5. Oktober 1932

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Die schöne Herbstsonne wird auch am Rhein bei Koblenz unten scheinen, nachdem sie die Morgennebel durchbrochen hat. Du aber sitzest eingesperrt in das nach deinen Schilderungen besonders düstere und «unamietige»2 Konsistorialgebäude am grünen Tisch und siehst unaufhörlich angstvolle und gepeinigte Kandidaten vor dir sitzen und kannst wohl nicht anders als sie auch deinerseits in die Schraube zu nehmen.3 Möchten die weniger günstigen Sterne, die dir die letzten Wochen in der Schweiz gestrahlt hatten4, erfreulicheren Belichtungen gewichen sein, so daß du wenigstens persönlich aus dem Druck heraus bist und mit einigem Humor die Dinge passieren kannst, die dir nun auferlegt sind! Auf alle Fälle soll dich ein kleiner Gruß erreichen.

Zwar traf eben heute morgen eine ganz ungefreute5 Mitteilung bei mir ein: der Regierungspräsident Dörr von Birkenfeld meldet mir kurz, daß die Oldenburger Nazzi ihn beseitigen wollen, weil er die Geschäfte nicht ganz in ihrem Sinne führt.6 Was sich gegenwärtig in Oldenburg |287 Regierung7 nennt — ich ersehe es aus immer neuen Zeitungsausschnitten, die mir Bultmanns zugehen lassen —, das ist eine Bande von gänzlich ungebildeten und massiven Parteibüffeln, vor denen man sicher nur das Kreuz schlagen kann als einigermaßen ehrlicher Christenmensch. Aber die haben nun eben die Gewalt und wollen sie auch brauchen. Hoffentlich passiert da bei den nächsten Wahlen doch etwas!

Unterdessen war ich am letzten Samstag mit unserem Freund Friedrich Gogarten in Zürich zusammen. Ich kam am Morgen, und zwar traf es sich, daß Spoendlin eben eine Amtsreise nach Basel unternommen hatte und mich am Samstag morgen im Auto mitnahm. Er hat nun auch einen Chrysler und fährt nicht mehr so schrecklich tantenhaft, sondern läßt es auch ein wenig schnurren. Fatalerweise ist es ein gedeckter Wagen und hat der Onkel Willy eine schrecklich lärmige Stimme und redet unablässig auf einen ein, so daß ich ganz sturm8 in Zürich ankam und zunächst zu Ruedi aufs Bureau eilte, um mit ihm abzumachen, er solle mich dann doch am Nachmittag bei Brunner abholen, da ich wußte, daß er eben in der Stadt zu Mittag aß. Gogarten — Karl, ich muß sagen: es war (wie sagen doch die Deutschen?) «richtig nett» mit ihm. Er war sehr aufgeräumt. «Herr Brunner» schien ihm auch nicht so ganz zu liegen, so daß er irgendwie froh und ganz und gar einverstanden zu sein schien, daß ich auch noch erschien. Weil eben der Prof. Spoerri9 von einer Oxfordtagung in Breslau zurückgekommen war, wollte Gogarten ihn sehen und hören. Und so wurde ein Gang zu diesem ganz und gar in den Oxfordtiegel geratenen Mann unternommen. Gogarten holte ihn durch Sichunwissendstellen und allerlei scheinbar interessierte Fragen ordentlich heraus, und so kam es zu allerlei merkwürdigen Mitteilungen und Gesprächen. Man aß zu Mittag. Bald nachher trafen Ruedi und Gerty mit Marguerite ein. Es wurde schwarzer Kaffee10 getrunken. Und Ruedi verschoß eine ganze lange Serie von Filmen aus der Leica, um Friedrich und Emil, Emil und Fried|288rich und schließlich mich mit dazu zu bekommen.11 Hoffen wir, es sei einiges geraten. Karl, ich könnte eigentlich nur wiederholen, was ich dir in [der] Bayrischen12 schon vorzuführen getrachtet habe: du möchtest doch diesen dir so seltsam unsympathischen Zeitgenossen nicht nur von der Ecke aus anvisieren, wo er das Gesicht zeigt, das du nun einmal nicht leiden kannst. Ja, er hat dieses Gesicht, aber es ist wirklich nicht sein einziges. Und ich hatte wieder das Gefühl, daß ganz lätze13 Sachen bei ihm nie passieren, daß man ihm immer noch irgendwie gespannt zuhört, wenn er etwas herausbohrt, weil ihn sein Instinkt, seine Nase für das Wesentliche (im Unterschied zu Emil) auch dann nicht verläßt, wenn er quere und spleenige theologische Wege geht. Ich habe ihn auch angehauen wegen seines Nichtschreibens auf deine Zusendung.14 Er behauptete, es sei einfach aus Faulheit nicht geschehen, er habe wirklich nicht viel dazu oder dagegen zu sagen. Und sind nicht seine Wege doch irgendwie so, daß sie auch ihn immer wieder den gleichen Feinden gegenüberstellen, die die deinen sind? Ich denke etwa an |289 die ganz scharfe Polemik, die er sich gegen Heim in seiner Politischen Ethik geleistet hat.15 Auch diese Polemik ist in der Art, wie sie geführt wird, nicht unser Geschmack an diesen Dingen, aber auf alle Fälle haut er auf seine Weise nicht daneben. Du mußt dich sicher nicht mit ihm auf eine Bank setzen wollen, aber an unserem theologischen Tisch ist er nicht der unerfreulichste Gast. Gogarten gesehen, fuhren wir über den Pfannenstiel und nochmals über Hurden16 aufs Bergli und blieben dort bis am Sonntag abend … ein schöner Herbstsonntag!

Auch Frau Loew17 ist wieder abgereist, nachdem sie noch am Freitag abend die Zusammenkunft der philosophisch-theologischen Gesellschaft mitgemacht hatte, die diesmal — ein Wunder — wirklich ohne Krach ablief. Es war so, daß zunächst alle, aber auch alle, auch sehr törichte Anliegen gegen die Bibel als Offenbarungsurkunde zusammengetragen und vorgebracht wurden. Ich wußte zunächst nicht, was sagen, und schwieg beharrlich. Dafür ergriffen Köberle und Ernst Staehelin das Wort, beide mußten in diesem Falle einigermaßen bei der Stange bleiben und taten es auch: es war zu klar, wie die Fronten liefen. Sie versuchten dies und versuchten das vorzubringen. Köberle berief sich auf das Christuszeugnis der Evangelien als solches, Ernst operierte mit Pascal. Dazwischen feuerte Heiner als Präsident die anwesenden Theologen an, sie müßten jetzt wirklich einmal Bescheid sagen und die klar gestellten Einzelfragen nicht immer nur wieder auf eine verborgene Grundfrage zurückführen, deren Beantwortung weiteren Verhandlungen überweisend. Worauf Dieterle hinwiederum etwas zu sagen versuchte. Aber das Gespräch ging wirklich nicht recht vorwärts. Endlich sammelte ich meine Kräftlein und holte so gegen 10 Uhr (Heiner hatte eben bemerkt, daß wir ja meist erst gegen Schluß hin, wo dann keine Zeit mehr sei, zu den wesentlicheren Mitteilungen übergingen, was sehr zu bedauern sei) zu einem größeren Votum aus, worin ich auseinandersetzte: die Gegner seien sicher sehr ernst zu nehmen, aber ich wolle dies nun einmal in der Weise tun, daß ich an sie die Frage richte, von woher sie denn eigentlich ihre kühnen Fragen an die Bibel als Offenbarungs|290urkunde richteten? Ich wolle nur soviel sagen: es werde ganz gewiß hinter ihren Anfragen eine bestimmte weltanschauliche Einstellung sichtbar. Demgegenüber sei festzustellen, daß der Offenbarungssatz auf alle Fälle kein solcher Weltanschauungssatz sei und von daher nie und nimmer verstanden werden könne. Wäre er ein solcher, nur ein solcher, so hätten die Einwände gegen ihn tausendmal recht. Aber sie gingen alle gründlich daneben und ins Leere, weil dieser Satz ganz und gar anders gemeint sei. Wir stünden auf ganz verschiedenen Ebenen, sie und ich, und es wäre dringend zu wünschen, daß sie das endlich einmal sähen und begriffen, daß hier etwas sehr anderes ins Spiel hineinkomme als irgendein vorgriffiger theologischer Weltanschauungssatz. Was da ins Spiel komme, das suchte ich dann noch kurz zu sagen. Und hatte dann wirklich den Erfolg damit, daß sogar Heiner sich als befriedigt erklärte und sagte, das sei alles, was er zu wissen wünsche, daß ich nicht eine Ansichgegebenheit der Offenbarung statuiere. Ebendies wolle er auch nicht für die Sätze der Vernunft. So endete die Sache diesmal im Frieden. Gertrud saß den ganzen Abend neben ihrem Vater18 (weil Heiner präsidierte), und zwar mit niedergeschlagenen Augen (mir gegenüber), sicher in Sorge darum, wie es wohl wieder gehen werde zwischen ihm und mir. Am Schluß schien sie sehr erleichtert. Sehen wir weiter! Auch der Abend mit Karl Lindt verlief sehr gut. Ich konnte mich ganz ausgezeichnet mit ihm verständigen — gerade auch über Heiner!

Und nun Schluß! Wie ist wohl die Reise mit Fritz und Ruth19 verlaufen? Vielleicht erlaubt dir irgendeine Gefechtspause oder etwa einer jener Momente, wo du nicht gerade direkt engagiert bist, weil gerade hebräisch gestammelt wird, mir etwas zu kritzeln. Ein ganz netter Basler Theologe namens Peter Walter20 will im nächsten Semester auch nach Bonn kommen. Er ist ein leiblicher Vetter von Fritz Lieb. Ob er theolo|291gisch sehr einhängt, das weiß ich nicht. Aber ich kann ihn dir nahelegen als einen von den Schweizern, auf die man einigermaßen hofft.

Herzliche Grüße Lollo, Nelly und dir von uns allen.

Dein
Eduard

Kannst du mir gelegentlich das Heft von «Schule und Evangelium» wieder zugehen lassen, in dem der zweite Goetheaufsatz von Gogarten21 steht? Ich habe ihn noch nicht gelesen. Ist er gut?

Sachfußnoten

1
Bei Thurneysen irrtümlich: September.↩
2
= unangenehme, widerliche.↩
3
Barth hatte seit dem 3. Oktober im Konsistorium der rheinischen Kirchenprovinz Examina abzunehmen.↩
4
Vgl. Barths Brief an R. und G. Pestalozzi vom 23.9.1932, in dem er schrieb, er habe die letzten Wochen in einer einzigen Depression zugebracht. «Warum ich deprimiert war? Ja, das kann man ja in solchen Fällen bekanntlich nicht sagen. Man ist es eben. Irgendwelche Eindrücke negativer Art leben auf und tun einem weh wie böse Finger. Dahinter grollt irgendetwas im Unterbewußtsein, was keinen Namen hat, und noch weiter hinten oder oben hat man wahrscheinlich einen von jenen Transiten, die man nicht gerne hat. So war ich dran und bin es wohl immer noch ein wenig. Die manifeste Gestalt des Übels war dann einerseits eine quälende Sorge um den wissenschaftlichen Bedarf des kommenden Winters, für den ich viel zu wenig Deckung habe, andererseits ein heftig ausbrechender Verdruß über die deutschen politischen Vorgänge: ‹Die Feinde des menschlichen Geschlechtes› habe ich in meinen Selbstgesprächen die Papenleute nur noch genannt.»↩
5
= unerfreuliche.↩
6
Der Regierungspräsident des — in der Nähe von Koblenz gelegenen — bis 1937 zum Land Oldenburg gehörenden Regierungsbezirks Birkenfeld (vgl. Bw.Th. II, S. 682 mit Anm. 1 📖) Walther Dörr (1879–1964) wurde im September 1932 von der nationalsozialistischen Regierung Oldenburgs wegen angeblichen Landesverrats seines Amtes enthoben und trotz der durch eine Protestwelle erzwungenen öffentlichen Rücknahme der Beschuldigungen und einer Ehrenerklärung für Dörr seitens der Landesregierung nicht wieder eingesetzt; vgl. Kl. Schaap, Die Endphase …, a.a.O. (S. 258, Anm. 4) S. 227–229. 📖↩
7
Vgl. oben S. 257, Anm. 4.↩
8
= betäubt, verwirrt.↩
9
Vgl. oben S. 265, Anm. 7.↩
10
Siehe oben S. 106, Anm. 18.↩
11
Vielleicht stammt aus dieser Serie vom 1.10.1932 das bei Bohren 📖 abgedruckte Bild Nr. 27.↩
12
Vermutlich bei einem Gespräch in der Bayrischen Bierhalle in Basel am 27.9.1932 bei Barths Zwischenhalt auf der Rückreise nach Bonn (s. oben S. 284).↩
13
= verkehrte.↩
14
Barth hatte Gogarten am 28.7.1931 geschrieben: «Ich habe dies Semester einen Teil meiner Prolegomena 📖 in der neuen Fassung, die ich in dem Buche geben möchte, in der Vorlesung vorgetragen. Dabei bin ich auch auf dich und deine Rezension in der Theol. Rsch. [vgl. oben S. 158, Anm. 9] zu sprechen gekommen. Diese beiden Stellen [KD I/1, S. 128–135. 177-180 📖] möchte ich dir hier im Durchschlag zur Kenntnisnahme unterbreiten, einmal um allfälligen Studentennachrichten über das Gesagte zuvorzukommen, sodann um dich, wenn du Zeit und Lust dazu hast, zu veranlassen, mir vielleicht das Nötige dazu zu sagen.» Das Ausbleiben einer Reaktion von Gogarten gehörte für Barth in die Vorgeschichte des Endes von «Zwischen den Zeiten»: «Die Leser des ersten Halbbandes meiner Dogmatik wissen um die Frage, die ich dort an Gogarten richten zu müssen meinte — der Text S. 128f[f]. stammt schon aus dem Sommer 1931 und ist Gogarten damals sofort mitgeteilt worden — die Frage: inwiefern sich seine anthropologische Unterbauung der Theologie nun eigentlich von der natürlichen Theologie des Katholizismus und des Neuprotestantismus noch unterscheiden möchte? Eine Antwort darauf habe ich nie erhalten»; K. Barth, [unter dem gemeinsamen Titel:] Abschied (Bonn, 18.10.1933), in: ZZ, Jg. 11 (1933), S. 537 📖 (auch in: Anfänge der dialektischen Theologie, Teil II: Rudolf Bultmann, Friedrich Gogarten, Eduard Thurneysen [ThB 17], hrsg. von J. Moltmann, München 1963, dort S. 314 📖).↩
15
Fr. Gogarten, Politische Ethik, a.a.O. (S. 237, Anm. 7), S. 169f. 📖↩
16
1./2.10.1932. Der Pfannenstiel ist ein Berg am Zürichsee (853 m ü.M.; Kanton Zürich), das Dorf Hurden liegt auf einer Landzunge zwischen Zürichsee und Obersee (Kanton Schwyz).↩
17
Elisabeth («Liese») Loew, geb. Naumann (1894–1980); vgl. Bw.Th. I, S. 10. 📖↩
18
Gustav Adolf Helbing (1875–1953), 1903–1953 zusammen mit Hans Lichtenhahn Inhaber der Buchhandlung Helbing & Lichtenhahn (und eines dieser angeschlossenen Verlags); langjährige Mitwirkung in verschiedenen Gremien des schweizerischen Buchhandels, des Kantons Basel-Stadt und der Basler Kirche.↩
19
Offenbar fuhren Barth und sein Sohn Hans Jakob nach den Ferien in demselben Zug wie Familie Lieb zurück nach Bonn; s. unten S. 293.↩
20
Peter Fritz Walter (geb. 1912) studierte Theologie in Basel, Bonn (WS 1932/33 und SS 1933) und Lausanne, 1934–1935 Lehrvikar bei S. Dieterle in Basel, 1935–1977 Pfarrer in Sax-Frümsen (mit Strafkolonie Saxerried, Kanton St. Gallen), Straubenzell-Bruggen-Winkeln (Kanton St. Gallen) und Gelterkinden (Kanton Basel-Landschaft).↩
21
Fr. Gogarten, Goethes Frömmigkeit und der evangelische Glaube stand in: Schule und Evangelium, Jg. 7 (17) (1932/33), S. 130–140 📖; vgl. oben S. 277, Anm. 28.↩