6. Oktober 1932

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Ein Gruß aus der so ganz anderen Welt, in der ich jetzt wieder untergetaucht bin. Szene: ein trostloser Saal mit Säulen an der Regierungsstraße in Koblenz. Ein abnormal breiter grüner Tisch, neben mir H. E. Weber1, der eben Philosophie prüft, weiterhin Pfennigsdorf2 und der General-Superintendent Stoltenhoff3. Gegenüber fünf mehr oder weniger begabte Jünglinge. Eben ist ein Grisebachianer an der Reihe und beweist, daß er von Kant nichts versteht. Gestern ist einer durchgefallen, der die Würde eines nationalsozialistischen «Kulturdezernenten für den Kreis Mörs» bekleidet!4 So fehlt es auch hier nicht an allerhand |292 Blendwerk und Illusionen. Dagegen hat einer meiner Seminarsenioren mit «vorzüglich» bestanden, und ein anderer ist auf bestem Wege.5 So daß es mir an Freude auch nicht fehlt. Übrigens empfehle ich dir den Film «Der träumende Mund 📖»6, den ich hier gesehen. L. Christ hat mir Akten zur Gesangbuchrevision geschickt.7 Ob ich dazu komme, mich eingehend damit zu beschäftigen? Behalte diese Sache doch ja im Auge! Mir scheint, man könne hier nicht aufmerksam und grundsätzlich genug sein. Wenn du Georg siehst, so versäume doch ja nicht, ihn zu mahnen, daß er seinen Heimweg über Bonn nehme.8 [Die Prüfung ist unterdessen zu Fichte weitergeschritten.]9

Grüße Marguerite! Es grüßt dich
Dein
Karl

(bis 12. Okt. 1932: Koblenzer Hof, Koblenz)

Sachfußnoten

1
Hans Emil Weber (1882–1950), 1912–1935 (und 1946–1950) Professor für Neues Testament und Systematische Theologie in Bonn; vgl. Busch, S. 213f 📖.↩
2
Emil Pfennigsdorf (1868–1952), 1913–1940 Professor für Religionspsychologie, Praktische Theologie und Apologetik sowie Universitätsprediger in Bonn.↩
3
Ernst Stoltenhoff (1879–1953), 1928–1934 rheinischer Generalsuperintendent, leitete von Amts wegen die theologischen Prüfungen; vgl. E. Stoltenhoff, Die gute Hand Gottes …, a.a.O. (S. 47, Anm. 4) 📖; zu den Prüfungen dort, S. 223f.↩
4
Möglicherweise ist der gescheiterte Examenskandidat identisch mit dem von H. Faulenbach (Ein Weg durch die Kirche. Hermann Josef Oberheid [SVRKG 105], Köln 1992, S. 59, Anm. 83) 📖 genannten, im Oktober 1931 durch das Examen gefallenen Kandidaten namens Jung, der im Mai 1933 «Kreiskulturwart der NSDAP und Kreisleiter der Deutschen Christen in Moers» war. Näheres konnte nicht ermittelt werden.↩
5
Einer der beiden Genannten ist Georg Eichholz (1909–1973), der sich mit seinem Examen, wie Ch. von Kirschbaum am 20.10.1932 an E. Küppers schrieb, einen «schon fast sagenhaften Ruhm» erworben hatte: «Er muß in Koblenz ein Examen abgelegt haben, daß alle Münder vor Staunen offen blieben». Eichholz’ Erfolg veranlaßte Barth dazu, erstmals einen Studenten zur Lizentiatenpromotion zu drängen (Brief an Eichholz vom 13.10.1932).↩
6
In dem 1932 von Paul Czinner gedrehten deutschen Spielfilm stellte Elisabeth Bergner die Frau eines invaliden Musikers dar, die nach einer Affäre mit einem anderen Mann Selbstmord begeht.↩
7
L. Christ war Mitglied der großen Gesangbuchkommission des Kirchenbundes (zusammengesetzt aus je einem Vertreter der deutschschweizerischen Kantonalkirchen, fünf Vertretern der Organistenverbände und zwei des Kirchengesangsbundes) zur Schaffung eines neuen Gesangbuches für die deutschsprachige Schweiz auf Grund des 1931 vorgelegten Entwurfs von Pfarrer Theodor Goldschmid. Im Frühjahr 1932 wählte diese zwei Arbeitskommissionen, eine für die Musik und eine für den Text. Dieser gehörte Christ (bis zum Erscheinen des Probebandes 1941) ebenso an wie 1944–1952 dem neuen Text- und Redaktionsausschuß für die Erarbeitung der endgültigen Fassung; vgl. L. Christ, Wie es zu dem neuen Gesangbuche gekommen ist (Das Lied der Kirche 1), Basel 1942 📖 = Separatabdruck aus: KBRS, Jg. 98 (1942), S. 242–256. 📖 ↩
8
Merz besuchte Barth am 30./31.10.1932 in Bonn (Postkarte Merz’ an Barth vom 25.10.1932).↩
9
Eckige Klammern im Original.↩