11. Juli 1933

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

gestern kam das Dossier mit den ausgezeichneten Kundgebungen aller der durch dein Wort1 Getrösteten und Bestärkten. Ich habe es, wie man das in den Ferien so kann, Marguerite Stück um Stück vorgelesen und dann sogleich aufs Bergli weitergehen lassen.2 Bis auf den einen Brief der einsamen Lehrerin3, den ich Hartenstein — er kommt erst heute — noch zu Gemüte führen möchte, weil diese Gerechte so besonders unverfälscht und unberauscht zur Lage redet. Hartenstein steht mutatis mutandis wohl etwa da, wo wohl auch unser Freund Georg augenblicklich auf seinem Gaule hält. Ich höre verwandte Argumente bei beiden. Und es scheint mir bei beiden irgendetwas unwiderlegbar Urtümliches, so etwas wie die Stimme des Blutes zu reden, gegen die sie selber [nicht] und noch weniger wir aufkommen. Man staunt ja und fragt sich, wie nicht nur die Ereignisse selber, sondern vor allem auch die Scheidungen und Reflexe, die diese bei den Zeitgenossen und unter diesen bei den nächsten Weggenossen bewirken.4 Georg hat mir erst gestern einen lan|459gen und wirklich herzlichen Brief geschrieben, auf dessen Untergrund aber unverkennbar eine seiner uns ja bekannten Mudrigkeiten5 oder Resignationen sichtbar wird. Er deutet auch etwas an von einem heftigen Gespräch mit dir von vor ein paar Tagen.6 Daneben aber steht dann ein so restlos guter Brief wie der von Stoevesandts an dich7, oder auch der an sich nicht minder gute, wenn auch etwas gewitterhafte Brief des jungen Vikars aus Stuttgart8 oder des Privatdozenten aus Halle9. Warum, warum kann Georg trotz wirklich bestem Willen (denn |460 der ist doch unverkennbar) nicht besser mitgehen? Aber eben warum, warum fällt auch Hartenstein bei ebenfalls bester Einstellung im übrigen in entscheidenden Augenblicken auf irgendeinen seiner schwäbischen Brüder herein? Das wird ja wohl etwas Rätselhaftes und Undurchdringliches bleiben müssen. Wir werden es ja sicher Georg nicht vergessen, wie sicher und entschieden er 1920 auf den Weg des Römerbriefs 📖 getreten ist10 — war alles, alles wirklich nur ein großes Mißverständnis? Sicher nicht — nur eben, er hat die Signale alle immer ein wenig anders gehört und verstanden, als sie gegeben waren, vor allem er hat sich wohl von Anbeginn an alles ein wenig zu solenn, zu munter ausgedacht und vor Augen gestellt gehabt. Augenblicklich ist ihm zwar sicher nicht besonders festlich zu Mute. Er dauert mich richtig. Denn ich glaube, daß er im Grunde ob all diesen Scheidungen mehr leidet, als er zeigen will. Dazu kommt die Betheler Mannentreue, mit der er Bodelschwingh nachgefolgt ist gleichwie auch Helmi, und nun ist dieses Schiff in furchtbarester Weise auf den Sand aufgelaufen.11 Wenn ich |461 mir vorstelle: Georg hätte Bodelschwingh nicht so nah gekannt, er hätte nur mehr von weitem den seltsamen, etwas romantischen Opfergang dieses Edelmannes mitangesehen, so muß ich mir sagen, er, Georg, wäre der Erste gewesen, der da in großer geschichtsphilosophischer Schau den wackeren verunglückten Bischof irgendwie an seinen Ort verwiesen hätte, um seinerseits nach ganz anderen Möglichkeiten zu greifen. Aber nun ist er ihm eben restlos ergeben und will mit ihm fallen. Ich hoffe doch noch, daß er auch uns wieder finden wird. Manchmal denke ich auch, ob es nicht einfach besser gewesen wäre, Georg wäre schlecht und recht im Pfarramt geblieben. Ich habe beim Lesen der Briefe und auch im Gespräch mit den deutschen Pfarrern, die ich in der letzten Zeit traf, immer gedacht, daß die, die im Gedränge des wirklichen Gewühles in irgendeiner Gemeinde drin stehen, sich im Ganzen eher besser halten als die Generalstäbler. Doch das sind alles müßige Überlegungen. Aber Georg kann uns ja nie gleichgültig werden.

Die merkwürdigen Umstände, die deine Abreise von Berlin schließlich rascher bewirkten, als man es sich denken und wünschen konnte, haben uns sehr beschäftigt. Meine Deutung der Lage in den Basler Nachrichten12 war wieder einmal bereits überholt, als sie erschien. Hoffentlich haben sich diese Umstände nicht weiter verschärft oder sind die anderen, hoffnungsvolleren Zeichen, von denen Lollo meldet, doch auch noch weiterhin da. Ich denke immer sehr mit an die paar wirklich ausgezeichneten deutschen Studenten, die diesen Sommer in Basel studierten, Haffner, Löffler, Stählin u. a., die nun auch wieder in ihre heimatlichen Frontabschnitte eingerückt sind — diese Jungen stehen besonders wehrlos allem gegenüber. Gottlob, daß deine Schrift für sie da ist und ihnen einen inneren Weg zeigt. Ob du den Schlaumeier Oeri von den Basl. Nachr. in Berlin noch gesichtet hast? Der Tapfere hat sogar |462 vorsichtigerweise nicht einmal deine Schrift mit auf seine Reise zu nehmen für gut befunden, um ganz und gar unbelastet und stubenrein draußen einzutreffen. Lempp hat offenbar seine Sache diesmal ausnehmend gut gemacht, und hoffentlich ist die neue Auflage genügend groß geworden.13 Daß der Minister Rust deinen Römerbrief 📖 seinerzeit gelesen hat, wußte ich nicht. Aber da[s]14 ist wirklich ein heilvolles Zeichen. Seine doch offenbar gute Einstellung zu dir hängt sicher damit zusammen.

Und nun gute Fahrt weiterhin! Wie hochaufatmend werdet Ihr nun dieses heiße Semester bald zu den Toten legen und auf dem Bergli eintreffen. Ich hoffe sehr, es lasse sich bald — wenn nicht gleich in der ersten, so doch in der zweiten Augustwoche — ein Zusammensein ermöglichen. Einstweilen sitze ich auf der schattigen hinteren Laube, auf der im seltsamen Sommer 1930 dein Anselm 📖 entstand. Daß Nelly nach Engelberg gehe, erfahren wir erst durch Lollo. Wo hat es sich wohl eingemietet? Lollos Verdienste um meine Benachrichtigung kann ich nicht hoch genug einschätzen. Ganz zu schweigen von der ganzen Leistung ihres Einsatzes in diesen schwierigen Zeiten in Bonn selbst!

Die vielen Papiere, die ich von euch her habe, lasse ich nun also alle aufs Bergli gehen, damit Ihr sie dort antrefft.

Herzlich grüßen wir euer ganzes Haus!
Dein
Eduard
[Nachschrift von M. Thurneysen:]

Lieber Karl, Darf ich Dir von meiner bescheidenen Ecke aus in diesen bewegten Tagen auch einmal warm die Hand geben für all Dein Einstehen für «unsere» Kirche; irgendwie gehört ja das Schicksal der deutschen und der schweizerischen Kirche doch zusammen. Ich las Deine Schrift in einem Zug kurz vor unserer Abreise dankbaren Herzens.

Ein guter Geist scheint im Klossner Haus zu wehen. Wir sitzen auf |463 der hinteren Laube, wo seiner Zeit glaub z. Tl. Dein Anselm 📖 entstand. Warme Grüße Dir und Lollo.

Marguerite

11. Juli 1933

Lieber Karl, der Brief an dich war eben geschrieben, als von Lollos treuen Händen gesandt die Predigt vom letzten Sonntag eintraf. Ich habe sie eben zu mir reden lassen und kann nicht finden, daß sie nicht vollständig und so, wie sie vorliegt, gedruckt werden müßte. Gerade, Karl, gerade der unter Müdigkeit entstandene zweite Teil ist für mein Gehör besonders dringlich und unmittelbar ansprechend.15 Laß dich nicht beirren durch das, was dir vorschwebte und was du vielleicht nicht so herausbrachtest, wie du es im Sinne hattest. Ich habe eben noch Georgius ermahnt, er solle doch auf diese Predigt für die im Drucke liegende Nummer von Zw.d.Z., wenn’s noch geht, greifen.16 Versag sie ihm nicht. Das Wort von der Barmherzigkeit, mit der wir unsererseits ein klein wenig und nur auf Erden und auf Zeit ernst machen sollten, ist besonders an die heutige Menschheit gerichtet. Laß es doch nicht unter dem Scheffel [vgl. Mt. 5,15f.]!

Eduard

Sachfußnoten

1
K. Barth, Theologische Existenz heute! (ZZ Beiheft 2), München 19331-7. 📖↩
2
Thurneysen hatte die Sendung — laut seinem Brief vom 11.7.1933 an R. und G. Pestalozzi — am 10.7.1933 abgeschickt. Der erste Absatz seines Briefes an Barth entspricht inhaltlich und z. T. wörtlich diesem Brief an Pestalozzis (Original im Karl Barth-Archiv).↩
3
In dem Brief von Rosa Wiesinger, einer Volksschullehrerin aus Stammbach, vom 4.7.1933 an Barth ist die folgende Stelle am Rand rot markiert: «Die Menschen meinen immer, der Satan müsse als Bösewicht kommen. Dazu ist er viel zu klug. Als der russische Antichrist vermochte er die frommen Deutschen nicht zu verführen, jetzt kommt er als der ‹deutsche Christ› und lacht sich eins, weil sie mit soviel Begeisterung ihm in die Falle gehen. Seit langem bringe ich das Wort nicht los: Viele werden kommen in meinem Namen … Luk. 21,8. Wenn der Verführer als Christus kommt, erscheint er doch nicht in seiner Teufelsfratze. Dann ist er gewaltig im Tun und Reden wie Christus, voll Weisheit und Liebe, tut womöglich noch Wunder, nur an einem erkennt man ihn. Er sagt: Ich will, wir werden: erst wollen wir handeln, dann vor Gott treten, unser Werk segnen zu lassen: — Christus spricht anders: Tut Buße! Auf Erden habt ihr Traurigkeit. — Das Reich Gottes ist inwendig in euch. — Ihr seid alle unütze Knechte. O, diese Überheblichkeit!»↩
4
Möglichkeiten zur Ergänzung des anakoluthischen ersten Nebensatzes («… wie nicht nur die Ereignisse selber, sondern vor allem auch die Scheidungen und Reflexe, …») am Ende des Satzgefüges sind z. B.: «zu verstehen sind» oder, «sich noch weiterentwickeln» oder: «so hingenommen werden können».↩
5
= Mißmutigkeiten.↩
6
In seinem achtseitigen Brief vom 7.7.1933 an Thurneysen schrieb Merz: «Weißt Du, ich höre ja aufmerksam und willig auf das, was uns Karl zu sagen hat und was er auch jetzt wieder nachdrücklich und eindringlich kundgetan hat, aber daß es eine theologische Existenz als Haltung nicht geben kann, sondern daß diese theologische Existenz immer nur eine kritische Beziehung ist, in der unser irdisch kreatürliches Sein steht, und daß diese Beziehung selber wieder mit diesem Sein so oder so zusammenhänge, das ist mir bei seiner neuesten Schrift nicht genügend gesehen, und darum hat sie bei allem Fruchtbaren, was ihr innewohnt, nichts entscheidend Befreiendes. Aber ich glaube, daß sie, noch dazu gerade in diesem Augenblick, erscheinen mußte, und bin um sie froh, auch darum, weil nun Karl selber wieder sozusagen ins Gespräch eingreift. Ich habe ihn übrigens selber vor ein paar Tagen auf seiner Rückreise von Berlin getroffen. Ein schier groteskes Gespräch im vornehmsten Hotel am Bahnhof, wo es zu ganz explosiven Kundgebungen kam. Aber grade das war auch wieder das Gute: man merkt, wenn man sich alles gegenseitig sagt, wie stark da doch bei aller Verschiedenheit das Gemeinsame ist, und der Verschiedenheiten sind ja zwischen uns wahrlich genug. Er wollte aber auf alle Fälle, daß wir in Z.Z. weiterarbeiten. Ich glaube auch, daß wir es im Augenblick nicht verantworten könnten aufzuhören» (Nachlaß Thurneysen 📖; vgl. Lichtenfeld, S. 322f 📖).↩
7
Brief vom 3.7.1933, in dem K. Stoevesandt, auch im Namen seiner Frau, Barth für seine Schrift «Theologische Existenz heute!» dankte.↩
8
Helmut Goes (1906–1995), 1931–1934 Stadtvikar an der Stuttgarter Stiftskirche, der sich als enttäuschter Fezer-Schüler zu erkennen gab, schrieb Barth, er werde in seinem Pfarrkonvent auf seine Schrift hinweisen, die kein überflüssiges Wort sei, «auch wenn … jeder, der das Neue Testament kennt, das alles sich hätte ebenso gut selber sagen können. Ach, aber nicht jedem ist die klare Erkenntnis und nicht jedem sind die nötigen Worte für diese Erkenntnis gegeben!» Die Übertragung des Neuen Testamentes und der reformatorischen Lehre auf die «Lage» werde sonst kaum geleistet, Belehrung in dieser Hinsicht sei deshalb fortwährend nötig. Goes bat Barth auch darum, seine Schrift mit einem Begleitschreiben an Hitler und an Bodelschwingh zu schicken, denen er «selbständiges Denken und Urteilen» zutraue (Brief vom 4.7.1933). — Barth hatte Hitler bereits am 1.7. ein Exemplar zugeschickt.↩
9
Ernst Benz (1907–1978), 1932–1935 Privatdozent für Kirchen- und Dogmengeschichte in Halle, dankte Barth für seine Streitschrift, die auf ihn «unerhört befreiend» gewirkt habe, «nicht nur, weil Sie den Fragen wieder als erster öffentlich einen sachlichen theologischen Grund geben, sondern schon einfach durch den Erweis der Tatsache, daß es Theologen gibt, die unbekümmert um politische Argumente ihren Beruf als Theologe erfüllen … nie war es nötiger gewesen zu betonen, daß evangelische Theologen nicht Politik, sondern Theologie zu treiben haben und daß ihre — unsere, meine — Aufgabe nicht Aktualität, sondern die Verkündigung des Wortes von Christus und von der Rechtfertigung ist, und nie war es nötiger, eine sachliche, wenn Sie wollen, starre Scheidung vorzunehmen zwischen dem Evangelium Christi und dem ungeheuren Synkretismus politischer und religiöser Bekenntnisse und Programme. … Die Situation des Theologen wird freilich noch ziemlich lang und noch mehr als je die des Spatzen auf dem Dach bleiben, aber wann war sie im Grunde etwas anderes? Es wird sich freilich fragen …, wie lange das Dach noch das Dach einer Universität sein kann» (Brief vom 6.7.1933).↩
10
Vgl. Bw.Th. I, S. 367f.415f.418.428 u.ö. 📖 ↩
11
Vgl. oben S. 427, Anm. 3. Merz hatte Thurneysen am 9.6.1933 seinen Eindruck von Bodelschwinghs Haltung geschildert: «Imponierend ist mir dabei einfach Bodelschwingh selber, für den sein Weg ein Akt des Bekennens ist, ganz unabhängig vom etwaigen Erfolg. Ob es ihm gelingt, die Kirche im bisherigen Sinne zu erhalten oder ob seine Ernennung der Anfang einer freien Kirche ist oder ob im Fall eines Mißlingens der Staat mittelbar oder unmittelbar diese Kirche unterdrückt, das bewegt ihn im entscheidenden nicht. Das hat mich ihm in den kritischen Tagen aufs neue verpflichtet» (Nachlaß Thurneysen 📖; ausführlicher zitiert bei Lichtenfeld, S. 301 📖). Die Ereignisse bis zu Bodelschwinghs Rücktritt erlebte Merz aus der Nähe mit. «Nachdem die Woche zwischen dem 18. und 25.Juni sehr anstrengend war (ich war Dienstag und Mittwoch [20./21.6.] zu einer Berichterstattung über Religionsunterricht und Schule im Kirchenbundesamt, wo ich natürlich auch in die damals besonders schwierige kirchenpolitische Lage hineingezogen wurde …, und am Ende der Woche in Eisenach, wo ich dann die ganze dramatische Zuspitzung miterlebte und in den Nachtstunden Bodelschwingh als Sekretär diente und in der Nacht als Kurier nach Bethel zurückfuhr, während er nach Berlin ging) … ist es jetzt schier erholsam» (Brief von Merz an Thurneysen vom 7.7.1933 [s. oben Anm. 6]; etwas ausführlicher zitiert bei Lichtenfeld, S. 304).↩
12
In Thurneysens Artikel «Zur Lage der evangelischen Kirche 📖» vom 7.7.1933; s. unten S. 932f. (Anhang Nr. 3). ↩
13
Siehe oben S. 456, Anm. 7.↩
14
Ergänzung von der Hrsgn. Ein im Original auf die Buchstaben «da» folgender doppelter Leerschlag und der Sinnzusammenhang legen die Vermutung nahe, Thurneysen habe «das» schreiben wollen. Es ist gut möglich, daß seine mechanische Schreibmaschine wegen eines etwas zu schwachen Drucks auf die Taste für das «s» das Papier um eine Buchstabenbreite weiterrückte, ohne daß der Typenhebel das Papier berührte.↩
15
Siehe oben S. 443, Anm. 8; Barth hatte am 9.7. im Universitätsgottesdienst über Lk. 6,36–42 gepredigt; Wiederabdruck der Predigt in: Pr. 1921-1935, S. 287–296. 📖 Der von Thurneysen erwähnte zweite Teil beginnt S. 293. Diese Zeilen lassen vermuten, daß der Sendung Zeilen von Ch. von Kirschbaum beilagen, in denen sie Thurneysen Barths Zweifel an der Güte seiner Predigt mitteilte.↩
16
Ein entsprechender Brief Thurneysens an Merz ist nicht erhalten.↩