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gestern kam das Dossier mit den ausgezeichneten Kundgebungen aller der durch dein Wort1 Getrösteten und Bestärkten. Ich habe es, wie man das in den Ferien so kann, Marguerite Stück um Stück vorgelesen und dann sogleich aufs Bergli weitergehen lassen.2 Bis auf den einen Brief der einsamen Lehrerin3, den ich Hartenstein — er kommt erst heute — noch zu Gemüte führen möchte, weil diese Gerechte so besonders unverfälscht und unberauscht zur Lage redet. Hartenstein steht mutatis mutandis wohl etwa da, wo wohl auch unser Freund Georg augenblicklich auf seinem Gaule hält. Ich höre verwandte Argumente bei beiden. Und es scheint mir bei beiden irgendetwas unwiderlegbar Urtümliches, so etwas wie die Stimme des Blutes zu reden, gegen die sie selber [nicht] und noch weniger wir aufkommen. Man staunt ja und fragt sich, wie nicht nur die Ereignisse selber, sondern vor allem auch die Scheidungen und Reflexe, die diese bei den Zeitgenossen und unter diesen bei den nächsten Weggenossen bewirken.4 Georg hat mir erst gestern einen lan|459gen und wirklich herzlichen Brief geschrieben, auf dessen Untergrund aber unverkennbar eine seiner uns ja bekannten Mudrigkeiten5 oder Resignationen sichtbar wird. Er deutet auch etwas an von einem heftigen Gespräch mit dir von vor ein paar Tagen.6 Daneben aber steht dann ein so restlos guter Brief wie der von Stoevesandts an dich7, oder auch der an sich nicht minder gute, wenn auch etwas gewitterhafte Brief des jungen Vikars aus Stuttgart8 oder des Privatdozenten aus Halle9. Warum, warum kann Georg trotz wirklich bestem Willen (denn |460 der ist doch unverkennbar) nicht besser mitgehen? Aber eben warum, warum fällt auch Hartenstein bei ebenfalls bester Einstellung im übrigen in entscheidenden Augenblicken auf irgendeinen seiner schwäbischen Brüder herein? Das wird ja wohl etwas Rätselhaftes und Undurchdringliches bleiben müssen. Wir werden es ja sicher Georg nicht vergessen, wie sicher und entschieden er 1920 auf den Weg des Römerbriefs
📖 getreten ist10 — war alles, alles wirklich nur ein großes Mißverständnis? Sicher nicht — nur eben, er hat die Signale alle immer ein wenig anders gehört und verstanden, als sie gegeben waren, vor allem er hat sich wohl von Anbeginn an alles ein wenig zu solenn, zu munter ausgedacht und vor Augen gestellt gehabt. Augenblicklich ist ihm zwar sicher nicht besonders festlich zu Mute. Er dauert mich richtig. Denn ich glaube, daß er im Grunde ob all diesen Scheidungen mehr leidet, als er zeigen will. Dazu kommt die Betheler Mannentreue, mit der er Bodelschwingh nachgefolgt ist gleichwie auch Helmi, und nun ist dieses Schiff in furchtbarester Weise auf den Sand aufgelaufen.11 Wenn ich |461 mir vorstelle: Georg hätte Bodelschwingh nicht so nah gekannt, er hätte nur mehr von weitem den seltsamen, etwas romantischen Opfergang dieses Edelmannes mitangesehen, so muß ich mir sagen, er, Georg, wäre der Erste gewesen, der da in großer geschichtsphilosophischer Schau den wackeren verunglückten Bischof irgendwie an seinen Ort verwiesen hätte, um seinerseits nach ganz anderen Möglichkeiten zu greifen. Aber nun ist er ihm eben restlos ergeben und will mit ihm fallen. Ich hoffe doch noch, daß er auch uns wieder finden wird. Manchmal denke ich auch, ob es nicht einfach besser gewesen wäre, Georg wäre schlecht und recht im Pfarramt geblieben. Ich habe beim Lesen der Briefe und auch im Gespräch mit den deutschen Pfarrern, die ich in der letzten Zeit traf, immer gedacht, daß die, die im Gedränge des wirklichen Gewühles in irgendeiner Gemeinde drin stehen, sich im Ganzen eher besser halten als die Generalstäbler. Doch das sind alles müßige Überlegungen. Aber Georg kann uns ja nie gleichgültig werden.
Die merkwürdigen Umstände, die deine Abreise von Berlin schließlich rascher bewirkten, als man es sich denken und wünschen konnte, haben uns sehr beschäftigt. Meine Deutung der Lage in den Basler Nachrichten12 war wieder einmal bereits überholt, als sie erschien. Hoffentlich haben sich diese Umstände nicht weiter verschärft oder sind die anderen, hoffnungsvolleren Zeichen, von denen Lollo meldet, doch auch noch weiterhin da. Ich denke immer sehr mit an die paar wirklich ausgezeichneten deutschen Studenten, die diesen Sommer in Basel studierten, Haffner, Löffler, Stählin u. a., die nun auch wieder in ihre heimatlichen Frontabschnitte eingerückt sind — diese Jungen stehen besonders wehrlos allem gegenüber. Gottlob, daß deine Schrift für sie da ist und ihnen einen inneren Weg zeigt. Ob du den Schlaumeier Oeri von den Basl. Nachr. in Berlin noch gesichtet hast? Der Tapfere hat sogar |462 vorsichtigerweise nicht einmal deine Schrift mit auf seine Reise zu nehmen für gut befunden, um ganz und gar unbelastet und stubenrein draußen einzutreffen. Lempp hat offenbar seine Sache diesmal ausnehmend gut gemacht, und hoffentlich ist die neue Auflage genügend groß geworden.13 Daß der Minister Rust deinen Römerbrief
📖 seinerzeit gelesen hat, wußte ich nicht. Aber da[s]14 ist wirklich ein heilvolles Zeichen. Seine doch offenbar gute Einstellung zu dir hängt sicher damit zusammen.
Und nun gute Fahrt weiterhin! Wie hochaufatmend werdet Ihr nun dieses heiße Semester bald zu den Toten legen und auf dem Bergli eintreffen. Ich hoffe sehr, es lasse sich bald — wenn nicht gleich in der ersten, so doch in der zweiten Augustwoche — ein Zusammensein ermöglichen. Einstweilen sitze ich auf der schattigen hinteren Laube, auf der im seltsamen Sommer 1930 dein Anselm
📖 entstand. Daß Nelly nach Engelberg gehe, erfahren wir erst durch Lollo. Wo hat es sich wohl eingemietet? Lollos Verdienste um meine Benachrichtigung kann ich nicht hoch genug einschätzen. Ganz zu schweigen von der ganzen Leistung ihres Einsatzes in diesen schwierigen Zeiten in Bonn selbst!
Die vielen Papiere, die ich von euch her habe, lasse ich nun also alle aufs Bergli gehen, damit Ihr sie dort antrefft.
Herzlich grüßen wir euer ganzes Haus!
[Nachschrift von M. Thurneysen:]
Lieber Karl, Darf ich Dir von meiner bescheidenen Ecke aus in diesen bewegten Tagen auch einmal warm die Hand geben für all Dein Einstehen für «unsere» Kirche; irgendwie gehört ja das Schicksal der deutschen und der schweizerischen Kirche doch zusammen. Ich las Deine Schrift in einem Zug kurz vor unserer Abreise dankbaren Herzens.
Ein guter Geist scheint im Klossner Haus zu wehen. Wir sitzen auf |463 der hinteren Laube, wo seiner Zeit glaub z. Tl. Dein Anselm
📖 entstand. Warme Grüße Dir und Lollo.
11. Juli 1933
Lieber Karl, der Brief an dich war eben geschrieben, als von Lollos treuen Händen gesandt die Predigt vom letzten Sonntag eintraf. Ich habe sie eben zu mir reden lassen und kann nicht finden, daß sie nicht vollständig und so, wie sie vorliegt, gedruckt werden müßte. Gerade, Karl, gerade der unter Müdigkeit entstandene zweite Teil ist für mein Gehör besonders dringlich und unmittelbar ansprechend.15 Laß dich nicht beirren durch das, was dir vorschwebte und was du vielleicht nicht so herausbrachtest, wie du es im Sinne hattest. Ich habe eben noch Georgius ermahnt, er solle doch auf diese Predigt für die im Drucke liegende Nummer von Zw.d.Z., wenn’s noch geht, greifen.16 Versag sie ihm nicht. Das Wort von der Barmherzigkeit, mit der wir unsererseits ein klein wenig und nur auf Erden und auf Zeit ernst machen sollten, ist besonders an die heutige Menschheit gerichtet. Laß es doch nicht unter dem Scheffel [vgl. Mt. 5,15f.]!