16. September 1932

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Eben passieren bei mir zwei etwas verspätete Anmeldungen zweier Bonner Studenten für das Alumneum1: Leonhard Stählin2 und Wolfgang Niederstrasser3 aus Emden, Stählin stammt aus Nürnberg. Beide haben auch bei dir studiert. Ob du sie näher kennst? Die Dinge liegen so, daß bereits mehr Anmeldungen vorliegen, als das Alumneum Plätze hat. Zudem kamen diese beiden sehr hintendrein. Nun ist am nächsten Dienstag abend Sitzung. Da wird über die Annahmen entschieden. Einige werden abgewiesen werden müssen. Kannst du mir etwa einen Wink geben, ob ich mich für einen der beiden besonders einsetzen sollte und für welchen, sofern nicht gerade beide aufgenommen werden können?

Nun sind auch für dich die Berglitage wieder für ein Jahr vorüber. Wie wird es im nächsten August und Juli aussehen um uns und bei uns? Man kann ja in diesen Zeiten übers tägliche Brot nicht hinausdenken. Aus Vorrat werden wir sicher auch 1933 nicht leben. Ich z. B. denke im Augenblick nicht über die wieder zu haltende Bettagspredigt4 hinaus. Weißt du noch vor 4 Jahren, wo dir die Stehenden und Hängenden auf der Galerie so tiefen Eindruck gemacht haben5? Unterdessen ist der Reiz der Neuheit auch bei mir ja vorbei; und so ganz «ausverkauftes Haus», wie mein Kollege Täschler6 sagt, haben nun eher Dieterle und |265 der junge «Zug-vogel» Lüthi. Ich bin froh darüber. Die Verantwortung ist gerade noch groß genug. Emil war also bei uns. Er brachte gleich seine Schwester noch mit, eine Frau Detrait7, die eine glühende «Buchmannienne» ist, wie die Welschen sagen. Dieses lebhafte und muntere und ungehemmte Weiblein — man spürte ihr deutlich ab, daß der Großvater noch ein «Seebube»8 gewesen ist aus (übrigens!) Oberrieden9 und daß einige Hemmungen, die man in Basel einfach selbstverständlich vorfindet, sie noch nicht belasten — redete den ganzen Abend auf uns ein. Sie fühlt sich richtig als Missionarin dieser Sache, ist natürlich gescheit und wirklich auch liebenswürdig. Aber im übrigen mußte ich durchaus (Lollo müßte vielleicht unter Betrübnis mir in diesem Falle beistimmen) feststellen, daß doch gewisse Bedenken bestehen, wenn die Frau als «Lehrerin» so ungebremst auftritt. Man konnte ihr ja wirklich nichts übelnehmen, aber es war, als ob ständig eine bekannte Melodie einen halben Ton zu tief gespielt würde. Es war alles so ungeschützt wie möglich. Mir ist ganz klar geworden, daß Emil einfach unter der Berührung mit dieser Sache etwas erlebt hat, das undiskutabel für ihn etwas bedeutet und das er auch allen theologischen Einwänden gegenüber sicher mit Recht festhält und verteidigt. Und sofern das im Gespräch auch bei seiner Schwester erschien, konnte man nur still zuhören und sozusagen «Witterung» nehmen. Aber theologisch ist alles beim alten geblieben. Ja, die Fronten — so sah ich es auch — haben sich sogar, unter diesem mehr Persönlichen versteckt, sogar eher noch deutlicher abgezeichnet gegeneinander. Was ich von Buchman verstehe, hat eine gewisse Bedeutung für die Seelsorge des Pfarrers. Eine Botschaft eigener Art aber konnte ich nicht wahrnehmen. Man tut auf alle Fälle etwas Unrichtiges, wenn man theologisch dagegen anreitet oder auch dafür. Dagegen anreiten müßte man ja nur in dem Falle, wo die Buchmanleu|266te selber eine Theologie aus ihrer Sache machen. Ob das Buchman selber will? Ich zweifle daran nach dem, was Emil berichtet. Aber ich zweifle ebenso sehr daran, ob es gut sein wird, wenn Emil nun diesen Leuten theologische Kurse geben möchte.10

Ich lege dir den eben erhaltenen Brief des Amerikaners bei.11 Vielleicht aber hast du selber auch einen erhalten.12 Georgs neuesten Brief13 wirst du übers Bergli wohl auch schon in Händen haben. Er klingt bedeutend vergnügter, scheint mir, als der letzte14. Könntest du |267 nicht auch einmal schnell seinen Beitrag in der Schlatterfestschrift15 lesen? Er ist wirklich einleuchtend und auch was man so erudit nennt. Du siehst, wie sehr ihn meine Zustimmung gestärkt hat. Wenn nun erst ein kleines Lob von dir käme …!16 Nächste Woche habe ich zwei Vorträge zu erstellen und den ersten am Sonntag am Bezirkskirchentag in — — Birrwil bei Julius Friedrich Müller17 loszulassen, den zweiten dann am Montag in Baden18. Und nochmals, Karl, his factis te expectamus! Und natürlich wäre es mir noch lieber und erwünschter, wenn du erst am Dienstag kommen könntest, um dann am Mittwoch zu fahren. Aber wenn du es nicht anders richten kannst, so laß alles, wie es geplant ist. Dann haben wir auf alle Fälle den Montag abend und vielleicht noch etwas vom Dienstag?

Herzliche Grüße deiner Mutter. Sag’s den Bernern19 ein wenig, daß es mit ihrer theologischen Inzucht wirklich nicht gehe. Alfred Dedo |268 Müller20 fuhr hier vorbei. Er hat einen großen Sozialkurs in Bern abgehalten, veranstaltet von Töndury21. Er erzählte, daß ihm vor allem Martin Werner22 sozusagen ins Gilet geheult23 habe. Er habe ihm so eine Art Geständnisse gemacht und ihm geklagt, wie verfolgt er sei in der Schweiz, und wie es also nun seine Aufgabe sei, gegen die dialektische Theologie den Damm aufzuwerfen. Er ist offenbar immer noch am alten Punkt.

Marguerite grüßt vielmal mit. Es freut sich sehr, dich nun doch auch noch wenn auch nur kurz zu sehen.
Dein
Eduard

Sachfußnoten

1
1844 neugegründetes Wohnheim für Theologiestudenten unter der Leitung eines Pfarrers, der die Funktionen eines Hausvaters und Studieninspektors ausübte. Über die Aufnahme der Studenten entschied die Alumneums-Kommission, der Thurneysen 1929 bis 1971 angehörte, 1945 bis 1967 als Präsident. Vgl. H. Frei, Das theologische Alumneum in Basel 1894-1944. Zur Feier des hundertjährigen Jubiläums seiner Neugründung, im Auftrage der Alumneums-Kommission dargestellt, mit einem Vorwort von O. Cullmann, Basel 1944. 📖↩
2
Leonhard Stählin (1911–1943) wohnte vom WS 1932/33 bis zum SS 1933 im Alumneum, später Assistent bei E. Wolf in Halle.↩
3
Wolfgang Niederstrasser (1907–1981), vorher Architekturstudent in München, im WS 1932/33 und WS 1933/34 bis SS 1934 im Alumneum.↩
4
Manuskript der am 18.9.1932 im Basler Münster gehaltenen Predigt über Spr. 14,34 (unveröffentlicht) in der Predigtforschungsstelle Heidelberg (PF 0006/13).↩
5
Vgl. Bw.Th. II, S. 613f. 📖 ↩
6
Johann Jakob Täschler (1863–1936), 1908–1933 zweiter, freisinniger Pfarrer am Basler Münster.↩
7
Lydia («Lydi») de Trey(1887–1968), ältere Schwester E. Brunners, vor ihrer Heirat 1908 drei Jahre Sekretärin, seit 1931 in Kontakt mit Frank Buchman und neben dem Genfer Arzt Paul Tournier und Professor Theophil Spoerri treibende Kraft des Schweizer Zweiges der Oxford-Gruppenbewegung; dieser bzw. der Moralischen Aufrüstung, die aus ihr hervorging, blieb sie bis zu ihrem Tod verbunden (telephonische Auskünfte von Frau Lilo Brunner am 2.9.1994; vgl. H. H. Brunner, a.a.O. [S. 253, Anm. 1], S. 69). 📖 ↩
8
Als «Seebube» wird bezeichnet, wer in einer Zürichseeufer-Gemeinde lebt oder aufgewachsen ist.↩
9
Das Bergli, Pestalozzis Sommerhaus, lag in Oberrieden.↩
10
H. H. Brunner, a.a.O., S. 75 📖: «Mein Vater trug das Seinige dazu [scil. zur Schweizer Oxford-Gruppenbewegung] bei, einerseits durch seine Predigttätigkeit am Fraumünster, andererseits durch werktägliche Bibelabende, die einen mächtigen Zulauf fanden und eine mannigfache, persönlich tiefgreifende Wirkung ausübten.»↩
11
Der Brief ist nicht erhaltenα. Sein Verfasser Elmer George Homrighausen (1900–1982), 1929–1938 Pfarrer in Indianapolis (Indiana), 1938–1954 Professor für christliche Erziehung, 1954–1970 für Praktische Theologie in Princeton, hatte zuvor schon einzelne Predigten Barths ins Amerikanische übersetzt und zur Veröffentlichung gebracht und arbeitete 1932 zusammen mit George W. Richards und Karl J. Ernst an der Übersetzung von Barths und Thurneysens gemeinsamer Predigtsammlung Komm Schöpfer Geist! (München 1924 [19324]) 📖, die 1933 unter dem Titel Come, Holy Spirit! Sermons 📖 in New York erschien.↩
12
Siehe unten S. 272, Anm. 14.↩
13
Vermutlich Brief vom 13.9.1932 an Thurneysen (Nachlaß Thurneysen 📖).↩
14
Vermutlich Brief vom 3.8.1932 an Thurneysen, in dem Merz zur politischen Lage und zur Problematik parteipolitischen Engagements am Beispiel K. L. Schmidts und Barths (nach dessen Eintritt in die SPD am 1.5.1931; vgl. dazu Busch, S. 229f. 📖) schrieb: «Natürlich trägt dazu [scil. zu den immer wieder unerträglich erscheinenden Spannungen der theologischen Kreise um Barth, Gogarten u. a.] bei, daß Karls Eintritt in die Partei in der Öffentlichkeit anders beurteilt wurde, als er von ihm gemeint war. Auch ist es schwer, den Zusammenhang zwischen Karls Theologie und seiner politischen Haltung jemandem klarzumachen, dem seine biographischen Voraussetzungen unbekannt und gleichgültig sind. Und so wird natürlich auf Parteiversammlungen, ich habe das selbst hier in Bethel erlebt, gegen die marxistische dialektische Theologie in blödsinniger Weise geredet. Das erschwert vor allen Dingen jungen Pfarrern ihr Leben, denn die Zahl derer, die Karl persönlich sehr gern mögen und die sich auch unter den bestimmenden Einfluß seiner Theologie beugen wollen, ist sehr groß. Und da ja gerade im heutigen Deutschland jeder eine gewisse Führerideologie hat, würden sie ihm gern als Führer folgen und können dies nun gerade an diesem Punkte nicht. Umso bedeutsamer erscheint es mir, daß die neue Dogmatik bald kommt und von neuem zeigt, wie gründlich Karl weiterarbeitet. Sie wird sicher auch mehr gelesen als das Anselmbuch 📖, dessen geringe Verbreitung sich nur aus der politischen Spannung erklärt, die auf der anderen Seite dem Gogartenschen Buche zugute kommen wird … Der aktuelle Anlaß [des Briefthemas] sind Anfragen unserer Dresdener und Münchener Freunde, die mich dringend baten, Karl in seinen polemischen Dingen zur Mäßigung zu rufen, wie ich auch von anderer Seite ständig in ähnlicher Weise angegangen werde» (Nachlaß Thurneysen 📖).↩
15
Siehe oben S. 252, Anm. 2.↩
16
Barths Brief an G. Merz vom 19.9.1932 beginnt mit dem Satz: «Ich habe soeben deine Schriften ‹Kirchengeschichtlicher Unterricht› und ‹Freiheit und Zucht› gelesen und möchte nicht versäumen, dir meinen Dank für diese beiden wohlgelungenen Werke und meine volle Zustimmung für ihren sachlichen Gehalt auszusprechen.»↩
17
Über den Bezirkskirchentag in Birrwil (Kanton Aargau) konnte nichts ermittelt werden. — Julius Friedrich Müller (1878–1940), 1910–1940 Pfarrer in Birrwil, zugleich Pfarrer der taubstummen Reformierten des Kantons Aargau und Gemeindeschulinspektor, zeitweise Schulratspräsident im Bezirk Kulm (vgl. Bw.Th. I, S. 28.20.117.294 📖).↩
18
Am 26./27.9.1932 veranstaltete die Studienkommission für soziale Arbeit in Baden einen Sozialkurs über die Themen «Die besondere Not der heutigen Arbeit im Lichte der biblischen Botschaft» und «Die soziologische Struktur unserer Kirche und die dadurch gestellten Aufgaben», zu denen jeweils zwei Referenten eingeladen waren, sowie zu dem Spezialthema «Wie begegnen wir der seelischen Not der Arbeitslosen?». Thurneysen sprach am 26.9. als zweiter Redner nach Ernst Ott über das erste Thema. Vgl. Einladung zum Sozialkurs in: Mitteilungen der Studienkommission für soziale Arbeit, Nr. 23 vom August 1932, S. 115 📖; J. Müri, Kursbericht, in: Mitteilungen …, Nr. 24 vom November/Dezember 1932, S. 119–121 (zu Thurneysens Vortrag und Diskussionsvotum dort S. 120f.) 📖; Abdruck von Thurneysens Thesen dort S. 122.↩
19
Zu Barths Teilnahme an der Versammlung des kantonalen Pfarrvereins in Bern s. unten S. 272, Anm. 11.↩
20
Alfred Dedo Müller (1890–1972), 1930–1958 Professor für Praktische Theologie, erster Universitätsprediger und Direktor des Predigercollegs St. Pauli (der Vorbereitungsstätte der sächsischen Kandidaten für den kirchlichen Dienst) in Leipzig; vgl. Bw.Th. I, S. 510–512 📖; G. Kretzschmar, Die Bedeutung Alfred Dedo Müllers, in: Reformation und Praktische Theologie ([Festschrift] für W. Jetter zum 70. Geburtstag), hrsg. von H. M. Müller und D. Rössler, Göttingen 1983, S. 131–144. 📖 ↩
21
An einem vom 5.-17.9.1932 dauernden Sozialwissenschaftlichen Ferienkurs der Universität Bern zum Thema «Kapital und Arbeit» waren Müller und Werner (s. Anm. 22) als Referenten für die zwei (von acht) «Vorlesungsreihen» zu ethischen Themen verantwortlich gewesen. In der von H. Töndury herausgegebenen Schweizerischen Zeitschrift für Betriebswirtschaft und Arbeitsgestaltung (Jg. 38 [1932], Bd. 2) erschienen vorab Inhaltsangaben auch ihrer Vorträge: [A.] D. Müller, Vom Sinn der Arbeit, a.a.O., S. 53f. 📖; [M.] Werner, Das Ethos des modernen Industriearbeiters, a.a.O., S. 55–57 📖; vgl. auch die Voranzeigen [H. Töndury? ], Sozialwissenschaftliche Herbst-Ferienkurse an der Universität Bern, a.a.O., S. 33 📖, und von R. H. in der Rubrik «Mitteilungen» in: KBRS, Jg. 88 (1932), S. 190. 📖 — Dr. iur. et phil. Hans Töndury (1883–1938), seit 1928 o. Professor für Betriebswirtschaftslehre, allgemeine Wirtschaftslehre, Handels- und Gewerbepolitik und Handelswissenschaften in Bern, zugleich Honorarprofessor in Genf, war Kursleiter der Veranstaltung und hielt als einziger Referent vier Vorträge (Inhaltsangaben in seiner Schweizerischen Zeitschrift …, a.a.O., S. 42–45 und 47).↩
22
Johann Martin Werner (1887–1964), 1928–1958 — nach dem Scheitern einer Berufung Barths dorthin (vgl. Bw.Th. II, S. 512–514.516f.522.526f.530.532.534.540-551 📖) — Professor für Systematische Theologie, Dogmengeschichte und Geschichte der Philosophie in Bern, Anhänger Albert Schweitzers und Gegner der Theologie Karl Barths; vgl. Bw.Th. II (Namenregister) und unten S. 272, Anm. 10. ↩
23
D. h. ihm … sein Herz ausgeschüttet habe (Gilet = Weste).↩