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22. Juli 1932
Das Semester soll doch nicht ganz zu Ende gehen, du und Lollo sollen doch nicht eher am badischen Bahnhof1 auftauchen, bevor nicht noch ein Auftun meines Mundes [vgl. Eph. 6,19] erfolgt wäre. Wir haben ja beide und sicher aus gleichen Gründen das Wort sparen müssen in den letzten Monaten, ohne daß das Gedenken jemals ausgesetzt hätte. Hab vielen Dank für die immer wieder erfolgenden Kundgebungen, du kannst sicher sein, daß deren keine bei mir unter den Tisch fällt. Sie werden alle gewogen und aufgehoben und genossen. Nur die zwei letzten Dogmatiksendungen habe ich mir für die nun bald anbrechenden Ferien aufsparen müssen. Aber auch abgesehen von den aktuellen Mitteilungen aus deinen Bereichen lebe ich ja weiter und weiter mit von deiner Arbeit, sei’s daß die Ethik konsultiert wird, sei’s die neue Dogmatik
📖, sei’s der Anselm
📖. Dein Arsenal steht sozusagen täglich mit geöffneten Toren vor mir, und bald wird diese, bald jene Kanone herausgezogen und im eigenen Gefecht in Stellung und Verwendung gebracht.
Im Gefecht war ich reichlich diesen Sommer. Was ist doch wieder alles auch hierseits gegangen. Da war vor allem meine Homiletikvorlesung2, die mich sehr in Anspruch nahm. Ich habe mir also meinen eige|238nen und wie mir scheint einigermaßen neuen Weg zu bahnen versucht und bin schließlich auch durchgekommen. Ich werde sie dann aufs Bergli mitbringen und euch ein wenig zeigen können. Dazu war das Seminar zu halten. Und ich muß sagen: wiederum dank dir war es für mich das gefreuteste3 von den bisher gehaltenen Seminarien — denn es waren doch ein paar Leute da, die von dir her kamen und mit denen darum gut zu arbeiten war. Also vor allem dein dir treu ergebener Schüler Frey und Otten. Dazu zwei Leute, die von Helmi her kamen und von Georg, und endlich ein paar ernsthafte ältere Herren, zwei Elsässer, die bereits Pfarrer sind. Frey und Otten haben mir wirklich Freude gemacht. Ich habe sie auch sonst etwa4 gesehen. Die werden beide ganz sicher ihren Mann stellen. Sie haben in Basel freilich eher geseufzt unter den miesen theologischen Verhältnissen. Eberhard Vischer las ausgerechnet Anselm5 und wollte sich von Frey keineswegs belehren lassen. Und Köberle las über Katholizismus6, und offenbar wußten die geöffneten Ohren deiner Schüler auch da manchen falschen Ton zu hören. Daneben ging also die Arbeitsgemeinschaft mit Heiner weiter. Es wurde u. a. an drei Abenden im Zusammenhang mit Goethe über die künstlerischen Phänomene geredet. Auch dabei kam es zu Dissonanzen, indem Heiner mir deinen schönen Begriff des Spiels und der reinen Zwecklosigkeit7 nicht abkaufen, sondern ihn durch den wie mir schien viel weniger umfassenden der Wirklichkeitsdeutung ersetzen wollte. Aber Krach gab es darum keinen, sondern man tanzte in aller Vorsicht ein Menuett. Gestern habe ich bei Heiner zu Mittag gegessen, und dabei setzte er mir auseinander, daß auch er dir deine Anselmdeutung, die sich zu viel aufs Proslogium und zu wenig aufs Monologium stütze8, |239 nicht recht abnehmen kann. Da ich selber die Quellen nicht näher kenne, konnte ich nicht viel darüber sagen. Und Heiner hat ja wie auch von mir so von dir noch seinen eigenen brüderlichen Aspekt, den er nicht ganz ausschaltet, wenn er deine Werke liest. Und im übrigen, nun da schlage ich mich eben weiter und weiter mit der Menschheit herum, die mir ja als homo Basiliensis in einer besonders charakteristischen Vertretung gegenübersteht. Zum Beispiel kam es eben erst letzthin zu einem kleinen merkwürdigen Gefecht mit — deinem Onkel Sartorius aus Arlesheim9. Ich hatte eine der beliebten Basler Haustrauungen, und zwar war es eine Trudi Preiswerk10 von der Missionsstraße, eine Nichte jener so ehrenhaften Jumpfer Preiswerk11, bei der Lollo in Basel aufgehoben gewesen war. Die Trauung fand daheim statt, an der Missionsstraße, weil diese Tochter einen katholischen Innerschweizer zum Manne haben wollte, und da war es der Verwandtschaft des Mannes gegenüber eine Art Konzession der Familie, daß man wenigstens nicht noch ausdrücklich in eine evangelische Kirche ging. Ich konnte das nicht ändern. Also trat die bekannte Situation ein: ein Auto fuhr vor, man nahm den Zylinder auf den Schoß, um nicht anzurennen damit, man saß ab12 und begrüßte — eben deinen Onkel und die Tante13 und die Frl. Preiswerk aus der Augustinergasse, man fuhr los, ein Gewitter stand am Himmel und gab zu allerhand Gesprächen Anlaß. Man landete endlich, Diensten14 in weißen Schürzen nahmen die fatalen Röhren15 zu Handen. Küsse zwischen den näheren Verwandten, Händedrücke mit dem Herrn Pfarrer wurden ausgetauscht. Ein Salon war als quasi Kapelle hergerichtet, ein Tischlein mit der Bibel, Blumen und Sträu|240cher, wo man nicht recht wußte, sollte man davor oder dahinter stehen, ein Stühlegerutsch, Herren in Smoking, geschmückte Damen darauf, und nun also das Wort, das da mitten hinein fallen sollte. Nachher Herumstehen im Garten, der Rauch der ersten Zigaretten und die ersten Schäkereien zwischen den jüngeren Mitgliedern der Familie. Und endlich der Schmaus, dessen Hauptclou ein vom Brautvater16 im nahen Elsaß eigenhändig geschossenes Reh war, Gespräche mit der Dame rechts, solche mit der Dame links. Endlich der Bhaltis17, und man konnte aufstehen. Aber eben da ereignete es sich nun, daß dein Onkel wohlwollenderweise mit mir ein Gespräch anknüpfte — über den Lohnabbau bei den heutigen Arbeitern18 und der gleiche freundliche Mann, der eben noch bei Tische eine wirklich gutgelaunte und doch auch wieder unter Hinweis auf die verstorbene Großmamme19 ernstgestimmte Onkelrede gehalten hatte, richtig in Leidenschaft geriet und einigermaßen tolle Behauptungen über den Lebensstandard des Arbeiters aufstellte und mich glaubte davor warnen zu müssen, daß die Kirche sich in diese Sachen nicht einmische. Ich konnte ihm wirklich nur widersprechen. Ein weiterer Herr mit Zigarre und schwarzer Kaffeetasse trat hinzu und wollte mir helfen. Er fragte den Onkel nach den Kapitalgewinnen, die doch auch nicht zu bestreiten seien und die den Arbeiter etwa der Chemischen eben auch interessieren könnten. Worauf der lapidare Bescheid erfolgte: «das got die gar nit aa!»20, dies betont und auf gut baseldeutsch. Im übrigen erkundigte er sich doch auch nach dir und bedauerte nur, daß er dich nicht mehr sehe. Aber du siehst, in Basel steht alles noch auf den alten Beinen.
An besonderen Ereignissen ist zu verzeichnen der Besuch von Günther Dehn. Er war ausgiebig bei mir, obwohl ihn als Logiergast eine frühere Konfirmandin seines Schwiegervaters21 erbeten hatte und auch |241 erhielt. Sogar in Basel mußte zu diesem Anlaß polizeilicher Schutz aufgeboten werden. Warum? Weil gerade Missionsfest war22 und dazu hundert deutsche Jünglinge erschienen waren, die am Abend vorher, als der Vortrag23 am Schluß einer studentischen Missionsversammlung angezeigt wurde, sofort elementar zu scharren begannen. Daraufhin befürchtet man Kundgebungen. Und unser alter Schulfreund Ludwig vulgo Tschämpis, der eben Polizeigewaltiger von Basel ist24, ließ den Polizeiinspektor mit drei Mann in Bereitschaft vor dem Bernoullianum25 Standort nehmen. Ich sah ihn tags darauf in der Badanstalt, und er sagte mir: sein Polizeiinspektor habe eben noch am Montag morgen beim Rapport gesagt: jetzt hätten sie am Sonntag eine Gottlosenkolonne26, |242 die vom nahen Lörrach (!) her in Basel einzumarschieren versucht hatte, an der Grenze zurückgewiesen. Damit sei wieder für einmal Ruhe, denn die Missionsgäste müßte man sicher nicht hüten. Und doch gerade die mußten nun gehütet werden. Es erfolgte natürlich gar nichts, als daß der [Saal] krachvoll war. Der Vortrag selber war sehr gut, nur wirklich gar nicht originell, es waren lauter eher bekannte Dinge, die Dehn über Sozialismus und Christentum vortrug. Auch die Diskussion war mäßig. Mit ihm selbst aber hatte ich gute Gespräche. Er sah für sich wenig Gutes voraus, redete von einer vielleicht notwendig werdenden Emigration. Und wer weiß, was jetzt dann wirklich geschehen wird! Gleichzeitig war Frick aus Marburg in Basel, weil er den akademischen Missionsvortrag zu halten hatte.27 Das ist ein ausgezeichneter Mann. Ich habe mich mit ihm einfach gut verstanden. Auch sein Vortrag war wirklich einsichtig und bewegt, wie man es sich nur wünschen kann. Weiter: ich war kürzlich einen guten Tag in Zürich, um unseren Freund Emil wieder einmal zu begrüßen. Zuerst natürlich gab es ein selten gutes und stärkendes Zusammensein auf dem Bergli mit unseren eben heimgekehrten nordlandfahrenden Freunden28. Und dann fuhr mich Ruedi gegen Abend zu Emil, mit dem ich dann noch ausgiebig zusammen war. Der Gute hat ja eine ganz böse Krankheitszeit29 hinter sich, die |243 Krankheit aller Reformatoren hatte ihn heftig gezwackt. Für einmal aber sind diese Steine wieder beseitigt. Dafür plagt ihn nun die eben abgeschossene Großkanone der Ethik. Das heißt, er möchte zu gerne wissen, was man davon hält. Ja, Karl, was ist dazu zu sagen? Georg will sie mir für Zw.d.z. aufgeben.30 Aber ich frage mich noch, ob ich das annehmen soll. Ich weiß nämlich nichts Besonderes darüber. Es ist eine Art Kompendium mit viel Wissenswertem namentlich im zweiten Teil, aber die Verankerung des Ganzen, das heißt also den grundlegenden Teil, habe ich noch nicht richtig studiert.31 Ich muß sagen, rein als Buch hat mich Gogartens politische Ethik32 bei allem Widerspruch doch stärker interessiert und gefesselt. Nur daß auch dort eine richtige Begründung und ein Auf-den-Begriff-Bringen der ethischen Anliegen zu fehlen scheint. Stellenweise liest es sich fast wie eine Predigt. Was hältst du wohl davon? Emil mußte ich auch wieder einmal heftig widerstehen wegen seiner weiter und weiter gepflegten Lehre vom Anknüpfungspunkt. Ich habe ihm sogar deine ihm in dieser Sache gewidmete Anmerkung in der neuen Dogmatik
📖33 in extenso vorgelesen. Worauf er mit allerdings z. T. ziemlich ungeschützten und hanebüchenen Lutherzitaten antwortete, wo Luther eben für die praktische Belehrung der Heiden sich auf das Wissen der Heiden um das Gesetz beruft.34 Ich ant|244wortete ihm darauf meinerseits mit dem Hinweis auf die trotzdem bei allen Reformatoren unerschüttert bestehende Lehre vom unfreien Willen und von der Gnadenwahl. Aber da wird es also wohl weiterhin noch zu reden geben.
Mit aller Anteilnahme verfolge ich deine zahlreichen und lebhaften Fehden und Anfechtungen. Der unverschämte Wobbermin hat seine Bedienung erhalten35, aber deine Lage wird immer isolierter diesen Kollegen gegenüber. Ganz und gar einverstanden war ich auch mit deinem offenen Brief an die Adresse der integralen Reformierten mit ihrem verrückten Biblizismus. Was für ein schwaches Gerede von Kolfhaus!36
|245 Aber das genau Gleiche hornen37 die Jungreformierten eben jetzt wieder.38 Eine verdammte Gesellschaft. Allerdings zur Sache selber muß |246 ich sagen: eine unverschämtere Art, das an sich nicht von vornherein zu bestreitende Recht, Pfarrerin zu sein, für sich in Anspruch zu nehmen, als die umstrittene Grete Roffler39 es tut, gibt es nicht. Das ist ein hanebüchenes Frauenzimmer. Und — ich kenne diese Dinge einigermaßen aus den Akten — ein Geschrei von Martyrium der Frau und Dabei-sich-doch-einfach-Durch-setzen, daß es nicht mehr schön ist. Also für die konkrete Sache mußt du dich ja nicht von weitem einsetzen. Bereits beruft sich die im fernen Wallis amtende Vreneli Stadler auf dich in einem |247 Privatbrief, den ich von ihr gelesen habe. Du gebest ihnen ganz recht.40 Daß es so nicht gemeint sei, sehen die dann wieder nicht ein. Aber das ist ganz gleich. Dein Brief an Kolfhaus ist schlechthin am Platze gewesen.
Und nun schlägt bald die Stunde, wo Ihr die Grenze überschreiten und wiederum an unseren ruhigeren Gestaden eintreffen werdet.41 Was wird die deutsche Lage unterdessen für eine Wendung nehmen? Man sieht mit aller Spannung und Besorgnis hinüber. Ihr werdet erst recht beteiligt dabei sein. Man wird auch da die Pfeife nicht ausgehen lassen dürfen. Aber immerhin … Fritz Lieb wird jetzt wieder lebhafte Tage und Nächte haben. Man hört in Basel, daß er unter anderem Tanzstunden genommen habe in diesem Sommer. Ob er noch nicht genug hat von dieser Möglichkeit des Daseins? Wir freuen uns, bis auch er wieder eintrifft.
Und nun sei mit Nelly und Lollo und den Kindern herzlich gegrüßt. Vielleicht sehe ich dich schon bei der Einfahrt? Ich selber bin wieder einsam am Münsterplatz. Marguerite ist mit den Kindern bereits wieder am Vierwaldstättersee. Am Sonntag in 8 Tagen fahre ich nach. Aber Ende August werde ich für 4-5 Tage im Bergli eintreffen.