3. August 1932

Charlotte von Kirschbaum an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard,

der zweite Ferientag — ein erster verging mit viel Schlaf und allerhand Begrüßungsgesprächlein — ist angebrochen. Auf diesen ersten ruhigen Augenblick habe ich gewartet, um dir zu danken für deinen Brief1, der als eine ganz unerwartete und umso größere Freude zu mir kam. Ich kann zu allem, was du mir in seiner ersten Hälfte sagst, nichts schreiben. Ich kann es nur ganz dankbar hinnehmen und ganz froh darüber sein. — Es ist ein Geschenk, lieber Eduard, ganz und gar ein Geschenk und eines von den wenigen, die man nicht mehr vergißt und die helfend mit einem gehen. —

Hier hast du den letzten Paragraphen2, und hier hast du die von Anfang an für dich bestimmten Ritschl-Protokolle3, die nur den Umweg über einen ehemaligen Schüler von Karl nahmen, der flehend darum bat. —

Statt alles weiteren Erzählens und Fragens nur dies: Ist es euch recht, wenn Karl und ich einmal, und zwar sehr bald einmal auf ein paar Stunden zu euch hinüberfahren? Karl hat den dringenden Wunsch, dich zu |251 sprechen (Brunner und allerhand andere «Dinge» will er mit dir erwägen! ), und ich käme freudig4 mit, euch alle zu begrüßen. — (Der von Ruedi ins Auge gefaßte Plan, uns einmal im Auto zu euch mitzunehmen, kann ja dann trotzdem ein ander Mal noch verwirklicht werden.) — Vielleicht rufst du einfach einmal hier an und machst mit Karl den Tag ab. —

Sei mit Marguerite von Karl und mir herzlichst gegrüßt. — Eduard, es ist so schön, daß es immer wieder solche Ferien gibt!

Deine
Lollo

Karl schreibt eben an seinem Vorwort zur 2. Auflage.5 Weißt du schon, daß nun doch auch die Trinitätslehre in diesen 1. Halbband aufgenommen wird6 und er sich somit zu einem stattlichen Wälzer von ca. 500 Seiten auswächst? Ich brüte über dem Sachregister. — Und schon warten unten in einer Kiste 20 Goethebände7 und hier oben auf dem |252 Tisch noch 17 unkorrigierte Prüfungsarbeiten über den Begriff der Offenbarung bei Lessing!! Aber durch alles hindurch ertönt eben Gertys Stimme und ruft zum Mittagsmahl. — Leb wohl!

Sachfußnoten

1
Nicht erhalten.↩
2
KD I/1, S. 470–514 📖: § 12: Gott der heilige Geist. Dieser Paragraph beschließt den Abschnitt über die Trinitätslehre (2. Kapitel, 1. Abschnitt).↩
3
Abschriften der Protokolle des Seminars über «Albrecht Ritschls Unterricht in der christlichen Religion».↩
4
Das Wort ist im handschriftlichen Original doppelt unterstrichen.↩
5
Das in KD I/1, S. VI-XII 📖 gedruckte, auf den August 1932 datierte Vorwort stellt eine erweiterte Fassung des genannten Manuskripts dar, die Barth am 23.10.1932 an den Verlag schickte. Die Manuskripte sind nicht erhalten. Eine Überarbeitung des Vorwortes war nötig geworden, weil es inzwischen auf Vorschlag von Lempp zu einer Änderung des ursprünglich vorgesehenen Titels «Die kirchliche Dogmatik im Entwurf» gekommen war. Warum die Streichung auch des Artikels, die nach Barths Ansicht aus Lempps Kürzungsvorschlag folgte, schließlich unterblieb, ist unbekannt. Barth hatte Lempp die «entsprechende Abänderung und Erklärung im Vorwort» am 22.8.1932 angekündigt (Brief Lempps an Barth vom 19.8.1932 und dessen Antwort vom 22.8.1932).↩
6
KD I/1, S. 311–514 📖: 2. Kapitel, 1. Abschnitt: «Der dreieinige Gott» (§§ 8-12). — Wann und warum die Entscheidung fiel, die Trinitätslehre in KD I/1 aufzunehmen, läßt sich nicht mehr ermitteln. Sie muß Lempp spätestens im Juni mitgeteilt worden sein, denn als dieser am 30.6.1932 an Barth schrieb, war der größte Teil der Trinitätslehre bereits gesetzt: «Wir haben bis jetzt 30 umbrochene Bogen», also 480 Druckseiten. Der erste Halbband endet somit mitten im zweiten Kapitel. Wahrscheinlich hatte das weitere Anschwellen des Manuskripts es unvermeidlich erscheinen lassen, den zweiten geplanten Prolegomena-Halbband auf diese Weise zu entlasten.↩
7
Bände aus Barths eigener Ausgabe: Goethes Sämtliche Werke, Jubiläumsausgabe in 40 Bänden, in Verbindung mit K. Burdach hrsg. von E. von der Hellen, Stuttgart/Berlin o. J. [1902-1907] 📖. — Barth wollte einen Paragraphen über Goethe vorbereiten, der den Abschluß der im WS 1932/33 gehaltenen Vorlesung über die «Vorgeschichte der neueren protestantischen Theologie (Aufklärung, Idealismus, Romantik)» bilden sollte, aber aus zeitlichen Gründen nicht mehr fertiggestellt und vorgetragen werden konnte; vgl. Pr.Th., S. V 📖, und unten S. 322, bei Anm. 13.↩