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8. Juli 1933
Karl meint (nach Lektüre deines Briefes, für den er dir herzlich danken läßt, und des Basler Nachrichten-Artikels1), daß ich dir rasch ein paar Meldungen zugehen lassen soll, die unsere letzten, unter deren Eindruck du beides geschrieben hast, in notwendiger Weise ergänzen. Die plötzliche Abreise von K. aus Berlin hat nämlich den betrüblichen Anlaß, daß ihm ganz plötzlich klar wurde, daß weitere Verhandlungen in Berlin zwecklos geworden waren. Man hat Hesse (ohne daß der gute Mann es merkte, er kam ganz ahnungslos abends aufs Zimmer und berichtete dem schon im Bett liegenden Karl ganz befriedigt vom Ergebnis der letzten Sitzung und der Zusammensetzung des nun neu zusammengestellten Ausschusses für die Kirchenverfassung, in den er nicht hineingekommen ist2: die Katastrophe wurde ihm erst an Karls Entset|454zen klar, und er versuchte um Mitternacht noch, telefonisch Widerspruch einzulegen, was natürlich nicht gelang) einfach «ausgeschaltet». Dadurch wurde Karls Aufgabe dort gegenstandslos, und er hat betrübt den nun dort vereinigten D[eutsche-]Christenhäuptlingen das Feld überlassen. Hesse ist noch dort geblieben und wird ab und zu zur «Beratung» beigezogen, auch soll das Dreimännerkollegium noch einmal tagen (sicher erst, wenn die «Anderen» Alles ausgemacht und festgelegt haben).3 Kurz, eine etwas triste Situation, trist vor Allem durch die anscheinend erschütternde Mittelmäßigkeit aller beteiligten Parteien. Wir waren zunächst hier alle sehr betroffen, denn Karls Brief hatte unsere |455 gedrückten Gemüter etwas getröstet. Die letzten Tage brachten nun doch immerhin so zahlreiche Meldungen von Widerstand der Kirche (so besonders die heutigen Nachrichten aus Westfalen)4, daß wir neue Hoffnung schöpfen, daß trotz der verfahrenen Situation in Berlin noch nicht Alles verloren ist und sich landauf — landab die dort ersonnenen Erlasse und Verfügungen am Wider[stand]5 der Pfarrer (z. Tl. auch der Gemeinden) korrigieren müssen. Auf jeden Fall ist noch kein Anlaß, die Flinte ins Korn zu werfen, sondern sehr viel Grund, jetzt mehr als je für die Sache zu streiten. — Karl hat in Berlin auch Dibelius gsprochen, ohne an dessen Haltung ganz froh werden zu können. Diese Leute haben natürlich jetzt alle auch saftige politische Ressentiments (als alte Deutschnationale!) und müssen darum viel vergrämter reagieren als etwa Karl. — Seine Studenten hier haben ihn mit stürmischem Getrampel begrüßt, und merkwürdigerweise wird jede auch nur leise oppositionelle Andeutung in dieser Weise bejubelt, so daß wir uns manchmal erstaunt fragen, was nun eigentlich die wahre Stimme des Volkes im Augenblick ist. Feindselige Reaktionen gegen die «Theologische Existenz» sind außer in einer Deutsch - Chr. Versammlung in Köln6 noch |456 nicht erfolgt. Heute wird wohl die 2. Auflage fertiggestellt sein. Die Nachfrage sei, laut Lempp, enorm.7 —
Ich glaube, das ist im Augenblick das, was zu sagen ist. Von vielen, vielen Einzelheiten dann mündlich. — Wir sind froh, daß diese Woche so und nicht anders verlaufen ist. Ein wenig besorgt waren wir — war ich — doch. Aber K. steht in einem merkwürdigen guten Schutz seitens des Ministers8 anscheinend. So hat er einen Fragebogen mit der ausdrücklichen Frage nach der Zugehörigkeit zur politischen Partei (über den, wie ich fürchte, Schmidt und Lieb stolpern werden) überhaupt nicht bekommen.9 Du hast gehört, daß Rust im Jahre 1925 den Römerbrief
📖 las und von daher Interesse für K. hat? —
457 Wir hoffen sehr, am 1. oder 2. August aufs Bergli fahren zu dürfen. Daß Nelly mit den drei Buben nach Engelberg geht, wißt ihr. — Kannst du nicht in der 1. Augustwoche noch ein paar Tage mit uns auf dem Bergli sein? Wir würden uns so freuen. — Karl sitzt an seiner Predigt, Luc. 6,36–42. Ich schicke dir morgen einen Durchschlag. — Grüße Marguerite sehr herzlich von mir und grüße auch Dorothee, sag ihr, den deutschen Theologinnen gehe es jetzt ganz schlecht. Man spricht davon, das Theologie-Studium für Frauen überhaupt zu stoppen.10 —
Sehr herzlich
[Nachschrift von Barth:]
Lieber Eduard! Ich bin in dem bekannten «Gedränge vor dem Tor» — sei herzlich gegrüßt von