252
Beckenried, 18. August 1932
ich tauche eben aus der Lektüre deiner Trinitätslehre auf, und wieder weiß ich nichts anderes zu sagen als das schon Gesagte von dem Sockel, der da für die nächsten hundert Jahre gelegt worden ist, damit das Denken der Kirche sich aus den Seichtigkeiten des Modernismus und weg von den Verführungen des Thomismus rette und wieder Boden fasse, auf dem man dann leben und das Seine tun kann. Besonders erhellend und durchgreifend ist die erweiterte und vertiefte1 Beziehung auf die Schrift. Und überhaupt: der Weg ist nun gebrochen, die Schrift liegt zu Grunde, die Väter gehen mit, die Häretiker werden abgespiesen, und doch kommt es zu keiner «toten Orthodoxie», sondern das Geheimnis bleibt groß. Die Arbeit aber, die dahinter liegt, ist deine und Lollos Leistung — unsereiner kann nun davon leben. Ich kann nur mit der Bitte um alle Nachsicht — und es läge nahe, es in diesem Augenblick überhaupt zu unterlassen — euch mein Vorlesünglein zur Einsicht übersenden. Du kannst dir ja vorstellen, wie sehr «nebenher» es erstellt worden ist, und vor allem: du wirst sehen (und das ist vielleicht sein bestes Teil), wie sehr es im Schatten und am Fuß deiner Felswände erstellt worden ist, auch wo das nicht ausdrücklich Erwähnung findet. Die dich vor allem wohl interessierenden Teile stehen von Seite 16 ab. Vielleicht hast du oder Lollo Zeit, ein wenig hineinzusehen und mir dann dies oder jenes zu sagen. Vielleicht laßt Ihr es auch liegen, bis ich komme, und dann kann ich selber das eine oder andere daraus vorlegen.
Von Georg kam eben eine neue Schrift über «Kirchengeschichtsunterricht», ein Sonderdruck aus dem Betheljahrbuch.2 Und in dem auch |253 gerade eingetroffenen Heft der «Theolog. Rundschau» las ich eine vernichtende (wenn auch natürlich oberflächliche) Kritik des Amosbuches von Gogartens Freund Cramer durch Ludw. Köhler3, die erneut nach wirklich gegründeter theologischer Arbeit am A. T. — durch Helmi ruft (wenigstens muß das unser Schluß sein). Gogarten selber ist bei Lukas und redet am nächsten Montag in Pratteln über «Staat und Kirche»!4
Herzlich dein heute in 8 Tagen eintreffender