22. Juli 1932

Eduard Thurneysen an Karl Barth

237
Lieber Karl,

Das Semester soll doch nicht ganz zu Ende gehen, du und Lollo sollen doch nicht eher am badischen Bahnhof1 auftauchen, bevor nicht noch ein Auftun meines Mundes [vgl. Eph. 6,19] erfolgt wäre. Wir haben ja beide und sicher aus gleichen Gründen das Wort sparen müssen in den letzten Monaten, ohne daß das Gedenken jemals ausgesetzt hätte. Hab vielen Dank für die immer wieder erfolgenden Kundgebungen, du kannst sicher sein, daß deren keine bei mir unter den Tisch fällt. Sie werden alle gewogen und aufgehoben und genossen. Nur die zwei letzten Dogmatiksendungen habe ich mir für die nun bald anbrechenden Ferien aufsparen müssen. Aber auch abgesehen von den aktuellen Mitteilungen aus deinen Bereichen lebe ich ja weiter und weiter mit von deiner Arbeit, sei’s daß die Ethik konsultiert wird, sei’s die neue Dogmatik 📖, sei’s der Anselm 📖. Dein Arsenal steht sozusagen täglich mit geöffneten Toren vor mir, und bald wird diese, bald jene Kanone herausgezogen und im eigenen Gefecht in Stellung und Verwendung gebracht.

Im Gefecht war ich reichlich diesen Sommer. Was ist doch wieder alles auch hierseits gegangen. Da war vor allem meine Homiletikvorlesung2, die mich sehr in Anspruch nahm. Ich habe mir also meinen eige|238nen und wie mir scheint einigermaßen neuen Weg zu bahnen versucht und bin schließlich auch durchgekommen. Ich werde sie dann aufs Bergli mitbringen und euch ein wenig zeigen können. Dazu war das Seminar zu halten. Und ich muß sagen: wiederum dank dir war es für mich das gefreuteste3 von den bisher gehaltenen Seminarien — denn es waren doch ein paar Leute da, die von dir her kamen und mit denen darum gut zu arbeiten war. Also vor allem dein dir treu ergebener Schüler Frey und Otten. Dazu zwei Leute, die von Helmi her kamen und von Georg, und endlich ein paar ernsthafte ältere Herren, zwei Elsässer, die bereits Pfarrer sind. Frey und Otten haben mir wirklich Freude gemacht. Ich habe sie auch sonst etwa4 gesehen. Die werden beide ganz sicher ihren Mann stellen. Sie haben in Basel freilich eher geseufzt unter den miesen theologischen Verhältnissen. Eberhard Vischer las ausgerechnet Anselm5 und wollte sich von Frey keineswegs belehren lassen. Und Köberle las über Katholizismus6, und offenbar wußten die geöffneten Ohren deiner Schüler auch da manchen falschen Ton zu hören. Daneben ging also die Arbeitsgemeinschaft mit Heiner weiter. Es wurde u. a. an drei Abenden im Zusammenhang mit Goethe über die künstlerischen Phänomene geredet. Auch dabei kam es zu Dissonanzen, indem Heiner mir deinen schönen Begriff des Spiels und der reinen Zwecklosigkeit7 nicht abkaufen, sondern ihn durch den wie mir schien viel weniger umfassenden der Wirklichkeitsdeutung ersetzen wollte. Aber Krach gab es darum keinen, sondern man tanzte in aller Vorsicht ein Menuett. Gestern habe ich bei Heiner zu Mittag gegessen, und dabei setzte er mir auseinander, daß auch er dir deine Anselmdeutung, die sich zu viel aufs Proslogium und zu wenig aufs Monologium stütze8, |239 nicht recht abnehmen kann. Da ich selber die Quellen nicht näher kenne, konnte ich nicht viel darüber sagen. Und Heiner hat ja wie auch von mir so von dir noch seinen eigenen brüderlichen Aspekt, den er nicht ganz ausschaltet, wenn er deine Werke liest. Und im übrigen, nun da schlage ich mich eben weiter und weiter mit der Menschheit herum, die mir ja als homo Basiliensis in einer besonders charakteristischen Vertretung gegenübersteht. Zum Beispiel kam es eben erst letzthin zu einem kleinen merkwürdigen Gefecht mit — deinem Onkel Sartorius aus Arlesheim9. Ich hatte eine der beliebten Basler Haustrauungen, und zwar war es eine Trudi Preiswerk10 von der Missionsstraße, eine Nichte jener so ehrenhaften Jumpfer Preiswerk11, bei der Lollo in Basel aufgehoben gewesen war. Die Trauung fand daheim statt, an der Missionsstraße, weil diese Tochter einen katholischen Innerschweizer zum Manne haben wollte, und da war es der Verwandtschaft des Mannes gegenüber eine Art Konzession der Familie, daß man wenigstens nicht noch ausdrücklich in eine evangelische Kirche ging. Ich konnte das nicht ändern. Also trat die bekannte Situation ein: ein Auto fuhr vor, man nahm den Zylinder auf den Schoß, um nicht anzurennen damit, man saß ab12 und begrüßte — eben deinen Onkel und die Tante13 und die Frl. Preiswerk aus der Augustinergasse, man fuhr los, ein Gewitter stand am Himmel und gab zu allerhand Gesprächen Anlaß. Man landete endlich, Diensten14 in weißen Schürzen nahmen die fatalen Röhren15 zu Handen. Küsse zwischen den näheren Verwandten, Händedrücke mit dem Herrn Pfarrer wurden ausgetauscht. Ein Salon war als quasi Kapelle hergerichtet, ein Tischlein mit der Bibel, Blumen und Sträu|240cher, wo man nicht recht wußte, sollte man davor oder dahinter stehen, ein Stühlegerutsch, Herren in Smoking, geschmückte Damen darauf, und nun also das Wort, das da mitten hinein fallen sollte. Nachher Herumstehen im Garten, der Rauch der ersten Zigaretten und die ersten Schäkereien zwischen den jüngeren Mitgliedern der Familie. Und endlich der Schmaus, dessen Hauptclou ein vom Brautvater16 im nahen Elsaß eigenhändig geschossenes Reh war, Gespräche mit der Dame rechts, solche mit der Dame links. Endlich der Bhaltis17, und man konnte aufstehen. Aber eben da ereignete es sich nun, daß dein Onkel wohlwollenderweise mit mir ein Gespräch anknüpfte — über den Lohnabbau bei den heutigen Arbeitern18 und der gleiche freundliche Mann, der eben noch bei Tische eine wirklich gutgelaunte und doch auch wieder unter Hinweis auf die verstorbene Großmamme19 ernstgestimmte Onkelrede gehalten hatte, richtig in Leidenschaft geriet und einigermaßen tolle Behauptungen über den Lebensstandard des Arbeiters aufstellte und mich glaubte davor warnen zu müssen, daß die Kirche sich in diese Sachen nicht einmische. Ich konnte ihm wirklich nur widersprechen. Ein weiterer Herr mit Zigarre und schwarzer Kaffeetasse trat hinzu und wollte mir helfen. Er fragte den Onkel nach den Kapitalgewinnen, die doch auch nicht zu bestreiten seien und die den Arbeiter etwa der Chemischen eben auch interessieren könnten. Worauf der lapidare Bescheid erfolgte: «das got die gar nit aa!»20, dies betont und auf gut baseldeutsch. Im übrigen erkundigte er sich doch auch nach dir und bedauerte nur, daß er dich nicht mehr sehe. Aber du siehst, in Basel steht alles noch auf den alten Beinen.

An besonderen Ereignissen ist zu verzeichnen der Besuch von Günther Dehn. Er war ausgiebig bei mir, obwohl ihn als Logiergast eine frühere Konfirmandin seines Schwiegervaters21 erbeten hatte und auch |241 erhielt. Sogar in Basel mußte zu diesem Anlaß polizeilicher Schutz aufgeboten werden. Warum? Weil gerade Missionsfest war22 und dazu hundert deutsche Jünglinge erschienen waren, die am Abend vorher, als der Vortrag23 am Schluß einer studentischen Missionsversammlung angezeigt wurde, sofort elementar zu scharren begannen. Daraufhin befürchtet man Kundgebungen. Und unser alter Schulfreund Ludwig vulgo Tschämpis, der eben Polizeigewaltiger von Basel ist24, ließ den Polizeiinspektor mit drei Mann in Bereitschaft vor dem Bernoullianum25 Standort nehmen. Ich sah ihn tags darauf in der Badanstalt, und er sagte mir: sein Polizeiinspektor habe eben noch am Montag morgen beim Rapport gesagt: jetzt hätten sie am Sonntag eine Gottlosenkolonne26, |242 die vom nahen Lörrach (!) her in Basel einzumarschieren versucht hatte, an der Grenze zurückgewiesen. Damit sei wieder für einmal Ruhe, denn die Missionsgäste müßte man sicher nicht hüten. Und doch gerade die mußten nun gehütet werden. Es erfolgte natürlich gar nichts, als daß der [Saal] krachvoll war. Der Vortrag selber war sehr gut, nur wirklich gar nicht originell, es waren lauter eher bekannte Dinge, die Dehn über Sozialismus und Christentum vortrug. Auch die Diskussion war mäßig. Mit ihm selbst aber hatte ich gute Gespräche. Er sah für sich wenig Gutes voraus, redete von einer vielleicht notwendig werdenden Emigration. Und wer weiß, was jetzt dann wirklich geschehen wird! Gleichzeitig war Frick aus Marburg in Basel, weil er den akademischen Missionsvortrag zu halten hatte.27 Das ist ein ausgezeichneter Mann. Ich habe mich mit ihm einfach gut verstanden. Auch sein Vortrag war wirklich einsichtig und bewegt, wie man es sich nur wünschen kann. Weiter: ich war kürzlich einen guten Tag in Zürich, um unseren Freund Emil wieder einmal zu begrüßen. Zuerst natürlich gab es ein selten gutes und stärkendes Zusammensein auf dem Bergli mit unseren eben heimgekehrten nordlandfahrenden Freunden28. Und dann fuhr mich Ruedi gegen Abend zu Emil, mit dem ich dann noch ausgiebig zusammen war. Der Gute hat ja eine ganz böse Krankheitszeit29 hinter sich, die |243 Krankheit aller Reformatoren hatte ihn heftig gezwackt. Für einmal aber sind diese Steine wieder beseitigt. Dafür plagt ihn nun die eben abgeschossene Großkanone der Ethik. Das heißt, er möchte zu gerne wissen, was man davon hält. Ja, Karl, was ist dazu zu sagen? Georg will sie mir für Zw.d.z. aufgeben.30 Aber ich frage mich noch, ob ich das annehmen soll. Ich weiß nämlich nichts Besonderes darüber. Es ist eine Art Kompendium mit viel Wissenswertem namentlich im zweiten Teil, aber die Verankerung des Ganzen, das heißt also den grundlegenden Teil, habe ich noch nicht richtig studiert.31 Ich muß sagen, rein als Buch hat mich Gogartens politische Ethik32 bei allem Widerspruch doch stärker interessiert und gefesselt. Nur daß auch dort eine richtige Begründung und ein Auf-den-Begriff-Bringen der ethischen Anliegen zu fehlen scheint. Stellenweise liest es sich fast wie eine Predigt. Was hältst du wohl davon? Emil mußte ich auch wieder einmal heftig widerstehen wegen seiner weiter und weiter gepflegten Lehre vom Anknüpfungspunkt. Ich habe ihm sogar deine ihm in dieser Sache gewidmete Anmerkung in der neuen Dogmatik 📖33 in extenso vorgelesen. Worauf er mit allerdings z. T. ziemlich ungeschützten und hanebüchenen Lutherzitaten antwortete, wo Luther eben für die praktische Belehrung der Heiden sich auf das Wissen der Heiden um das Gesetz beruft.34 Ich ant|244wortete ihm darauf meinerseits mit dem Hinweis auf die trotzdem bei allen Reformatoren unerschüttert bestehende Lehre vom unfreien Willen und von der Gnadenwahl. Aber da wird es also wohl weiterhin noch zu reden geben.

Mit aller Anteilnahme verfolge ich deine zahlreichen und lebhaften Fehden und Anfechtungen. Der unverschämte Wobbermin hat seine Bedienung erhalten35, aber deine Lage wird immer isolierter diesen Kollegen gegenüber. Ganz und gar einverstanden war ich auch mit deinem offenen Brief an die Adresse der integralen Reformierten mit ihrem verrückten Biblizismus. Was für ein schwaches Gerede von Kolfhaus!36 |245 Aber das genau Gleiche hornen37 die Jungreformierten eben jetzt wieder.38 Eine verdammte Gesellschaft. Allerdings zur Sache selber muß |246 ich sagen: eine unverschämtere Art, das an sich nicht von vornherein zu bestreitende Recht, Pfarrerin zu sein, für sich in Anspruch zu nehmen, als die umstrittene Grete Roffler39 es tut, gibt es nicht. Das ist ein hanebüchenes Frauenzimmer. Und — ich kenne diese Dinge einigermaßen aus den Akten — ein Geschrei von Martyrium der Frau und Dabei-sich-doch-einfach-Durch-setzen, daß es nicht mehr schön ist. Also für die konkrete Sache mußt du dich ja nicht von weitem einsetzen. Bereits beruft sich die im fernen Wallis amtende Vreneli Stadler auf dich in einem |247 Privatbrief, den ich von ihr gelesen habe. Du gebest ihnen ganz recht.40 Daß es so nicht gemeint sei, sehen die dann wieder nicht ein. Aber das ist ganz gleich. Dein Brief an Kolfhaus ist schlechthin am Platze gewesen.

Und nun schlägt bald die Stunde, wo Ihr die Grenze überschreiten und wiederum an unseren ruhigeren Gestaden eintreffen werdet.41 Was wird die deutsche Lage unterdessen für eine Wendung nehmen? Man sieht mit aller Spannung und Besorgnis hinüber. Ihr werdet erst recht beteiligt dabei sein. Man wird auch da die Pfeife nicht ausgehen lassen dürfen. Aber immerhin … Fritz Lieb wird jetzt wieder lebhafte Tage und Nächte haben. Man hört in Basel, daß er unter anderem Tanzstunden genommen habe in diesem Sommer. Ob er noch nicht genug hat von dieser Möglichkeit des Daseins? Wir freuen uns, bis auch er wieder eintrifft.

Und nun sei mit Nelly und Lollo und den Kindern herzlich gegrüßt. Vielleicht sehe ich dich schon bei der Einfahrt? Ich selber bin wieder einsam am Münsterplatz. Marguerite ist mit den Kindern bereits wieder am Vierwaldstättersee. Am Sonntag in 8 Tagen fahre ich nach. Aber Ende August werde ich für 4-5 Tage im Bergli eintreffen.

Dein
Eduard

Sachfußnoten

1
Deutscher Bahnhof, im Norden Basels gelegen. Dort passierten Barth und Ch. von Kirschbaum am 1.8.1932 auf der Reise in die Ferien auf dem Bergli die deutsch-schweizerische Grenze. Vgl. unten Anm. 41.↩
2
Vgl. oben S. 204, Anm. 31.↩
3
= erfreulichste.↩
4
= gelegentlich.↩
5
«Konversation im Anschluß an die Lektüre der Schrift Anselms: Cur deus homo? 📖»↩
6
Köberle hielt im SS 1932 ein Systematisches Seminar über das Thema «Katholizismus und Protestantismus im theologischen Austausch der Gegenwart» und las über «Die religiöse Lage der Gegenwart».↩
7
Vgl. Ethik II, S. 437–444. 📖 ↩
8
Der Hauptteil von Barths Buch konzentriert sich auf den Beweis der Existenz Gottes, der den ersten, kürzeren Teil von Anselms Schrift «Proslogion» 📖 bildet (Kapitel 2-4, gegenüber Kapitel 5-26 über das Wesen Gottes); zur Begründung dieser Entscheidung vgl. K. Barth, Fides quaerens intellectum …, a.a.O. (S. 14, Anm. 23), S. 1–4. 9f. 📖 Die genannten Schriften sind abgedruckt in:S. Anselmi Cantuariensis Archiepiscopi opera omnia, Vol.I, gesammelt von Fr. S. Schmitt, Seccovii 1937, S. 1–87 (Monologion) 📖 ↩
9
Friedrich Adolf («Fritz») Sartorius (1862–1935), Bank-Kassier, Bruder von Barths Mutter, wohnhaft in Arlesheim (Kanton Basel-Landschaft).↩
10
Gertrud Preiswerk (1898–1992) wurde am 12.7.1932 in ihrem Elternhaus an der Missionsstraße 35 mit Carl Anton Arnold getraut. (Die Angaben zu den genannten Mitgliedern der Familie Preiswerk verdanke ich Pfr. S. Preiswerk, Brief vom 5.4.1994).↩
11
= Jungfer. Gertrud Preiswerk (1883–1970), jüngste Schwester des Brautvaters E. Preiswerk (s. Anm. 16), wohnte an der Augustinergasse.↩
12
= setzte sich.↩
13
Bertha Sartorius (1874–1952), geb. Preiswerk, Gattin von Fr. A. Sartorius.↩
14
= Dienstboten.↩
15
= Zylinder.↩
16
Eduard Preiswerk (1871–1951) besaß im Elsaß ein Gut mit Jagdhaus.↩
17
= Geschenk der Gastgeber, das die Gäste behalten können.↩
18
Wegen der Wirtschaftskrise waren gegen den Widerstand der Arbeiter weitgehende Lohnreduktionen durchgeführt worden; vgl. etwa: -a-, Der Präsident der Basler Handelskammer und der Lohnabbau, in: AZ, Jg. 12 (1932), Nr. 166 vom 19.7.1932. 📖 ↩
19
= Großmutter. Emma Preiswerk, geb. Schäfer (1844–1931).↩
20
= Das geht die gar nichts an!↩
21
Friedrich Lahusen (1851–1927), nach Pfarrämtern in verschiedenen Orten seit 1912 Generalsuperintendent von Berlin, seit 1918 Geistlicher Vizepräsident des Berliner Oberkirchenrates.↩
22
27.6.-1.7.1932.↩
23
Vgl. -an., Sozialismus und religiöses Problem. Vortrag von Professor Günther Dehn (Halle) im Bernoullianum Donnerstag, den 30. Juni, in: BN, Jg. 88 (1932), Nr. 178 vom 1.7.1932, 1. Beilage. 📖 Der Vortrag wurde veröffentlicht unter dem Titel Sozialismus und Religion (Vortrag, gehalten vor der Studentenschaft in Basel, Bern, Zürich am 29. Juni /1. Juli 1932,), in: ThBl, Jg. 11 (1932), Sp. 257–269 📖; vgl. R. Liechtenhans Bericht Zur Frage des religiösen Sozialismus, in: KBRS, Jg. 88 (1932), S. 258–261. 📖 ↩
24
Dr. iur. Carl Ludwig (1889–1967), 1930–1946 Regierungsrat (Mitglied der Kantonsregierung) in Basel, als solcher bis 1935 Vorsteher des Polizeidepartements, seit 1931 Ehrendozent in Basel. «Tschämpis» (= Champagner) war Ludwigs Cerevis, d. h. sein Zofinger-Spitzname.↩
25
Das 1874 erbaute Bernoullianum diente der Universität Basel als Anstalt für Physik, Chemie und Astronomie. Im dortigen Hörsaal fand Dehns Vortrag statt.↩
26
Der kommunistische Bund der Gottlosen, 1925 im Anschluß an die Moskauer Zeitung «Der Gottlose» gegründet, eröffnete 1931 eine Vertretung in Berlin, von der aus in einem Fünfjahresplan die Mitgliederzahl von dreieinhalb auf dreizehn Millionen erhöht werden sollte. Nach einer Broschüre der Forschungsabteilung des Ökumenischen Rates für Praktisches Christentum (Die Kirchen und die Gottlosenbewegung, Genf 1934, S. 17 📖) fanden in Basel seit 1931 jährlich Ländertreffen der deutschen, französischen und schweizerischen Funktionäre statt, «und zwar als wuchtige Manifestationen aller proletarischer Freidenker gegen die Kulturreaktion, den imperialistischen Krieg, Faschismus, Lohnabbau, Arbeitslosigkeit und für die Sowjetunion und die ökonomische und geistige Befreiung des Proletariats.» — Wahrscheinlich handelte es sich bei den Zurückgewiesenen um Kommunisten, die an dem trotz polizeilichen Verbots durchgeführten internationalen Grenzländertreffen am Samstag, dem 25. (in Birsfelden bei Basel) und am 26.6.1932 (in Amerbach) teilnehmen wollten. Der Basler Vorwärts berichtete über die polizeilichen Maßnahmen zur Durchsetzung des Verbots, mit dem «die Bundesanwaltschaft im Auftrage des Bankkapitals und der Kirchen den Zweck» verfolgt habe, «die proletarische Freidenkerbewegung zu verunmöglichen». «Dies streng durchgeführte Grenzverbot hat nicht zu verhindern vermocht, daß Delegierte aus Deutschland und Frankreich die Grenze überschritten und zum Grenztreffen erschienen. Zur ‹Ehre› der hiesigen Polizei sei erwähnt, daß sogar ein Vertreter der Exekutive der Internationale der proletarischen Freidenker (I.P.F.) die Grenzlinie passierte und an den beiden Veranstaltungen sprach»; vgl. S., Trotz Verbot erfolgreiche Durchführung des Intern. Grenzländertreffens der proletarischen Freidenker in Basel, in: BV, Jg. 35 (1932), Nr. 148 vom 27.6.1932, 2.Blatt. 📖 ↩
27
Eine Zusammenfassung des Vortrags über «Das Evangelium und die Religionen», den H. Frick am 29.6.1932 auf Einladung der Christlichen Studentenvereinigung Basel und des Basler Akademischen Missionsvereins hielt, erschien unter der Überschrift Das Evangelium und die Religionen in: BN, Jg. 88 (1932), Nr. 178 vom 1.7.1932, 1. Beilage 📖. Frick veröffentlichte seinen außerdem in Bonn, Gießen, Marburg und Tübingen gehaltenen Vortrag mit zwei Bildern und einem Anhang unter demselben Titel (Basel 1933).↩
28
Ein vervielfältigter und gebundener Bericht R. und G. Pestalozzis über ihre Reise nach Dänemark, Schweden und Norwegen unter dem Titel «Fahrt nach Norwegen Mai/Juni 1932» (61 S., Format DIN A 4) befindet sich imKarl Barth-Archiv (2 Exemplare).↩
29
Brunner litt an Nierensteinkoliken; s. oben S. 212.↩
30
Es erschien keine Rezension von Brunners Ethik «Das Gebot und die Ordnungen 📖» (s. oben S. 213, Anm. 6.) in ZZ. Merz hatte Thurneysen brieflich gebeten, diese Besprechung zu übernehmen; Brunner selbst habe ihn in erster Linie als Rezensenten gewünscht (Brief vom 13.6.1932). Thurneysens Zusage muß vor dem 13.9.1932 erfolgt sein, an dem ihm Merz schrieb: «Daß Du die Ethik von Emil übernehmen willst, tröstet mich. … Du kannst Dir ja ruhig Zeit lassen. Wenn er dann fertig ist, schaffe ich sofort Raum für Dich.» Als Thurneysen die ungeliebte Aufgabe trotz zahlreicher Ermahnungen immer weiter vor sich herschob, schrieb Merz ihm schließlich am 10.2.1933: «Laß nun einfach die Ethik von Brunner liegen bis Dich der Geist treibt. Knittermeyer wird ja in der nächsten Nummer einigermaßen darauf eingehen, so daß sich Emil nicht beschweren kann, daß wir ihn ignorieren» (vgl. H. Knittermeyer, Theologisch-politischer Diskurs, in: ZZ, Jg. 11 [1933], S. 125–155 📖; einzige Bezugnahme auf Brunners Ethik dort S. 132, Anm. 9); alle Briefe im Nachlaß Thurneysen 📖.↩
31
Brunners Ethik 📖 besteht aus drei «Büchern»: 1. Die Frage (S. 1–94), 2. Das Gebot (S. 95–272), 3. Die Ordnungen (S. 273–551).↩
32
Siehe oben S. 237, Anm. 7.↩
33
KD I/1, S. 26–28. 📖 ↩
34
In seinem Aufsatz Die Frage nach dem «Anknüpfungspunkt» als Problem der Theologie, in: ZZ, Jg. 10 (1932), S. 505–532 📖 (O.W.I, S. 239–267 📖), nennt Brunner die Stellen: WA 40, 607 📖; WA 46, 667, 8ff. 📖 und 668; WA 19, 206 📖; WA 10, I/1, 239 📖 (vgl. a.a.O., S. 515f. bzw. 250). — Wahrscheinlich schildert Thurneysen im folgenden Briefabschnitt dieselbe Begegnung mit Brunner: «Er hat eben wieder einen ganz großen Aufsatz für Zw. d. Z. geschrieben, unglücklicherweise über das fatale Problem der ‹Anknüpfung›. Er hat ihn mir zu lesen gegeben. Und ich hatte nun die Aufgabe, ihm in stundenlangem Gespräch klar zu machen, daß wir dagegen wirklich ein sehr ernstes theologisches Bedenken anzumelden hätte[n] und worin das bestehe. Ich versuchte, ihm zu zeigen, was gerade Karl ihm gegenüber verteidige, und daß diesem ganz tief sachlichen Widerspruch gegenüber die paar persönlichen Spritzer, die Emil so an ihm beklagt, nicht mehr in Betracht kämen. Ich hoffe, es sei mir gelungen, ihn ein wenig ins Bild zu setzen. Geeinigt haben wir uns durchaus nicht. Es steht wirklich etwas von Thomismus für mein Gehör in seinen Sätzen. Und ich hoffe, wenn er darauf beharrt, den Aufsatz einzuschicken, so sichert er ihn doch einigermaßen ab. Sonst gibt’s wieder ein Unglück» (Brief an G. Merz vom 19.7.1932, Nachlaß Thurneysen 📖). Daß die Frage nach dem Anknüpfungspunkt Brunner mindestens schon zwei Jahre beschäftigte, zeigt sein Brief vom 16.6.1930 an Thurneysen: «Aber auch sachlich kann ich B[arth] nicht weichen, je mehr ich über das Problem des Anknüpfungspunktes, das vor allem das homiletische Zentralproblem ist, nachdenke. Diese Frage als ‹Psychologie› beiseite zu schieben, geht nun wirklich nicht. Denn eben diese Möglichkeit psychologischer Anknüpfung will theologisch begründet sein. Ich denke, ich will deinen Rat befolgen und das Problem des Anknüpfungspunktes nächstens in Z d Z im Zusammenhang behandeln. Es ist wahrlich wichtig genug, denn es ist auch das Problem: wie kann man mit Vernunft (Theologie) der Sache des Gotteswortes dienen; wie kann man durch Beweisen (Dogmatik) dem Glauben dienen, wie kann die natürlich[e] menschliche Sprache Gefäß für das Gotteswort sein, wie kann der Mensch und nur er vom Gotteswort angesprochen werden? Sodann die ganze Auseinandersetzung mit dem Zeitdenken — die doch nicht ein Parergon ist, wie KB tut — mit der Religionsgeschichte (Hartensteins Missionsinteresse) usw.» (Nachlaß Thurneysen). Vgl. auch unten S. 262, Anm. 15.↩
35
Siehe oben S. 236, Anm. 2.↩
36
Unter dem Titel «Der Schrift gehorsam»: K. Barth, Offener Brief an den Herausgeber der Reform. Kirchenzeitung, Herrn Pastor D. Wilhelm Kolfhaus in Vlotho (25.6.1932), in: RKZ, Jg. 82 (1932), S. 220f. 📖, und: W. Kolfhaus, An Herrn Professor D. Karl Barth in Bonn (29.6.1932), a.a.O., S. 221f. 📖; unter dem Titel «Noch einmal: Der Schrift gehorsam»: K. Barth, An Herrn Pastor D. Wilhelm Kolfhaus in Vlotho (12.7.1932), a.a.O., S. 236f. 📖, und W. Kolfhaus, Herrn Prof. D. Karl Barth in Bonn (15.7.1932), a.a.O., S. 237f. 📖 In den Briefwechsel mit Kolfhaus trat Barth auf Drängen von Ch. von Kirschbaum ein («Denk, schon wieder ein offener Brief ist ausgelaufen! An D. Kolfhaus über — die Theologin. Ich habe K. inständig darum gebeten, weil dieser Mann wirklich zu unerhörte Dinge in seiner Reformierten Kirchenzeitung sagte. Und da K. selbst schwere theologische Bedenken gegen das Gesagte hatte, ließ er sich erweichen, zumal Elisabeth v. Aschoff (ein sehr feines Mädchen) meine Bitten unterstützte» [Brief von Ch. von Kirschbaum an E. Küppers vom 28.6.1932]). Barth reagierte damit auf zwei Artikel Kolfhaus’: Unter dem Titel «Schweiz» hatte dieser über die wegen ihrer Arbeit von ihrem Mann getrennt lebende Pfarrerin Gr. Caprez in Furna (Kanton Graubünden; s. unten Anm. 39) berichtet, die sich gegen die gültige Kirchenordnung und trotz einer Volksabstimmung gegen das weibliche Pfarramt weigerte, «ihre ungesetzliche Tätigkeit aufzugeben». «Welche Verwirrung tritt ein, sobald wir die deutliche Linie des Wortes Gottes verlassen! Zuerst trennt sich die ‹Pfarrerin› von ihrem Mann gegen Gottes Gebot, daß Mann und Frau zueinander gehören, bis der Tod sie scheidet. Dann werden die Ordnungen der Kirche mißachtet, unter die Gott uns gestellt hat» (in: RKZ, Jg. 82 [1932], S. 183f. 📖). Den für Caprez eintretenden Artikel von G. Herrmann, Ungehorsam gegen Gottes Gebot?, a.a.O., S. 197f. 📖, hatte Kolfhaus mit einem Nachwort versehen (Nachwort des Herausgebers, a.a.O., S. 198 📖; darin: «Aber der nicht theologisch verbildete Bibelleser kann aus jenen Anordnungen [1.Kor. 14,34; 1.Tim. 2,12ff.] nichts anderes herauslesen, als daß innerhalb der christlichen Gemeinde die predigende Frau eine verbotene Erscheinung ist.»). Vgl. Anm. 38.↩
37
= laut, protestierend rufen.↩
38
In der Schweizer Reformierten Zeitung (vgl. oben S. 40, Anm. 8) waren zwei Artikel über die Zürcher Kirchensynode vom 6.7.1932 erschienen, die nach einer lebhaften Aussprache die Einführung des aktiven und passiven Frauenstimmrechts beschloß (mit 151 gegen 25 Stimmen bei 25 Enthaltungen). Laut Bericht über die Kirchensynode (A.I. oder A.J., Die konstituierende Versammlung der Kirchensynode des Kantons Zürich, in: Schweizer Reformierte Zeitung, Jg. 11 [1932], Nr. 28 vom 8.7.1932 📖) begründeten die Antragsgegner ihre Ablehnung vor allem damit, daß die «Übertragung eines Amtes an die Frau, das Leitung, Führung und Verantwortung» bedeute und «seinem Wesen nach» dem Manne zukomme, «der göttlichen Schöpfungsordnung» widerspreche (Votum von Pfr. H. von der Crone, ähnlich u. a. auch Direktor Grob). Außerdem wurden das Fehlen eines entsprechenden Wunsches seitens der meisten Frauen und «verfassungsrechtliche Bedenken» gegen den Antrag geltend gemacht. Im Anschluß an die Nennung des Abstimmungsergebnisses heißt es: «Wer als Laie und ohne vorgefaßte Ansicht der Synode beiwohnte, war überrascht von der Dürftigkeit der Argumente der Befürworter. Erst durch die Voten der Gegner wurde das Grundsätzliche in die Diskussion gebracht, sonst wäre man wohl ohne weiteres darüber hinweg gegangen.» Der Verfasser des am 22.7. (s. Datum des vorliegenden Briefes) erschienenen anonymen Artikels Nachworte zur Zürcher Kirchensynode (a.a.O., Nr. 30) 📖 legte die Gründe für seine Ablehnung des Frauenstimmrechts ausführlich dar. Er stellte u. a. fest, «daß die Forderung des kirchlichen Frauenstimmrechtes … einen absolut außerkirchlichen Ursprung hat. Sie ist namentlich eine Forderung derjenigen politischen Parteien, die aus der Aufklärung hervorgegangen sind. … Für den biblischen Begriff der organischen Ordnung und Gerechtigkeit, die jedem Gliede das Seine, aber nicht das Gleiche zuerkennt, waren ihre [scil, der Befürworter] Ohren sozusagen verschlossen.» Ein Blick auf andere Kirchen zeige jedoch die Tendenz, «daß die Periode der Ueberdemokratisierung, wozu auch die Stimmrechtsbewegung gehört, vorbei ist.» Der Artikel endet mit einem erneuten, betonten Verweis auf die Schöpfungsordnung: «Die Mitarbeit der Frau kann nur in dem ihr schöpfungsgemäß bestimmten organischen Rahmen fruchtbar werden. Es gibt keine Aenderung der Stellung der Frau innerhalb der Schöpfungsordnung. … Es ist nicht möglich, daß der Frau zu ihrer großen Verantwortung noch weitere Verantwortungen aufgeladen werden können. Die Frau leistet genug, wenn sie als Werkzeug Gottes in ihrem besonderen Kreise wirkt. Unser Aller Trachten muß daher sein, die Frau in die große Verantwortlichkeit ihres Berufes einzuführen und ihre schöpfungsgemäße Stellung gegen alle Angriffe der menschlichen Vernunft zu schützen.»↩
39
Greti Caprez, geb. Roffler (1906–1994), war entgegen dem geltenden Kirchenrecht, das einer verheirateten Frau pfarramtliche Tätigkeit versagte, im September 1931 zur Pfarrerin von Furna gewählt worden, wo sie dreieinhalb Jahre wirkte. Ihr Ehemann Gian arbeitete in den ersten Monaten ihrer Amtszeit als Ingenieur in Pontresina (Kanton Graubünden), dann in Zürich, und verbrachte die Wochenenden in Furna. Gr. Caprez’ Wahl löste eine heftige Kontroverse innerhalb der Bündner Kirche und in der Öffentlichkeit über das Frauenpfarramt überhaupt und über die Vereinbarkeit der Rolle als Ehefrau und Mutter mit dem Amt aus. Im Zuge der Auseinandersetzungen, in denen keine der betroffenen Parteien zum Nachgeben bereit war, wurde unter Androhung weiterer Schritte am 17.5.1932 das Gemeindevermögen gesperrt. Nachdem auch Gian Caprez 1938 ordiniert worden war, unterstützte seine Frau ihn in seiner ersten Stelle und bekleidete später neben ihm verschiedene Pfarrämter in Graubünden. Vgl. Gr. Caprez-Roffler, Die Pfarrerin. Lebenserinnerungen der ersten Bündner Theologin, Chur 1981, bes. S. 21–47. 📖 ↩
40
Verena Pfenninger, geb. Stadler (geb. 1904), die ein Semester bei Barth in Münster studiert hatte, unterstützte — auch im Predigtdienst — ihren Mann Walter (1904–1962), der 1930–1939 von Brig aus die weitverzweigte Diaspora im Oberwallis betreute. Sie schrieb am 31.7.1932 an Barth, sie habe erfahren, «Sie hätten aus ‹zuverlässiger› Quelle unter anderem gehört, daß ich Ihren offenen Brief an Kolfhaus bereits zur Rechtfertigung von Frau Caprez zu benutzen scheine. Nun habe ich Ihren offenen Brief nur in einem Privatbrief an Elisabeth Zellweger in Basel erwähnt, die das also an Prof. Thurneysen weiter gegeben zu haben scheint.» Am 10.8.1932 ergänzte sie, inzwischen habe sich E. Zellweger (1884–1957) wegen der ungenauen Wiedergabe ihres Briefes bei ihr entschuldigt «und, wie sie mir schreibt, auch Herrn Prof. Thurneysen deswegen geschrieben … Es scheint eben, daß sie einige Mühe hat, unsere theologische Position zu verstehen, und daß ihr darum dieses Mißverständnis passiert ist.» Barth hatte keine Einwände gegen die ihn betreffende Briefpassage, die V. Pfenninger ihm abgeschrieben hatte (Brief vom 31.7.1932), sprach aber seine Bedenken hinsichtlich des Nutzens einer öffentlichen Auseinandersetzung über das Thema des Frauenpfarramtes aus (Brief an V. Pfenninger vom 15.8.1932). ↩
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Wahrscheinlich holte R. Pestalozzi Barth und Ch. von Kirschbaum am 1. August 1932 am Badischen Bahnhof ab (Brief R. Pestalozzis an Barth vom 28.7.1932).↩