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23. Juli 1932
eben erhalte ich einen Basler Ferienbrief von einer Mamme1 aus Adelboden, in dem folgendes zu lesen ist: «Letzthin frug mich unser Dorli am Abend, wieso man wohl dazu gekommen sei, gerade diese Bücher als zur Bibel gehörig zu bestimmen? ‹Man könnte doch ebensogut einen Artikel von Karl Barth darein aufnehmen!› meinte sie. Sie meinte dann selbst, Gott habe die Menschen, die das bestimmten, wohl so gelenkt. Ich bin mir nicht bewußt, daß wir in solchen Tönen von Karl Barth reden, vielleicht macht es ihr einen Eindruck, zu sehen, mit welchem Eifer, mit welcher Freude und Sammlung ich mich fast alle Tage hinter seine Dogmatik setze. Ich frag mich selbst manchmal, woran es liegt, daß dieses Buch mir so zusagt, daß ich es bisweilen mit einem wahren Hunger, fast mit Spannung lese. Die wissenschaftlichen Auseinandersetzungen über die Trinität mit dem vielen Latein und Griechisch waren bislang ein wenig dürr für mich.» Du siehst, es ereignet sich nun solches, nachdem noch bis vor kurzem ein Band «Bänz»2 den geistlichen Hunger der wackeren Basler Ferienfamilien zu stillen hatte, gibt es nun Mammene, die nehmen deine Prolegomena3 mit. Eben hat mir der Sämi Dieterle schnell antelefoniert, der für ein paar Stunden auf der Durchreise von Deutschland her in Basel ist, um seine Ferien endgültig irgendwo im Züribiet4 zu beschließen. Er berichtet namentlich hocherfreut von seinen Bonner Eindrücken. Einzig von der «theologischen Schlägerei» über das filioque5 war er etwas unheimlich berührt. Er sieht bereits die Marktweiber wieder darüber diskutieren6 und könn|249te darin keinen Fortschritt der Kirchengeschichte sehen. Von Fritz Lieb aber meldete er ein geradezu furchtbares Gegacker im Kolleg7, wobei unendlichmale das Gleiche wiederholt werde. Ein Student habe ihm erklärt, Fritz habe eben die Methode, seine Vorlesungen in der Weise zu halten, daß er zu seinen eigenen etwas spärlichen aufgeschriebenen Sätzen einen Kommentar gebe. Aber trotzdem hätten ihn die Studenten lieb. Und das ist ja schließlich das Wesentliche. Karl, am nächsten Montag feiert Ruedi also seinen fünfzigsten Geburtstag, nicht? Eigentlich hätten wir ihm eine gemeinsame Festschrift überreichen sollen8. Bald, bald wirst du so etwas wie die Überreichung einer Ehrensäule selber erleben, und ich fürchte, auch mir werden Leute wie die gemeldete Basler Mamme dereinst an meinem fünfzigsten irgendeinen Blumenmaien9 übersenden. Wo stehn mer aigetlig?10 Gerade heute morgen lese ich einen Geburtstagsartikel, den der wackere Adolf Preiswerk seinem Jugendfreund, dem Kandidaten Theo Iselin, widmet und der mit dem Satze schließt: «Es gehen also von Iselin und seiner stillen Tätigkeit viele freundliche, erwärmende und erhellende Lichtstrahlen aus, und daß |250 sein Licht dem Jubilar und seiner Vaterstadt möchte erhalten bleiben, das wünschen ihm seine Freunde am heutigen Tage von Herzen.»11 Wenn uns nur unser Licht auch weiterhin nicht ausgeht! Wenn nur die Nazzi dir nicht noch verwehren, dein Licht weiterhin auf dem rechten Leuchter zu erhalten.