immerhin, er ist gefallen. Gauß, ich schätze ihn persönlich wirklich aufrichtig und außerordentlich, hat seine Sache natürlich in der menschlich so besonders gütigen und feinen Form vertreten, wie es wiederum kennzeichnend ist für die spezifisch katholische Humanität. Ich bin ganz froh gewesen, daß ich nicht zugegen sein konnte. Denn ich hätte sehr wahrscheinlich diesen Frieden stören müssen. Und ich muß sagen: ich verstehe nun doch nicht ganz, wie du so ohne Bedenken mit diesem spezifisch katholischen Denker zusammen das christlich-humane Anliegen in Eintracht mir gegenüber vertreten kannst. Sollte das grundsätzlich zu verstehen sein, so müßte ich auch deine Aussagen künftighin in der Richtung des Thomismus verstehen. Und dann wäre allerdings mein protestantischer Einwand dagegen erst recht aufzurichten. Ich weiß schon, daß ich über die konfessionelle Abgrenzung hinaus, die hier allerdings in Kraft tritt, auch die, schon geschichtlich gesehen, gemeinsame Wurzel der christlichen Kirche nicht außer Acht lassen darf. Ich tue es auch nicht. Aber ich kann eben das gemeinsame Credo unam sanctam ecclesiam doch wieder nur, auch wenn ich es gemeinsam sagen wir mit einem Gauß spreche, auf meine protestantische Weise sprechen. Und das ist der letzte Grund auch dieser nun hier gemachten Einwände gegen eure gemeinsamen Thesen» (Nachlaß H. Barth 📖).↩
5
Parkanlage und Lokal am rechten Rheinufer in Basel.↩
6
Walter Baumgartner (1887–1970), 1929–1958 o. Professor für alttestamentliche Wissenschaft in Basel, seit 1930 mit Lehrauftrag für allgemeine Religionsgeschichte.↩
7
Am 30.6.1933 erschien in den Basler Nachrichten ein Artikel, der die von Liechtenhan mirverantwortete Broschüre «Der 9. November in Genf 1932. Kampf um die Wahrheit» (s. Anm. 8) als «Schmähschrift gegen unsere Armee» und «Lügenpamphlet gemeinster Art» verurteilte, «verfaßt und unterschrieben zum größten Teil vom Pfarrern unserer reformierten Kirche, die sich damit zu Anwälten gewissenloser Verbrecher machen.» Im zweiten Teil griff er den Basler Mitverantwortlichen scharf an: «Pfarrer Lichtenhan [sic], der uns verbieten will, in der Notwehr zu töten, kann es mit seinem Gewissen verantworten, mit dem gleichen Mund, mit dem er von der Kanzel herunter Nächstenliebe predigt, jene, die eine schwere Pflicht zu erfüllen hatten, mit Haß und Verleumdung zu schmähen. Wenn Pfarrer Lichtenhan nun einmal zu jenen Kreisen gehören will, die sich des Verbrechens vom 9. November schuldig gemacht haben, so ist es sicher eher Sache eines Pfarrers, diese Leute auf moralisch einwandfreie Bahnen zu weisen, als sie zu weiterem verbrecherischen Handeln zu ermuntern, dadurch daß er ihre Untat entschuldigt und beschönigt. / Wir wollen aber auch noch fragen, wann endlich einmal unsere reformierten Kirchenbehörden diesem Tun des Pfarrers Lichtenhan Einhalt gebieten. Dies zu tun wäre wohl angebracht, bevor weiterer Schaden entsteht und noch bevor die Achtung vor dem reformierten Pfarrer noch weiter gefährdet wird» (W. H., Kampf um die Wahrheit, in: BN, Jg. 89 [1933], Nr. 176 vom 30.6.1933, 2. Beilage 📖).↩
8
Die angegriffene Broschüre Der 9 November in Genf 1932. Kampf um die Wahrheit, hrsg. von der religiös-sozialen Vereinigung der Schweiz, Zürich o. J. [1933] 📖 (2., erweiterte Auflage ebenfalls: Zürich ‹1933›), war eine Gegendarstellung zum offiziellen Bericht über die Ereignisse am 9.11.1932 in Genf. Ihr Hauptverfasser wurde nicht namentlich genannt. «Es sei bloß bemerkt, daß er keiner Partei angehört und am Tageskampf wenig beteiligt ist» (a.a.O., S. 4). Das herausgebende Komitee der religiös-sozialen Vereinigung der Schweiz, dem Liechtenhan angehörte (Liste der Mitglieder a.a.O., S. 5), übernahm die Verantwortung für die Veröffentlichung der Schrift; zur Zielsetzung der Broschüre vgl. H. Bachmann, Die Wahrheit über den 9. November, in: NW, Jg. 27 (1933), S. 262–264 📖. — Paul Trautvetter (1889–1983), durch Kutters Einfluß zum Theologiestudium gekommen, stand auch Max Gerber und Ragaz nahe, radikaler Antimilitarist, 1918–1954 Pfarrer in Höngg (Kanton Zürich).↩
9
Ebenfalls unter dem Titel «Kampf um die Wahrheit» erschien — nach einer Anmerkung der Redaktion, sie wolle Liechtenhan trotz sachlicher Differenz Gelegenheit zur Verteidigung gegen die persönlichen Angriffe geben, — dessen Stellungnahme, in der er sich zunächst gegen die Form der an der Broschüre geübten Kritik und dann gegen die «ehrenrührige[n] Vorwürfe» gegen seine Person und gegen andere Mitglieder des herausgebenden Komitees wendet (in: BN, Jg. 89 [1933], Nr. 186 vom 10.7.1933, 2. Beilage 📖).↩