Am 27. Juni 1933 – zwei Tage nach
Abschluss des Manuskripts – schrieb Barth an Eduard Thurneysen: «Ich hätte noch im Frühjahr nicht gedacht, dass ich noch einmal
so in den Strudel der Geschichte geraten würde, wie
es jetzt der Fall ist, wo wirklich eine Nachricht und Entscheidung die andere jagt und jeder
Tag auch irgend etwas abschließend Klotziges bringen könnte.»1 Im Juni 1933 hatte sich die kirchenpolitische Situation derartig zugespitzt,2 dass sich Barth gedrängt sah, seine bis dahin geübte Zurückhaltung
gegenüber einer öffentlichen Stellungnahme zu den Vorgängen aufzugeben.
An der – wegen der noch ausstehenden Verabschiedung der Reichskirchenverfassung rechtlich anfechtbaren – Wahl
Friedrich von Bodelschwinghs
zum Reichsbischof am 27. Mai
1933 und der im Gegenzug massiv bekräftigten Nominierung Ludwig Müllers durch die Deutschen Christen hatte sich der eigentliche «Kirchenkampf» entzündet. Die großangelegte Kampagne gegen
Bodelschwingh und die ihn tragenden kirchlichen Kräfte, bei der die Deutschen Christen auf
die Unterstützung durch den Apparat der NSDAP bauen konnten,
sorgte für massive Unruhe bis in den letzten kirchlichen Winkel und beherrschte die
Diskussionen in der evangelischen Kirche.3 Überall dominierte die Frage «Müller oder
Bodelschwingh».4 Als dann am 8. Juni auch noch Hermann Kapler, der Präsident des preußischen Oberkirchenrats
und entscheidende Mann im «Drei-Männer-Kollegium», das die Verfassung der Reichskirche erarbeiten sollte,5 sein Abschiedsgesuch einreichte und daraufhin am
21. Juni der rheinische Generalsuperintendent Ernst Stoltenhoff 6 zum kommissarischen Nachfolger berufen wurde, war für den Staat der
Vorwand zum Eingreifen gekommen. Die Neuwahl eines Nachfolgers Kaplers hatte der |272 preußische
Kirchensenat in der kirchenpolitisch brisanten Situation
vermeiden wollen, um die im preußischen Staatskirchenvertrag für diesen Fall vorgesehenen Abstimmungsmodalitäten mit dem
Staat zu umgehen. Der preußische Kultusminister Bernhard Rust7 unterstellte aber nun erst recht eine Vertragsverletzung
und statuierte einen Notstand, was ihm die Handhabe bot, am 24. Juni den neuen Leiter der
Kirchenabteilung in seinem Ministerium, August Jäger 8,
als Staatskommissar für die evangelischen Kirchen in
Preußen einzusetzen. Am
Abend des gleichen «kritischen 24. Juni 1933»9
erklärte von Bodelschwingh auf
der Sitzung des Kirchenausschusses des Deutschen Evangelischen Kirchenbundes, nachdem insbesondere die
lutherischen Bischöfe signalisiert hatten, seine Kandidatur nicht länger zu unterstützen,
unter Verweis auf die jüngste Entwicklung seinen Rücktritt von dem ihm übertragenen Amt des
Reichsbischofs, das er faktisch vier Wochen lang
wahrgenommen hatte.10
Barths Entscheidung zu einem «Wort zur Lage» deutet sich in den erhaltenen Briefen erstmals am 11.
Juni an.11 Charlotte von Kirschbaum erwähnt Barths Absicht, das nächste Heft von ZZ
mit einem solchen Wort «allein füllen» zu wollen.12 Der gleiche Plan taucht vier |273 Tage später in einem Brief Charlotte von Kirschbaums an Barths Mutter auf: Sein «Wort zur Lage» solle im nächsten Heft von
ZZ erscheinen, das nur mit Beiträgen Barths bestritten werden solle: «seinem Kopenhagener
Vortrag, seinen Thesen über Kirche und Staat (seiner Ethik entnommen und überarbeitet), den
Düsseldorfer und Elberfelder Thesen und eben jenem ‹Wort zur Lage›, das nun in mühsamer
Arbeit (mühsam darum, weil ziemlich unaufhörlich Unterbrechungen kommen) entstehen muss. Es
wird im Wesentlichen bestehen in einem Appell an die Theologen
unter den Zeitgenossen, jetzt ihre theologische
Existenz nicht preiszugeben».13 Auch die im
Eingang der Schrift erwähnte Frage mancher ehemaliger Hörer und anderer seiner Arbeit
verbundener Zeitgenossen, ob Barth zu den alle seit Monaten beschäftigenden kirchlichen
Sorgen und Problemen nicht auch etwas zu sagen habe, findet durch diesen Brief eine
Erklärung. Charlotte von Kirschbaum berichtet
nämlich davon, dass am Abend des 13. Juni Wilhelm Vischer 14,
Fritz Lieb15 und «ein
junger Pfarrer aus Bochum»16 zu Barth gekommen seien, «um mit
diesem über die Frage ‹Bodelschwingh› zu diskutieren. Alle drei waren durchaus der Ansicht, dass
jeder kirchlich denkende Mensch sich jetzt unbedingt hinter diesen |274 Namen stellen müsse, wenn nicht die Existenz der deutschen Kirche überhaupt in
unheilvoller Weise bedroht werden solle».17 Im Verlauf eines langen Gesprächs habe Barth verdeutlicht, was ihn an dieser
Auffassung erschrecke «und wie stark in diesem Denken die ‹Kirche› in ‹Kirchenpolitik› aufgelöst sei».18 Barths Argumentation muss die Gesprächspartner mindestens nachdenklich gestimmt
haben. Denn, so Charlotte von Kirschbaum weiter, «Vischer war der Ansicht, dass gerade das jetzt einmal laut und offen
gesagt werden müsse, und als dann auch der Bochumer Pfarrer im Namen vieler Anderer es aussprach, wie
sehnsüchtig sie Alle auf ein Wort von Karl Barth warteten in dieser allgemeinen Verwirrung
und Haltlosigkeit, da entschloss Karl sich, dieses Wort zu schreiben».19
Es handelte sich bei diesem Gespräch um «den letzten Anstoß zu dem Entschluß,
öffentlich das Wort zu ergreifen».20 Die Zahl der Barth um ein wegweisendes Wort
Bittenden war indes wesentlich größer.21 Auch eine längere
briefliche Auseinandersetzung mit Georg Merz, der
zu Barths Enttäuschung den Aufruf Wilhelm Zoellners zum Zusammenschluss der Landeskirchen auf der Basis von Schrift und
Bekenntnis22
befürwortet und dann für die Kandidatur Bodelschwinghs und die Jungreformatorische Bewegung Partei ergriffen hatte, dürfte einen
bestärkenden Einfluss auf Barths Entscheidung für eine klärende prinzipielle Äußerung und
theologische Standortbestimmung ausgeübt haben.23 Schließlich war noch zu
bedenken, dass Barths Zurückhal|275tung in der Weise missverstanden
werden konnte, als habe er keine Meinung oder wolle der kirchenpolitischen Dramatik jener
Tage mit souveränem Desinteresse begegnen.24
Barth hat die Schrift keineswegs in einem Atemzug am 24. und 25. Juni
niedergeschrieben, wie man lange Zeit auf Grund der in ihr enthaltenen beiden Datumsangaben
angenommen hat. Nach Hinrich Stoevesandts Rekonstruktion der unmittelbaren
Entstehungsgeschichte25 dürfte Barth nach dem
Gespräch am Abend des 13. Juni, höchstwahrscheinlich also am 14. Juni, mit dem Schreiben
begonnen haben. Der ursprüngliche Titel «Von der Kirchenpolitik zur Kirche!» – dann von Barth durchgestrichen und durch «Theologische
Existenz heute!»
ersetzt26 – knüpfte direkt an
jenes Gespräch an. In den darauffolgenden Tagen war Barth, zumindest sporadisch, mit der
Niederschrift beschäftigt. In einem Brief vom 17. Juni schreibt Charlotte von Kirschbaum: «Angesichts der zunehmenden Aufgeregtheit und
Ängstlichkeit nahezu aller theologischen Freunde (es gab über diesen Punkt besonders mit
Georg Merz sehr heftige Auseinandersetzungen) in
der Bischofsfrage, hat er sich auf Ansuchen einiger Pfarrer
nun doch entschlossen, in Z.d.Z. das Wort zur Lage zu ergreifen. Die Arbeit an diesem ‹Wort›
beschäftigt ihn jetzt in den leider nur zu kurzen Zwischenpausen, die die Vorbereitung der
Vorlesungen und Übungen und die jetzt sehr zahlreich zu führenden Gespräche lassen
[...].»27 In diesen Tagen muss auch der anfängliche Plan zu einem
nur mit Barths Arbeiten bestückten Heft von ZZ aufgegeben worden sein.28 Albert |276
Lempp begrüßte nämlich bereits am 19. Juni Barths
Ankündigung, «eine Broschüre zur kirchlichen Lage herausbringen [zu] wollen».29
Bevor Barth das Manuskript am Abend des 25. Juni zum Verlag nach München sandte, hatte der Text eine dreifache Bearbeitung
durchlaufen.30 Nachdem die erste Fassung des Manuskripts, das
bereits den neuen Titel trug, abgeschlossen war, las Barth es seinen Hausgenossen Charlotte
von Kirschbaum und Hellmut Traub31 am 23. oder dem Vormittag des 24. Juni vor. Da beide
sehr erschrocken auf die Schärfe des Tones reagierten und Barth dringend ersuchten, seine
Polemik zur Vermeidung von denkbaren Repressalien abzumildern, entschloss sich Barth – wenn
auch unwillig – zu einer partiellen Überarbeitung. Im Laufe des 24. Juni hat er an drei –
möglicherweise auch nur an zwei – Stellen in den Text eingegriffen, «indem er [...] Teile des
Manuskripts von unterschiedlichem Umfang mit der Schere eliminierte und die zweite (bzw.
erste32) der getilgten Textpartien durch
eine wesentlich längere, die dritte (bzw. zweite) durch eine etwa gleich lange neue
ersetzte».33 Die
eliminierten Textteile sind verloren. Es kann aber ausgeschlossen werden, dass sie – was
ihren Inhalt und ihre Stoßrichtung angeht – andere Aussagen enthielten als die überarbeitete
Fassung, die dann die Zustimmung der beiden besorgten Zuhörer fand.
Die zweite und die dritte Bearbeitung wurden durch die sich überschlagenden
Ereignisse des «kritischen 24. Juni» ausgelöst. Vermutlich am Nachmittag oder frühen Abend
erfuhr Barth aus dem Radio von |277 der Einsetzung des staatlichen
Kirchenkommissars in Preußen. Wenig später, möglicherweise auch erst am Morgen des 25. Juni, muss
ihn die Nachricht vom Amtsverzicht Bodelschwinghs erreicht haben. Damit hatte sich die Situation, auf die hin Barth
argumentiert hatte, grundlegend verändert. Während die durch die Einsetzung Jägers ausgelösten Änderungen und Ergänzungen als
Bleistifteintragungen identifizierbar sind – die wichtigste besteht in eben jener eingefügten
Datierung: «ich schreibe dies am Abend des kritischen 24. Juni
1933» –, fanden die weitaus umfangreicheren Textänderungen der dritten
Bearbeitungsstufe, zu denen Barth sich durch die Nachricht vom Rücktritt Bodelschwinghs gezwungen sah, keinen
Niederschlag mehr im handgeschriebenen Manuskript. Sie werden vermutlich beim Diktat der nur
fragmentarisch erhaltenen maschinenschriftlichen Druckvorlage vorgenommen worden sein. Neben
einigen Korrekturen, Streichungen und Ergänzungen waren vor allem Tempus und Modus aller auf
die Wahl und das Bischofsamt Bodelschwinghs bezogenen Äußerungen zu ändern. Selten wohl ist ein theologischer
Autor noch während der Endredaktion seines Manuskripts von den Zeitereignissen so stark zu aktualisierenden Eingriffen herausgefordert worden wie
Barth an jenem dramatischen Wochenende im Juni 1933.
Innerhalb der folgenden Woche wurde die Schrift in beispiellosem Tempo gesetzt,
im Drucksatz korrigiert, broschiert und ausgeliefert. Sie erschien als Beiheft 2 zu «Zwischen
den Zeiten»
📖. Bereits am folgenden Samstag, dem 1. Juli, war sie in Münchner Buchhandlungen zu erhalten. Am gleichen Tag sandte
Barth je ein Exemplar an Minister Rust, an
Hitler und an den Beauftragten des Preußischen
Staatskommissars für die Rheinische Provinzialkirche, Gottfried Adolf Krummacher.34 Im
Brief an Hitler hieß es: «Evangelische Theologie muss auch im neuen Deutschland unerbittlich
und unbekümmert ihren eigenen Weg gehen. Ich bitte Sie um Verständnis für diese
Notwendigkeit.»35
278 Die erste Auflage von 3000 Exemplaren war nach zwei Tagen vergriffen; innerhalb
der ersten 14 Tage wurden vier Auflagen mit insgesamt 12 000 Exemplaren verkauft. Bis zu
ihrer Beschlagnahme durch die Bayerische Politische Polizei im Juli 193436 waren 37 000 Exemplare gedruckt worden. Von der
achten Auflage im Oktober 1933 an, mit Barths Aufkündigung der Mitarbeit an «Zwischen den
Zeiten», wurde aus dem Beiheft das erste Heft der neuen, von Barth und Thurneysen herausgegebenen Schriftenreihe «Theologische
Existenz heute».37
Die nunmehr dieser Reihe ihren Namen gebende Schrift, die in den
kirchenpolitischen Wirren und Desorientierungen ihrer
Zeit wie ein klärendes Manifest gewirkt hat, gehört zweifellos zu den wichtigsten
theologischen Texten des 20. Jahrhunderts. Stellvertretend für das große Echo, das sie
auslöste,38 mögen drei Äußerungen stehen.
Heinrich Scholz schrieb Barth am 13. Juli 1933: «[...] in der Stunde der größten Gefahr sind Sie der
Theologe gewesen, der uns vom Ersticken gerettet und auf das Wort zurückgeführt hat, das
schon zur Kreuzigung bestimmt zu sein schien».39
Hans Asmussen erinnerte sich im Jahr |279 1936: «Als wir das lasen, kam eine große Ernüchterung über uns, und
mit der Ernüchterung kam die Zuversicht, daß uns unsere Sache auch hindurchtragen
würde».40 Eine dritte Äußerung stammt von einem Nichttheologen, dem
Schriftsteller Thomas Mann. Nach der Lektüre von
Barths Schrift vermerkte er in seinem Tagebuch: «Las abends mit außerordentlicher Sympathie
die Schrift von Karl Barth, ‹Theologische Existenz heute›. Was für ein unerschrockener,
braver und frommer Mann! Und wie symbolisch, wie nicht-nur-theologisch ist alles, was er
sagt! Seine ironische Höflichkeit gegen die deutschen Führer ist geradezu amüsant».41 Und einige Tage später heißt es: «Der Einzige Trost im
Anblick all dieses Auf dem Bauch liegens ist die Schrift des Theologen Barth. Ein anderer,
Dibelius, nimmt immerhin, bei größerer
Nachgiebigkeit, den Protestantismus ebenfalls gegen Staat
und Nationalsozialismus in Schutz. Nur in dieser
Sphäre und von dieser Seite hier [sic] scheint ein gewisser Widerstand, ein gewisses Sich aufrecht halten möglich».42
Von den Vorarbeiten Barths ist das Manuskript vollständig erhalten
(KBA 10037). Es besteht aus 22 Einzelblättern, die an vier Stellen (Manuskriptseiten 3, 8, 12, 16)
querseitige Schnitt- und Klebstellen aufweisen. Barth schrieb mit schwarzer Tinte, vorwiegend
auf den Rückseiten von Blättern des Typoskripts des ersten KD-Bandes
📖, der 1932 erschienen war.
Dabei handelte es sich um eine für Barth gebräuchliche Weiterverwendung nicht mehr benötigter
Skripte; die sieben erhaltenen Seiten des als Druckvorlage dienenden Typoskripts von
Theologische Existenz heute! finden sich ebenfalls auf Rückseiten zweier anderer
Manuskripte Barths.43
280 Dem Abdruck liegt die Textfassung der von Hinrich Stoevesandt besorgten
Neuausgabe (Th.Ex.h., S. 26–87
📖) zugrunde. Die Herausgeber knüpfen dankbar an die dort
geleistete Arbeit an. Die textkritischen Anmerkungen der Neuausgabe sind in den – deutlich
erweiterten – Apparat eingeflossen. Offenbar schon während der ersten Niederschrift erfolgte,
meist am Rand vermerkte handschriftliche Ergänzungen sind durch ˹ ˺ kenntlich gemacht. Die
den Text erläuternden Fußnoten wurden auf die Usancen der Gesamtausgabe abgestimmt und unter
Berücksichtigung des bei Stoevesandt
dokumentierten Materials neu verfasst. Die zwischen senkrechten Strichen eingefügten
Seitenzahlen sind die des Erstdrucks.
Theologische Existenz heute!a
Mir ist in einer zuletzt nicht mehr zu überhörenden Weise zugerufen worden, dass manche
unter meinen ehemaligen akademischen Zuhörern und auch manche Andere von den an meiner
theologischen Arbeit Beteiligten sich längst fragten, ob ich zu den uns alle nun seit Monaten
beschäftigenden kirchlichen b-Sorgen und Problemen-b nicht auch etwas zu sagen haben möchte.44 Ich möchte dazu
zunächst dies bemerken dürfen: das Entscheidende, was ich heute zu c-diesen Sorgen und Problemen-c zu sagen versuche,
kann ich darum nicht zum Gegenstand einer besonderen Mitteilung machen, weil es sehr unaktuell
und ungreifbar einfach darin besteht, dass ich mich bemühe, hier in Bonn mit meinen Studenten in Vorlesungen und Übungen nach
wie vor ˹und˺ als wäre nichts geschehen – vielleicht in leise erhöhtem Ton, aber ohne direkte
Bezugnahmen – Theologie und nur Theologie zu treiben.45 Etwa wie der
Horengesang der Benediktiner im nahen Ma|281ria Laach46 auch im Dritten Reich zweifellos ohne
Unterbruch und Ablenkung ordnungsgemäßd weitergegangen ist. Ich halte dafür, das sei auch eine Stellungnahme, e-jedenfalls eine kirchenpolitische und
indirekt sogar eine politische-e Stellungnahme! Und
f-ich erwarte, dass-f dieses Wort ohne besondere Worte von einigen g-der mir anvertrauten-g Studenten so
gut gehört und verstanden werde, als es inmitten der mannigfaltigen Aufregungen unserer Tage
möglich sein mag. Ich habe Gründe, mir an diesem Reden und Gehörtwerdenh innerhalb der
Schranken meiner Berufung genügen zu lassen.47 Sie wurden auch |282 damit nicht überschritten, dass ich mich auf ˹ergangene˺
Einladungi an der Ausarbeitung zweier der Öffentlichkeit
vorgelegter theologischerj Erklärungen meiner reformierten
Bekenntnisgenossen beteiligte.48 Man hat gerade meine Beteiligung an dieser Sache sehr richtig
verstanden, ˹man hat diesen Erklärungen m. E. das schönste Lob erteilt,˺ indem man ihnen
Mangel an Aktualität bzw. an Existentialität, k-d. h. an konkreter
Bezugnahme auf die Probleme des Tages-k vorgeworfen hat.49 Soll ich
mich nun dennoch unterwinden, das von mir erwartete «Wort zur Lage»50 zu reden,
liebe fernere und liebe nähere theologische Freunde, so kann es inhaltlichl wirklich nur in der Frage bestehen: ob
es nicht der Kirche und uns Allen besser wäre, wenn wir jetzt gerade nicht
«zur Lage», sondern
4 nun erst recht, ˹ein Jeder in den Schranken seiner Berufung,˺ «zur Sache»
reden bzw. die Voraussetzungen bedenken und bearbeiten würden, deren es bedarf, um Tag für Tag
m-«zur Sache» zu reden-m, wie es heute – nicht
erst heute, aber auch heute! – von uns gefordert ist?51 Eine kleine Erläuterung dieser Frage |283 kann allein
der Sinn dessen sein, was ich, da man es denn hören will, zu den uns bewegenden Dingen zu
sagen habe.
Das, was jetzt unter keinen Umständen geschehen darf, ist dies, dass wir
im Eifer für irgend ˹etwas, was wir für˺ eine gute Sache ˹halten,˺ unsere theologischen
Existenz verlieren. Unsere theologische Existenz ist
unsere Existenz in der Kirche, und zwar als berufene Prediger und Lehrer der Kirche.
In der Kirche ist man sich einig darüber, dass es in der ganzen Welt keinen dringlicheren
Anspruch gibt als den, den das Wort Gottes
darauf hat, verkündigt und gehört zu werden; diesem Anspruch muss Genüge getan werden, koste
es, was es wolle, und werde aus der Welt ˹und aus der Kirche selbst˺, was da aus ihnen werden
möge. In der Kirche ist man sich einig darüber, dass das Wort Gottes Alles und Jedes aus dem
Felde schlägt, was ihm widerstehen mag, dass es darum über ˹uns und über˺ alle seine ˹anderen˺
Feinde siegen wird, weil es – «gekreuzigt, gestorben, begraben, am dritten
Tage wieder auferstanden, sitzend zur Rechten Gottes des Vaters»52 – schon ein für
allemal über und für uns und alle seine anderen Feinde gesiegt hat. In der
Kirche ist man sich darüber einig, dass Gott ˹durch eben dieses sein Wort˺ alle Dinge trägt o-(Hebr. 1,3)-o, auf alle Fragen Antwort gibt, allen Anliegen Gerechtigkeit widerfahren lässt, Alles, was er geschaffen hat,
p-erhält und-p zu seinem eigensten Ziele führt, dass aber auch kein Ding in der Welt ohne sein Wort bestehen und gedeihen kann. In der Kirche ist man
sich darüber einig, dass es dem Menschen gut ist und dass ihm ˹in Zeit und Ewigkeit˺ nur dies Eine gut sein kann, dem Worte Gottes anzuhängen von ganzem Herzen, ˹von ganzer Seele,˺ von
ganzem Gemüt und von allen seinen Kräften [Mk. 12,30; vgl. Dtn. 6,5]. In der
Kirche ist man sich darüber einig, dass Gott q-für uns-q
nirgends da ist, in der Welt ist, in unserem Raum und in unserer Zeit ist |284 als in diesem seinem Wort, dass
dieses sein Wort r-für uns-r keinen anderen Namen ˹und Inhalt˺ hat als
Jesus Christus und dass Jesus Christus s-für uns-s in
der ganzen 5 Welt nirgends zu finden ist als jeden Tag neu in der heiligen
Schrift Alten und Neuen Testamentes.
Darüber ist man sich in der Kirche einig, oder man ist nicht in der Kirche.
Und wir als Prediger und Lehrer der Kirche insbesondere sind uns in Furchtt˹, aber auch in Freude˺ darüber einig, dass wir berufen sind,
durch unsere Predigt und Lehre u-dem Worte Gottes in der Kirche und in der Welt-u zu dienen, dass wir mit
der Erfüllung dieser Berufung nicht nur selbst stehen und fallen, sondern auch
˹schlechterdings˺ Alles, was uns in dieser Welt wichtig, lieb und groß sein mag, stehen und
fallen sehen, dass uns also keine Sorge dringlicher und keine Hoffnung bewegender sein kann
als die Sorge und Hoffnung unseres Dienstes, ˹kein Freund lieber als der, der uns hilft in
diesem Dienst, und kein Feind verhasster als der, der uns v-in diesem
Dienst hindern-v will.˺ w-Wir sind uns darüber
einig,-w dass wir neben diesem Ersten ˹als Sinn unserer Arbeit und
unserer Ruhe, unseres Ernstes und unserer Gelassenheit, unserer Liebe und unseres Zornes˺ kein
Zweites kennen, sondern alles Zweite und Dritte˹, das uns auch bewegen mag˺ x-und muss-x, in diesem Ersten eingeschlossen und
aufgehoben, von ihm her gerichtet und gesegnet sehen. Darüber sind wir uns einig, oder wir
sind nicht Prediger und Lehrer der Kirche. Und dies ist’s, was ich unsere «theologische
Existenz» nenne: dass uns inmitten unserer sonstigen Existenz (z. B. als Männer, als Väter und
Söhne, als Deutsche, als Bürger, als Denker, als Besitzer eines allzeit unruhigen Herzens
usf.) das Wort Gottes das sei, was es nun einmal ist und was nur es uns sein kann,53 und insbesondere unsere Berufung
als Prediger |285 und Lehrer uns so in Anspruch nehme, wie nur sie uns
in Anspruch nehmen kann und darf.
Diese unsere theologische Existenz, d. h. y-unsere Bindung an das
Wort Gottes-y und die Geltung unserer besonderen Berufung z-zum Dienst am Wort Gottes-z kann uns heute verloren
gehen. Anders gesagt: Wir können heute versäumen, uns jetztaa erst recht und mehr als je in ab-dieser Existenz-ab zu behaupten. Noch anders und besser gesagt: es kann sein, dass sie uns
heute nicht mehr geschenkt wird, wie sie uns jeden Tag neu geschenkt werden müsste, weil wir
vergessen, darum zu ac-bitten und uns danach auszustrecken, wie es
jetzt mehr als je geschehen müsste, damit-ac sie uns geschenkt werde.
Denn das ist die kräftige, in allen möglichen Gestalten auftretende Versuchung dieser Zeit: dass wir 6 über der Macht
anderer Ansprüche die ad-Intensität und-ad
Exklusivität des Anspruchs des ae-göttlichen Wortes-ae als solche nicht mehr und damit af-dieses Wort
sofort-af
ag-überhaupt nicht-ag mehr verstehen. Dass wir
in der Ängstlichkeit vor allerhand Gefahren der Gewalt des Wortes Gottes nicht mehr so ganz
trauen, sondern ihm mit allerhand Veranstaltungen zu Hilfe kommen zu müssen meinen und damit
unser Vertrauen ˹auf seinen Sieg˺ ah-ganz und gar-ah wegwerfen [vgl. Hebr.
10,35]. Dass wir bestimmte Dinge besser anderswoher als aus und durch Gottes Wort
meinen beantworten, lösen, schaffen zu können und damit beweisen, dass wir es faktischai in keinemaj Ding als
den Schöpfer, Versöhner und Erlöser zu würdigen wissen. Dass wir unser Herz
teilen zwischen dem Wort Gottes und allerlei Anderem, was
wir ˹ausdrücklich oder stillschweigend˺ neben ihm mit der Herr|286lichkeit des Göttlichen umkleiden, und damit zeigen, dass wir unser Herz ak-gar nicht-ak beim Worte Gottes haben. Dass wir unter
dem stürmischen Eindruck gewisser «Mächte, Fürstentümer und Gewalten»54 Gott noch anderswo suchen als in
seinem Wort und sein Wort noch anderswo als in Jesus Christus und Jesus Christus noch anderswo als in der heiligen Schrift Alten und Neuen
Testamentes und eben damit solche sind, die Gott
al-gar nicht-al suchen. Das Alles, obwohl man
sich in der Kirche über das Gegenteil einig ist! Wie sollten wir aber dann in der Kirche sein?
Und das ist die besondere Form dieser Versuchung für uns
Prediger und Lehrer der Kirche: dass es uns in den Sinn kommt, zwischen unserer Berufung
am-in der Kirche-am und dieser und jener ˹davon
verschiedenen˺ Berufung könnte so etwas wie Konkurrenz möglich und wirklich sein, in der
Weise, dass wir uns gedrungen und gezwungen fühlten, diese und jene sonstige Berufung gegen
unsere kirchliche Berufung ˹oder doch neben ihr˺ auszuspielenan oder unsere kirchliche Berufung von dieser und jener
anderweitigen Berufung her zu interpretieren ˹und zu gestalten˺. Dass wir uns selbst und die
Menschen, an die wir gewiesen sind, unter ganz anderen Bedingungen stehen und fallen sehen als
unter der Bedingung, dass unser Dienst recht ausgerichtet werde. Dass uns das Zweite oder
Dritte, das wir in dem Ersten wohl aufgehoben wissen müssten, faktisch das Erste wird, mit dem
Ersten zusammenfließt und endlich an die Stelle des Ersten tritt. Womit uns dann das wirklich
Erste und unsere Berufung selbst hoffnungs7los verloren gehen.
Obwohl wir uns doch als Prediger und Lehrer der Kirche in ganz anderem Sinne einig waren! Wir
sind dann nichtao mehr Prediger und Lehrer der
Kirche. Wir sind dann Politiker und Kirchenpolitiker. Es ist kein Schimpf, ˹sondern es hat seine besondere Ehre,˺
Politiker oder auchap
|287 Kirchenpolitiker zu sein. Es ist aber etwas anderes,aq Theologe zu sein. Es kann immer den Verlust derar theologischen Existenz bedeuten, wenn ein Theologe Politiker oder
Kirchenpolitiker wird. Es scheint heute in ganz besonderer Weise das bedeuten zu wollen. Und
dann ist es an der Zeit, dies zu sagen: dass wir unter keinen Umständen unsere theologische
Existenz verlieren, unser Erstgeburtsrecht gegen ein Linsengericht vertauschen sollten [vgl.
Gen. 25,29–34]. Oder
positiv: dass wir jetzt Mann für Mannas in der Kirche, wie sie uns geboren hat durch das Wort
Gottes,55 und in dem unvergleichlichen Raum unserer Berufung
bleiben
at-oder in die Kirche und in diesen Raum unserer Berufung zurückkehren-at müssen: unter allen Umständen, unter
Hintanstellung aller anderen Rücksichten und Anliegen, um jeden
Preis.
288 au- Ich darf das, was ich meine, beispielsweise an drei von den uns
bis heute – ich schreibe dies am Abend des kritischen 24. Juni
193356 – beschäftigenden Fragen klar zu machen
versuchen. Es trifft sich vorzüglich, dass diese Fragen einzeln und in ihrem Zusammenhang mit
den heute gefallenen Entscheidungen: der Einsetzung eines staatlichen Kirchenkommissars und seinen ersten Verfügungen,57 in ein |289 ganz neues Stadium getreten
sind. Ich möchte ja wirklich nicht «zur Lage», sondern «zur Sache» reden, und ich werde darin vielleicht nur umso besser verstanden,
nachdem die Problematik, an der ich meinen Satz illustrieren möchte, av-durch diese Entscheidungen-av zwar sicher nicht erledigt, aber doch in ihrer
bisherigen Gestalt sozusagen geschichtlich geworden ist.-au
Als die politische Bewegung dieses Jahres die entscheidenden ersten Etappen ihres Sieges bereits hinter sich hatte, da
vernahm man auf einmal von verschiedenen Seiten den Ruf, es müssten nun auch die deutschen
evangelischen Kirchen zu einer umfassenden Neuordnung ihrer äußeren Verhältnisse
schreiten.58 Entsprechende Schritte sind dannaw, begleitet von einer mannigfaltigen, in Spruch und Widerspruch sich ergehenden
Teilnahme 8 der Theologen und Gemeinde|290gliederax, getan worden.59
ay-Die Initiative und Führung in dieser Neuordnung ist der Kirche durch
das, was az-am heutigen Tage-az geschehen ist,
aus der Hand genommen.60 Gerade für ihre Auseinandersetzung mit der nun entstandenen
Situation dürfte es unerlässlich sein, nachträglich die Frage aufzuwerfen-ay, wie es denn eigentlich damals mit der Legitimität jener ba-Aufrufe zur Kirchenreform-ba
gestanden habe.
Der Satz dürfte zu wagen sein: bb-auch eine zunächst die äußere
Gestalt betreffende-bb Kirchenreform muss aus der
inneren Notwendigkeit des Lebens der Kirche selbst˹, sie muss aus dem Gehorsam gegen das Wort
Gottes˺ hervorgehen, oder sie ist keine Kirchenreform. Wir werden uns nun jedenfalls
eingestehen müssen, dass wir alle, die wir am Leben der Kirche einigen Anteil zu haben
meinten, bc-zwar um die ernstliche Verbesserungsbedürftigkeit so
mancher kirchlichen Verhältnisse und auch um allerlei aus älterer und neuerer Zeit in der Luft
liegende Verbesserungspläne wussten, aber doch-bc noch am Anfang dieses
merkwürdigen Jahres keine Ahnung hatten von bd-einer so akuten-bd Notwendigkeit, be-zur Tat zu schreiten,-be d. h. einerseits von dem Vorhandensein von Fragen und Nöten des
kirchlichen Lebens, die bf-so brennend gewesen wären, dass sie jetzt
eben nach einer so umfassenden Tat gerufen hätten-bf – andererseits von
dem Vorhandensein der tiefen Einsichten und der großen Kräfte, die |291
bg-dieses Unternehmen gerade jetzt als verantwortlich und hoffnungsvoll
hätten erscheinen lassen-bg. Wir meinten damals einen als Gottes Wort
an uns ergehenden Befehl zu bh-solcher Tat-bh
jedenfalls noch nicht zu kennen. Ist das dann bi-im Frühjahr und seit
dem Frühjahr-bi auf einmal anders geworden, und wenn ja, wie ging das
zu? Die seither über die ˹sogenannte˺ Reichskirche und
was damit zusammenhängt, gepflogenen Verhandlungen sindbj weder sehr rasch
vorangekommen, noch sehr ˹zielbewusst,˺ entschlossen und einmütig geführt worden, noch bk-– wie das durch das folgenschwere Ereignis des heutigen Tages grell
beleuchtet wird –-bk sehr ertragreich gewesen. Hätte eine wirklich um
brennender Not willen und dann auch mit zureichender Kraft unternommene˹, eine durch das Wort
Gottes erzwungene˺ Kirchenreform
bl-in ihrer Entwicklung während der vergangenen Monate nicht-bl ein ganz anderes Gesicht zeigen müssen? bm-Ich
möchte die Schuld daran, dass dem nicht 9 so war, nicht etwa den
Persönlichkeiten der beteiligten Kirchenmänner61
zuschreiben!-bm Man bn-sage aber auch-bn nicht zu rasch, dass es in der evangelischen Kirche als einer «Kirche
unter dem Kreuz»62 nun einmal nicht anders als
˹offenkundig˺ menschlich allzu menschlich zugehen könne auch in ihren größten bo-Zeiten und dass also die offenkundige Schwäche der bisherigen Aktion
sozusagen als eine normale Erscheinung zu betrach|292ten
sei. Die-bo wirkliche Kirche
unter dem Kreuzbp ist auch die Kirche des heiligen Geistes, deren
Handlungen in aller Schwachheit und Torheit des Menschlichen doch immer auch etwas ˹zutiefst˺
Freudiges und Friedliches, etwas Sonntägliches, ja Festlichesbq an sich haben müssenbr. bs-Ein unscheinbares, aber überzeugendes Licht pflegt wirklich
geistlichen Entscheidungen der Kirche nie ganz abzugehen: das Licht eines guten Gewissens und
der Verheißung der Vergebung der Sünden in aller Schwachheit des Fleisches. Dieses Licht ist
doch wohl in den bisherigen kirchlichen Reformverhandlungen nicht sichtbar gewesen. Niemand
hätte sich des Werks von Loccum und Berlin63 schließlich auch nur einigermaßen
freuen können.-bs Diese Feststellung bt-weist
aber doch wohl darauf hin, dass es damals im Frühjahr-bt, als man auf
einmal nach dieser Reform meinte rufen zu sollen, vielleicht
nicht ganz mit rechten Dingen zugegangen ist.
bu-Fragt man sich aber-bu, inwiefern es
damals˹, als man diesen Turm zu bauen beschloss [vgl. Lk. 14,28–30],˺ nicht ganz mit rechten Din|293gen zugegangen bv-sein könnte-bv, dann bw-stößt man, wie mir scheint, an
entscheidender Stelle auf eine-bw merkwürdige bx-und verhängnisvolle, weil höchst grundsätzliche-bx Unklarheit˹,
nämlich auf die Unklarheit˺ des Verhältnisses zwischen der Ereignis gewordenen
politischenby-Revolution und dem, was
angesichts dieses Ereignisses die Kircheby meinte wollen und tun zu müssen. ˹Wir fragen:˺ Ging der Entschluss zu
diesem Wollen und Tun aus der Kirche selbst, d. h. aus dem bz-von der
Kirche-bz gehörten Wort Gottes hervor? ca-Oder
war er ein innerlich nicht notwendiger-ca, sondern eincb der politischencc
Begeisterung oder auch der politischencd Klugheit entsprungener ˹und also, obwohl in der Kirche
und von der Kirche gefasster, ein wesentlich unkirchlichercd1˺ Entschluss? Wenn
man die erste Frage nicht klar und mit gutem Gewissen bejahen kann, dann ist die Unfreudigkeit
und Unfriedlichkeit ce-der bisherigen Ausführung dieses
Entschlusses-ce kein Rätsel. Man kann aber die erste Frage leider
nicht klar und mit gutem Gewissen bejahen. 10 Wenn ich gerade die wichtigsten
der in jener Zeit des Entschlusses und nachher ergangenen ˹offiziellen und privaten˺
kirchlichen Kundgebungen überblicke, so stoße ich immer wieder auf das sehr befremdliche
Phänomen gewisser cf-politischer Präambeln-cf,
in denen die Verfasser ˹in einer beicg einer kirchlichen
Angelegenheit erstaunlichench Dringlichkeit˺ mit
mehr oder weniger Offenheit und Direktheit ˹zunächst und vor allem Anderen˺ ihre positive
Beurtei|294lung und Wertschätzung der im März geschehenen
Revolution und des durch
diese Revolution geschaffenen Staates65 ˹meinen˺ Ausdruck geben ˹zu müssen˺.66 Ich zitiere als ein Beispiel für viele den ersten Aufruf des
sogenannten «Dreimännerkollegiums» vom 28. April 1933:
«Eine mächtige nationale Bewegung hat unser deutsches Volk ergriffen und
emporgehoben. Eine umfassende Neugestaltung des Reiches in der erwachten deutschen Nation
schafft sich Raum. Zu dieser Wende der Geschichte sprechen wir ein dankbares Ja. Gott hat sie
uns geschenkt, ihm sei die Ehre.
In Gottes Wort gebunden erkennen wir in dem großen Geschehen unserer Tage
einen neuen Auftrag unseres Herrn an seine Kirche …»67
Entsprechend ci-dieser Erklärung-ci war dann
˹(wohlverstanden: immercj von Seiten der Kirche!)˺ auch sehr
oft zu vernehmen: der neue Staat
|295 «braucht»ck die
Kirche,68 und: die Kirche ist bereit, dem neuen Staate ˹(mit ihren
«starken Kräften», wie es einmal aus höchst kompetenter Feder kam)˺ «Mitarbeit»cl zu leisten.69 Auf dem Hintergrund des so oder
ähnlich umschriebenen Fundamentalartikels70
cm-der neu zu kon|296stituierenden
Kirche-cm kamen dann die verschiedenen Ankündigungen, Forderungen,
Programme und auch wohl Glaubensbekenntnisse, die die Absicht dieser Kundgebungen waren, zu
stehen.
Was ist dazu zu sagen? Vor allem dies, dass dieses Phänomen nicht etwa auf einen
unwiderstehlichen äußeren Druck zurückzuführen ist, dem sich die Kirche, um cn-in der neuen Situation zu retten, was zu retten war-cn, hätte fügen müssen. Der neue Staat
hat am 23. März 1933 durch den Mund des Reichskanzlers Adolf
Hitler eindeutig erklärt:
«Die Rechte der Kirchen werden nicht geschmälert, ihre Stellung zum Staate
nicht geändert.»71
Von einem «aufrichtigen Zusammenlebenco zwischen
Staat und Kirche» wurde an derselben Stelle
gesprochen,72 nicht aber weder von einer inneren noch auch nur von einer äußeren «Gleich11schaltung» der Kirche73
zugunsten des Staates. ˹Es wäre auf Grund jener Erklä|297rung Hitlers, die man geradezu die «Magna charta»
der neuen Kirche im neuen Reich genannt hat,74 von der Kirche nicht verlangt gewesen, sich auf
jenen Fundamentalartikel zu gründen.˺ Und abgesehen von vereinzelten Übergriffen75 ˹und Missgriffen wird man dem Staat bzw. cp-der Führung des Staates in dieser Sache bis jetzt auch sonst nichts
vorzuwerfen gehabt-cp haben.
Ich darf hier noch erinnern an die sehr korrekte Erklärung des preußischen
Kultusministers Dr. Rust (Kreuzzeitung Nr. 125 vom
7. Mai 1933): «daß für Preußen jedenfalls kein Anlaß zu der Befürchtung bestehe, daß der Staat in das
innere Leben der Kirche eingreifen werde. Er
werde sich nicht mit dem kleinen Finger in kirchliche Angelegenheiten mischen, die nur die
Kirche erledigen kann.»76
298 cq-Inwieweit die neuesten Ereignisse nur eine sehr eigentümliche
Interpretation oder aber eine in den Augen des Staates notwendig gewordene Aufhebung dieser
Zusagen und Erklärungen bedeuten, lässt sich heute noch nicht übersehen.77-cq˺
cr-Damals aber bedeuteten diese Zusagen und Erklärungen eine der
Kirche gegebene Chance, angesichts derer sie nicht etwa das Verhalten der Staatsleitung dafür
verantwortlich machen darf, wenn sie wieder einmal sich selber-cr
untreu gewesen sein sollte.
Man muss aber die Frage stellen, ob eben dies in jenen für den Sinncs der unternommenen Kirchenreform
wahrhaftig wichtigen politischen Präambeln ˹so vieler kirchlicher Kundgebungen bzw. in den
hinter diesen Kundgebungen stehenden Gesinnungen und Haltungen˺ nicht doch der Fall gewesen
sein möchte: ct-dass die Kirche sich selbst wieder einmal untreu
war.-ct Der Sinn dieser Präambeln war ja eben leider nicht bloß die
gewiss mögliche und berechtigte Feststellung, dass die Führung Gottes durch die politischen
Ereignisse der Kirche Anlasscu gegeben habe,
ihrerseits dem sie begründenden cv-Worte Gottes-cv neues Gehör und neuen Gehorsam zu schenken. Der Sinn dieser Präambeln war leider auch nicht bloß die
selbstverständliche Anerkennung auch des neuen Staates als der von Gott der Kirche koordinierten «Obrigkeit»cw nach Röm.
13[,1–7]. Sondern ihr Sinn war eindeutig der eines politischen Urteils – eines politischen Urteils, wie es
die Kirche zur Zeit cx-des Sieges-cx der
Revolution von 1918 mit Recht unterlassen hat.78 Aber macht nicht dies, dass sie es heute nicht |299 unterlassen hat, auch ihr damaliges Recht verdächtig? Schwieg sie etwa 12 damals doch nur aus demselben Grunde, aus dem sie diesmal cy-meinte reden zu sollen-cy? Es kann sich wirklich nicht darum handeln,
den Kirchenmännern, die damals durch ihr Schweigen, heute durch ihr Reden ihrem
politischencz Urteil
Ausdruck gaben, dieses Urteil als solches, sofern es ihrer persönlichen Überzeugung entsprach,
zu verübeln. Wer aber gab ihnen das Recht, dieses ihr Urteil im Namen der Kircheda auszusprechen, die db-neue Kirche auf
dieses ihr politisches Urteil zu gründen,
sie-db ˹gleich im Fundamentalartikel˺ «gleichzuschalten» und damit
nicht nur: alle diejenigen, dc-die sich-dc
diesemdd Urteil nicht de-anschließen können-de, von der df-zu
erneuernden-df Kirche auszuschließen, ˹nicht nur: die Kirche in
unverantwortlicher Weise an eine bestimmte Gestalt der Weltgeschichte zu binden, sondern vor allem grundsätzlich:˺ die unternommene
Erneuerung der Kirche sofort mit der Proklamierung eines unerhört neuen Erkennt|300nis- und Normprinzips zu eröffnen? Oder ist das nicht die
Proklamierung eines unerhört neuen Erkenntnis- und Normprinzips in der evangelischen Kirche,
wenn man offen erklärt, den «neuen Auftrag unseres Herrn an seine Kirche» nicht etwa in der heiligen Schrift, sondern «in dem großen Geschehen unserer Tage» erkannt zu haben? Was bedeutet
daneben das Partizip «in Gottes Wort gebunden»79?
In «Gottes Wort gebunden» würde die Kirche im Worte Gottes bleibendg
dh-und nicht die Stimme eines Fremden hören-dh.80 ˹Quo
iure wurde es anders gehalten? Denn˺ sollte es zu verkennen sein, dass die Kirche in jenen
Präambeln eben doch die Stimme eines Fremden, di-d. h. nicht die Stimme
des Wortes Gottes, sondern die Stimme eines menschlichen,
rein politischen Urteils gehört hat-di? Ohne äußere Not, einfach weil
sie innerlich ihrer Sache nicht sicher war, zwischen Theologie und Politik nicht zu unterscheiden wusste! In politischer
Begeisterung oder aus politischer Klugheit nicht unterscheiden wollte?
Jedenfalls nicht dj-unterschieden hat, nicht bei
ihrem Thema-dj blieb. Und so, in dieser Zweideutigkeit, in der
Befangenheit, in der sich die Kirche immer befindet, wenn sie Kirche sein möchtedk und doch Kirche zu seindl
dm-vergisst oder sich
fürchtet-dm, sodn ist sie dann an das Reformwerk herangetreten. Wie hätte do-da
seinem Gang jene Festlichkeit, jene geistliche Gewissheit-do eigen sein
können, die wirdp an ihm vermissen zu müssen meinen?
˹Niemand hatte das gute Gewissen und den freien |301 Rücken, den es zu
einer solchen Arbeit brauchte.˺ Ich 13 denke nicht daran, das nun einmal
begonnene Werk durch diesen Hinweis stören zu wollen. dq-Die
Fortsetzung könnte ja immer noch besser werden, als der Anfang gewesen ist.-dq Die einfachedr Tatsache, dass es nun
einmal ˹«hominum confusione et Dei providentia»81˺ faktischds
begonnendt ist, du-und die andere Tatsache, dass es durch die neuesten
Ereignisse in seinem Lauf faktisch gehemmt ist,-du
mag und soll der Kirche ˹wie das ganze «große Geschehen unserer Tage»˺
dv-Anlass sein, nun vielleicht wirklich legitim-dv an das Werk ihrer äußerendw Umgestaltung heranzutretendx. ˹Der neue Tag mit seinen neuen Bedingungen bringt neue
Entscheidung.dy˺ Ist nicht
vielleicht gerade in dem Irrtum dz-bzw. in den Folgen des
Irrtums-dz, in welchem die Sache im Frühjahr angegriffen worden ist,
die brennende˹, die wahrlich nach Reform an |302 Haupt und Gliedern82 verlangende˺ Not der Kirche erstea sichtbar geworden? Und sollten nicht
gerade angesichts dieser brennenden Not ihre wirklichen Kräfte ˹und Einsichten˺ zu solcher
Reform sich regen müssen? Sollte Gottes Wort und eb-Befehl, nachdem wir
bis jetzt vielleicht einfach zu eigenmächtig gewesen sind, nicht etwa jetzt
gebieterisch-eb zu vernehmen sein? Und sollte dann die Kirchenreform nicht etwa doch noch aus dem Leben der Kirche selbst hervorgehen und so
wirkliche Kirchenreform werdenec
können? ed-Viel Eifer und Ernst und menschliche Treue ist in diesen
Monaten an dieses Werk verwandt worden. Nur-ed ˹die heilige Schrift ist
ee-doch wohl nicht-ee Meister gewesen ef-bei diesem Werk-ef und darum auch nicht das Wort
Gottes. Aber noch hateg die deutsche evangelische
Kirche die heilige Schrift und mit ihr die Verheißung einer Reform nicht durch menschliche,
durch politische und kirchenpolitische Willkür, sondern durch das Wort Gottes. Wo die heilige Schrift Meister ist, da ist theologische Existenz, und wo theologische Existenz ist, da mag es zur
Kirchenreform aus dem Leben der Kirche kommen. Wo keine
theologische Existenz ist, da kann und wird es in eh-unserer wie zu
jeder Zeit der Kirche, in der sie-eh sich selber helfen wollte, nur zu
Totgeburten kommen.˺
Die Frage, die die deutscheei Kirchenreform bisher vor anderen charakterisierte und alsbaldei1 zum wenig schönen Kirchenstreit
werden |303 ließ, war die Bischofsfrage. Man möchte wohl wissen können, wie sich später die
Kirchengeschichte mit dem 14 Rätsel auseinandersetzen wird: welche
ernsthaften, inneren, theologisch relevanten Gründe ej-dazu
vorlagen-ej, dass in der kirchlichen Bewegung des Jahres 1933
ausgerechnet diese Frage solche Bedeutung bekommen konnte, wie sie sie nun
bekommen hat? Siehe, sie war eines Tages in großer Einmütigkeit (˹auf der ganzen Linie˺ von
Zoellner bis zu Hossenfelder83!) da, die Überzeugung: die neue evangelische Kirche muss vor allem und auf alle Fälle eine
«entschlußkräftige», d. h. eine in eine Hand gelegte «Führung» bekommen,84 und diese eine Hand soll in jeder Landeskirche die
eines Landesbischofsek, in der die Einheit der
Landeskirchen realisierenden el-und repräsentierenden-el Reichskirche aber die eines Reichsbischofs sein.85 Wir brauchen und wir wollen em-«geistliche»,
«autoritäre» Führer und zuletzt und
zuoberst einen geistlichen autoritären Führer-em!86
304 Auch hier ist ˹zunächst˺ zu fragen: Wer von uns hätte sich noch am Anfang dieses Jahres von
en-der akuten Notwendigkeit gerade dieses Theologumenons-en auch nur träumen lassen? Gewiss, eo-der Gedanke des
evangelischen Bischofs hat in Deutschland schon eine lange Geschichte.87 Gerade in den zuletzt vergangenen Jahren ist in Deutschland oft
genug mit ihm-eo gespielt und sogar nicht ohne partielle Erfolge
gespielt worden.88 Aber
hat man uns damals nicht immer damit beruhigt, dass es sich bei den erstrebten und z. T.
tatsächlich vollzogenen Bischofskreierungen gerade nicht um die Einführung des
wirklichenep, d. h. des katholischen Bischofsamtes mit ˹besonderer˺ |305 geistlicher Vollmachteq und
Lehrgewalt, sondern eben nur um die Einführung einer im Verhältnis zu dem ungelenken Wort
«Generalsuperintendent» etwas würdigeren Benennung eines ˹keineswegs theologisch, sondern eben
nur technisch,˺ mit dem Auftrag zu gewissen Aufsichtsfunktionen ˹im größeren Kreis,˺ unter den
anderen hervorgehobenen er-gewöhnlichen evangelischen Predigers
handle-er?89
Der Bischof von 1933 war und ist offenbar nicht dieser harmlose Titularbischof. Wäre er es, wie
wäre die Dringlichkeit des Rufs nach ihm, wie wäre vor allem die Hitzigkeit der Aussprache
über die Frage «Müller oder Bodelschwingh?»90 zu erklären? War
der Reichsbischofes das Eine Notwendige, als das er doch sofort bei Beginn der ganzen
Verhandlungen ausgegeben wurde, und et-war die Frage «Müller oder Bodelschwingh?» so wichtig, wie von
beiden Seiten behauptet wurde-et, dann ergibt 15 sich
schon daraus, dass diesmal, 1933, von allen denen, die den Bischof überhaupt wollteneu, ein wirklicher Bischof gemeint sein mussteev: ein den einzelnen
Gemeinden und ihren |306 Predigern nicht nur technisch, sondern
theologisch, wesenhaft, vorgeordneter Führer, der Inhaber
eines von dem Prediger-, Ältesten-, Lehrer- und Diakonenamt91 in den
Gemeinden ew-als übergemeindliche Instanz-ew
unterschiedenen und mit ˹den entsprechenden˺ besonderen Gaben ˹nebst der entsprechenden˺
besonderen Autorität ausgestatteten kirchlichen Amtes, kurz: der Bischof, wie er bis jetzt nur
in der katholischen, nicht aber in der evangelischen
Dogmatik vorkam.92 War ex-nicht dieser-ex Bischof gemeint, sondern bloß jener etwas geschmückte
Generalsuperintendent, wie er etwa in den englischen und skandinavischen Kirchen «Bischof»
heißt, dann würde man denen, die im heutigen Deutschland, in
welchemey zur Beschäftigung mit Spielereien wirklich keine
Zeit und Kraft vorhanden ist, ausgerechnet nach dem Bischof gerufen haben, den Vorwurf des
Leichtsinns kaumez ersparen können. Aber sie verdienen
diesen Vorwurf fa-doch nur teilweise und in anderer Hinsicht.-fa Sie haben schonfb den fc-wirklichen Bischof gemeint und
gewollt-fc. ˹Sie sollten es freilich unterlassen, sich selbst als
leichtsinnig hinzustellen, indem sie sich nun nachträglich so interpretieren, als ob sie in
der Tat nur den englischen oder skandinavischen «Bischof» gemeint hätten.˺
Die Genesis des Bischofsgedankens von 1933 liegt ja am Tage: ˹«Keine Nachahmung der
staatlichen Formen!» (Zoellner).93 Doch!
ist zu erwidern, es hat sich im Bischofsgedanken von 1933 eindeutig um die Nachahmung einer
bestimmten «staatlichen Form» gehandelt.˺ |307 Man hatte in der politischen Zeitbewegung vor sich die eindrucksvolle Gestalt eines Führers, der sich als solcher, d. h. durch die Fähigkeit, die
politische Macht zu erobernfd und zu gebrauchen,
faktischfe als solcher erwiesen hat. Die
Kirche muss auch einen solchen Führer haben, sagte man sich, wobei die Einen diesen Satz sehr
schlicht mit der Staatsräson begründeten: dass ein geführter Staat nur eine ebenfalls geführte
Kirche neben sich ˹oder in sich˺ haben könne,94 während die Zweiten umgekehrt die
Kirche damit, dass sie auch ihr eine solche Führung geben wollten, dem geführten Staat
gegenüber stark zu machen gedachten,95 während wieder Andere nun auf einmal entdeckten, |308 dass das Führerprinzip aus dem eigensten Wesen 16 der Kirche heraus auch für
die Kirche selbst anerkannt und in der Kirche selbstff
realisiert werden müsse.96 Wohlverstanden: das Führerprinzip, wie man es
˹konkret˺ in der Gestalt Adolf Hitlers
fg-und seiner Unterführer-fg vor Augen
hatte.97 Um
welchen anderen fh-Begriff von «Führer» hätte es |309 sich denn, wenn man im Deutschland des Frühjahrs 1933 dieses Wort in den Mund nahm,-fh handeln können?
Diesesfi Führerprinzip ergibt aber, das wäscht der
Rhein nicht ab,98 wenn man es ins
Theologische übersetzt, den wirklichen, fj-den strengen, man täusche
sich doch nicht: den-fj katholischen Episkopalismus. ˹Man wollte, auch wenn man sich nicht
die Mühe nahm, fk-auch wenn man sich scheute,-fk
sich das klar zu machen, einen richtigen Bischof mit einem richtigen Krummstab!˺ Man wollte
einen Bischof, der auf Grund irgend einer ausgezeichneten Begabung über die Geltung des
Bekenntnisses, d. h. über das rechte Verständnis der heiligen Schrift in der Kirche zu wachen, Irrlehren als solche zu bezeichnen ˹und autoritativ zu
perhorreszieren˺ in der Lage sei, der die Macht habe, Prediger und Lehrer ein- und
abzusetzen,99
und das Recht, an den eingesetzten Predigern und Lehrern vorbei in besonderen Ansprachen sich
direkt an die Gemeinde zu wenden, dem es überlassen sei, der Kirche in fl-ihren Beziehungen-fl zum Staat und zu den Kirchen
des Auslandes dieses oder dieses in sein Ermessen gelegtes Gesicht zu geben.100 Nochmals: wenn man nichtfm
|310 das wollte, dann wäre die fn-Proklamierung
der Formel vom geistlichen, autoritären Führer-fn und der Ruf nach ihm fo-ein
sträflicher Leichtsinn-fo gewesen. fp-Aber
nochmals: man war-fp, in dieser Hinsicht jedenfalls, nichtfq leichtsinnig. Man meinte schon diesen Bischof, nur dass eben – und hier könnte sich nun die
Frage des Leichtsinns in ganz anderer Hinsicht ergeben – die allerwenigsten von denen, die ˹so
fröhlich nach dem kirchlichen Führer˺ riefen, auch nur daran dachten, sich an Hand einer
Übersetzung dieses durch die heutige politische Situation
schlechterdings geprägten Begriffs ins Theologische
klarfr zu machen, was sie eigentlich meinten und
wollten. Schon dieser primitivste Schritt theologischer Besinnung ist im Eifer des eiligst zu
unternehmenden Turmbaus [vgl. Lk.
14,28–30] einfach unterlassen worden.
Es ist aber noch mehr unterlassen worden, was unmöglich hätte unterlassen werden können,
wenn man über der Erhaltung seiner theologischen Existenz gewacht hätte und nicht vor lauter 17
fs-kirchenpolitischem Eifer
theologisch-fs eingeschlafen wäre. Hat sich eigentlich niemand fragen wollen, ob die
Nachahmung eines politischen Vorgangs in der Kirche und durch die Kirche nicht schon an sich eine mindestens
bedenkliche Angelegenheit sein könnte? Wie waren wir doch einst so scharfsichtig in der
Feststellung, dass die dem römischen Imperium
entsprechende ft-und sich ihm anpassende-ft Her|311ausbildung und Zusammenfassung des monarchischen Episkopats auf dem Boden der alten Kirche als ein
Symptom der Verweltlichung dieser Kirche zu
verstehen sei!101
fu-Mit welcher Selbstverständlichkeit befestigten wir nun diesen-fu Balken in unserm eigenen Auge [vgl. Mt. 7,3–5]!
fv-Und weiter hätte man sich doch Folgendes überlegen müssen-fv: Wirkliche Führungfw – man wird
diesen Begriff von dem der Regierung oder Leitung doch wohl unterscheiden müssen – kann auf
allen Gebieten, wo sie in Betracht kommt, sicherfx nur als
Ereignis wirklich sein.
Wenn der Mann da ist, der faktisch führt, dann ist er eben
der Führer. Auch ich denke jetzt an Adolf Hitler.102
312 ˹Wäre ich Nationalsozialist, so würde ich gegen das Gerede vom kirchlichen
«Führer», fy-den es jetzt brauche und der jetzt einzusetzen
sei,-fy so argumentieren:˺ Wir Nationalsozialisten haben nicht das Amt eines
Führers als gut und notwendig erkannt, um es dann mitAdolf Hitler zu besetzen. Sondern Adolf
Hitler war da, führte und war der Führer ˹– keines Amtes bedürftig, denn nicht seine oberste Charge in
unserer Partei und nicht das Reichskanzleramt macht ihn zum Führer, sondern weil er Führer
ist, hat er diese Charge und musste er beim Sieg unserer Partei Reichskanzler
werden. Das soll ihm einmal einer nachmachen in der Kirche! Dann, aber erst
dann hat es Sinn, von einem kirchlichen Führeramt zu reden. Weder Müller noch Bodelschwingh
fz-noch sonst jemand hat-fz ihm bis jetzt das nachgemacht. Ergo…!˺
Warum sollte es nicht auch in der Kirche wirkliche Führung geben? Aber sinnvoll wäre doch
ga-auch und gerade in der Kirche-ga erst dann
davon zu reden, wenn sie gb-Ereignis wäre-gb. In Luther und Calvin
war sie Ereignis. ˹Es war ihnen nicht kraft eines besonderen Amtes, gc-ja sogar ohne dass sie nachträglich Träger eines solchen besonderen Amtes
werden mussten,-gc sondern sehr schlicht im Rahmen ihres gewöhnlichen
Amtes als Prediger und Professoren in Wittenberg
und Genf faktisch gegeben, die
Kirche zu führen, sehr autoritär, sehr geistlich, aber vor allem sehr wirklichgd.˺ ge-Wäre ein Luther oder Calvin
einfach da in unserer 18 Gegenwart, dann wäre das «Führerprinzip» sinnvoll,
und zwar ohne die Errichtung eines besonderen Bischofsamtes.-ge Es ist aber sinnlos, ein kirchliches Führeramt vorzusehen und einzurichten, um es
dann mit irgend Jemandem zu besetzen im Vertrauen, dass er es ausfüllen werde, und wenn dieses
Vertrauen persönlichgf noch so wohl begründet wäre. gg-Führung gibt es nur, wo Führung vollendete Tatsache ist.
Das Führungsprinzip ist
barer Unsinn.-gg Wer es anders sagt, der weiß nicht, wovon er
redet.
313 Aber auch dieser Einwand ist noch nicht entscheidend.gh Wie kommt es, so ist nun vor allem zu fragen, dass der Ruf nach dem
Bischof als dem autoritärengi geistlichen Führer möglich wurde, ohne dass sich die
Rufenden und die ihren Ruf Aufnehmenden zuvor verpflichtet gesehen hätten, sich selbst und
Anderen Rechenschaft darüber abzulegen, ob und inwiefern denn ˹die Existenz˺ gj-eines solchen Bischofsamtes-gj in der evangelischen
Kirche überhaupt erlaubt und
geboten sein möchte˹, ja notorisch, ohne dass sie sich auch nur
grundsätzlich gk-klar gemacht-gk hätten,
wasgl sie mit einem solchen Bischof bejahten, so
dass der, der heute diesem Bischof widerspricht, in Gefahr steht, schon morgen als ein Don
Quichote dazustehen,103 weil man ihm
vielleicht schon morgen eröffnen wird, dass man an einen wirklichen Bischof nun doch nicht
gedacht habe oder jedenfalls in Zukunft nicht mehr denken wolle˺. Ist die theologische
Verwilderung eigentlich schon so weit fortgeschritten im evangelischen Deutschland, dass man
es nachgerade ohne Risiko wagen darf, ein beliebiges neues Dogma mir nichts dir nichts ohne Autorität nicht nur, sondern auch ohne den Schatten
eines theologischen Beweisesgm, nur weil es einem so
passt und weil ja ohnehin Revolution ist, auszurufen und
dass es sich dann ereignen kann, dass (˹in diesem Fall:˺ außer den Reformierten) niemand nach dem theologischen Beweis auch nur fragt, sondern jedermann
(in Revolutionszeiten ist ja zu theologischer |314 Besinnung nicht die
Zeit!104) sich für überzeugt hält, dass es mit dem neuen Dogma wohl seine Richtigkeit haben werde? Und hat sich auch
nur einer von den Verantwortlichen das Groteske der Tatsache klar gemacht, dass man zur
Bischofswahl und zu einem saftigen Bischofsstreit105 übergegangen ist, ohne das, was man mit dem Bischof meinte |315 und wollte – wenn man denn auf den theologischen Beweis in der Eile
verzichten wollte – zuvor wenigstens dogmatisch und kirchenrechtlich ordentlich bestimmt
19 zu habengn, dass mango offenbar die Kirche gemächlich darauf warten lassen wolltegp, welchen Inhalt das neue Amt
vielleicht nachträglich durch seinen Träger bekommen werde?, dass gq-also die Bischofsfreunde selbst nicht einmal davor sicher waren, dass das Ende vom Lied
schließlich, allen Indizien zuwider,-gq doch nur der etwas geschmückte
oberste Generalsuperintendent˹, der schwedische oder englische «Bischof»˺ ohnegr Vollmacht und Lehrautorität
sein könnte? Was für ein unverantwortliches Spiel ist da eigentlich getrieben worden!gs Kann man sich wundern, dass sich der auf dem so beschaffenen
Hintergrund entstandene Streit um die Persongt des
Reichsbischofs zu einer Blamagegu ˹der evangelischen Kirche˺ ausgewachsen hat, deren Folgen sich
nungv leicht als schlimmer erweisen könnten als die
sämtlichen ˹wirklichen und angeblichen˺ Übel der Vergangenheit, die man mit Reichskirche und Reichsbischof
meinte kurieren zu sollen und zu können?
Ich weiß keinen Ausweg aus dieser Sackgasse als die Umkehr. Man lasse aus demgw Spiel Ernst werden! Wir Reformierten haben das wenigstens in der Weise versucht, dass wir die
Ankündigung des autoritärengx
Bischofs theologisch ernst genommen und unter
Angabe un|316serer ˹theologischen˺ Gründe gy-auf das Bestimmteste-gy abgelehnt haben.106 Wir habengz gesagt,
dass das Oberhirtenamt, die Vollmacht und Autorität Jesu Christi ˹bzw. der heiligen Schrift˺, in
der Kirche seine menschliche Entsprechung nur im Dienst der ordentlichen Ämterha der
˹im synodalen Verband einander gegenseitig beratenden und
mahnenden, sichernden und entsichernden konkreten˺ Gemeindenhb, nicht aber in einem besonderen, den Ämtern der konkreten Gemeinden
übergeordneten Bischofsamt
hc-haben könne-hc. Wir haben erklärt, dass wir
die Führung der Kirche als Ganzes, ˹d. h. als der einen Kirche in denhd
einzelnen
Kirchen,˺ sofern wir sie überhaupt von Menschen
erwarten, nur von dem befohlenen Dienst in den Gemeinden, nicht aber von einem ad hoc
aufgestellten bischöflichen Thron erwarten könnten. Diese These dürfte he-jedenfalls in sich-he deutlich sein. Wir haben bis
jetzt vergeblich auf die ebenso geklärte und begründete Gegenthese gewartet. Wir haben
vermutet, dass sie vielleicht eine Gegenthese lutherischer
Theologie sein könnte, weil uns der sogenannte
«Bischofsgedanke» bis jetzt vornehmlich als ein Postulat unserer Glaubensgenossen lutherischer
Herkunft bekannt war. Aber hf-nicht nur
die schon vorhandenen 20 lutherischen Bischofsämter,107 sondern auch-hf
Erlangen, Göttingen, Leipzig, Rostock108 und die anderen ˹akademischen˺
Hochburgen des Luthertums haben diese Gegen|317these,
hg-den evangelischen «Locus de episcopo»,-hg
die theologische Lehre vom wirklichen evangelischen Bischof, bis jetzt nicht auf den Plan gestellt, das neue Dogma weder zu beweisen noch auch nur zu formulieren
˹versucht˺. Was hätte man dort, aber schließlich in jedem lutherischen Pfarrhaus Wichtigeres
zu tun, wenn es etwa so sein sollte, dass die Herausstellung eines wirklichen Bischofs eine lutherische Notwendigkeit wäre? Und
ebenso: wenn das neue Dogma nun vielleicht doch auch für die lutherische Theologie untragbar wäre? Was der hh-nun zurückgetretene «designierte Reichsbischof» D. v. Bodelschwingh109 während seiner
Wirksamkeit als solcher-hh gesagt und getan hat – ich denke besonders
an seinen zu Pfingsten erschienenen Hirtenbrief110 – das war eine Aufhebung und Widerlegung des
wirklichen Bischofs: in jeder Zeile ein im
ordentlichen Dienst am Wort stehender evangelischer Christ und Theologe, in keiner Zeile der
autoritäre geistliche Führer!111 Gott Lob und Dank, hi-dass dem so war! |318 Und Gott Lob und Dank, dass er nun offenbar gnädig davor bewahrt
geblieben ist, in Zukunft etwa doch noch ein autoritärer, geistlicher Führer werden zu –
müssen! Aber hätte es nicht auch D. v. Bodelschwingh vor allem wichtig sein müssen, in Erfahrung zu bringen und uns zu
sagen, ob und in welchem Sinn er eine Zeitlang befugt war, auch nur Hirtenbriefe, die keine
Hirtenbriefe waren-hi, zu schreiben – ob
es einen wirklichenhj Bischof, der hk-zu solchen und ähnlichen Führerakten-hk befugt ist,
in der evangelischen Kirche überhaupt geben darf und soll? Aber wer es auch sei, der den
wirklichen Bischof fernerhin wirklich zu fordern und zu vertreten ˹oder gar Bischof zu sein˺ gedenkt: er ist hiemit eingeladen, diesen wirklichen Bischof theologisch
(nicht soziologisch, nicht politisch, nicht geschichts- und nicht kairosphilosophisch,112 sondern theologisch! an Hand von Schrift und Bekenntnis!) zu definieren ˹und zu beweisen hl-oder aber-hl formell |319 zu erklären, dass die Errichtung eines wirklichenhm
Bischofsamtes
hn-unter Anspielung auf den heute maßgebenden Begriff des
«Führers»-hn fallen gelassen, dass allen (nochmals: auf der ganzen
Linie von Zoellner bis zu Hossenfelder) gefallenen großen Worten zum Trotz hinfort
höchstensho noch von einem administrativ-dekorativen
«Bischofsamt» ohne
21 Autorität in Bezug auf Lehre, Gottesdienst und Verfassung, ohne Einsetzungs- und Absetzungsgewalt usf. die Rede sein soll˺. Wie soll man, solange
hier offenbar niemand im einen oder im andern Sinn Rechenschaft ablegen will – wie soll man
die ganze Schöpfung des Reichsbischofsamtes und die ganze
Reichsbischofswahlhp anders bezeichnen
denn als hq-Taten einer großen-hq
Unbesonnenheit, in welchenhr die Kirche – bis jetzths ist dieser Anschein nicht widerlegt – in
unnötig-begeisterter oder in unnötig-ängstlicher Anpassung an die derzeitige Gestalt des Staates, d. h. aber in grundsätzlicher
Unkirchlichkeit gehandelt hat? Und was soll man anderes dazu sagen, als ht-dass es jetzt Zeit-ht wäre, hu-wieder nüchtern zu werden – nüchtern-hu zu der Erkenntnis, dass die
˹deutsche evangelische˺ Kirche, hv-sofern auch sie in der einen heiligen allgemeinen Kirche ist, ihren «Führer» hat
in Jesus Christus, dem Worte Gottes-hv, der ihr wohl auch menschliche «Führer» geben kann, dass sie sich aber
eben darum – und heute vielleicht so radikal wie Israel
auf dem Karmel [vgl. 1.Kön. 18] –
darüber schlüssig werdenhw muss, ob sie
sich an hx-seiner Führung und an der Möglichkeit,
dass er uns Führer gibt,-hx genügen lassenhy oder ob sie sich mit der Kirche des Papstes und
als deren |320 schlechte Nachahmung˹, Fleisch für ihren Arm haltend
[vgl. Jer. 17,5],˺ eigenmächtig in die
Hände eines selbsterwählten Führers legen will. Die deutsche evangelische Kirche hat sich
hz-in ihren verantwortlichen Vertretern-hz in
diesen Monaten nicht verhalten als die Kirche, die ihren Führer hat. Aber
noch hat er sie, so gewiss wir sein Gesetz und sein Evangelium noch immer von ihm hören dürfen. Wo ia-es begriffen ist, dass er, und zwar er allein Führer ist-ia, da ist theologische Existenz. Und wo theologische Existenz ist, da ist
ib-man in aller Bescheidenheit – und wenn man ein noch so kleiner
Theologe, wenn man der unbekannteste Dorfpfarrer oder auch gar
kein Pfarrer und Theologe, sondern «nur» so etwas wie ein Laienältester wäre, der aber seine
Bibel und seinen Katechismus kennt – selber der rechte Bischof, wie er in der
heiligen Schrift vorgesehen ist-ib. Wo keineic theologische Existenz
ist, wo man nach dem id-kirchlichen Führer
ruft, statt Führer zu sein in seinem befohlenen
Dienste-id, da ist alles Rufen nach ie-dem
Führer-ie so vergeblich wie das Schreien der Baalspfaffen: «Baal,
erhöre uns!» [1.Kön. 18,26].
Derif problematische Ruhm, die deutsche Kirchenreform von 22 1933 überhaupt und nicht zuletzt die Bischofsfrage ins Rollen gebracht zu haben, gebührt der
sogenannten «Glaubensbewegung Deutsche Christen».113 Man hat mich ˹im Besondern˺ gefragt, warum ich noch
nie ein öffentliches Wortig gegen diese Bewegung gesagt
habe. Ich habe |321 es darum nicht getanih, weil ich bis jetzt der Meinung war,
was ich ii-in dieser Sache-ii zu sagen habe, sei
allzu selbstverständlich, als dass es sich nicht Jeder, der mich auch nur ein wenig kenne,
ebensogutij selber sagen könne. Aber es sind an dieser
Selbstverständlichkeit Zweifel aufgetaucht: weil man gewisse Reformierte, mit denen ich ˹in diesen
Monaten˺ zusammenarbeitete, und noch mehr: weil man Diesen und Jenen, der bisher mehr oder
weniger als mein Schüler gegolten hatte, in den Reihen dieser «Deutschen Christen» auftauchen
sah.114 Mag denn also das Selbstverständliche ausdrücklich gesagt sein.
˹Ausdrücklich und nachdrücklich, aber doch nur beiläufig; ich sage es nämlich nur,˺ weil es
als Voraussetzung dessen, was ich ik-bei Anlass-ik der «Deutschen Christen» sagen möchte, offenbar unentbehrlich ist.
Nach den Richtlinien der «Deutschen Christen» in den beiden bekanntlich gleich maßgeblichen
Gestalten vom 5. und vom 16. Mai 1933115 ist der il-Standort undil der Wille derer, die sich so heißen, ˹in |322 den theologisch wesentlichen Punkten˺ dieser:
«im-Es sieht so aus-im», so sagen sie, «als wollte das deutsche
Volk in der Besinnung auf die tiefsten Quellen seines Lebens und seiner Kraft im1-auch wieder den Weg zur Kirche finden-im1. Die
deutschen Kirchen haben darum Allesin zu tun, daß
dies geschehen könne.»116 Die Kirche hat sich zu erweisen
als Kirche io-für das deutsche Volk-io, indem
sie «dazu hilft, daß es den von Gott ihm aufgetragenen Beruf erkennen und erfüllen kann»,
ip-wie dies «das letzte Ziel auch für die heutige Staatsleitung»117
istist-ip. |323 Die deutschen Kirchen
müssen eine Gestalt bekommen, «die sie fähig macht, iq-dem deutschen
Volk den Dienst zu tun-iq, der ihnen durch das Evangelium von Jesus
Christus aufgetragen ist».119 Eben dies erstreben die «Deutschen
Christen». Was aber zeichnet diese «Deutschen Christen» und ihre Forderungen vor anderen
vielleicht ganz ähnlich klingenden aus? Dies zeichnet sie aus: ihnen ist die Anerkennung der
«Hoheit des nationalsozialistischen Staates» nicht nur ˹Sache der˺ Bürgerpflicht, nicht nur
Sache der politischen Überzeugung, sondern Sache des Glaubensir, und 23 sie fordern eine Kirche, die darin mit ihnen
einig sei. Das Evangelium muss nach ihnen in Zukunft als «das Evangelium im Dritten Reich»
verkündigt werden.120 ˹Das Bekenntnis soll gewahrt, es muss aber im
Sinne «scharfer Abwehr» des Mammonismus, des Bolschewismus und «des unchristlichen Pazifismus»
weitergebildet werden.121˺ Die Kirche muss in Zukunft
sein «die Kirche der deutschen Christen, is-das heißt, der Christen arischer
Rasse-is».122 Der Reichsbischof
˹als «geistlicher Führer, der die maßgebenden Entscheidungen persönlich zu treffen und zu
verantworten hat»,123˺ soll «nach Vorschlag und aus den Reihen der
deutschen Christen» durch Urwahl unter Ausschluss des Wahlrechts für Chris|324ten nicht-arischer Abstammung bestimmt werden.124 (In einer späteren Verlautbarung ist als drittes Kriterium
für den künftigen Bischof noch dies hervorgehoben worden: dass er ein Mann des besonderen
Vertrauens des Reichskanzlers sein müsse.125) ˹Was soll die Kirche mit ihrem
Bekenntnis? die Kirche soll «uns die Waffen für den Kampf gegen alles unchristliche und
volksverderbende Wesen liefern».126
it-Wie soll es dazu kommen?-it «Die Ausbildung
und Führung der Pfarrer bedarf einer gründlichen Umgestaltung im Sinne größerer Lebensnähe und
Gemeindeverbundenheit»127 usw.! ˺
Was ich dazu zu sagen habe, ist einfach: ich sage unbedingt und vorbehaltlos Nein zum Geist
und zum Buchstaben dieser Lehre. Ich halte dafür, dass diese Lehre in der evangelischen Kirche
kein Heimatrecht hat. Ich halte dafür, dass das Ende der evangelischen Kirche gekommen wäre,
wenn diese Lehre˹, wie es der Wille der «Deutschen Christen» ist,˺ in ihr zur Alleinherrschaft
kommen würde. Ich halte dafür, dass die evangelische Kirche lieber zu einem kleinsten Häuflein
werden und in die Katakomben gehen sollte, als
dass sie mit dieser Lehre ˹auch nur von ferne˺ Frieden schlösse.128 Ich halte diejenigen, |325 die sich
dieser Lehre angeschlossen haben, entweder für Verführer oder für Verführte und kann die
Kirche in dieser «Glaubensbewegung» nur so wiedererkennen, wie ich sie auch im römischen Papsttum wiedererkennen muss. Ich kann auch meine verschiedenen
theologischen Freunde, die sich ˹kraft irgend einer Hypnose oder mittelst irgend eines
Sophismus129˺ in die Lage versetzt fanden, diese Lehre zu bejahen, nur bitten,
iu-von mir aus-iu zur Kenntnis zu nehmen, dass
ich mich, sofern ihnen nicht in glücklicher In24konsequenz neben
dieser Irrlehre auch noch eine anderweitige christliche,
kirchliche und theologische Substanz erhalten geblieben sein sollte, schlechterdings iv-und endgültig-iv von ihnen geschieden weiß. Ich
nenne zur Begründung dieser ˹meiner˺ Ablehnung folgende Punkte:iw
326
- Nicht dafür hat die Kirche «Alles zu tun», dass das deutsche Volk «auch wieder
den Weg zur Kirche» finde, sondern dafür, dass es in der Kirche das Gebot
und die Verheißung des freien und reinen Wortes Gottes finde.ix
- Das deutsche Volk empfängt seine Berufung von Christus und zu Christus durch dasiy ˹nach der heiligen Schrift˺ zu verkündigende Wort Gottes. iz-Diese Verkündigung ist die Aufgabe der Kirche.-iz Es ist nicht
die Aufgabe der Kirche, ja-dem deutschen Volke zur Erkenntnis und
Erfüllung eines von der Berufung von und zu Christus verschiedenen-ja
«Berufs» zu verhelfen.
- Die Kirche hat überhaupt nicht den Menschen und also auch nicht dem deutschen
Volk zu dienen. Die jb-deutsche evangelische Kirche ist die Kirche für
das deutsche evangelische Volk. Sie-jb dient aber allein dem Worte Gottes. Es ist Gottes Wille und Werk, wenn durch
sein Wort den Menschen und also auch dem deutschen Volke gedient wird.
- Die Kirche glaubt an die göttliche Einsetzung des Staates als ˹des Vertreters und
Trägers˺ der öffentlichen Rechtsordnung jc-im Volke-jc. Sie glaubt aber weder an einen
bestimmten, also auch nicht an den deutschen [Staat]130, und sie glaubt an
keine bestimmte, also auch nicht an die nationalsozialistische Staatsform. Sie verkündigt das
Evange|327lium in allen Reichen dieser Welt. ˹Sie verkündigt es
auch im Dritten Reich, aber nicht unter ihm und nicht in
seinem
Geiste.˺
- Das Bekenntnis der Kirche ist, wenn es
weiterzubilden ist, nach Maßgabe der heiligen Schrift und auf keinen Fall nach Maßgabe der
Positionen und Negationen einer jd-zu einer bestimmten Zeit-jd
in Geltung stehenden˹, politischen oder sonstigen, auch nicht der nationalsozialistischen˺
Weltanschauung weiterzubilden. ˹Es hat weder «uns»
noch irgend Jemandem «Waffen zu liefern».˺
- Die Gemeinschaft der zur Kirche Gehörigen wird nicht durch das Blut und also auch
nicht durch die Rasse, sondern durch den heiligen Geist und durch die Taufe bestimmt. Wenn
25 die deutsche evangelische Kirche die Judenchristen je-ausschließen oder als Christen zweiter Klasse behandeln würde, würde sie
aufgehört haben, christliche-je Kirche zu sein.
- Wenn das Amt eines Reichsbischofs in der evangelischen Kirche überhaupt möglich wäre, dann wäre es ˹wie
jedes kirchliche Amt˺ auf keinen Fall nach politischen Gesichtspunkten ˹und Methoden˺
(Urwahl, Parteizugehörigkeit usw.), sondern durch die Vertreter des ordentlichen Amtesjf in den Gemeinden ausschließlich
unter dem Gesichtspunkt der kirchlichen Eignung zu besetzen.
- Nicht «im Sinne größerer Lebensnähe und Gemeindeverbundenheit» ist die Ausbildung
und Führung der Pfarrer umzugestalten, sondern im Sinne größerer Disziplin und Sachlichkeit
˹in der Ausführung˺ der einen einzigen ihnen anbefohlenen und anvertrauten Aufgabe
schriftgemäßer Verkündigung des Wortes.
- jg … … … …
… … …
Das sind, ohne Anspruch auf Vollständigkeit ˹aufgezählt˺, einige von den gegen die
«Deutschen Christen» zu vertretenden Gegensätzen. Aber so nachdrücklich ich sie vertreten
möchte, so wenig möchte ich sie ˹im Zusammenhang dessen, worauf es mir ankommt,˺ betont
wissen. Allein um der Abwehr der «Deutschen Christen» willen würde ich nicht das Wort
ergriffen haben. jh-Und von einer Diskussion |328 mit ihren Wortführern erwarte ich schon gar nichts.-jh Gewiss ist ihr
Auftreten und ihre Ausbreitung besorgniserregend. Aber doch nicht darum, weil in ihnen eine
noch nie dagewesene Ketzerei auf den Plan getreten wäre:
wer sich in der Theologie auch nur ein wenig auskennt, weiß, dass wir es in ihrer Lehre mit
ji-Ausnahme weniger Originalitäten-ji doch nur
˹– ich bediene mich einer glücklichen Formulierung, die nicht von mir stammt –˺ mit einer
kleinen Sammlung ˹von Prachtstücken˺ aus dem großen ˹theologischen˺ Mülleimer des jetzt so
viel gescholtenen 18. und 19. Jahrhunderts zu tun haben.131 Auch nicht darum, weil sie ihre Lehre etwa mit
einer besonders gefährlichen geistigen Kunst und Kraft vorzubringen jj-wüssten!! Sondern-jj schließlich doch nur darum, weil sie gezeigt
haben und noch zeigen, dass man |329 einer «Glaubensbewegung» auch einfach durch die Mittel der Gewalt ˹im Stil
der politischen Massenversammlung und des politischen Propaganda-Marsches˺ 26 Gestalt und Nachdruck geben kann. Dass eine wissenschaftliche Predigerkonferenz mit einem
rein fachwissenschaftlichen Referat dadurch unmöglich gemacht wird, dass eine Anzahl Pfarrer,
denen der Referent politisch nicht genehm ist, ganz schlicht mit Störungen drohen – das ist
allerdings neu und erstaunlich.132 Dass man «Einejk feste Burg ist unser
Gott» auch mit Begleitung von Trommeln singen kann,133
jl-dass das Feldgeschrei «Bauern, erobert die Kirchen!»134 möglich wird,-jl das
ist auch neu und sehr gefährlich. Und wenn man den theologischen Gegnern, jm-diesen «vaterlandslosen Gesellen», «diesen saubern Seelsorgern»-jm unter Namensnennung in Aussicht stellt, sie würden in zwei Jahren (nach
geschehener Befreiung des Saargebiets) «nicht nur eine Tracht Prügel» jn-(ich weiß nicht, welches Wort hier im Sinne des
Verfassers zu betonen ist)-jn in Empfang nehmen müssen,135
so ist das jo-fabelhaft neu136
|330 und könnte leicht geradezu lebensgefährlich werden-jo. Aber wenn es offenbar zum Wesen dieser Glaubensbewegung gehört, sich auf dieser Ebene zu bewegen, dann ist sie so
gefährlich, dass es gewiss vorsichtiger ist, sich nicht in Diskussionen mit ihr einzulassen,
˹sondern an ihr, jedenfalls an ihren Führern vorbei zu den übrigen Menschen zu reden˺jp.
Ich meine, wir haben auch dringendere und ernsthaftere Sorgen als die, jq-die «Deutschen Christen» theologisch widerlegen und belehren zu
wollen-jq. Mögen
sie so schlimm sein, wie sie wollen, viel schlimmer scheint mir die Art zu sein, wie sich die
evangelische Kirche bis jetzt mit ihnen auseinandergesetzt hat. ˹Wenn die evangelische Kirche
gesund wäre, hätte hier Anderes geschehen müssen, als geschehen ist.˺ Was hat sich nämlich
zugetragen?
331 Auf der einen Seite das Ereignis einer geradezu verblüffenden Widerstandslosigkeit, in der
Pfarrer und Gemeindeglieder und Kirchenführer, Theologieprofessoren und Theologiestudenten,
˹Gebildete und Ungebildete,˺ Alte und Junge, Liberale, Positive und Pietisten, Lutheraner und
Reformierte in Scharen dem Ansturm dieser Bewegung erlegen sind, erlegen, wie man eben
einer echten, rechten Psychose erliegt. Erlegen die Einen im aufrichtigen Glauben, nun endlich
geradezu messianische Botschaft vernommen zu haben,137 die Anderen
mit irgend einer sehr tiefen philosophischen Begründung, jr-wie man sie
gerade dann am sichersten zu finden pflegt, wenn man sich wieder einmal aufs 27 Gründlichste von der «Wirklichkeit» hat überrennen lassen-jr,138 die Dritten in der simplen Überlegung, was auf po|332litischem Gebietjs
recht, werde gewiss auch auf kirchlichem billig sein,139 die Vierten in der
ängstlichen Klugheit, die nur ja nicht «ausgeschaltet» sein˹, ihre wertvolle Kraft nicht müßig
gehen lassen˺ wollte, da nun einmal Alles in dieser Richtung lief,140 die
Fünften mit |333 weisem Vorbehalt nur «das Gute» an der Bewegung
bejahend,141 die Sechsten in der etwas
hinterhältigen Absicht, beizutreten, um alsbald die «nötige Opposition» zu machen, jt-die «Einseitigkeiten» der Bewegung «von innen heraus zu überwinden»142
-jt – aber alle miteinan|334der
erlegen einer Sache, die den Stempel der Verkehrtheit so deutlich auf der Stirn trägt, dass
˹in einer gesunden Kirche schon˺ ein Konfirmand hätte merken müssen, dass er da weder mit dem
lutherischen noch mit dem Heidelberger Katechismus in der
Hand nur eine Stunde dabei sein und ju-unter irgend einem
Vorwand-ju
mittun könnte.143 Und wie haben auch die, die nichtjv geradezu mitgingen,
vielfachjw gemeint, diese Sache so blutig ernst nehmen, ihr
nur ja nicht ungerecht werden zu sollen, die persönliche Lauterkeit und Begeisterung mancher
ihrer Führer und Anhänger jx-(die übrigens auch ich gewiss nicht
bezweifeln möchte!)-jx doch ja nicht zu wenig zu betonen, ˹sich zu
freuen an dem «Leben», das da plötzlich in die Kirche gekommen sei –˺ kurz, so recht zu
beweisen, dass sie ˹keine Engherzigen seien, sondern offen für alles Neue und Echte, dass sie
nicht nur Neues, sondern Echtes hier in der Tat vorfänden und also˺ den Glauben dieser Glaubensbewegung immerhin für jy-eine höchst diskutable Sache
halten müssten-jy. Wo war die schlichte, aber entscheidende Frage nach
der christlichen Wahrheit, als dies Alles möglich wurde? Oder darf diese
Frage etwa |335 gar nicht mehr gestellt werden in der heutigen
evangelischen Kirche? Ist sie etwa völlig untergegangen in einem einzigen Jubel jz-oder Stöhnen-jz von Aufbruch, Wirklichkeit, Leben,
Geschichtsmächtigkeitka und wie diese alle christliche Kritik ersticken wollenden Worte sonst noch
lauten mögen? Ist man ein verknöcherter Kirchenmann oder Studierstubengelehrter, wenn man sich
erlaubt, in dieser Sache auch den lautesten Trommelschlag als solchen noch lange für kein
Argument zu halten? Ist das etwa gerade das Schöne an dieser Bewegung, dass ihr gegenüber Tausende nach der christlichen Wahrheit offenbar gar
nicht erst 28 gefragt haben?144
Aber wiekb tief und gründlich würden wir, gerade wenn
das etwa gelten sollte, noch immer in der «Glaubensbewegung» des 18. und 19. Jahrhunderts
stecken, deren höchste Weisheit eben darin bestand: dass in der Kirche nach so etwas wie
Wahrheit nicht zu fragen sei und auch nicht gefragt werden könne, weil das nur zu Streit und
Unduldsamkeit führe und weil über Wahrheit und Unwahrheit hier doch nichts auszumachen sei,
kc-während auf das «Leben» Alles ankomme!145
-kc – Ich darf an dieser Stelle ein offenes |336 Wort zu den Vorgängen in Loccum und Berlin146 nicht unterdrücken. Es
hätte in einer gesunden evangelischen Kirche nicht möglich werden dürfen, dass die
«Glaubensbewegung Deutsche Christen» in der Person eines der Männer, die für die sämtlichen
Irrtümer dieser Partei verantwortlich gezeichnet haben, zum maßgeblichen Mitreden bei der
Gestaltung des Bekenntnisses und der Verfassung der Kirche zugelassen wurde.147 Ich weiß und bringe in Anschlag,
dass Wehrkreispfarrer Müller als «Vertrauensmann
des Reichskanzlers»148 zu diesen Beratungen Zutritt haben musste. Es ist auch grundsätzlich nichts dagegen zu sagen, dass kd-die Staatsregierung-kd das Verlangen hatte, bei
dieser Sache ˹offiziell˺ vertreten zu sein,149 obwohl es
auch dann eine Selbstverständlichkeit hätte sein müssen, dass ˹neben den in Anwesenheit des
Staatsvertreterske abzuhaltenden Sitzungen˺ für
ausgiebige Besprechungen der kirchlichen Beauftragten unter sich hätte Sorge
getragen werden müssen. Was aber unmöglich war, war das, was geschehen ist: dass das
«Dreimännerkollegium», statt dem Abgesandten des Staates ˹mit dem Respekt, der seiner Sendung
gebührte, aber auch |337 innerhalb der natürlichen Grenzen seiner
Sendung˺ Einblick in seine Arbeit und Gelegenheit zur Anmeldung allfälliger Wünsche kf-und Bedenken der Staatsregierung-kf zu geben, es für
selbstverständlich hielt, ihn als Vierten in ihren Bund aufzunehmen und sich zu
«vertrauensvoller Zusammenarbeit», wie man so schön sagte,150 mit ihm an einen Tisch zu setzen. kg-(Das hätte auch dann nicht geschehen dürfen, wenn gegen die Theologie des
Staatsvertreters nicht die schweren Einwände zu erheben gewesen wären, die in diesem Fall
vorlagen.)-kg Wehrkreispfarrer Müller wird von denen, die ihn kennen, als eine sympathische, fromme
Persönlichkeit geschildert.151
kh-Ich zweifle nicht daran. Aber-kh das durfte
für die Beauftragten 29 ˹der Kirche˺ kein Hindernis bilden, ihm und
gegebenenfalls ki-seinem Auftraggeber-ki offen
zu erklären, dass kj-er in seiner Eigenschaft als-kj
|338 «Schirmherr» der «Deutschen Christen»152 als Theologe in ihrem Kreise auf keinen Fall gehört zu werden und Einfluss zu erlangen
erwarten dürfe. Was diese Mitarbeit Müllerskk für Früchte trug, kann man sich an dem in Loccum
entstandenen Glaubensbekenntnis153 klar machen.
Es ist so, wie es jetzt vorliegt, theologisch untragbarkl und
es würdekm, auch wenn gewisse Korrekturen ˹nachträglich˺ noch
durchzusetzen sein sollten154
kn-– was angesichts der neuesten Wendung we|339nig wahrscheinlich ist –-kn ein wegen seiner
Ungenauigkeiten und Vieldeutigkeiten ko-wenig erfreuliches-ko Dokument auf alle Fälle bleiben. Hat das Dreimännerkollegium mit Rücksicht auf den Reichskanzler so handeln zu müssen geglaubt? Man wird doch wohl fragen dürfen, ob
kp-die Meinung des Reichskanzlers bei der Sendung des
Wehrkreispfarrers Müller die war, der evangelischen
Kirche die Theologie der deutschen Christen
aufzudrängen, und ob er-kp nicht dankbar gewesen wäre, bei diesem
Anlass eine offene Erklärung darüber, was evangelische Kirche ist und nicht ist, zu bekommen.
Oder war etwa die Theologie des Dreimännerkollegiums
selber so beschaffenkq, dass man sich, als man
Wehrkreispfarrer Müller zur Mitsprache zuließ, über seine theologischekr Eignung überhaupt keine Gedanken machte? Und dass man ihm nach Ausweis des
Loccumer Bekenntnisses so weitgehend Gehör ks-geben konnte-ks? Jedenfalls: wo blieb in dieser
Sache die kirchliche Verantwortlichkeit? Wo auch hier die Unerbittlichkeit der Frage nach der
christlichen Wahrheit, eine
Unerbittlichkeit, die sich durch keine «brüderliche Liebe»155 hätte bewegen |340 lassen, dem Irrtum in der Kirche Raum und Geltung zu geben? Darf man
sich angesichts der merkwürdigen Weichheit, mit der man den «Deutschen Christen» kt-im damaligen obersten Rat der Kirche-kt selber
entgegengekommen ist, wundern über das, was in den Gemeinden im Lande hin und her Ereignis
geworden ist?ku
Das andere Bedenkliche, was sich angesichts des Einbruchs der «Deutschen Christen»
zugetragen hat, ist der größere und sichtbarere Teil des Widerstands, auf den
sie allerdings auch gestoßen sind. Es gibt einen kleineren unsichtbaren Teil
dieses Widerstands, dessen sich die Kirche dankbar freuen darf, aber gerade wer sich seiner
freut und ihn, so gut er kann, ver30stärken möchte, hat Anlass,
sichkv gegenüber Vielem, viel zu Vielem, was
gegen die «Deutschen Christen» gesagt und getan wurde, nicht minder scharf abzugrenzenkw wie gegen die «Deutschen Christen» selber. Ich denke
an die sogenannte «Jung-Reformatorische Bewegung»156,
für deren Wesen und Wollen ihre Aufrufe vom 9. und 18. Mai157 und eine mir am
23. Juni zugegangene, |341 von Lic. Dr. Künneth158 unterzeichnete Denkschrift zur Bischofsfrage159 als maßgebende Dokumente zu betrachten
sind. Dieses sind die Gründe, aus denen ich die Opposition der Jung-Reformatorischen
nichtkx als eine legitime und verheißungsvolle
ansehen kann: Sie stehen zu den «Deutschen Christen» nichtky in einem klaren und radikalen˹, nicht in einem ernst zu nehmenden˺
kirchlich-theologischen Gegensatz. Auch sie anerkennen, dass die «Deutschen Christen» den «stärksten Impuls
zu einer gründlichen Neugestaltung der deutschen evangelischen Kirchen» gegeben hätten.160 Auch ihnen scheinen eine
große Anzahl der Forderungen der «Deutschen Christen» «durchaus berechtigt».161
kz-Das Hervortreten der Jung-Reformatorischen Bewegung-kz wurde ˹von ihnen selbst und von Anderen˺ «zunächst als eine
Unterstützungsaktion für die Arbeit des Dreimännerkollegiums einschließlich des Wehrkreispfarrers Müller verstanden».162
Sie wussten sich ja «mit den Deutschen Christen eins in dem radikalen Reformwillen». Sie
konnten sich sogar mit den Leitsätzen des ˹gemäßigten˺ ostpreußischen Flügels dieser Bewegung
«weitgehend |342 identifizieren» und standen «in direkter Fühlung» mit
ihm.163 Als die neuen ˹im Sinn dieses ostpreußischen Flügels der Bewegung
abgefassten˺ Richtlinien der «Deutschen Christen» vom 16. Mai164 erschienenla, da warenlb die Jung-Reformatorischen mit so vielen Anderen naiv genug,
anzunehmen, dass eine Kampfstellung gegen die ˹in diesem neuen Kurs begriffene˺ Bewegung jetzt
nicht mehr in Frage komme, ja, dass man ihrer Leitung jetzt «Vertrauen» entgegenbringen, zur
«Zusammenarbeit» mit ihr bereit sein müsse.165 ˹Nachträglich musstenlc sie dann freilich zugeben: «Die neuen Richtlinien der
Deutschen Christen stellten eine verhängnisvolle theologische Tarnung dar».166˺ Aber noch mitten in dem dann
ausgebrochenen Bischofskrieg
ld-erklärten sie-ld, ihr Eintreten für Bodelschwingh bedeute keineswegs eine
Antithese zu der Person des Wehrkreispfarrers Müller, dessen Bedeutung für den Neuaufbau 31 sie keineswegs
verkennen |343 wollten.167 Es ist nun gewiss
anerkennenswertle, dass die
Jung-Reformatorischen im Unterschied zu den «Deutschen Christen» die Ausschließung der
Nicht-Arier aus der Kirche ablehnen.168
Und es ist vor Allem lobenswert, dass sie «die Neugestaltung der Kirche aus dem Wesen der
Kirche heraus»169 auf ihre Fahne geschrieben haben. Aber was hat man wohl unter dem «Wesen der Kirche» zu verstehen in einem Aufruf, unter
welchem man u. a. die Namen Heim170,
Gogarten171, ˹v. Tiling172,˺ Jacobi173, Lilje, Brunstäd174, Knak175, Lütgert176, Ritter177, Georg Schulz178, Schreiner179, W. Stählin180
nebenein|344ander findet, mit der
ausdrücklichen Erklärung: «Die Jung-Reformatorische Bewegung proklamiert innerhalb der eigenen
Reihen den theologischen Burgfrieden»181? Wissend um welches «Wesen der Kirche»
haben sich die Jung-Reformatorischen auf Fühlung, Zusammenarbeit usw. auch nur mit einem
Flügel der «Deutschen Christen» einlassen und haben sie sich durch die neuen (doch wahrhaftig
im Entscheidenden um kein Haar besseren!) Richtlinien der «Deutschen Christen» ˹täuschen und˺
in noch tieferen Schlaf versetzen lassen können? Was heißt «aus dem
Wesen der Kirche heraus handeln», wenn man in Bezug auf dielf ˹Kombination des Auftrags der Kirche mit dem˺
«freudigen Ja zum neuen deutschen Staat»182 ebenso gedankenlos
unkirchlich vorgeht wie das Dreimännerkollegium183 oder wie |345 nur irgend einelg Pfarrerkonferenz mit
weniger klingendem Namen? Die Jung-Reformatorischen waren unter den Eifrigsten hinsichtlich
der Schaffung des Amtes eines Reichsbischofs und sie waren
die Ungeduldigsten hinsichtlich der Ernennung eines solchen.184 Sie erblickten darin «einen symbolischen Akt neuer
kirchlicher Einheit»185 ˹und sie nannten die Forderung dieses
symbolischen Aktes ihr «Sofort-Programm»186˺. Auf Grund welcher
Erkenntnis welches Wesens welcher
Kirche? «Die Willkür der Verkündigung muß durch feste
Lehrautorität aufgehoben werden.»187 Sollte etwa
die Autorität derlh
Lehre gemeint sein, die den Jung-Reformatorischen eine solche Serie von
Unbesonnenheiten erlaubt oder geboten hat? li-Sollte, wer selber so im
Glashause sitzt188,-li wirklich berufen sein, «die Versuche einer
liberalistischen Theologie, sich von neuem in die Kirche
lj-einzudrängen»,189 so heftig zu bekämpfen?-lj Und sollte der berufen sein, die Kirche ge|346gen die «Deutschen Christen» zu verteidigen ˹– mit denen er 32 vielleicht schon morgen, wenn sie von ihrem Radikalismus etwas ablassen sollten, aufs Neue
zu brüderlicher Zusammenarbeit zusammenzutreten in der Lage wäre˺? Ist lk-oder war die Jung-Reformatorische Bewegung nicht etwa-lk doch bloß der Erbe der alten Vermittlungstheologie191 in
ihrem ˹gelegentlich (aber wirklich nur sehr gelegentlich) geführten˺ Kampf gegen die alten
Liberalen? Sieht man sich alles das an, was die
Jung-Reformatorischen nach ihren eigenen Erklärungen schließlich als Streiter für Bodelschwingh in den Gegensatz zu den
«Deutschen Christen» und in den Bischofskrieg hineingeführt
hat – wirklich, was bleibt ll-als Kampfobjekt zuletzt-ll übrig als die Vorstellung von der formalen Selbständigkeit der Kirche
gegenüber dem Staat und den politischen Einflüssen, die
sie durch die «Deutschen Christen» und durch die Kandidatur Müller
lm-mit Recht-lm für bedroht hielten? Ich brauche
nicht zu wiederholen, ln-was ich gegen die «Deutschen Christen» gesagt
habe-ln. lo-Ich kann aber an dieser
Stelle-lo hinzufügen, dass ich damit rechne lp-(und nach den neuesten Ereignissen noch mehr als vorher)-lp: die
Einheit mit einer auf irgend einem Weg doch noch Müller und den «Deutschen Christen» ausgelieferten deutschen evangelischen Kirche
lq-wird vielleichtlq nicht aufrecht zu
erhalten sein. lr-Den zu erwartenden evangeliumswidrigen Dogmen,
Verkündigungen und Maßnahmen des deutsch-christlichen Reichsbischofs und seiner Domherren192 wird
Renitenz geleistet
werden |347 müssen. Es werden ihnen gegenüber im Notfall auch die
letzten Konsequenzen gezogen werden müssen.-lr Und das Alles auch dann,
wenn 99% der bisher «evangelischen» Deutschen ls-den «Deutschen
Christen»-ls zufallen sollten. Aber wohlverstanden: um deswillen, was
die Jung-Reformatorischen von den «Deutschen Christen» scheidet, würde sich diese
Renitenz nichtlt lohnen. Die Jung-Reformatorischen
sind ja mit den «Deutschen Christen» doch nur über die ˹formale˺ Selbständigkeit oder
Unselbständigkeit, aber gerade nichtlu über das Wesenlv der Kirche uneinig. lw-Es war nicht wahr, wenn man im Bischofskrieg gesagt hat-lw, um des Wesens der Kirche willen
müsse Bodelschwingh und nicht
Müller
Reichsbischof werden.193 Es lx-war jedenfalls-lx
im Munde der Jung-Reformatorischen nicht wahr: denn wenn es um das Wesen der Kirche ly-gegangen wäre, dann hätten-ly sie nach Ausweis der
unter ihrem Aufruf versammelten Namen und nach 33 Ausweis ihrer von ihnen
selbst dokumentierten Haltung ebensogutlz für Müller wie für Bodelschwingh ma-eintreten können. Das Ver|348langen nach einer
selbständigen Kirche musste, um spezifisches Gewicht zu haben, einen positiven,
bekenntnismäßigen, theologischen Inhalt haben, der ihm jedenfalls im Munde der
Jung-Reformatorischen fehlte. Das Verlangen der «Deutschen Christen» nach einer unselbständigen Kirche hatte und hat einen solchen Inhalt, das ist nicht zu verkennen,
was man auch von ihm denken mag. Wogegen der zugestandenermaßen nur als «symbolischer Akt»194 gemeinte, der die kirchliche Selbständigkeit bloß bedeuten wollende Streit für Bodelschwingh schon äußerlich schwerlich zum Ziele führen und wegen seiner tiefen
Unsachlichkeit jedenfalls unmöglich eine Verheißung haben konnte. In diesem Zeichen konnte nur
leere-ma,
d. h. kirchlich-theologisch substanzlose Kirchenpolitik
gemacht werden, eine Kirchenpolitik, die sich darin erschöpfen musstemb, Taktik gegen Taktik, Überrumpelung gegen Überrumpelung, Kundgebung gegen
Kundgebung zu setzen, wie es offenbar vor und in und nach der wenigmc erbaulichen Berliner Himmelfahrtswoche195 reichlich geschehen ist, |349 eine Kirchenpolitik,
die dann schon wegen dieser ihrer Gestalt mindestens die Frage nahelegen konntemd, ob sie nicht me-ebenso wie die der
Gegner-me mit ganz gewöhnlicher Politik ein gutes Stück weit verhängt
sein möchte. mf-Von der fatalen Theologie des 19. Jahrhunderts
kamen jedenfalls diese beiden Gegner von gestern-mf gleich sehr her. Zu
Baumeistern einer ernsthaften Erneuerung der Kirchemg dürften beide gleich wenig berufen gewesenmh sein.
Aber während der theologische Modernismus bei den «Deutschen Christen» zum Greifen deutlich
und z. B. in ihrem Satz zur Arierfrage196
ohne weiteres angreifbar ist, warmi er bei den
Jung-Reformatorischen mit ihrem dreifachen «Hier ist der Tempel des Herrn!» (Jer. 7,4) hinter ihrem dröhnenden Antiliberalismus so verborgen,
dass man sie allzu leicht für die Gerechten unter den Ungerechten mj-halten konnte-mj, die sie nun wirklich nicht warenmk. Während sich die «Deutschen Christen» ml-mit einer
allerdings erschreckenden Offenheit-ml als die Vertreter des zur
«Eroberung» der Kirche aufgerufenen «Volkes»197
bzw. als die Voll|350strecker der Logik desmm herrschenden Staatsgedankens198
mn-gaben, schienen-mn die Jung-Reformatorischen
als die mutigen Verteidiger der kirchlichen Frei34heit den
Beifall aller, die auch nur einigermaßen «wissen, was Kirche ist»,199 zum vornherein zu verdienen. Während uns für den
mo-nun vielleicht schon eingetretenen-mo Fall
eines Sieges der «Deutschen Christen» eine Art kirchlich-theologischer Schreckenszeit (in der
im Gottesdienst getrommelt werdenmp und in der E. Hirsch bestimmen wird, was Theologie ist200) bevorzustehen scheint,
wäremq es bei einem Sieg der Jung-Reformatorischen gewiss
nur zu |351 einer neuen ˹dauerhaften˺ Form jener Vermittlung (Schöpfung und
Erlösung, Natur und Gnade, Volkstum und Evangelium201) gekommenmr,
die dem natürlichen Menschen von jeher als die eigentlich christliche Lösung willkommen
ms-war. Ich glaube: mit den offenen wilden Ketzern
wird die Kirche in nicht zu später Zeit fertig werden. Wer aber hätte sie bewahrt vor der
Liebenswürdigkeit der kirchlich und sogar «biblisch-reformatorisch» Korrekten202, die es im Grunde
doch nicht anders meinten als jene203?-ms
352 Ich bin mir klar darüber, dass ich mit dem eben Gesagten Manchem und vielleicht Vielen
mt-ein hartes Wort zu sagen scheine, die sich bis gestern in guten
Treuen und voll redlichen Willens um der wahrhaftig wichtigen Sache der Selbständigkeit der
Kirche willen gerade unter die Fahne der Jung-Reformatorischen stellen zu müssen meinten und die vielleicht auch in der nun
veränderten Situation wiederum in aller Aufrichtigkeit das Heil in ähnlichen Bestrebungen
suchen möchten. Sie argumentieren etwa so: «Wir stehen in der akuten Gefahr eines Staatskirchentums wie das der Karolingerzeit oder des
18. Jahrhunderts-mt Mit der Freiheit der Verkündigung und der Theologie
wird es dann ˹rein äußerlich und technisch˺ vorbei sein, ˹weil dann ein anderes als das
‹Evangelium im Dritten Reich›204 einfach
mechanisch unterdrückt werden wird.˺ Diemu Gemeinden
werden dannmv verhungern oder vergiftet werden. Also sind wir
es der Kirche schuldig, diese Gefahr abzuwehren. Und nun helfe, was, und
helfe, wer helfen mag! Ein Studierstubenmensch, wer jetzt Umstände macht!
mw-Irgend etwas musste und muss getan werden, irgend eine Frontbildung
wie die der Jung-Reformatorischen war gestern notwendig und wird heute erst recht notwendig
sein!»-mw Ich verstehe diesen Gedankengang, aber ich halte ihn für
unrichtig. Er ist nicht ernsthaft genug, und mx-in der Kirche sollten
jetzt, und zwar heute noch mehr als gestern,-mx
35 nur ganz ernsthafte Gedankengänge maßgebend sein dürfen. Diemy
Freiheit der |353 Verkündigung und Theologie, die es jetztmz zu wahren gilt, kann nicht in erster Linie in der
Sicherung vor der zu erwartenden ˹äußeren technischen˺ Vergewaltigung durch die «Deutschen
Christen» bestehen. Die Freiheit, die es zu wahren gilt, ist die Freiheit, d. h. aber die
Herrschaft des Wortes Gottes in Verkündigung und Theologie. Wir können uns nicht klar genug machen, dass diese
Freiheit oder Herrschaft ˹nach der Kirchengeschichte der letzten zwei Jahrhunderte205, aus der wir alle miteinander herkommen,˺ keine Selbstverständlichkeit
ist, dass wir gerade nach dieser Seite keineswegs gesichert sind, auch wenn wir gegen den
Einbruch na-und gegen die äußere Bedrohung der «Deutschen
Christen»-na längst wieder völlig gesichert wären. Dieser Einbruch
selbst könnte nur ein letztes, deutlichstes Zeichen dafür sein, wie gefährdet die Freiheit, d.
h. die Herrschaft des Wortes Gottes in der
ganzen deutschen evangelischen Kirche schon nb-lange
und ganz allgemein-nb ist. Mit der Drohung der
technischen Vergewaltigung der Kirche könnte ihr zugerufen sein, dass Gott ˹frei ist,˺ den
Leuchter des Evangeliums, wenn wir es nicht
anders haben wollen, wegzunehmen aus der Kirche Deutschlands wie einst aus der Kirche
Nordafrikas,206
nc-die die Kirche Augustins
gewesen ist so gut wie die deutsche Kirche die Kirche Luthers ist-nc. Es wäre dann töricht und vergeblich, gegen
das uns gegebene Zeichen nd-mit den Mitteln der Kirchenpolitik zu kämpfen-nd in einem
˹vielleicht letzten˺ Augenblick, ne-in welchem-ne Alles darauf ankäme, ˹angesichts dieses nf-allerdings |354 furchtbaren-nf
Zeichens˺ zu Gott zu schreien, dass er seiner Herrschaft
inmitten der großen Untreue der modernen deutschen Christlichkeit und Kirchlichkeit noch nicht
ganz müde sein, dass er uns durch sein Wort ng-seinem Wort-ng treuer machen wolle, als wir nh-selbst und unsere
Väter es-nh gewesen sind. Es könnte dann sein, dass wir die drohende
technische Vergewaltigungni durch die «Deutschen
Christen» und auch die ˹von daher drohende˺ Gefahr des geistlichen Verhungerns und
Vergiftetwerdens weniger fürchten müsstennj als die
Gefahr, dass uns das Wort Gottes, wenn wir nk-– auch und gerade wir,
die wir nicht «Deutsche Christen» sind –-nk nicht umkehren, überhaupt
genommen werden könnte.
Es könnte dann sein, dass ein ganz anderer Kampf uns in Anspruch nähme, ein Kampf, der mit 36 Wahlen und Kundgebungen nk1-und Protesten-nk1,
mit Bewegungen und Fronten gar nichts zu tun hätte, ein Kampf nicht um die
Kirche, sondern in der Kirche, nicht zum Schutz, sondern
in Betätigung von Verkündigung und Theologie, nicht gegen
die «Deutschen Christen», sondern implizit auch und gerade für sie, ein
Kampf, in dem wir nicht siegen wollen könnten, sondern nichts Anderes erwarteten als zu
erliegen, aber nun doch wie Jakob zu unterliegen [vgl. Gen. 32,23–33] nl-und gerade so evangelische Kirche zu sein-nl.
Helfe, was, und helfe, wer helfen mag? Burgfrieden mit Jedermann207, wenn er nur mit uns gegen nm-das drohende Staatskirchentum-nm ist? – nein,
das ginge dann nicht mehr. Die ganze Kirchenpolitik und ihre Möglichkeiten und Aussichten
wären dann auf einmal ˹zunächst˺ weit weg. Schon die gewisse Ängstlichkeit vor den «Deutschen
Christen» und ihren möglichen nn-und schon erlangten-nn Erfolgen wäre dann zunächst und grundsätzlich einmal weit weg. |355 Teils weil wir gar nicht mit ihnen beschäftigt wären, teils weil wir
mit dem beschäftigt wären, was no-ihre Lüge und die Macht ihrer
Lüge-no jeden Augenblick np-in alle Winde
verwehen-np kann wie Spreu [vgl. Ps. 1,4]. Mit Ruhe und Fröhlichkeit würden wir nq-dann an ihre Macht-nq denken als an die «Pforten der Hölle», die die
Kirche gewiss nicht überwinden werden [Mt.
16,18]. Keine Rede könnte dann davon sein, dass an nr-einem
kirchenpolitischen Sieg Alles gelegen oder mit einer kirchenpolitischen Niederlage Alles verloren wäre-nr. Und
nur mit Solchen würden wir dann gemeinsame Sache machen, mit denen wir uns schon gefunden
hätten in der Mühe um das Wort Gottes; und nicht dazu würden wir gemeinsame Sache mit ihnen
machen, um ns-nun doch wieder-ns eine neue
Bewegung oder Einheitsfront auf die Beine zu bringen, sondern dazu, um uns mit ihnen weiter
und weiter um Gottes Wort zu mühen. Es würde so vielleicht auch ein Widerstandszentrum nt-gegen die der Kirche heute von außen drohenden Gefahren-nt gebildet, ein Widerstandszentrum, das eines Tages ˹ungesucht˺ durchaus
auch kirchenpolitischenu Bedeutsamkeit
haben könnte. nv-Was wir heute in erster Linie
brauchen, ist doch ein geistliches
Widerstandszentrum, das einem kirchenpolitischen
erst Sinn und Substanz geben würde.208 Wer das versteht, der wird heute nicht irgend einen
Kampf, |356 sondern ein sehr schlichtes: Bete und arbeite!209 auf sein Programm setzen.-nv– Man sage nicht 37 zu schnell: das hilft nun einmal nichts inmitten der Sorgen und Aufregungen des
Sommers 1933. Theologen, die so und so oft von der Hilfe Gottes als der alleinigen Hilfe schön
gepredigt haben, sollten sich ein wenig schämen, das so schnell zu sagen; sie sollten sich
beim Wort nehmen lassen: die Hilfe Gottes ist wirklich die einzige, auch die einzige
realkirchenpolitische Hilfe, nw-die wir im Augenblick suchen können und
offenbar jetzt mit ganz neuem Ernst suchen lernen sollen.-nw – Man sage
auch nicht zu schnell: dass in der konkreten Lage der Gemeinden etwas, und zwar etwas
ganznx- Anderes als das hier Bezeichnete getan werden müsse, um dem Übel zu
steuern. Gewiss muss etwas und zwar sehr viel getan werden, aber gewiss nichts Anderes als
dies: dass auchnx die Gemeinden nun erst
recht ˹und ganz neu in Furcht und großer Freude [vgl. Mt. 28,8]˺ gesammelt werden durch das Wort zum Wort. Alles
Geschrei ny-um und über-ny die Kirche wird die
Kirche nicht retten. Wo die Kirche Kirche ist, da ist sie
schonnz gerettet. ˹Keine noch so schwere Vergewaltigung wird
sie anrühren. Dennoch, heißt es, dennoch soll die Stadt
Gottes fein lustig bleiben mit ihren Brünnlein! (Ps. 46,5).˺ – Man sage auch nicht zu schnell, dass bei diesem
Ratschlag das heute in Frage gestellte Ganze der Kirche vergessen sei. Als ob über das Ganze
der Kirche in Berlin entschieden würde! ˹Als ob man
im stillen Kämmerlein [vgl. Mt. 6,6] und
in der Gemeindearbeit geistlich vorgehen könnte, um dann, wenn es ums Ganze geht, erst recht
das Geistliche |357 weltlich zu vertreten!211˺ Das Ganze der Kirche
ist immer da, wo zwei oder drei versammelt sind in seinem Namen [vgl. Mt. 18,20].oa ˹Wiederhole und bekräftige man, wo es nötig ist, das heißt wo
der Feind konkret in Sicht kommt, durch Wort und Tat das kirchliche Bekenntnis! Wiederhole und
bekräftige man es auch ob-in der Gemeinsamkeit der Gemeinden
untereinander, wo diese Gemeinsamkeit wirklich die Gemeinsamkeit des Glaubens und nicht die
Gemeinsamkeit eines kirchenpolitischen Betriebs ist-ob! Wo das
Bekenntnis ist, daoc ist die eine heilige Kirche im
Kampf mit dem Irrtum, od-in welchem sie nicht unterliegen wird-od.
Wo dagegen «Bewegungen» oe-sind, auch in bester
Meinung und Absicht, da ist selber schon Irrtum und Sekte mindestens in größter Nähe-oe. of-Der heilige Geist braucht keine «Bewegungen»-of. og-Und die allermeisten «Bewegungen» hat wahrscheinlich-og der Teufel erfunden.212˺ – Man sage mir das also nicht, 38 dass ich |358 braven Leuten, die sich jetzt für die Kirche auf den Wegen der
Jung-Reformatorischen Bewegung außer Atem setzen, in den Rücken oh-falle, indem ich diese Art Widerstand als eine Versuchung bezeichne-oh, die mindestens
so schlimm ist wie die deutsch-christliche. Ich weiß, was ich tue. Ich möchte, weiß Gott,
keinen Einzigen beruhigen, der jetzt beunruhigt ist. Ich möchte aber Viele von den jetzt so
Unruhigen fragen dürfen, ob sie denn auch ernstlichoi beunruhigt sind, sooj beunruhigt, dass sie sich nicht mehr durch eineok
unruhige Kirchenpolitik beruhigen können, sool beunruhigt, dass ihnen nichts mehr
übrig bleibt als ebenom endlich die Kirche zu sein, die sie beständig on-gewiss sehr aufrichtig, aber
vielleicht doch immer noch viel zu unwesentlich-on im Munde führen: die
Kirche, das heißt die Gemeinde [der] Aufgerufenen, Hörenden, Gehorsamen, der Wachenden und
Betenden [vgl. Mk. 14,38 par.], der
Wartenden und Eilenden [vgl. 2.Petr.
3,12] – sooo
beunruhigt, dass ihnen das Ausbrechen aus diesem Kirche-sein verwehrt und
versperrt ist. Dass sie ihn schlechterdings nur noch an diesemop- ihrem
gewiesenen heiligen-op Ort kämpfen
kön|359nen, den Kampf, dessen Ernst sie jetzt vielleicht
einfach ausweichen mit ihrem Feldgeschrei in Kämpfen, in die sie niemand als ihr eigenes
unruhiges und verzagtes Herz gesendet hat!
Theologische Existenz in der durch die «Deutschen
Christen» geschaffenen
Situation oq-– nochmals: heute noch mehr als gestern –-oq
würde schlicht bedeuten, «dass wir nicht mehr Kinder seien und uns schaukeln und umtreiben
lassen or-von jedem Winde der Lehre-or…!» (Eph. 4,14). os-Gott erbarme
sich unser-os, was für eine Haltlosigkeit ist jetzt allenthalben an den Tag
gekommen˹, was für eine Herrschaft des «Fürsten, der in der Luft herrscht» (Eph. 2,2)˺! Es hätte nicht so sein müssen und es ist,
ot-Gott Lob und Dank,-ot nicht notwendig, dass es morgen wieder so
sein wird.
Ich komme zurück auf meinen Anfang. Alles «zur Lage» Gesagte hat für das,
was ich sagen wollte, keine selbständige Bedeutung. Ich habe nicht darum das Wort ergriffen,
weil ich ˹ein Wort von mir über die Bischofsfrage, über die
«Deutschen Christen» usf.˺ für unentbehrlich gehalten hätte. Ich wollte und musste aber in
konkreter Beziehung zu einigen von diesen uns alle jetzt bewegenden Fragen das Einfache zu den
evangelischen Theologen sagen: Wir müssen heute unsere theologische Exi39stenz wahren, heute besser als gestern;
wir müssen schlicht, gradaus, unbekümmert und unaufhaltsam den uns gebotenen Weg laufen und –
«wenn dich die bösen Buben locken, so folge ihnen nicht!» (Spr. 1,10). Wenn mir nun Einer erwidern wollte: angesichts der großen
Bewegung, die jetzt durch unserou Volk geht,
angesichts der großen Aufgabe, vor die es sich gestellt sieht, angesichts der großen Hoffnung,
in der es ov-jetzt leben soll-ov, sei dasow ein allzu geringfügiges, allzu partikuläres, wohl gar ein selbstsüchtiges
Anliegen, dass wir jetzt um jeden Preis unsere theologische Existenz wahren |360 müsstenox – dann würde ich ihm jetzt zum Schluss
noch einmal sagen: Freund, lass uns geistlich und lass uns gerade so real denken! Gewiss, theologische Existenz ist kein Selbstzweck, so gewiss Gott selbst sich nicht damit begnügt hat,
Selbstzweck zu sein, welcher vielmehr «auch seines eigenen Sohnes nicht hat verschont, sondern
hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?» (Röm. 8,32). Ist Gott in Jesus Christus
ganz und gar für uns Menschen, so muss
auch die Kirche ˹als der Ort, da seine Ehre wohnt [vgl. Ps. 26,8],˺ oy-ganz und gar-oy für die Menschen sein und also die deutsche evangelische Kirche für das deutsche evangelische Volk und
oz-also auch wir deutsche-oz
Theologen wirklich und ehrlich pa-ganz und
gar für dieses Volk-pa. pb-Wir müssen es aber
sein-pb als die, die wir sind, und mit dem, was uns aufgetragen ist. Uns ist aber aufgetragen, in diesem Volk dem Worte Gottes zu dienen. Wir versündigen uns nicht
nur an Gott, sondern auch an diesem Volk, wenn wir anderen
Idealen und Aufgaben nachgehen, die nun eben uns nicht aufgetragen sind. Es
liegt aber auch in der Natur dieses Auftrags, dass er keinem anderen ˹Anliegen, das uns auch
bewegen mag,˺ untergeordnet oder nebengeordnet werden kann. Wieder versündigen wir uns nicht
nur an Gott, sondern auch an unserem Volk, wenn wir an dieser Rangordnung auch nur im
Geringsten rütteln lassen. Und dieser Auftrag will durchgeführt sein, gleichviel ob das Volk
selbst es wünscht oder nicht wünscht, versteht oder nicht versteht, gutheißt oder nicht
gutheißt. Wir dürfen dabei pc-weder Dank noch Ehre-pc erwarten. Wir dürfen uns nicht wundern, wenn wir von alledem das Gegenteil
ernten. pd-Wir müssen es unter Umständen auf uns nehmen, sehr einsam zu
werden gerade um der Gemeinsamkeit mit dem Volke willen.-pd Wir würden
uns auch darin nicht nur an Gott, sondern auch am Volk versündigen, wenn wir mit dem Volk gehen wol40len, statt für
das Volk zu stehen. Das Volk, auch und gerade das deutsche Volk von 1933, braucht es, kann das
|361 nicht entbehren, dass der uns gewordene Auftrag ausgeführt werde.
Ihm ist heute Außerordentliches pe-in Aussicht gestellt-pe: dass es sich selbst findenpf, einig und frei werden solle auf einem Weg, den seine Führer zu kennen ihm
erklärt haben und den mit pg-ihnen zu gehen es sich entschlossen
hat-pg. Aber das deutsche Volk wird
˹der Mahnung und des Trostes˺ des Wortes Gottes bedürfen, auch wenn jenes Ziel erreicht sein wird, um wieviel mehr heute, da
es am Anfang des Weges dazu steht. Und das umso mehr, als ihm um jener Verheißungen willen
heute viel genommen ph-werden musste-ph, dessen
es sich früher freuen durfte ˹und auch wohl allzu töricht und unverantwortlich gefreut hat˺.
pi-Wo ist alles das hingekommen, was noch vor einem Jahr und vorher
hundert Jahre lang Freiheit, Recht und Geist
hieß?213 Nun,
das-pi sind zeitliche und irdische Güter. pj-Alles Fleisch ist wie Gras…-pj [Jes. 40,6] Kein Zweifel: schon manches Volk ˹in alter und |362 neuer Zeit˺ hat diese Güter entbehren müssen und dann auch entbehren
können,214 wenn das
kühne Unternehmen des «totalen Staates»215 es von ihm verlangte. «Aber das Wort
unseres Gottes bleibt ewiglich» [Jes.
40,8]. Und darum ist es jeden Tag – denn jeder Tag eilt zur Ewigkeit – pk-wahr und-pk unentbehrlich. Darum kann die Kirche, kann die Theologie pl-auch im totalen Staat-pl keinen Winterschlaf
antreten˹, kein Moratorium und auch keine Gleichschaltung sich gefallen lassen˺. Sie ist die naturgemäße Grenze jedes, auch des
totalen Staates. Denn das Volk lebt auch im totalen Staat vom Worte Gottes, dessen Inhalt ist:
«Vergebung der Sünden, Auferstehung des Fleisches und ein ewiges Leben»216. Diesem
Wort haben Kirche und Theologie zu dienen für das Volk. Darum sind
sie die Grenze des Staates. ˹pm-Sie sind es zum-pm
Heil des Volkes, zu dem Heil, das weder der Staat noch auchpn die Kirche schaffen können, das zu verkündigen aber die Kirche berufen
ist. Sie muss ihrer eigentümlichen Sachlichkeit treu bleiben dürfenpo
|363 und treu bleiben wollenpp.˺ pq-In der ihm aufgetragenen besonderen Sorge muss-pq der Theologe wach
bleiben, ein einsamer Vogel auf dem Dach
[vgl. Ps. 102,8], auf der Erde also,
aber unter dem offenen, weitpr und unbedingt
offenen Himmel.217 Wenn doch der deutsche evangelische Theologe wach bleiben oder, wenn er
geschlafen haben sollte, heute, heute wieder wach werden wollte!
ps-Abgeschlossen: Sonntag, 25. Juni 1933-ps