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7. Juli 1933
Du bist augenblicklich in großer Fahrt irgendwo in der Mitte des Geschehens. Das ist sicher so in der Ordnung. Und so schwierig die dadurch an dich herankommenden Verantwortungen sich gestalten können, du wirst das schon restlos gut machen, was da zu machen ist. Und vor allem: du wirst deine Pfeife nicht ausgehen lassen, wirst viele Menschen und Dinge ganz von nahem sehen. Und das ist sicher doch einfach etwas wert. Wir in der Provinz verfolgen alles, was uns von dir her |449 zukommt, mit ganzer Beteiligtheit und einem gewissen Eifer, so als ob auch uns so ein ferner Schimmer von Verdienst daran zukäme, wenn du als unser Fähnleinchef1 nun ins Gefecht eingreifen wirst. Ich bin richtig froh geworden um die Nachricht, die Lollo aus einem Bonner Brief gleich an mich weiterkabelte, während ich sogleich nach Erhalt Ruedi anläutete und sogar ein kleines, etwas aufgedonnertes Gsätzlein2 für die Basler Nachrichten schrieb, dies auf dringendes Verlangen von Karl Sartorius und meinerseits ganz einfach darum, weil ich unbedingt möchte, daß dein Wort zur Lage nun auch bei uns von allen Ernstzunehmenden gelesen und erhoben werde. Es ist dringend nötig. Und du redest da ja schließlich nicht nur zur Lage der deutschen Kirche, sondern zur Lage der Kirche überhaupt. Und das muß gehört werden. Es ist ein ganz selten gelungenes Schriftlein. Hoffentlich kann’s seinen Weg weiterlaufen und seinen Dienst ausrichten. Hoffentlich kommen die rückläufigen Bewegungen in der Kirche nicht doch wieder obenauf. Wem allem und was allem wirst du jetzt in Berlin begegnen. Könnte, könnte ich nur ein, zwei Tage so ein wenig von nahem mitdabeisein — Dibelius, Hirsch3! Der wird ein seltsames Gesicht machen, wenn er dich sichtet. Kam es übrigens in Bonn, als er letzthin dort redete, zu einem Rencontre? Und dann alle die Jungreformatoren und nirgends Eingeschalteten, die es ja sicher auch noch geben wird. Wenn du, wenn du einmal vielleicht wieder via Lollo eine kleine Nachricht zu uns herübersickern lassen kannst, so weißt du, wie wir dafür empfänglich sind.
450 Letzte Woche war deine Mutter zu einem kleinen, nicht sehr langen Gesprächlein bei mir. Es verlief wirklich gut, natürlich vor allem darum, weil wir im Hauptpunkt diesmal einig gingen, d. h. den gegenwärtigen Weg bejahten, wenn auch unter verschiedener Motivierung. Deine Mutter begleitet dich ja mit einer riesigen Aufwendung von innerer Mühe und bestem Willen. Und das ist sicher etwas ganz selten Großes und Gutes an ihr. Heiner habe ich in der letzten Zeit wenig gesehen. In der Sitzung der Gesellschaft, die kürzlich stattfand, konnte ich nicht anwesend sein, glücklicherweise! Denn es hätte sicher Krach gegeben, Heiners Fachkollege Gauß entwickelte seine innere Stellung, die einfach ein schon gar nicht mehr Krypto- zu nennender Katholizismus ist, sondern direkter Katholizismus, wenn auch rein anglikanischer Färbung. Und weil er alles so ganz persönlich und warm und lebendig sagte, war der Friede groß, den er um sich verbreitete.4 Und weil er das |451 Anliegen des Humanismus so betont mitaufnahm, war’s auch Heiner natürlich zufrieden. Gestern abend fand ein kleines Nachtesselein der Fakultät auf der Solitude5 statt. Da war wieder einmal der ganze Klub dieser Harmlosen beieinander, von Wendland bis zu Köberle, von Goetz über Vischer und Baumgartner6 bis zu Ruedi Liechtenhan und doch auch meiner Wenigkeit. Es wurde — ja, du liebe Zeit — über Gespenstererscheinungen geredet. Wendland sind natürlich noch keine erschienen, infolgedessen soll es auch keine geben, während Köberle zwar daran glaubt, sie aber natürlich in den Raum des Menschen hineinrechnet, und Vischer sie immerhin aus der Literatur kennen wollte, und Goetzius nur darüber lachte. Ich beteiligte mich an diesem Gespräch gar nicht, sondern verschlang still meine Erbslein und trank meinem Nachbarn Ruedi den alkoholfreien (es gab keinen anderen) Wein weg, weil es schrecklich durstig war, und dachte unausgesetzt an dich und die deutsche Lage, die da so weit, weit weg zu sein schien, als ob es sie gar nicht gebe. O Basel, o Eberhard. Eberhard wußte übrigens zu melden, sein Sohn Helmi habe ihm geschrieben, er habe dir einiges aus einem Brief vom Vater vorgelegt und du habest gesagt, da seiest du nun einmal wirklich mit ihm einverstanden. Was Eberhard bewegen wird, auch dein Schriftlein mit guten Erwartungen zur Hand zu nehmen. Ruedi Liechtenhan hat — hast du es gesehen? — einen ungerechten Angriff in den Basler Nachrichten erlitten.7 Ich habe mich aufgemacht |452 und ihm zu helfen versucht, was darum nicht ganz leicht ist, weil man es nicht tun kann, ohne [das] instrumentum delicti, nämlich eine schrecklich dumme religiös-soziale Broschüre von Trautvetter, die der wackere Ruedi fatalerweise glaubte mitherausgeben zu müssen8, seinerseits auch in aller Form preiszugeben, was natürlich dann wieder als Abschüttelung dieser unglücklichen Religiös-Sozialen herauskäme. Ruedi hat sich nun entschlossen, direkt das Wort in den B. N. zu nehmen, nachdem wir ihm die Wege dazu geebnet hatten.9
Was macht wohl Georgius? Du hast recht: alle seine kleine Schiebungen scheinen gründlich mißglückt zu sein. Er dauert mich. Was wird überhaupt aus diesem ganzen Ecken der theologischen Schule in Bethel? Und damit auch aus Helmi? Der Vater Eberhard wußte auch nichts Rechtes. Man wartet dort einfach auf ein lösendes Wort von Bodelschwingh. Aber ob der noch manövrierfähig genug ist, um ein solches Wort Berlin gegenüber zu sagen?
453 Ich gedenke deiner am Sonntag. Gelt, die Predigt wird ja bald auch erhältlich sein, die du da unter größter Anteilnahme in Bonn halten wirst. Ich bin gespannt darauf. Die Studenten hier sind eher etwas trostlos heimgereist. Ich konnte ihnen aber noch im letzten Augenblick deine Schrift zustecken oder sie darauf hinweisen. Und das hat ihnen Erleichterung gegeben. Wann, wann werden wir uns direkt sehen? Allzulang dauert’s hoffentlich doch nicht mehr. Unsere Adresse ist also von jetzt an: Adelboden, bei Klossner im Boden. Hoffentlich gelingt dies unser Ferienunternehmen einigermaßen.
Sei mit Nelly und Lollo herzlich gegrüßt. Lollo ist sicher gerade jetzt von besonderer Unersetzlichkeit. Wir gedenken eurer herzlich.