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22. September 1932
dein guter Brief hat mir wohlgetan, nimm Dank dafür. Was für seltsame und lehrreiche Begegnungen haben deiner nun auch in Bern wieder gewartet. Martin Werner mit seinen abstehenden Ohren, wie du schreibst irgendwie schicksalhaft ein Sektierer und Häretiker. Und unterdessen hast du nun auch den in seiner Weise nicht minder fatalen Eymann zu dir genommen — wie lief das wohl ab? Als ich vor einem Jahr in Basel in einem öffentlichen Vortrag beispielsweise über Dornach sprach1, brach eine kleine von dorther entsendete Sturmtruppe gegen mich los, konnte aber nicht sehr viel ausrichten und beteuerte zum Schluß nur das eine: in Bern oben da sei einer, der mir Bescheid geben könne, ob ich mich ihm etwa stellen würde? Ich sagte dann: wenn es sein müsse, ja, obwohl ich mir nichts davon verspreche. Aber trotz ihrem Bemühen kam der Mann dann doch nicht hieher. Aber in Dornach sehe ich ihn gelegentlich als Vortragenden angezeigt. Nun hast du |281 ihn oder er dich gefunden. Ob du zu guter Letzt auch die Vreneli Stadler noch empfangen hast, um auch nach dieser Seite Klärung zu schaffen?2 Ich hatte letzten Montag den monatlichen Leseabend mit den wißbegierigen Mädchen und Frauen. Und da hat Frl. Speiser nun einmal ausdrücklich über die Theologin geredet.3 Und ich habe mir alle Mühe gegeben, den Weisungen Lollos gemäß die Frage wirklich nach keiner Seite hin abzuhauen, sondern gestellt sein zu lassen, so daß es wirklich zu einer ganz dankbaren und gelösten Situation zwischen den Frauen und mir kam. Einzig die Exegese von 1.Tim. 2,12 konnte ich nicht dort stehen lassen, wo Frl. Speiser sie haben wollte, und auch die etwas allzu einfache Auskunft, daß, alles in allem genommen, «der Herr Jesus heute doch ganz gewiß» auch für die Theologin wäre, mußte mit einigen Bedenken umgeben werden, aber die Widerlegung der Möglichkeit einer Berufung der Frau zur Verkündigung aus «dem Wesen der Frau» wurde endgültig erledigt
Heute hat mir Karl Sartorius angeläutet, findest du nicht auch — ihr habt euch ja gestern gesehen —, er ist doch wirklich ein trefflicher Mann, mit dem sich reden läßt. Deine politische Schau hat ihm sichtlich tiefen Eindruck gemacht. Hoffentlich färbt etwas davon auf den immer weiter alles besser wissenden und schulmeisternden Oeri4 ab. |282 Von Pfarrer Bultmann aus dem Oldenburgischen werde ich in letzter Zeit mit Zeitungen versehen, die das bestätigen, was du zu Karl offenbar gesagt hast: eine zunehmende, fast lächerliche Nervosität der Nazimachthaber Papens Regierung gegenüber, was darauf hinweist, daß die Nazi sich nicht mehr sicher im Sattel fühlen und nach und nach einfach kuschen werden, während der Papen im Sattel bleibt.5 Und ja, wo wird das hinauslaufen? Hast du unterdessen Georgs Brief erhalten? Wir freuen uns nun also restlos auf dein Kommen am Dienstag. Ich muß fast annehmen, daß du erst gegen Abend eintriffst, oder nicht? In diesem Falle würde ich vom Montag auf Dienstag in Baden bleiben und am Dienstag nachmittag zu guter Zeit von dort zurückkehren. Aber laß es mich ja wissen, wenn wir dich früher erwarten dürfen, gelt! Baden wäre nicht so wichtig, daß wir dich nicht schon früher empfangen würden. Komm auf alle Fälle so früh, als es dir möglich ist. Karl Sartorius kam beinahe etwas erschüttert von eurem Zusammensein zurück, weil er fand, du sehest noch gar nicht ausgeruht aus. Ich weiß, daß es nicht nur die doch wieder mit Arbeit erfüllten Ferien sind, sondern die wahrhaftig drängenden Sorgen um alles, was auf einem und dir ganz besonders |283 liegt. Es zieht sich irgendwie der «schmalkaldische Krieg»6 um die «dialektische Theologie» zusammen, und es ist ja wirklich auch über die äußere Lage nicht viel zu lachen übrig. Aber wirklich, laß dich nicht allzusehr bedrängen, such auch deinerseits dein «gut torgauisch Bier»7 zu trinken und das Schicksal Schicksal sein zu lassen. Der weite Weg, den du nun von neuem vor dir hast, erfordert mehr als je den langen Atem. Lassen wir Heim (du hast doch die Anzeige seines neuen Buches8
gesehen?) seinen «innern Glaubensweg» vor seiner Gemeinde ausbreiten, als ob das jetzt das Wort zur Stunde wäre, lassen wir Köberle über «die Seele des Christentums» nachsinnen9, als ob es noch um etwas derartiges gehen könnte, lassen wir Emil nach «Lourdes» wallfahren (denn irgendwie um eine solche Möglichkeit handelt es sich ja letztlich doch wohl bei Buchman), aber unterdessen wird dein Schiff flott gemacht und in Fahrt gesetzt.10 Und vielleicht zwingt es auch von diesen seltsamen Zeitgenossen doch noch einige in eine bessere Fahrtrichtung. Denn si|284cher sind sie ja ihrer Sache doch immer wieder nicht, das merkt man [an] vielen Einzelheiten. Doch, wir werden das am Dienstag abend in der «Bayrischen»11 noch endgültig abmachen.
Lollos Unfall trifft merkwürdigerweise zusammen mit einem ebensolchen von — Vater Rade12 hier in Basel. Gestern nämlich war die Tagung der Freunde der C. W., ich nahm nicht daran teil, einmal weil ich keine Zeit hatte, dann weil ich mir von Ruedi Schwarzens Vortrag nur Krach versprach (er schaffte — dieser Optimist — den Teufel in aller Form ab, Thema: «der Böse oder das Böse?»13). Aber ich sah am späteren Abend Rade noch im «Schlüssel»14, und da hatte er ein gepflastertes Gesicht, er war am Tag vorher ziemlich bedrohlich im Verkehr gestürzt. Natürlich nahm er (wie mir gesagt wurde) Anlaß, bei Schwarzens Vortrag die Diskussion damit zu eröffnen, daß er sagte: «Wenn ich nun an Luther denke, so müßte ich wohl sagen: der Teufel habe mich auf der Straße hingelegt» … Wir, die wir den Teufel abzuschaffen uns hüten werden, werden im Stillen eher der Engel gedenken, die Lollo aufgehoben haben. Aber sie darf wirklich nicht mehr mit ihrem Bruder Auto fahren! Denn der Teufel könnte es ja wirklich auf die neue Dogmatik abgesehen haben, und man muß ihn nicht herausfordern. Was deine intimste Sorge betrifft, Karl, steht es da nicht doch im Augenblick einigermaßen tragbar? Wir, Marguerite und ich, hatten wenigstens den Eindruck so, als Nelly bei uns war. Natürlich fuhr auch sie nicht ohne Sorgen wieder heim, aber so ganz unmöglich schien ihr ihr Weg doch nicht vorzukommen. Lollo ist wohl eher schwieriger dran, aber es wird ja sicher auch wieder gehen.
285 Dem Mann in Amerika habe ich geschrieben oder vielmehr schreiben lassen.15 Denn — hör an, mit Georg zu reden — ich verfüge nun über eine wirklich gute Tochter16, die alles kann, was nötig ist, um Sekretärinnendienst bei mir zu versehen. Ich kann sie Woche für Woche für ein, zwei oder drei Vormittage haben. Eben hat sie mir auch ein kleines englisches Büchlein in der Hauptsache vorübersetzt, das den schönen Titel trägt: «The Challenge of Karl Barth»17, verfaßt von einem Quäker und erfüllt von einem horribeln und grob häretischen Widersprechen gegen die neue Lehre. Kennst du es?
Schluß, ich muß an meine Arbeit über «die Arbeit»18 gehen. Hätte ich sie nur schon unter Dach! Hier dein ausgezeichneter Brief an Georg gleich zurück!19 Wirklich, warum hat er darauf so ungenügend geantwortet? Kann er auch einfach im Augenblick nicht mehr hören? Heiner habe ich noch nicht gesehen, doch ist zu der bevorstehenden Auseinandersetzung über Offenbarung20 bereits solenn eingeladen, und ich sehe dieser Sache nicht ohne Besorgnis entgegen, will aber wirklich deiner Mutter Rat beherzigen. Ich mag diese so frontal gefaßten Themata eigentlich gar nicht. Darüber, was Offenbarung nun eigentlich sei im Unterschied zur Vernunft, läßt sich vor so gemischten Auditorien gar nichts ausmachen, es ließe sich viel eher von da aus, dies im Rücken habend, über allerlei reden, so daß dann lehrreich genug dieser verborgene Ausgangspunkt immer wieder sichtbar würde. Aber es ist nun einmal so gewünscht, auch und gerade von Heiner. Herzliche Grüße an deine Mutter. Herzliche Grüße dir selber