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Wabern bei
Bern, 18. September 1932
Es ist eine Schande, daß ich auf die vielen und lehrreichen Sendungen, die mir von dir zugekommen sind, noch mit keinem Worte reagiert habe; während ich mich ja noch immer in den Ferien oder doch einer nur durch mich selbst zu bestimmenden Arbeitszeit befinde, ziehst du ja nun schon lange wieder am Kirchenwagen und hast heute morgen Bettagspredigt gehalten. Ich habe mir an der Predigt von Karl Lindt, die mich etwas weniger erfreute als andere von ihm, überzeugen können, was für eine Quadratur des Zirkels da zu lösen ist. Du wirst es schon recht gemacht haben, und ich wäre auch ohne jenes solenne Gedränge von vor 4 Jahren gerne zu deinen Füßen oder wieder irgendwo hoch über deinem Haupte gesessen.
Dein Schreiben an Emil in der Oxford-Sache1 wurde auf dem Bergli der versammelten Gemeine vorgetragen und von Allen sehr gut befunden. Gelt, ich kann doch den Durchschlag behalten? Ich würde froh sein, gelegenttich wieder hineinsehen und auch Andere hineinsehen lassen zu dürfen. Ausgerichtet scheinst du freilich bei dem eigentlichen Empfänger nicht viel zu haben. So geht’s einem: man schreibt einen halben oder ganzen Tag lang — der Andere bekommt’s und liest’s und bleibt an seinem Ort, als hätte man an eine Wand geredet. Ich denke doch, daß gegen die Oxfordbewegung im besten Fall mindestens alles das zu sagen sein wird, was gegen Emil zu sagen ist, und das dürfte nach meinen neulichen direkten Feststellungen nicht wenig sein. Aber man braucht es ja nicht notwendig zu sagen, sondern kann schweigen, und das ist’s, was ich dieser Aufregung gegenüber, wenigstens solange sie mir nicht in Bonn direkt auf den Leib rückt, zu tun gedenke. Und zu Emils Anknüpfungspunktartikel2 will ich, wenn es irgend möglich ist, ebenfalls schweigen, schon um nicht von neuem öffentlich streiten zu müssen. Aber es ist nun eine faule Luft, die in und um ZdZ brütet …
Gestern habe ich hier auch einen reichlich unerfreulichen Einblick getan, nämlich in das Gemüt von — Martin Werner. Er hatte mir ein Kleines Druckwerk von ihm3 zugesandt, das ich verdankte, und auf eine |270 Mitteilung, daß ich hier sei und eventuell zu einer Unterhaltung zur Verfügung stehe, obwohl ich nicht viel davon erwarte4, schnappte er sofort ein, und so saßen wir gestern den ganzen Nachmittag am Ufer der Aare im Dählhölzli5, sahen unzählige Männlein und Weiblein spritzend an uns vorüberschwimmen und unterhielten uns darüber, ob der Text, an Hand dessen der Theologe zu denken habe, wirklich das Weltall als solches sei, ob der liebe Gott wirklich auch die Sünde geschaffen habe, ob die angebliche Tatsache, daß die von Paulus erwartete Parusie «nicht eingetroffen», der Nabel aller theologischen Erkenntnis6, ob Hans Baur ein ernstzunehmender Zeitgenosse sei u. ä. große und kleine Fragen mehr. Er scheint in der Tat etwas gedrückt wegen der völligen Isolierung, in der er sich fühlt, erklärt aber in einer Weise, die wohl zwingt, ihm zu glauben, daß er bei allem Lesen und Wiederlesen sowohl des N. T. als auch unserer und anderer heutiger Bücher zu keinem anderen Ergebnis kommen könne. Ich mußte immer wieder seine ganz eigentümliche Schädelform betrachten und kam von dem Eindruck nicht los: so müssen die Täufer in der Reformationszeit und wohl auch die Häretiker der alten Kirche ausgesehen haben, gewesen und auch dran |271 gewesen sein. Es handelt sich um ein höchst uneindrucksvolles und unliebenswürdiges, weil ganz trockenes, offenbar von nichts als von einem irgendwie angeborenen Irrturn genährtes Rasen, und ich verstehe vollkommen den Instinkt, der die alten Kirchenmänner u. U. dazu veranlassen konnte, dieses widrige Phänomen einfach zu Asche zu machen und solenn in alle Winde zu zerstreuen. Nun, wir verbrannten gestern immerhin nur eine Anzahl von Stümpen7, aber es war mir klarer als je gestern — und ich habe das dem Werner auch in aller Freundlichkeit gesagt —, daß wir es zwar als Schicksal oder Führung8 hinnehmen müssen, mit dem, was in solchen Leuten schließlich nur zugespitzt sichtbar wird, in einer Kirche beieinander zu sein, weil man es am Anfang des 18. Jahrhunderts nun einmal vergessen hat, auseinander zu gehen, wie es sich schlechterdings gehört hätte, daß aber von einem gemeinsamen Glauben usw. keine Rede sein könne. Ob nicht eure Basler Abendmahlstrennung9, bei allem, was dagegen zu sagen sein mag, nicht doch eine Demonstration ist, die an sich gar nicht so übel ist und die einmal in einer Predigt oder besser in einem Vortrag zu erläutern eine ganz gute und dem Frieden dienende Sache sein könnte? Denn auch das gestrige Gespräch schloß nicht unfriedlich, sondern mit meiner milden Mahnung, er möchte doch in Zukunft ja nie mehr so wütend gegen mich |272 schreiben, wie er es damals getan10, sintemal wir so weit auseinander seien, daß es sich vernünftigerweise gar nicht mehr lohne, sich übereinander aufzuregen. — Am Mittwoch werde ich nun noch den anderen bernischen Hauptketzer Eymann, den Anthroposophen, zu hören Gelegenheit haben. Er hält einen Vortrag vor dem kantonalen Pfarrverein11, und da werde ich mich, wie vor einem Jahr in Konolfingen12, als blinder Passagier in einen Winkel setzen, vielleicht auch als steinerner Gast13 mich plötzlich hören lassen — oder auch nicht hören lassen, aber jedenfalls irgendwo eine Rauchsäule verursachen.
Der beiliegend zurückgehende Brief von Homrighausen entspricht einem, den ich erhielt als Antwort auf meinen Protest gegen jene beabsichtigte Zurechtmachung unseres Büchleins.14 Ich glaube, der Mann |273 ist in seiner We[ise]15 eine ehrliche Seele, dem ein gutes ermunterndes Wort, wenn du ihm ein solches schreiben kannst, wohltun wird. Er versteht sehr gut deutsch, schreibt es auch manchmal, aber dann gibt es so große Unglücksfälle, wie wenn ich englisch zu reden oder gar zu schreiben mir gelegentlich herausnehme. Ich lege dir hier ferner meinen nun wieder an den Tag gekommenen Brief an Georg bei; ich muß ihn aber unbedingt wieder haben. Auch so ein Brief, der angesichts jener dir bekannten Antwort darauf völlig umsonst geschrieben sein dürfte.16
Ich habe üble Zeit wegen der politischen Vorgänge in Deutschland, die ich nun wirklich mit größtem Mißvergnügen verfolge, und daß nicht nur Hartenstein, sondern auch alle mögliche andere gute Deutsche auf diese Sache hereinfallen, nicht zu reden von den verschiedenen Schweizern, die sich leicht darin tun, en amateur und weit vom Geschütz das Auftauchen jener energischen Hand mehr oder weniger herrlich und verheißungsvoll zu finden17, das vermehrt nur meine völlige Unlust. So haben die gleichen Kreise 1914 eine Brutalität und Dumm|274heit an die andere gereiht, um ihre Energie zu beweisen18, und der Erfolg kann und wird diesmal nicht besser sein. Was für ein Unsinn diese letzte plump drohende Geste mit dem Panzerkreuzer!19 Ich bin auch dafür, daß Deutschland diese Kähne baut, aber doch nicht, um damit in einem Augenblick wie diesem zu drohen, eine Drohung, hinter der ja doch keine Macht steht, sondern die nur reizen kann. Ich weiß nicht, |275 ob diese Sache für mich nicht damit endigen wird, daß ich mich auf irgendein bernisches Dorf melde. Zu diesem Deutschland, wenn es wirklich wieder kommen würde, habe ich eben kein Verhältnis als das einer gründlichen Abneigung. — Gelt, ich sollte mich nicht ärgern über diesen Spektakel? Mich lieber noch ein paar Fuß tiefer in die Theologie eingraben? Ja gut, aber einmal ist mir alles irrational-kosakische Wesen immer ganz besonders auf die Nerven gegangen, und sodann sind diese Leute es nun, in deren Hand ich mich als Beamter befinde und die einem wohl über kurz oder lang irgend eine reaktionäre neue Verfassung vorlegen wollen, der man dann Treue geloben soll. Nein, ich werde diesmal doch sehr mürrisch wieder über die Grenze gehen, und Lollo wird alle Mühe haben, mich von demokratischen Ansprachen an das Volk abzuhalten. Georg und all das weiche Volk hinter ihm könnten jetzt nachträglich noch recht bekommen!20
Genug für heute. Ich leide auch darunter, daß eine ganze Menge Arbeit (Lektüre besonders!), die getan sein sollte, nicht getan ist. — Es läßt sich nun so machen, daß ich wunschgemäß am übernächsten Dienstag nach Basel komme, am Mittwoch weiter fahre.
Grüße Marguerite. Es grüßt dich
Nachtrag!
Ich war hier noch ein paar Tage mit Heiner und seiner Frau zusammen. Es ging Alles gut und freundlich. Nur als ich mich erkundigte, wie denn das mit der von ihm vermißten Heranbildung einer zum Mittel|276punkt der Gesellschaft befähigten Frauenschaft stehe, brannte er ziemlich auf: ob denn etwa das für mich nicht auch ein aktuelles Problem sei, freilich ohne daß dann etwa klar geworden wäre, was er eigentlich meint. Das scheint bei ihm überhaupt eine Schwierigkeit zu sein, daß er wohl sehr gewichtig und auch immer sehr polemisch allerlei ankündigen, es dann aber nicht näher erklären kann. So ging es mir mit ihm auch, als ich ihn nach seiner Kritik meines Anselmbuches
📖 fragte. Es kamen wirklich nur einige Allgemeinheiten heraus — obwohl ich ihm das Buch selbst unter die Nase hielt —, mit denen ich nichts anfangen konnte. — Am Mittwoch wird nun Peter auf der Bildfläche erscheinen und damit eine neue Variante des bei uns so kritischen Problems «Brüder unter sich». Meine Mutter läßt dir hinsichtlich Heiners sagen, du möchtest doch ja, auch wenn er dich gelegentlich muderig21 mache, die Geduld nicht verlieren und dich ihm nicht entziehen. Ich sagte ihr schon, das werdest du, so wie ich dich kenne, ohnehin auf keinen Fall tun. Meine Schwester Trudi erwartet ihr sechstes Buschi22 — genau genommen schon ihr achtes. So hat meine gute Mutter wirklich nach allen Seiten immer neue Sorgen.
Ich habe hier die Briefe der Mutter Goethes23 gelesen, und zwar gerne gelesen. Meine Mutter findet sie zwar oberflächlich, aber ich finde das eine sehr gute und allgemein wünschenswerte Sache, wenn eine Frau einen Mann gegen ihren Willen heiraten muß, der etwa so gewesen sein muß wie mein Onkel Fritz in Arlesheim24, und auch sonst reichlich von allerlei Ungemach verfolgt ist — und dann doch von aller, aber sichtlich auch aller Hysterie frei bleibt, immer im Lobpreis für das vorhandene Gute — wenn man das Bein breche, so solle man sich überaus freuen, daß es nicht der Hals gewesen sei25 — und auch faktisch im|277mer vergnügt, für alle Möglichkeiten offen und gegen alle Leute nett, besonders auch gegen die uneheliche Schwiegertochter Christiane Vulpius26 — nein, das muß man gelten lassen, auch wenn es den Rahmen des Gleichnisses da und dort ein wenig zu sprengen droht. — Überhaupt Goethe! Denk, es ist auf dem Bergli dann noch ein paarmal zu richtigen Lesungen aus der italienischen Reise27 und aus den Gedichten gekommen, weil es in mir anfing überzulaufen. Wir haben auch den Aufsatz von Gogarten28 gelesen, aber der fand vor Rudi keine Gnade, sondern er begehrte mehr von Goethe selbst zu hören. Ich finde die Darstellung bei ihm sehr fein und anregend, aber der Schluß mit der «Selbsterhaltung» genügt mir nicht recht, wie überhaupt die Schlüsse nie Gogartens Stärke sind. Es ist ja ein merkwürdiges Zeichen, daß im gleichen Augenblick Brunner zur Oxfordbewegung abschwenkt, ich aber an Goethe samt seiner vergnügten Mutter Einiges zu finden vermag und an dem Tisch, wo einst ZdZ gegründet wurde, «Ilmenau»29 und doch auch einige Perlen aus dem Römischen Elegien30 zum besten gebe.
278 Morgen kommt Prof. Clavier aus Montpellier31 zu mir, ein Unverständiger, den ich schon vor 2 Jahren hier genügend kennen lernte, der aber son interêt vif für die théologie barthienne nicht genug beteuern kann. Ich bin ganz in der Stimmung, ihm kratzig genug zu begegnen. Am Abend kommen dann meine Berner-Bonner Leute zu mir. Werner beklagte sich natürlich über ihre Taten in seinem Seminar32, wogegen ich gegen jenen Versuch, die Leute mechanisch an Bern zu fesseln, den nötigen Protest einlegte. Das Hauptkarnickel in dieser Sache scheint Haller33 zu sein.
Nochmals Gruß!
Zweiter Nachtrag!
Ich bekam gestern einen Brief von dem Mann, der nun bald seit Jahren an der Übersetzung des Römerbriefs ins Englische gearbeitet hat, mit der Nachricht, daß das Werk nunmehr getan sei und in Druck gehe. Dazu einige Fragen über ihm dunkle Dinge, z. B. ob er wohl getan habe, «Rasanz» mit potency zu übersetzen, was gemeint sei mit dem «Tun der Weißgardisten» usw.34 Ich war froh, selber noch ziemlich Alles |279 zusammenzubringen.35 Mein Sohn Hansjoggeli weilt noch immer bei Schilds36 in Dürrenroth und ist dort so gern und so gern gesehen, daß ich mich nun mit seinem und Schilds an Nelly gerichteten Antrag zu beschäftigen habe, er möchte noch ferner und womöglich den ganzen Winter dort bleiben. Er geht bereits dort in die Schule!37
Eine schlimme Nachricht, die leicht noch schlimmer sein könnte: Lollo wäre ums Haar Opfer eines Autounfalls geworden. Ihr Bruder38, der jetzt in der Nähe von Lindau wohnt, holte sie auf ihrer Heimreise dort ab, behauptend, daß er Auto fahren könne, und stieß unterwegs mit einem Lastauto zusammen. Zum Glück ging nur ein Kotflügel zu Schanden, aber ich habe dergleichen gar nicht gerne.39
Von dem Brief von Georg habe ich noch nichts erblickt. Es handelt sich doch nicht etwa um den, den er an Rudi richtete bei Anlaß der ihm übersandten Reisebeschreibung?
Hallo! Eben sehe ich, daß ich ja noch nicht auf die Frage geantwortet habe, die dein letzter Brief an mich richtet. Von den beiden Bonner Studenten kenne ich nur Leonhard Stählin, auf dessen Wunsch ich auch |280 bereits einen Brief an Wirz40 geschrieben habe.41 Er ist eine etwas kompliziertere Gestalt als etwa Otten, aber zweifellos würdig, das beneficium zu erhalten. Wenn für den anderen nicht ganz übergewichtige Gründe sprechen — er ist mir nicht einmal dem Namen nach bekannt —, so dürftest du ruhig dem Stählin die Stimme geben.