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11. September 1932
ich bin dir sehr dankbar gewesen für deine Telefonmeldung über die Entrevue mit unserem Freund Emil. Man kann wirklich nur kopfschüttelnd diese Verschreibung seiner ganzen Theologie an den neuen Réveil1 mitansehen. Offenbar war wirklich so ziemlich alles, was er bisher gesagt hat, ein wenig anders gemeint, als wir es meinen müssen. Offenbar steht er wieder bei seiner Erstlingsschrift über die Pilgerväter2, wo es schon ähnlich lautete. Und nun hat er kurz nach unserem Gespräch mir seinerseits angeläutet und mir seinen Besuch auf Dienstag angesagt, um auch mit mir sprechen zu können. Sehen wir zu, was daraus wird. Ich berichte dir dann. Einstweilen hier mein Brief.3 Er ist allerdings sehr, sehr zurückhaltend und ordlig4, «johanneisch», wie du zu sagen pflegst, gehalten. Aber du liebe Zeit, ich mußte doch wirklich sänftlich reden mit dem Knaben Absalom [vgl. 2.Sam. 18,5], da er schon verletzbar genug ist. Im Heft von «Foi et Vie» berichtete der wirklich ausgezeichnete, dir ja auch bekannte Visser ’t Hooft über die Sache in kritischer Weise5, ein gutes Wort. U. a. ist da zu lesen (von unserem Freund Alo Münch6): «Dans la pénombre de la cathédrale de Saint-Pierre, on imaginerait volontiers Calvin prêt à monter les degrés de la chaire … |261 Au lieu d’un théologien érudit, ce sont tour à tour un juge allemand, un vice-amiral de la flotte anglaise … au lieu du message d’une terrible réalité surhumaine, quelques récits de merveilleuses expériences religieuses: ‹Je brûle d’envie de vous transmettre ce message. Je vous laisse participer à l’expérience la plus profonde de ma vie›, s’écrie le juge de Munich. (!) ‹Dans cette ville où le Saint-Esprit nous a envoyé, nous vous apportons ce que l’on a nommé le plus grand mouvement spirituel depuis Wesley›, déclare Frank Buchmann [sic] … Une jeune Buchmanniste disait …: ‹Peu Importe ce que vous croyez, aussi longtemps que votre foi porte des fruits›»7 (!). Und an anderer Stelle: «vous avez à votre disposition constante de puissants radiogrammes, vous entendez de l’Esprit.»8
Ein schwüler Sonntagnachmittag brütet über dem Münsterplatz, während Ihr in allerlei Schattenkühle die ersten Nachmittagsstunden verbringen werdet, um dann, wer weiß, gegen Abend wieder aufzufahren und irgendeinen guten Ort miteinander zu besuchen. Während Ihr gestern abend sicher wiederum ausgezeichnete Stunden mit Frl. Ida9 und den unbekannten Kavalieren verbracht habt, saß ich Wege suchend über meiner ersten Predigt nach dem Ferienunterbruch, sie betraf Joh. 2,110 und liegt nun also bereits wieder hinter mir. Gleich nach der Predigt kam Hartenstein noch ein Weilchen zu mir, er ist eben auf der Abreise nach Indien und muß befürchten, daß während seiner Abwesenheit die Buchmanwelle am Ende sich auch übers Missionshaus ergießen wird, was er wirklich auch nicht wünscht. Er stimmt den Militärforderungen Deutschlands11 zu, ohne allerdings im geringsten für die Nazzi zu optie|262ren. Im Gegenteil, er findet Papen12 gerade darin gut, daß er auch den Nazzi einigermaßen widerstehe, und meinte, darum müsse die antiparlamentarische Einstellung der jetzigen Regierung13 jetzt sein.
Grüße das ganze Bergli. Daß du Ruedi am Samstag so lange hast warten lassen, ist wirklich schwerwiegend. Aber vielleicht mußte Emil doch noch etwas dein kopfschüttelndes Mitanhören seiner allerlei Mitteilungen ansehen und hat sich dieses verlängerte Gespräch doch gelohnt. Schlimm finde ich nun doch, daß sein Aufsatz über den Anknüpfungspunkt14 in Zw.d.Z kommen wird. Ich habe, ohne zu ahnen, daß Georg ihn schon angenommen hatte, eben erst dieser Tage Georg davon geschrieben, den Aufsatz eine Katastrophe genannt und die Erwartung ausgesprochen, Emil habe sich durch mich vielleicht doch warnen lassen, ihn zu veröffentlichen.15 Laß ihn vielleicht doch einfach lau|263fen. Er ist in sich selber schwach genug, um herauszufallen, ohne daß besondere Ausrufzeichen dazu gemacht werden müßten. Aber Emil muß sich nicht mehr wundern, daß die Front solche Belastungen nicht erträgt, ohne sich deutlich aufzulösen. Ein wenig leid tut mir dabei aufs neue Georg, der ja natürlich zwischen die Räder gerät.
Lukas war bei mir. Was er von Gogarten berichtete, war eigentlich alles gut. Er will scheints auch nicht viel wissen von Brunners Ethik16 (freilich, von was will er etwas wissen außer von seiner eigenen Ethik!). Aber er muß an jener Konferenz in Pratteln, die er abhielt, die Basler und Baselbieter, die da waren, gut bedient haben.17 Lukas selber wünscht dringend, dich zu sehen. Ich habe ihm versprochen, es werde sich schon schnell geben, wenn du in Basel bist. Komm also, wie es für dich am besten zu machen ist. Ich muß am Montag, 26., am Vormittag in Brugg18 reden und für die Diskussion noch bis 5 Uhr abends dort sein. Dann kann ich also auf den Abend zurückfahren. 1/2 8 in Basel an. Natürlich wäre es noch viel besser, wenn du erst am Dienstag zu uns kommen und von Dienstag auf Mittwoch bei uns bleiben könntest! Wenn’s wegen des Billets geht, so mach’s doch so! Aber auf alle Fälle wollen wir uns noch sehen. Und wenn’s für dich einfach nicht anders geht, so bleibt’s also beim Montag, 26.
Herzliche Grüße Lollo und dir! Herzliche Grüße Ruedis!
Marguerite grüßt vielmal mit!