8. Juli 1933

Charlotte von Kirschbaum an Eduard Thurneysen (sowie Nachschrift Karl Barth an Eduard Thurneysen)

453
Lieber Eduard!

Karl meint (nach Lektüre deines Briefes, für den er dir herzlich danken läßt, und des Basler Nachrichten-Artikels1), daß ich dir rasch ein paar Meldungen zugehen lassen soll, die unsere letzten, unter deren Eindruck du beides geschrieben hast, in notwendiger Weise ergänzen. Die plötzliche Abreise von K. aus Berlin hat nämlich den betrüblichen Anlaß, daß ihm ganz plötzlich klar wurde, daß weitere Verhandlungen in Berlin zwecklos geworden waren. Man hat Hesse (ohne daß der gute Mann es merkte, er kam ganz ahnungslos abends aufs Zimmer und berichtete dem schon im Bett liegenden Karl ganz befriedigt vom Ergebnis der letzten Sitzung und der Zusammensetzung des nun neu zusammengestellten Ausschusses für die Kirchenverfassung, in den er nicht hineingekommen ist2: die Katastrophe wurde ihm erst an Karls Entset|454zen klar, und er versuchte um Mitternacht noch, telefonisch Widerspruch einzulegen, was natürlich nicht gelang) einfach «ausgeschaltet». Dadurch wurde Karls Aufgabe dort gegenstandslos, und er hat betrübt den nun dort vereinigten D[eutsche-]Christenhäuptlingen das Feld überlassen. Hesse ist noch dort geblieben und wird ab und zu zur «Beratung» beigezogen, auch soll das Dreimännerkollegium noch einmal tagen (sicher erst, wenn die «Anderen» Alles ausgemacht und festgelegt haben).3 Kurz, eine etwas triste Situation, trist vor Allem durch die anscheinend erschütternde Mittelmäßigkeit aller beteiligten Parteien. Wir waren zunächst hier alle sehr betroffen, denn Karls Brief hatte unsere |455 gedrückten Gemüter etwas getröstet. Die letzten Tage brachten nun doch immerhin so zahlreiche Meldungen von Widerstand der Kirche (so besonders die heutigen Nachrichten aus Westfalen)4, daß wir neue Hoffnung schöpfen, daß trotz der verfahrenen Situation in Berlin noch nicht Alles verloren ist und sich landauf — landab die dort ersonnenen Erlasse und Verfügungen am Wider[stand]5 der Pfarrer (z. Tl. auch der Gemeinden) korrigieren müssen. Auf jeden Fall ist noch kein Anlaß, die Flinte ins Korn zu werfen, sondern sehr viel Grund, jetzt mehr als je für die Sache zu streiten. — Karl hat in Berlin auch Dibelius gsprochen, ohne an dessen Haltung ganz froh werden zu können. Diese Leute haben natürlich jetzt alle auch saftige politische Ressentiments (als alte Deutschnationale!) und müssen darum viel vergrämter reagieren als etwa Karl. — Seine Studenten hier haben ihn mit stürmischem Getrampel begrüßt, und merkwürdigerweise wird jede auch nur leise oppositionelle Andeutung in dieser Weise bejubelt, so daß wir uns manchmal erstaunt fragen, was nun eigentlich die wahre Stimme des Volkes im Augenblick ist. Feindselige Reaktionen gegen die «Theologische Existenz» sind außer in einer Deutsch - Chr. Versammlung in Köln6 noch |456 nicht erfolgt. Heute wird wohl die 2. Auflage fertiggestellt sein. Die Nachfrage sei, laut Lempp, enorm.7 —

Ich glaube, das ist im Augenblick das, was zu sagen ist. Von vielen, vielen Einzelheiten dann mündlich. — Wir sind froh, daß diese Woche so und nicht anders verlaufen ist. Ein wenig besorgt waren wir — war ich — doch. Aber K. steht in einem merkwürdigen guten Schutz seitens des Ministers8 anscheinend. So hat er einen Fragebogen mit der ausdrücklichen Frage nach der Zugehörigkeit zur politischen Partei (über den, wie ich fürchte, Schmidt und Lieb stolpern werden) überhaupt nicht bekommen.9 Du hast gehört, daß Rust im Jahre 1925 den Römerbrief 📖 las und von daher Interesse für K. hat? —

457 Wir hoffen sehr, am 1. oder 2. August aufs Bergli fahren zu dürfen. Daß Nelly mit den drei Buben nach Engelberg geht, wißt ihr. — Kannst du nicht in der 1. Augustwoche noch ein paar Tage mit uns auf dem Bergli sein? Wir würden uns so freuen. — Karl sitzt an seiner Predigt, Luc. 6,36–42. Ich schicke dir morgen einen Durchschlag. — Grüße Marguerite sehr herzlich von mir und grüße auch Dorothee, sag ihr, den deutschen Theologinnen gehe es jetzt ganz schlecht. Man spricht davon, das Theologie-Studium für Frauen überhaupt zu stoppen.10 —

Sehr herzlich
deine
Lollo
[Nachschrift von Barth:]

Lieber Eduard! Ich bin in dem bekannten «Gedränge vor dem Tor» — sei herzlich gegrüßt von

Deinem
Karl

Sachfußnoten

1
Wahrscheinlich Thurneysens anonym erschienener Artikel (s. oben S. 449, Anm. 2).↩
2
An den Sitzungen des neuen Verfassungsausschusses am 7., 8. und 10.7.1933 im Reichsinnenministerium — die entgegen der am 4.7. getroffenen Vereinbarung (s. oben S. 447, Anm. 15) nicht unter wechselndem Vorsitz von Müller und den Bevollmächtigten stattfanden — nahmen teil: L. Müller (Vorsitz), Jäger, Meusel, Marahrens, Landesbischof Hans Meiser und Oberkirchenrat Hans Meinzolt aus Bayern, Weber, Fezer und J. Heckel sowie als Protokollführer Dr. Erich Ruppel; bei der Schlußsitzung der Kirchenvertreter am 11.7. zur Annahme des Entwurfs waren außerdem Hesse und Seetzen anwesend (Meier I, S. 555, Anm. 392 📖, und H. Kater, Die Deutsche Evangelische Kirche in den Jahren 1933 und 1934. Eine rechts- und verfassungsgeschichtliche Untersuchung zu Gründung und Zerfall einer Kirche im nationalsozialistischen Staat [AGK 24], Göttingen 1970, S. 88 📖; — der am 10.7. fertiggestellte Entwurf war aber gezeichnet von Frick, Marahrens, Hesse, Seetzen, Meiser, Müller, Fezer, Heckel und Jäger [vgl. Scholder I, S. 475 📖; Gauger I, S. 92 📖]; Scholder I, S. 473.823, Anm. 66, erwähnt Jäger und Ruppel nicht, rechnet aber auch Seetzen und Hesse als Mitglieder. Die o. g. Zusammensetzung nach einem Bericht Ruppels über die Verhandlungsführung [Abdruck des von Meier auf 1935 datierten Berichtes in: Meier I, S. 555f., Anm. 399]). — Zu den Ergebnissen seiner Bemühungen schrieb Hesse am 8.7.1933 (s. unten S. 471, Anm. 4): «Die Forderung der Vertreter von Reformiert-Hannover, daß ich zu den Beratungen von gestern nachmittag und heute vormittag zugezogen würde, hat ebenso wenig genützt wie meine entsprechende, ausführlich begründete Bitte an den Reichsinnenminister. Es blieb dabei, daß Landesbischof Dr. Marahrens als ‹Verbindungsmann› mit dabei war. Er hat aber offenbar wenig gesagt. Die für Mittwoch und Donnerstag [5. und 6.7.1933] vorgesehene Besprechung zwischen den beiden Juristen Professor Heckel-Bonn und Staatskommissar Dr. Jäger war eine zeitlich äußerst knapp bemessene, weil im Evangelischen Oberkirchenrat unglaublicher Wirrwarr herrschte. So war der Sinn der Beratung von gestern nachmittag und heute vormittag wesentlich der einer grundsätzlichen Stellungnahme von Müller aus. / Als reformierten Mann hatte Müller Otto Weber zugezogen. Es ist mir sehr lieb, daß er für die jetzt vorerst beschlossenen Abänderungen [s. unten S. 471, Anm. 4] die Verantwortung zu tragen hat», die hauptsächlich die Befugnisse des Reichsbischofs und des Geistlichen Ministeriums «in einer geradezu gefährlichen Weise papalistisch gesteigert» hätten.↩
3
Hesse konnte nur an der Sitzung am 11.7. teilnehmen (s. oben Anm. 2), bei der der Verfassungsentwurf von einer Versammlung der Vertreter aller Landeskirchen — nach Anweisung Fricks sowohl von den neuen Bevollmächtigten als auch von den alten Kirchenleitungen — mit wenigen Korrekturen einstimmig angenommen wurde; zum Verlauf der Verhandlungen vgl. Schneider, S. 140–144 📖; Scholder I, S. 478f. 📖 ↩
4
Am 6.7.1933 ging — als unmittelbares Ergebnis eines Vorstoßes einer Delegation westfälischer Pfarrer beim Evangelischen Oberkirchenrat in Berlin — beim Konsistorium in Münster folgendes Telegramm ein: «Die bisherigen westf. Presbyterien, Synodalvorstände und der Provinzialkirchenrat sind unverzüglich wieder in ihr Amt einzusetzen, da sich nach eingehender Prüfung der dortigen kirchlichen Lage herausgestellt hat, daß die bereits früher im Amt Gewesenen ihr kirchliches Amt aus dem Bekenntnis herleiten. Dr. Werner» (Gauger I, S. 91 📖; dort mit Hervorhebungen). Eine andere Gruppe machte am 7.7. «im Auftrage einer großen Mehrheit westfälischer Herren» eine Eingabe beim Innenministerium, in der u. a. die Wiedereinsetzung des entlassenen Evangelischen Oberkirchenrates und «sämtlicher kirchlicher Führer und Körperschaften, soweit nicht nachweislich ein Verstoß gegen die eigentlichen Staatsgesetze vorliegt», gefordert wurde (vgl. W. Niemöller, Aus dem Leben eines Bekenntnispfarrers, Bielefeld 1961, S. 33f.; Zitat dort S. 34 📖). Am gleichen Tag wurde Pfarrer Bruno Adler als Staatskommissar für die Kirchenprovinz Westfalen durch Krummacher ersetzt, der Weisung hatte, schärfer durchzugreifen; vgl. Meier I, S. 309 📖; Scholder I, S. 456.471. 📖 ↩
5
Wort unvollständig wegen Beschädigung des Originals (abgerissenes Stück am unteren Rand des Briefbogens).↩
6
Vielleicht auf einer Versammlung in der Kölner Messehalle am Abend des 5.7.1933, an der «alle Amtswalter von Köln und den anderen Gauen bis zu den Kreisleitern» teilzunehmen hatten, zu der aber auch alle Pfarrer des Rheinlandes, alle DC-Mitglieder und andere Interessierte eingeladen waren (Einladung im Karl Barth-Archiv). In seiner Rede über das Thema «Der Neubau der evangelischen Kirche» hatte Krummacher im Hinblick auf Barth — allerdings ohne Bezugnahme auf seine Streitschrift — geäußert: «Darum erwarten wir, daß in Kürze auf den theologischen Lehrstühlen nur Männer stehen, die deutsch reden …, die sich zu unserem deutschen Volkstum und zum deutschen Staat bekennen. Das gilt vor allem für die uns benachbarte Universitätsstadt Bonn, wo immer noch ein Theologe lehrt, der sich geweigert hat, Deutscher zu werden» (vgl. Kirchenkampf im Rheinland. Die Entstehung der Bekennenden Kirche und die Theologische Erklärung von Barmen 1934 [SVRKG 76], hrsg. von G. van Norden, Köln 1984, S. 40–44; Zitat dort S. 43 📖). Bei der Versammlung trat auch der spätere rheinische Bischof und «Chef des Stabes» des Reichsbischofs, H. Oberheid, in der Uniform eines SA-Sturmführers auf; vgl. H. Faulenbach, Ein Weg durch die Kirche …, a.a.O. (S. 291, Anm. 4), S. 65f. 📖 ↩
7
Der Verleger Lempp hatte am 5.7.1933 an Barth geschrieben: «Die Nachfrage nach Ihrer neuen Schrift ist ganz ungeheuer. Noch bei keinem Werk[,] das in meinem Verlag erschienen ist[,] war das so. Sehr viele Abonnenten von Zwischen den Zeiten[,] die das Heft erhalten haben[,] schreiben ‹Endlich das erlösende Wort[,] bitte senden Sie mir noch so und soviele Exemplare.› Ich hätte Ihnen gerne die Freude gegönnt, daß Sie in den letzten zwei Tagen die eingelaufenen Schreiben und Bestellungen gesehen hätten.» Detailliertere Angaben über die enorme Nachfrage finden sich in einem Brief Lempps an Merz vom 8.7.1933: «Die erste Auflage mit 3000 Stück war am 2. Tag vergriffen und die 2. Auflage mit 2000 Stück war am selben Tag vergriffen, wie sie in den Verlag gekommen ist und die 3. Auflage mit wieder 3000 Stück ist heute eingetroffen, wovon schon wieder ca. 1000 heute abgehen. Meiser, dem ich 1 Exemplar zugeschickt habe, hat sich sehr anerkennend darüber ausgesprochen, nur ist ihm das sonst bei Barth gerühmte existenzielle diesmal nicht genügend beachtet. Die Buchhändler bestellen telephonisch und telegraphisch 50 und 100 Exemplare, es ist einfach herrlich» (zitiert nach Lichtenfeld, S. 320, Anm. 221 📖). In den zwei Wochen nach ihrem ersten Erscheinen am 1. Juli wurde die Schrift in vier Auflagen mit insgesamt 12000 Exemplaren gedruckt (Th.Ex.h. 1933, S. 7 📖).↩
8
Vgl. auch oben S. 397, Anm. 7.↩
9
Dieser (zweite) Fragebogen wurde an Lieb und Schmidt geschickt, weil der in «Schutzhaft» befindliche Alfred Kantorowicz (1880–1962), Professor für Zahnheilkunde in Bonn, sie in einer Eingabe vom 9.5.1933 als Zeugen dafür genannt hatte, daß er selber der einzige entschiedene KPD-Gegner in der in seinem Haus tagenden Sozialistischen Arbeitsgemeinschaft gewesen sei. Die daraus ersichtliche Mitgliedschaft Liebs und Schmidts in der Arbeitsgemeinschaft sowie Schmidts sozialdemokratische Tätigkeit und Liebs Rußland-Beziehungen führten zur Überprüfung dieser beiden in Hinblick auf das «Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums 📖» durch die Fragebögen (vgl. Bizer, S. 256.258 📖; zu Liebs Entlassung dort S. 256–258). Ein erster Fragebogen vom April, der «die notwendigen Klärungen analog den Bestimmungen des Beamtengesetzes herbeiführen» sollte, hatte die Frage nach der «Rassenzugehörigkeit» der Großeltern, jedoch keine Frage nach der Parteimitgliedschaft enthalten (vgl. Mühling, S. 143 📖; Mitteilung über die Beurlaubung von Hochschullehrern, 13. April 1933, in: Deutsche Allgemeine Zeitung, Nr. 176 vom 13.4.1933 📖, abgedruckt in: Michaelis/ Schraepler, S. 453f., Zitat dort S. 454 📖).↩
10
In der Zeit der Weimarer Republik durchgesetzte Neuerungen, durch die Frauen in bezug auf Studium und Studienabschluß den Männern weitgehend gleichgestellt waren, wurden durch die nationalsozialistische Gesetzgebung eingeschränkt bzw. z. T. ganz zurückgenommen. Zu einem Verbot des Theologiestudiums für Frauen kam es jedoch nicht; vgl. C. H. Meisiek, Evangelisches Theologiestudium im Dritten Reich (Europäische Hochschulschriften, Reihe 23, Bd. 481), Frankfurt a.M. u. a. 1993, S. 171–186 📖; H. Erhart, Die Theologin im Kontext von Universität und Kirche zur Zeit der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus, in: Theologische Fakultäten im Nationalsozialismus (AKIZ, Reihe B, Bd. 18), hrsg. von L. Siegele-Wenschkewitz und C. Nicolaisen, Göttingen 1993, S. 223–249; s. dort besonders S. 223f.227.231 📖. — Die 1933 erst sechzehnjährige Dorothee Thurneysen fing im WS 1937 tatsächlich in Basel ein Theologiestudium an, beendete aber bereits 1940 — kurz vor ihrer Eheschließung mit dem französischen Theologen Georges Casalis — ihr Studium mit dem Bibeldiplom für das Ministère feminin in Genf (telephonische Auskunft von Frau D. Casalis am 5.12.1993).↩