31. August 1932

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Da ist nun der in Aussicht gestellte Brief von Emil eingetroffen.1 Und nun müßt Ihr doch auch Kenntnis davon nehmen. Über das, was an der Sache selber ist, wird man auch nach diesem Briefe nicht wirk|254lich urteilen können, weil auch hier das Wesentliche sich verborgen ereignen wird. Und das eigentlich Fatale wird gerade das sein, daß es einen Augenblick so scheint, als ob hier einmal diese wesentliche Verborgenheit gelüftet sei und endlich einmal etwas in direktester Erkennbarkeit geschehe: siehe die Beispiele in Emils Brief. Eben bin ich längere Zeit unterbrochen gewesen durch den Besuch einer jungen Pfarrfrau2, die mit ihrem Manne irgendwo in der welschen Schweiz auf einem einsamen deutschsprachlichen Posten steht. Sie kennt meine Predigten und liest unsere Sachen und kam nun eben ganz frisch daher — durchaus auch von Ermatingen. Sie redete in ihrer Weise gut davon. Ihr war wichtig einfach das Zusammensein als solches mit allerlei Leuten, und zwar so, daß es dabei um die Dinge ging, die einem die wichtigsten sein müssen. Sie empfand die Durchbrechung der Basler Zurückhaltung an diesem Punkte als Befreiung. Und eben hat mir der junge Lüthi, ein waschechter Berner, der jetzt in Basel wirkt3, angeläutet, der ebenfalls in Ermatingen war und behauptete, ihm sei dort einiges von unserer Theologie klar geworden, das er bisher nie so recht kapiert habe, nämlich das Gewicht, das auf dem Hören liege, und die unkasuistische Ethik, das Alles-in-die-Entscheidung-Stellen. Anderen wird der «fremde Kapuziner» wichtig, das heißt die Möglichkeit, einmal irgendwie zu beichten4, worauf manche warten. Vielleicht liegen hinter der amerikanisch-pietistischen Aufmachung so ein paar Möglichkeiten schlichter Art, die nicht zu verachten sind. Bei Emils Reflexion darüber liegt freilich offenbar wieder jene fatale Zweiteilung vor: hier Erkenntnis auf der einen Seite — dort «geschieht» dazu und darüber hinaus endlich noch «etwas».5 Und |255 wäre doch, ach wäre doch Emils Mikox6 dir gegenüber in Ermatingen endlich ein wenig abgeheilt! Aber das scheint nun gerade nicht passiert zu sein: vide den Schluß des Briefes7, über den du verstehend und verzeihend hinweglesen mußt, «diesmal wirklich die Priorität …!», ach je! Schick mir den Brief wieder ume8, oder besser: schick ihn an Lukas mit der vorgesehenen ernsten Ermahnung! Dann kann er über ihn wieder an mich kommen. Und laß mir doch auch die Predigrvorlesung wieder zugehen, falls du sie nicht mehr einsehen willst. Am besten: bring sie mir auf der Heimreise mit. Ich muß wahrscheinlich für Hartenstein auch im Missionshaus etwas wie homiletische Besprechungen und Übungen übernehmen, Hartenstein muß Mitte September für ein paar Wochen nach Indien reisen, um irgendetwas in Ordnung zu bringen.9

256 Nicht ohne Sehnsucht gedenke ich des Bergli und all der dortigen Freunde und Freundinnen! Wie geht es wohl Ruedi weiter? Ich lasse ihn sehr grüßen. Während Ihr unter dem grünen Baum sitzt, sehe ich wieder den Schatten der Minschtertürme mit der Sonne über den Platz wandern und nehme also allerlei Meldungen über den Stand der Dinge in dieser Mittelstadt, wie Heiner sagt, entgegen. Immerhin, heute abend werde ich mit Marguerite zusammen noch einmal den Schuß im Morgengrauen10 ansehen gehen und dabei des ausgezeichneten Abends auf dem Bauschänzli11 gedenken. Leider gibt es für die andere «Wollust», mit Stöffeli zu reden12, deren wir uns so neu und unter so trefflicher Anleitung erfreut haben, hier unten keine Wiederholung. «Das kommt nicht wieder, das war nur einmal so!»13 Grüße Lollo, grüße Gerty, grüße Hertha und Gertrud Staewen. Laß dir die Heimkehr über Basel, wenn’s immer geht, angelegen sein, und sei selber herzlich gegrüßt!

Dein
Eduard

Sachfußnoten

1
Brunner berichtete Thurneysen am 29.8.1932 in einem langen Brief von den tiefen Eindrücken, die er kurz zuvor bei der Tagung der Oxford-Gruppenbewegung in Ermatingen am Bodensee empfangen hatte (im Nachlaß Thurneysen 📖). — Die Gruppenbewegung wurde 1921 von dem Amerikaner Frank Nathan Daniel Buchman (1878–1961) als religiöse Erneuerungsbewegung gegründet. Bis 1932 hatte sie u. a. in England, Amerika, Südafrika, China, Holland, seit kurzem auch in der Schweiz und Deutschland Fuß gefaßt. Zur Tagung in Ermatingen, bei der Buchman anwesend war, vgl. Ermatinger Tagebuch. Stimmen zur Gruppenbewegung in Deutschland und in der Schweiz August 1932, Zürich/Gotha 1932 📖; E. Brunner, Meine Begegnung mit der Oxforder-Gruppenbewegung, in: KBRS, Jg. 88 (1932), S. 338–343.354-358 📖 (O.W. I, S. 268–288 📖); ferner H. H. Brunner, Mein Vater und sein Ältester. Emil Brunner in seiner und meiner Zeit, Zürich 1986, S. 69–78 📖, sowie unten S. 260, Anm. 3. — Zusammenfassend urteilte Brunner in seinem Brief an Thurneysen: «Hier ist eine Sache im Gang, die ganz gewiß etwas von dem ist, auf das wir schon lange gewartet haben. Nicht alles, nicht das ganze. Aber viel mehr als was ich sonst kenne. Ich glaube, die Leute haben nicht unrecht, wenn sie die dialektische Theologie und diese Bewegung so eng zusammenschauen.»↩
2
Wahrscheinlich Elsbeth Rockenbach, geb. Weth, Ehefrau von Reinhardt Rockenbach (geb. 1903), der 1928–1936 Pfarrer für Aigle, Bex und Leysin (Kanton Waadt) war, denn Thurneysen schrieb am 8.9.1932 an Brunner: «Ferner war einen ganzen Morgen lang bei mir die junge Frau Pfarrer Rockenbach, die ja in Ermatingen auch mit dir gesprochen hat …» (Durchschlag im Karl Barth-Archiv).↩
3
Walter Lüthi (1901–1982), zunächst religiös-sozial orientiert, durch die Lektüre von Barths Römerbrief-Kommentar zum Theologiestudium entschlossen, war 1931–1946 Pfarrer in Basel, dann bis 1968 am Berner Münster.↩
4
«Die Beichte spielt eine große Rolle; aber es wird streng unterschieden zwischen dem, was vor einem einzigen, und dem, was vor der Versammlung auszusprechen ist» (Brief Brunners, s. Anm. 1).↩
5
«Keine Gesetzlichkeit, sondern alles Abstellen auf das konkrete Gebot Gottes … kein Moralismus, sondern alles ist gesehen vom Kreuz, von der Versöhnung Christi her … Kein Bekehrungskrampf, sondern der schlichte Weg: Erkenntnis der Sünde, Vergebung in Christus, Neuwerden aus der insertio in Christum per spiritum sanctum. Das ist die simple dogmatische Grundlage dieser neuen Erweckungsbewegung. Aber das Neue: da geschieht nun auch wirklich etwas. … Es geschehen hier wirklich, Eduard, wirklich Dinge, die um uns herum meines Wissens nicht oder doch nur wenig merklich und selten geschehen[,] in unglaublicher Zahl und in einer Kraft und Klarheit, die nur etwa in dem, was s. Z. in Möttlingen geschah, eine neuerliche Analogie hat» (Brief Brunners; s. Anm. 1).↩
6
Minderwertigkeitskomplex.↩
7
«Darf ich dich nochmals bitten, die Besprechung [scil, von E. Brunners Buch «Das Gebot und die Ordnungen» 📖] in Z d Z zu übernehmen? Ich glaube doch, ich habe einen Referenten, wie du einer wärest, verdient und war’s auch nur durch meinen Fleiß. Vergiß nicht — ich kenne die Ethik 📖 von Karl Barth nicht; ich wollte sie nicht kennen und glaubte auch diesmal wirklich die Priorität zu haben, da meine Ethik im Grundriß schon fertig war, ehe KB das erste mal daran ging. Daß ich trotzdem auf seinen Fundamenten weiter gebaut habe, weiß ich wohl und habe es auch gesagt» (Brief Brunners; s. oben Anm. 1).↩
8
= zurück.↩
9
Hartenstein reiste vom 14.9. bis 24.12.1932 zur Klärung von Personal- und grundsätzlichen Sachfragen in das indische Gebiet der Basler Mission (Süd-Mahratta, Bangalur, Madras, Malabar); währenddessen hielt Thurneysen, wie bei der Inspektorenkonferenz der Basler Mission Ende August beschlossen, im Missionsseminar wöchentlich eine Stunde Predigtübungen (Komiteeprotokolle der Basler Mission 1932, S. 141, Nr. 620 [Eintragung zur 28. Inspektorenkonferenz 29./30. August ‹1932›], Archiv der Basler Mission; s. unten S. 296); vgl. K. Hartenstein, D. Indien, in: Evangelische Missionsgesellschaft zu Basel (Basler Mission). 118. Jahresbericht, auf 1. Juni 1933, S. 28–39 📖; H. Hartenstein / M. Hartenstein, Der Lebensgang, in: Karl Hartenstein, a.a.O. (S. 177, Anm. 14), S. 44 📖; H. Witschi, Direktor der Basler Mission, a.a.O., S. 135–138. 📖 ↩
10
«Der Schuß im Morgengrauen», deutscher Spielfilm von 1932 mit Peter Lorre 📖.↩
11
Seinen Namen verdankt das 1660 kurz vor dem Zürichsee in die Limmat gebaute «Schänzlein in dem Wasser» wahrscheinlich dem nahegelegenen Bauplatz (vgl. K. Escher, Die Stadt Zürich, 1. Teil [Die Kunstdenkmäler des Kantons Zürich, Bd. IV], Basel 1939, S. 61 📖). Noch heute wird es durch ein Gartenlokal genutzt, das man über einen Steg ereichen kann.↩
12
Christoph Barth hatte sich bereits vor den Ferien über die neue Tanzleidenschaft seines Bruders Markus so sehr entrüstet, daß sich darüber ein ganzer Briefwechsel mit seinem Vater ergab, in dem er auch den Begriff «Wollust» gebrauchte (Brief Chr. Barths an K. Barth vom 9.8.1932).↩
13
Vielleicht ungenaue Erinnerung an das Lied «Das gibt’s nur einmal, das kommt nicht wieder», das Lilian Harvey in dem Film «Der Kongreß tanzt» (1931) 📖 sang. Im zweiten Teil des kurzen Liedes begegnet die Zeile «Das kann das Leben nur einmal geben».↩