23. Juli 1932

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

eben erhalte ich einen Basler Ferienbrief von einer Mamme1 aus Adelboden, in dem folgendes zu lesen ist: «Letzthin frug mich unser Dorli am Abend, wieso man wohl dazu gekommen sei, gerade diese Bücher als zur Bibel gehörig zu bestimmen? ‹Man könnte doch ebensogut einen Artikel von Karl Barth darein aufnehmen!› meinte sie. Sie meinte dann selbst, Gott habe die Menschen, die das bestimmten, wohl so gelenkt. Ich bin mir nicht bewußt, daß wir in solchen Tönen von Karl Barth reden, vielleicht macht es ihr einen Eindruck, zu sehen, mit welchem Eifer, mit welcher Freude und Sammlung ich mich fast alle Tage hinter seine Dogmatik setze. Ich frag mich selbst manchmal, woran es liegt, daß dieses Buch mir so zusagt, daß ich es bisweilen mit einem wahren Hunger, fast mit Spannung lese. Die wissenschaftlichen Auseinandersetzungen über die Trinität mit dem vielen Latein und Griechisch waren bislang ein wenig dürr für mich.» Du siehst, es ereignet sich nun solches, nachdem noch bis vor kurzem ein Band «Bänz»2 den geistlichen Hunger der wackeren Basler Ferienfamilien zu stillen hatte, gibt es nun Mammene, die nehmen deine Prolegomena3 mit. Eben hat mir der Sämi Dieterle schnell antelefoniert, der für ein paar Stunden auf der Durchreise von Deutschland her in Basel ist, um seine Ferien endgültig irgendwo im Züribiet4 zu beschließen. Er berichtet namentlich hocherfreut von seinen Bonner Eindrücken. Einzig von der «theologischen Schlägerei» über das filioque5 war er etwas unheimlich berührt. Er sieht bereits die Marktweiber wieder darüber diskutieren6 und könn|249te darin keinen Fortschritt der Kirchengeschichte sehen. Von Fritz Lieb aber meldete er ein geradezu furchtbares Gegacker im Kolleg7, wobei unendlichmale das Gleiche wiederholt werde. Ein Student habe ihm erklärt, Fritz habe eben die Methode, seine Vorlesungen in der Weise zu halten, daß er zu seinen eigenen etwas spärlichen aufgeschriebenen Sätzen einen Kommentar gebe. Aber trotzdem hätten ihn die Studenten lieb. Und das ist ja schließlich das Wesentliche. Karl, am nächsten Montag feiert Ruedi also seinen fünfzigsten Geburtstag, nicht? Eigentlich hätten wir ihm eine gemeinsame Festschrift überreichen sollen8. Bald, bald wirst du so etwas wie die Überreichung einer Ehrensäule selber erleben, und ich fürchte, auch mir werden Leute wie die gemeldete Basler Mamme dereinst an meinem fünfzigsten irgendeinen Blumenmaien9 übersenden. Wo stehn mer aigetlig?10 Gerade heute morgen lese ich einen Geburtstagsartikel, den der wackere Adolf Preiswerk seinem Jugendfreund, dem Kandidaten Theo Iselin, widmet und der mit dem Satze schließt: «Es gehen also von Iselin und seiner stillen Tätigkeit viele freundliche, erwärmende und erhellende Lichtstrahlen aus, und daß |250 sein Licht dem Jubilar und seiner Vaterstadt möchte erhalten bleiben, das wünschen ihm seine Freunde am heutigen Tage von Herzen.»11 Wenn uns nur unser Licht auch weiterhin nicht ausgeht! Wenn nur die Nazzi dir nicht noch verwehren, dein Licht weiterhin auf dem rechten Leuchter zu erhalten.

Herzlich!
Eduard

Sachfußnoten

1
= Mutter; Plural: Mammene. — Der Brief ist nicht erhalten.↩
2
1932 waren folgende Bücher von G. Benz im Handel: Ich bin der Herr, dein Gott. Predigten aus den Jahren 1923-1929 (3. Aufl.) 📖; Vom Anfang alter Dinge (4. Aufl.) 📖; In der Gewalt Jesu (11. Aufl.) 📖; Jesus der Weg (3. Aufl.) 📖; Vom Leben erfaßt (7. Aufl.) 📖; Unser Vater, unsre Brüder (4. Aufl.). 📖↩
3
Chr. Dogm. 📖↩
4
Gebiet des Kantons Zürich.↩
5
Vgl. KD I/1, S. 496–511. 📖 ↩
6
Eine — legendäre? — Überlieferung, nach der einmal in der Alten Kirche Marktfrauen eine dogmatische Debatte in ihrer Weise aufgegriffen und unter sich weitergeführt haben sollen, scheint bis ins 20. Jahrhundert zum allgemeinen theologischen Bildungsgut gehört zu haben. Vgl. etwa (unter Verwechslung von Zeit, Ort und Thema?) E. Peterson, Was ist Theologie? (1925), in: Theologie als Wissenschaft. Aufsätze und Thesen, hrsg. von G. Sauter (ThB 43), München 1971, S. 151 📖: «Man habe den Mut wieder in der Sphäre zu leben, in der das Dogma vorkommt und man gewiß sein kann, daß sich die Menschen für Theologie wieder interessieren werden, so interessieren werden, wie sich die Martkweiber in Konstantinopel für den Streit um das ὁμοιούσιος und ὁμοιούσιος interessiert haben.» Der historische Ursprung dieser Überlieferung ist nach Auskunft mehrerer Experten nicht (mehr) bekannt, eine Erwähnung in der älteren dogmengeschichtlichen Literatur konnte nicht gefunden werden. Am nächsten kommt ihm unter den eingesehenen Quellen Athanasius, Contra Arianos 1,22 📖: «… indem sie [scil, die Anhänger des Arius] sich trügerische Sprüchlein schmiedeten, gingen sie im Anfang, als sie die Häresie schufen, überall herum, und noch bis zur Stunde treffen einige von ihnen mit Kindern auf dem Markte zusammen und fragen sie … Dann wenden sie sich auch an die Weiblein und belästigen sie mit ihren unziemlichen Reden» (zitiert aus: Des heiligen Athanasius ausgewählte Schriften aus dem Griechischen übersetzt, Bd. 1 [Bibliothek der Kirchenväter], Kempten/München 1913, S. 50 📖; Hinweis von Prof. Dr. U. Köpf an Dr. H. Stoevesandt vom 10.2.2000).↩
7
Das Thema von Liebs Vorlesung lautete «Einführung in die Dogmatik der östlichen Orthodoxie».↩
8
Barth seinerseits widmete den Ende 1932 erscheinenden Band KD I/1 📖 «Meinem Freund Rudolf Pestalozzi» und kündigte das in einem Brief vom 23.7.1932 zu seinem Geburtstag an.↩
9
= Blumenstrauß.↩
10
Siehe oben S. 91, Anm. 5.↩
11
A. P[reiswerk]-M[iescher], Th. Iselin, in: BN, Jg. 88 (1932), Nr. 200 vom 23./24.7.1932 📖 (dort statt «von Iselin»: «von dem Jubilar» und statt «dem Jubilar»: «ihm»). Der Artikel ehrte Theophil Iselin (1862–1939) zu seinem 70. Geburtstag am 24.7.1932. Iselin war aus gesundheitlichen Gründen kein Gemeindepfarrer, hatte aber verschiedene kirchliche Ämter inne.↩