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5. September 1932
Eben erhielt ich beiliegende Mitteilung aus dem Hohmaad1. Vielleicht wäre es nun doch nicht ganz umsonst, wenn Lollo oder du an |257 Frau Horber2 ein paar Worte schreiben würdet, worin ihr unter Berufung auf mich auf die Theologin hinwieset, von der wir sprachen. Es ist allerdings mehr als fraglich, ob die Berner Behörden eine Deutsche hereinlassen an einen Posten, den bisher eine Schweizerin versah, aber einen Versuch wäre es doch wert. Frau Horber will — das weiß ich — wenn immer möglich wieder eine Theologin gewinnen.
Gleichzeitig kam ein Brief von Frau Pfarrer Bultmann aus Ganderkesee3, worin zu lesen steht, daß ihr Mann mit fast absoluter Sicherheit nun seine Stelle in Ganderkesee wegen der Umtriebe der Nazi4 verliert. |258 Er sucht auf alle Fälle bereits krampfhaft, irgendwo anders unterzukommen. Natürlich ist das für ihn sehr schwer. In Ganderkesee konnte er leben, weil noch viel Land und Garten zur Pfarrei gehörte, in einer Stadt wären die Armen mit ihrer riesigen Familie5 verloren. Und überhaupt — ob sie wieder etwas finden werden? Sie fügt zur Illustration der Lage in Oldenburg noch folgendes bei: «Eine feine Verfügung unserer Naziregierung ist die, daß jetzt in jedem Schuljahr (= 8 Jahre) in der Zeit vom Schluß der Sommerferien bis Ende August in der Schule nur vom Weltkrieg und dem Versaillervertrag zu sprechen ist, wobei es weniger (laut Verfügung) auf Kenntnis der Tatsachen als auf Weckung des patriotischen Gefühls ankomme.»6 Der Brief schließt mit der Frage: «In der Schweiz haben Sie wohl Pfarrer genug?» Wenn es nur so einfach wäre, einen norddeutschen Pfarrer irgendwo in der Schweiz unterzubringen, dazu noch mit dieser großen Familie. Es werden sicher alle Wege in Deutschland versucht werden müssen, um da einen Ausweg zu finden.
Gestern hörte ich die Predigt eines Ermatingers7 — der Einschlag war auch deutlich zu spüren, aber leider nur in fataler Weise, das heißt es ging einfach, und zwar schlecht, pietistisch zu. Am Nachmittag sahen wir einmal in den großen Theatersaal des Goetheanums8 und sahen |259 uns eine Eurythmiedarstellung an. Es wurde zu Beethoven und Mozart getanzt, und zwar in durchaus sakraler Haltung, als Hauptstück kam ein weisheitsvolles Goethemärchen von der grünen Schlange und der weißen Lilie9 zu eurythmischer Darstellung. Das Märchen wurde dazu fortlaufend verlesen. Künstlerisch war es z. T. sehr schön und vollendet. Vielleicht müssen wir uns gelegentlich einmal diese Möglichkeit auch ansehen. Wahrscheinlich ist irgendetwas an Goethe dabei doch getroffen. Man selber kommt sich freilich ständig ein wenig als von dem eigentlichen Geheimnis dieser Mysterien ausgeschlossen vor. Und die ganze Welt dieser edlen Jünglinge, dieser weisen Alten mit ihren beschwörenden Gebärden, dieser geheimen Weistümer, die, von Schlangen und Geistern gehütet, sich nur dem ahnungsvoll sich Nahenden erschließen, wobei das große Wort «Offenbarung» mehrfach und in betonter Weise fällt, dazu die Spukgeister und Irrwische, die da durch alles komisch hindurchgeistern — wie fremd und fern und merkwürdig schaut einen das an.
Mit Nelly hatten wir ein paar gute Stunden.10 Ich selber sah sie freilich nur sehr kurz, da ich ziemlich besetzt war. Dafür sah ich deine wackeren Söhne Stöffeli und Matthys noch schnell am Bahnhof. Sie trafen merkwürdigerweise in Begleitung des «Fremdlings»11 in Basel ein. Derselbige kam dann also noch ausführlich zu mir. Er gefiel mir eigentlich besser als je in seiner Neuenstadter Zeit12, er war munter und scheint irgendwie doch nun selber glücklicher zu sein als vormals. Ich habe sein Büchlein13 vorher noch gelesen. Und sicher ist es in seiner Intention wirklich gut und uns entsprechender als vieles andere. Wenn nur die Ausführung nicht so skizzenhaft und abgerissen wäre. Er will sich nun noch nach Bern begeben, um seinen Meister Heiner dort zu treffen |260 und zu sprechen. Dich selber — du kannst ruhig sein — wird er nicht mehr erreichen.
Herzliche Grüße dem ganzen Bergli! Herzliche Grüße Lollo und dir
von uns beiden. Sehr gut, daß du noch kommen wirst!