Offenbarung, Kirche, Theologie
OFFENBARUNG, KIRCHE, THEOLOGIE
Die drei Vorträge «Offenbarung», «Kirche» und «Theologie» hat
Barth war am
8. Juli 1933 vom Dekan der Fakultät,
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Die Vorträge entstanden in der zweiten Märzhälfte 1934 in der
Die Reise nach
Die Vorträge hielt Barth auf Französisch16
in der angekündigten Reihenfolge «Révelation – Église – Théologie» am 10., 11. und |172 12. April, jeweils um 17 Uhr im «schönen ruhigen festlichen Hörsaal des Institutes d’Art et d’Archéologie» in der Rue Michelet, den die Sorbonne der Theologischen Fakultät für diesen Anlass zur Verfügung gestellt hatte.17
Eine große, buntgemischte und interessierte Hörerschar von mehr als 600 Personen hatte sich eingefunden.
Zu den Seminaren fand man sich in dem kleineren Rahmen des Fakultätsgebäudes am Boulevard Arago zusammen. Jeweils an den frühen Nachmittagen des 11., 12. und 13. April arbeitete
Neben diesen theologischen Veranstaltungen hatte Barth in
Auch andernorts sorgten die Vorträge und im Besonderen ihr Verhältnis untereinander für höchst unterschiedliche Reaktionen, wie |174
Das erhaltene handschriftliche Manuskript (KBA 10061–10063) besteht aus fünfzehn engzeilig mit schwarzer Tinte beschriebenen Einzelblättern. Der breite Rand ist – wie es Barths Gepflogenheiten beim Schreiben entsprach – mit Korrekturen und Ergänzungen beschrieben. Auf den Rückseiten der Seiten 4 und 5 von «Offenbarung» findet sich ein Entwurf der einleitenden Abschnitte dieses Textes, der hier im Anschluss an den dritten Vortrag als Anhang gesondert dokumentiert wird. Von den Abschnitten «Kirche» und «Theologie» sind Durchschläge von 12- bzw. 13seitigen, zweizeilig beschriebenen Typoskripten im Nachlass
Die Vorträge erschienen erstmals in K. Barth, Offenbarung, Kirche, Theologie (ThExh 9), München 1934, S. 15–43.
Barth ließ den Text wieder abdrucken in: Th.Fr.u.A., S. 158–184
Offenbarung, Kirche, Theologie
I. Offenbarunga
Wir können von Offenbarung nicht sprechen, ohne diesen Begriff sofort zu sehen in seiner Beziehung zu zwei anderen Begriffen. Sie heißen: Zeugnis und Bekenntnis. b-Es gäbe ja keine Offenbarung für uns-b, wenn sie nicht zu uns käme durch das Zeugnisc von ihr. Ich meine damit das Wort und den Geist der Propheten und der Apostel, wie sie in der Heiligen Schrift lebendig sind. Die Kirche gründet in der Offenbarung durch das Mittel des Zeugnisses derer, die sie gehört und gesehen haben. Wir können sie im Glauben erkennen und darum von ihr sprechen, weil es dieses Zeugnis von ihr gibt. Offenbarung empfangen und annehmen heißt also d-für uns-d: dieses Zeugnis empfangen und annehmen. Und dies eben ist der Akt des Bekenntnissese. Wir können nicht von Offenbarung sprechen wie von dem Ergebnis einer philosophischen Besinnung auf uns selbst und die Voraussetzungen unseres Seins oder wie von einer Entdeckung auf dem Gebiete der Natur oder der Geschichte. Wir können ihre Wirklichkeit und Wahrheit nicht behaupten, als hätten wir sie gefunden und als könnten wir sie begründen. Wir können sie nur empfangen, annehmen und anerkennen auf Grund des Zeugnisses von ihr, das die Kirche geschaffen hat und erhält und in welchem sie, die Offenbarung, zu uns kommt in ihrer eigenen Macht, Glaubwürdigkeit und Autorität.
Ich darf das Verhältnis der drei Begriffe: Offenbarung, Zeugnis, Bekenntnis, und damit vor allem die Wirklichkeit und Wahrheit des|176sen, was wir unter Offenbarung zu verstehen haben, an einem Bilde deutlich f-zu machen suchen-f. Auf dem Schlachtfeld (man merke wohl: nicht in einer Studierstube g-und nicht auf einer Theaterbühne-g, sondern auf dem Schlachtfeld des menschlichen Lebens) hat es sich ereignet (man merke: es hat sich unzweifelhaft und unwiderruflich ereignet, in der ganzen Einmaligkeit und mit dem ganzen Ernst eines faktischen Ereignisses), dass der Feind (man merke: der Feind, der Andere, nicht der Mensch selbst, sondern der vom Menschen unterschiedene, mit dem Menschen handelnde Gegenpart)25 in höchster Überlegenheit (man merke: er ist der Stärkere, er ist |159| Meister) die Initiative ergriffen hat (man merke: das Ereignis beruht auf seiner, nicht auf menschlicher Absicht und Disposition) und zum Angriff26 übergegangen ist (man merke: wir sind nicht gefragt, ob und wie wir uns mit ihm auseinandersetzen wollen, denn die Auseinandersetzung ist schon in vollem Gang begriffenh). Dieses Ereignis ist Gottes Offenbarung an den Menschen, und wer sie nicht so versteht, weiß nicht, was er sagt, wenn er das Wort Offenbarung in den Mund nimmt. – Aber i-wir müssen das Bild fortsetzen-i: Von der in der vordersten Front stehenden Truppe (wohlverstanden: nicht von einer Gruppe von Dichtern und Denkern, nicht von solchen, die Zeit haben, die menschlichen Dinge zu betrachten, aber auch nicht von irgendwelchen mit ihren eigenen Taten und Leiden Beschäftigten, sondern von Kämpfern, die diesem Gegner ins Gesicht schauen müssen) kommt die Meldung (man merke: nicht ein theoretisches System, auch nicht |177 eine ästhetische Würdigung, auch nicht ein Arbeitsprogramm, sondern hastig und sachlich eine Meldung) von der Tatsache dieses Angriffs (man merke: nicht von dem eigenen Wohlbefinden oder Übelbefinden j-jener Kämpfer-j, auch nicht von der Existenz und vom Wesen des Gegners, sondern einfach von der k-Tatsache: er hat uns angegriffen-k) an die unmittelbar hinter l-der Front-l in Bereitschaft liegende Verstärkung (man merke wohl: nicht an eine Gruppe von Journalisten oderm andern Schlachtenbummlern, sondern wiederumn an eine Truppe, die wie o-jene erste-o zur Begegnung mit dem Feind, zum Kämpfen, bestimmt ist). Jene vom Feind schon angegriffene Truppe sind die Propheten und Apostel und ihre Meldung an die vorerst noch hinter der Front liegende Verstärkung ist die Heilige Schrift. Man versteht weder jene Männer noch dieses Buch, wenn man sie anders versteht. – p-Wir führen das Bild zu Ende-p: Das Eintreffen dieser Meldung bedeutet dort hinten selbstverständlich (man bemerke: eine Diskussion über die praktische Bedeutung dieser Meldung ist ganz ausgeschlossen) die Notwendigkeit (nicht die Möglichkeit, sondern die in sofortigen bestimmtenq Befehlen sich ausdrückende Notwendigkeit) aufzustehen, die Waffen zu ergreifen, sich zu sammeln, nach vorne zu marschieren (man merke: das Alles umso rascher und energischer, je überlegener der angreifende Feind, je größer die da vorne drohende Gefahr ist). Diese durch die eintreffende Meldung aufgerufene Verstärkung ist die Kirche, die die Heilige Schrift hört. Und dieser Augenblick: der Augenblick des Rufes und also der Entscheidung, des Entschlusses, des Befehls und des Gehorsams, ist unserr Augenblick, der Augenblick des Bekenntnisses. Wir |160| sind aufgerufen, dorthin zu eilen, wo die Propheten und Apostel stehen. Sie stehen Angesicht in Angesicht mit dem kommenden Gott. Sie rufen uns zu sich, nicht um ihrer selbst, |178 sondern um des kommenden Gottes willen. Die Mannschaft, die sie gehört hat und aufbricht, das ist die Kirche, die bekennende Kirche. Die Kirche, die sich im Ernst anders verstehen wollte als so, wäre eine uninteressante Angelegenheit.
Das eben skizzierte Bild erhebt auf Originalität keinen Anspruch. Man kann von allem in der Welt originell reden, aber nicht von dieser Sache. Man kann von ihr nur getreu, das heißt nurs exegetisch reden. Ich wollte also mit dem Gesagten nur wiedergeben, wie die Propheten und Apostel die Offenbarung, wie die Kirchenväter und Reformatoren das biblische Zeugnis verstanden haben und wie wir selbst, in der Linie bleibend, die Kirche und das Bekenntnis und also uns selbst verstehen müssen.
Wir stellen zunächst zurück, was hinsichtlich der Begriffe des Zeugnisses und des Bekenntnisses zu sagen sein wird, und schreiten zu einigen Feststellungen, die dann t-Geltung haben-t dürften, wenn die Offenbarung mit den Propheten und Aposteln als das Ereignis deru freien, überlegenen Handlung Gottes am Menschen zu verstehen ist.
Zuerst: Was heißt dann Erkenntnis dieser Offenbarung? Vier Punkte dürften hier grundlegend sein:
1. Erkenntnis von Offenbarung beginnt nicht immer mit Klarheit. Sie kann an Klarheit zunehmen; sie sollte es. Sie kann aber an Klarheit auch wieder abnehmen. Sie beginnt aber unter allen Umständen mit Gewissheit. Entweder Gott hat gesprochen oder er hat nicht gesprochen. Hat er gesprochen, dann v1-hat er unüberhörbar gesprochen. Dann-v1 ist zum Beispiel die Frage nach seinem Dasein und Wesen entschieden v2-und nur a posteriori zu beantworten-v2. Auch der Zweifel, auch die Verzweiflung, auch der Unglaube des Menschen, auch ein Meer von Ungewissheit auf unserer Seite können dann nichts ändern an der Gewissheit seiner Gegenwart. Diese seine Gegenwart ist die Offenbarung. Es gibt unzählige menschliche Fragen v3-angesichts dieser seiner Gegenwart-v3. Aber sie beziehen sich alle auf die in der Offenbarung seiner Gegenwart schon gegebene Antwort. Die Gewiss|179heit hat das erste und das letzte Wort, nicht als unsere, aber als Gottes eigene Gewissheit.
2. Erkenntnis von Offenbarung kann unterbrochen werden. Sie kann sogar aufhören. Sie kann vertauscht werden mit falscher Erkenntnis, nichtiger Offenbarung. Sie hat aber, wo sie stattfindet, den Charakter der |161| Einmaligkeit. Wie der Mensch nur einen Vater haben, wie er nur einem anderen Menschen zugleich in die Augen schauen, nur eines Menschenw Wort zugleich hören kann, wie er nur einmal geboren ist und nur einmal sterben wird, so kann er auch nur eine Offenbarung glauben und erkennen. Man kann eine Mehrzahl von Religionen nebeneinander stellen und vergleichen, aber nicht eine Mehrzahl von Offenbarungenx. Wer Offenbarung sagt, sagt: eine einzige Offenbarung, ein für allemal geschehen, unwiderruflich und unwiederholbar. So gewiss Gott ein einziger Gott ist. Vor seiner Wirklichkeit versinken alle Möglichkeiten, vor seiner Wahrheit y-verflüchtigen sich-y alle Wahrscheinlichkeiten. Vor seinem Angesicht gibt es kein z-Ausweichen nach links oder rechts-z, keine Wahl, sondern nuraa immer wieder Entscheidung.
3. Erkenntnis von Offenbarung kann umgeben und begleitet sein von einer Fülle von menschlichem Schicksal, von stärksten äußeren und inneren Erfahrungen, von gewaltigen Taten des Menschen, von Abgründen menschlicher Freude oder auch menschlichen Schmerzes. Offenbarung geht ja den Menschen an. Und dies alles heißt Menschsein. Aber es bleibt – nein, es zeigt sich erst in der Erkenntnis der Offenbarung der Unterschied ab-von Gott und Mensch-ab. An diesen Menschen in seiner Totalität tritt Gott heran in seiner Offenbarung. Die Gott und den Menschen vermischen und verwechseln mochten, die den Menschen selbst als Gott verstanden oder Gott als das tiefste Wesen oder als das höchste Ideal des Menschen, die haben dabei sicher weder jenes Schlachtfeld noch jene Meldung vom Schlachtfeld der Propheten und Apostel vor Augen gehabt. Man muss schon ein sehr |180 weltfremder, ein sehr unangefochtener Betrachter der menschlichen Dinge oder man muss schon sehr leidenschaftlich in sein eigenes Schicksal, Tun und Leiden verliebt sein und man muss so oder so von der Handlung des allem Sein und Schicksal des Menschen überlegen gegenübertretenden Gegenparts schon sehr wenig oder gar nichts gehört haben, um die Begegnung zwischen Gott und Mensch, wie sie in der Offenbarung stattfindet, ac-als ein Einssein oder Einswerden beider zu verstehen-ac. Gott und Mensch sind nirgends weniger als vermischt und verwechseltad zu denken27 als da, wo sie sich wirklich finden: in Gottes Offenbarung.
4. Erkenntnis von Offenbarung kann und muss wohl bedeuten: Erkenntnis des fernen, des fremden, des heiligen Gottes. Sie verbietet den unnützen und gefährlichen Gedanken, als ob der Mensch bei dieser Be|162|gegnung mit Gott, vielleicht als dessen Partner, ausgerüstet mit einer Fähigkeit und Willigkeit für ihn, auftreten ae-und mitwirken-ae könnte. Erkenntnis von Offenbarung heißt immer Anerkennungaf des Wunders dieser Begegnung: der Gnade, der Barmherzigkeit, der Herablassung Gottes. Aber gerade damit ist ja gesagt: ag-sie ist-ag Erkenntnis einer wirklichen Beziehung zwischen Gott und Mensch, ah-einer Beziehung, die dort begründet ist, von woher sie-ah Kraft und Bestand haben kann, das heißt aber: nicht begründet in der zweideutigen Wahrheit unserer menschlichen Natur, unserer Vernunft oder auch unserer Liebe, sondern begründet in dem freien Entschluss des ewigen, wandellosen Gottes. Der würde ja nicht jene Handlung, jenen Angriff Gottes vor Augen haben, dem jene Beziehung noch ein Problem wäre, der sie wohl gar leugnen würde. Erkenntnis von Offenbarung heißt nicht Erkenntnis eines abstrakten Gottes ai-gegenüber |181 einem-ai abstrakten Menschen, sondern Erkenntnis des konkreten Gottes, der den Menschen gesucht aj-hat, gegenüber dem-aj konkreten Menschen, der von Gott gefunden ist. ak-Sie ist-ak Erkenntnis Gottes und des Menschen konkret in dem Ereignis der überlegenen Initiative Gottes. Das ist die Herrlichkeit Gottes: wo der Unterschied des Menschen von ihm offenbar wird in seiner Unendlichkeit, da eben wird offenbar: dieser Mensch gehört zu Gott, nicht weil er dessen fähig ist, nicht weil er das al-gesucht und gefunden hätte-al, aber weil es so Gottes gnädiger Wille ist.
Wir sprachen von der Erkenntnis der Offenbarung. Wir konnten nicht davon sprechen, ohne das Entscheidende faktisch schon vorwegzunehmen hinsichtlich der Frage nach dem Wesen und Inhalt der Offenbarung. Warum jene Gewissheit, jene Einmaligkeit der Offenbarungserkenntnis? Warum die in ihr vollzogene unerhörte Scheidung undam Beziehung zwischen Gott und Mensch? Darum, weil Offenbarung – das, was den Propheten und Aposteln als Offenbarung widerfuhr – an-nicht weniger-an ist als Gott selber. Darum ist sie ein Geheimnis, das heißt eine Wirklichkeit, deren Möglichkeit schlechterdings in ihr selber liegt, die wir in alle Ewigkeit nur aus sich selber, nicht aber von anderswoher verstehen, ableiten, begründen können. Gott ist aus und durch sich selber. So können wir auch über die Offenbarung nur nachdenken, indem wir die Offenbarung den Anfang unseres Denkens sein ao-lassen, nachdem sie selber für sich selber gesprochen hat-ao. Und darum ist sie Autorität, das heißt die Wahrheit, die nicht gemessen ist an dem Maßstab irgendeiner, und wäre es die tiefste |163| und aufrichtigste Wahrhaftigkeit, eine Wahrheit, in der vielmehr darüber entschieden ist und ap-in der-ap immer wieder entschieden wird darüber, was nun etwa wahrhaftigaq sein möchte, ar-die |182 Wahrheit also-ar, mit deren Anerkennung alle Wahrhaftigkeit anfangen muss, ohne deren Anerkennung auch die tiefste und aufrichtigste Wahrhaftigkeit nur lügen und trügen kann. Und darum, weil sie Gott selber ist, ist die Offenbarung das letztinstanzliche Gericht über den Menschen: Gnade für den, der ihr Verdammungsurteil annimmt as-als göttliches Recht-as, Verdammnis für den, der nicht Gnade annehmen, sondern sein at-eigenes, menschliches Recht gegen sie-at geltend machen will.
Weil die Offenbarung Gott selber ist!28 Zweimal hat die christliche Kirche bisher in großem Maßstab zu ringen gehabt um den Sieg dieser Erkenntnis. – Das erste Mal im 4. Jahrhundert: es ging um die Trinitätslehre, das heißt um die Anerkennung der wesentlichen Gottheit Jesu Christi und des Heiligen Geistes. Indem das Dogma diese Anerkennung vollzogen hat, hat es ausgesprochen: gerade indem die Kirche an die Offenbarung glaubt, glaubt sie an Gott selber, und so glaubt sie an Gott selber, dass sie an seine Offenbarung glaubt. Das ist’s, was die subordinatianischen und die modalistischen Antitrinitarier aller Zeiten nie verstanden haben und nie verstehen werden. Es war gut und notwendig, dass die Kirche sich durch ihre Argumente nicht irremachen ließ.29 – Den zweiten Kampf um dieselbe Erkenntnis führte im 16. Jahrhundert die reformatorische Lehre von der freien Gnade. Es ging um das Verständnis der Rechtfertigung des Sünders als eines Aktes, in welchem die dem Menschen zugeeignete Gabe identisch ist mit dem Geber, mit seiner Gesinnung, mit seiner Haltung, mit seinem Handeln am Menschen, mit der Tat Gottes, inau welcher er selbst sich |183 uns gibt und schenkt: Immanuel [vgl.
Aber wie dem auch sei: darin hat die den biblischen Propheten und Aposteln widerfahrene Offenbarung ihren Sinn, ihren Gehalt, ihre Wucht: Gott ist selbst da, indem Jesus Christus, indem sein Heiliger Geist da ist. ax3-Offenbarung heißt:-ax3 Gott selbst ist da, wo wir ay-sind. Er ist bei uns so, wie wir sind, ja, er ist selbst-ay das, was wir sind. Er hat unsere Natur zu seiner eigenen gemacht, aber auch unsere Sünde zu seiner eigenen, unseren Tod zu seinem eigenen. Ihm selbst in seiner ganzen göttlichen Majestät ist nichts Menschliches fremd.32 Er hat auf sich genommen unser Schicksal, unsere Gottlosigkeit, az-die Qual unserer-az Hölle. Unsere tiefste Not ist auch seine Not. Ja, gerade in unserer tiefsten Not tritt er ein für uns, stellvertretend, abwendend, ba-leidend und gutmachend, was wir nicht leiden und-ba gutmachen bb-könnten: Er selbst,-bb Jesus Christus, der den Tod des Sünders erlitten hat und ist zur Rechten des Vaters und vertritt uns – er selbst: der Heilige Geist, der, da wir nicht wissen, wie wir recht beten sollen, für uns eintritt mit unaussprechlichen Seufzern [
185 Alles andere, was über das Wesen und den Inhalt der Offenbarung zu sagen ist, hängt an diesem Einen. Man nenne sie die Tat der Herrschaft, durch welche sich Gott erklärt bg1-und durchsetzt-bg1 und behauptet als den Schöpfer eines Menschen, der seine Freiheit missbraucht und verloren hat bg2-und dennoch ihm gehört, als den Schöpfer-bg2 einer Welt, die bh-für diesen-bh Menschen zum Rätsel geworden ist bi-und dennoch seine, Gottes Welt, ist-bi. Man nenne bj-die Offenbarung-bj die Tat der Vergebung, in welcher Gott jenenbk Menschen trotz seiner Sünde bl-annimmt als einen, der ihm recht ist, und ihn sein Kind heißt aus Barmherzigkeit, das heißt-bl um seiner Gerechtigkeit willen. Man nenne sie den Akt der Heiligung, in welchem Gott jenembm Menschen sein Gebot gibt, ihn bn1-zu sich ruft und-bn1 für sich selber in Anspruch nimmt, ihn ohne alles Verdienst, ohne alle Eignung bn2-und Willigkeit-bn2 von seiner Seite würdigt, ihm zu dienen, für ihn zu leben und zu leiden, ihn zu lieben und zu loben. Man nenne sie den Akt der Verheißung, durch welche Gott jenembo Menschen und seiner ganzenbp Welt eine Hoffnung gibt, bq1-einen Ausblick nach vorne,-bq1 die Erwartung seines kommenden Reiches, der Erlösung, der Freude und des Friedens in diesem Reiche, bq2-in welchem Gott alle Tränen abwischen wird von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen-bq2 [
II. Kirche
Es wird gut sein, wenn wir zunächst in zwei Worten feststellen, was Kirche nicht ist:
Die Kirche ist nicht die in eine Anstalt verwandelte Offenbarung Gottes, in welcher Gottes Wille, Wahrheit und Gnade in Form einer bestimmten Summe von übernatürlichen Vollmachten, Erkenntnissen und Kräften in den Besitz oder doch in die Verfügung und Verwaltung des Menschen übergegangen wären. Gerade in der Kirche wird der Wille Gottes verstanden als der freie Wille des Herrn, der seine Ehre mit keinem Menschen teilt. Gerade in der Kirche weiß man, dass die Wahrheit Gottes kein Gegenstand ist – auch kein «übernatürlicher»34 Gegenstand – sondern das ewige Subjekt, cf-das sich uns nur in seinem Geheimnis, das sich nur dem Glauben bekannt macht-cf. Und gerade in der Kirche wird die Gnade Gottes angebetet in der Person Jesu Christi, das heißt aber in jener Ursprünglichkeit, die jeden Gedanken an eine menschliche und überhaupt geschöpfliche Mitwirkungcg ausschließt, in der sie nur als souveräner Akt des Heiligen Geistes verstanden werden kann. Die Kirche ist nicht das mit einem menschlichen Heilsweg und Heilsapparat identisch gewordene Reich Gottes. Es ist der römisch-katholische Irrtum, von dem wir uns hier abzugrenzen haben.
188 Die Kirche ist aber auch nicht ein freier Verein zur Pflege derjenigen Eindrücke, Erfahrungen und Anregungen, die den Menschen aus Gottes Offenbarung zugeflossen sein mögen, auf Grund derer sie sich bestimmte Überzeugungen gebildet, die sich ihnench zu bestimmten Entschlüssen, Lebensregeln, Gewohnheiten verdichtet haben, die ihnen zum Mittelpunkt ihrer ci-Frömmigkeit und Moral-ci geworden sind. Die Kirche entsteht nicht aus menschlicher Wahl, Entscheidung und Stellungnahme zur Offenbarung, sondern durch eine Wahl, Entscheidung und Stellungnahme Gottes dem Menschen gegenüber, stattfindend eben in der Offenbarung, |167| in der Gottcj zu ihnen kommt, in der er sich ihnen zu eigen gibt. Nicht die gleiche Empfindung, Überzeugung und Willensbildung führt die Menschen zur Kirche zusammen und hältck sie als Kirche beieinander, sondern der gleiche Gott, der gleiche Christus, der gleiche Geist, die gleiche Taufe, der gleiche Glaube [vgl.
Beide Irrtümer haben das Doppelte gemeinsam, dass sie die Kirche zugleich zu groß und zu klein machen. Zu groß, indem sie dem Menschen zu viel –cm zu klein, indem sie Gott zu wenig zutrauen. Der Mensch ist in der Kirche weder jenes Gefäß übernatürlicher cn-Vollmacht, Erkenntnis und Kraft-cn im Sinne des römischen Katholizismus, noch jene freie religiöse Persönlichkeit im Sinne des co-modernistischen Protestantismus-co. Und Gott ist in der Kirche weder jenes übernatürliche Sein, das dann durch die Vermittlung heiliger Kanäle da und dort doch zu einem Gegenstand der Betrachtung und des Genusses des Menschen würde, noch ist er so etwas wie eine natürliche oder geschichtliche Lebenskraft, zu der man auf Grund bestimmter Veranlagung und Erfahrung Zugang erlangen und über die man in |189 Form bestimmter Überzeugung und Haltung schließlich doch auch verfügen könnte wie ein Virtuos über sein Instrument.
Sondern dies Eine begründet und erhält die Kirche, darin ist sie cp-wahrhaftig groß und wahrhaftig klein: dass der Mensch auf Gott hört: hört, weil Gott-cp zu ihm geredet und was Gott zu ihm geredet hat. cq-Wo dies geschieht, da ist die Kirche-cq, auch wenn sie nur aus zwei oder drei Menschen bestünde [vgl.
Indem wir das Hören des Menschen auf Gott als das entscheidende Merkmal der Kirche erklären, betonen wir jedenfalls auch: ihre Menschlichkeit, ihre Weltlichkeit, ihre Profanität. Und es ist nicht etwa nur ein Schönheitsfehler, den wir damit feststellen, dass wir sagen: die Kirche nimmt in ihrer Existenz, in ihrer Gestalt und Botschaft teil an der Finsternis des Menschen, der Gott verloren hat und der verloren ist und bleibt, wenn er nicht von Gott wiedergefunden wird. Sie nimmt sogar mehr teil an dieser Finsternis, sie ist profaner als die übrige sie umgebende Welt, weil gerade der auf Gott hörende Mensch – und in Wahrheit nur er! – um seine Profanität weiß. Es ist der Kirche wesentlich, dass ihr nichts Menschliches fremd,40 dass sie immer und überall die Kirche des Menschen, die Kirche bestimmter Zeiten, Völ|193ker, Sprachen, Kulturen ist. Aber darüber hinaus besteht ihre Sympathie, ja Solidarität mit der Welt am Tiefsten gerade in dem, was sie scheinbar am Deutlichsten von der Welt, zum Beispiel von der Welt der Politik, der Wissenschaft, der Kunst unterscheidet: In der Kirche werden die Grenzen des Menschlichen gewahrt und bewacht,41 in der Kirche werden keine Götter angebetet, in der Kirche werden keine Ideologien gepflegt, in der Kirche muss der Mensch sich selbst nüchtern sehen und verstehen: in seiner Endlichkeit, in seiner Blöße, in seinen Schranken, in seiner Einsamkeit. Die Welt war der Kirche nicht immer dankbar dafür, dass sie ihre Götter ignorierte. Es gab bekanntlich eine Zeit, wo sie sie aus diesem Grunde verfolgte. Die Kirche würde vielleicht wieder verfolgt werden, wenn sie es der Welt wieder klarerdo machen könnte, dass sie sich darin von ihr unterscheidet, dass sie ihre Götter ignorieren muss. Aber man übersehe nicht: gerade in dieser Unterscheidung ist sie weltlicher als die Welt, humanistischer als die Humanisten, näher als sie beidedp dem eigentlichen Sinn der menschlichen Tragödie-Komödie, |170| die als Versuch des Menschen, sich selber zu helfen, nur dann echt sein könnte, wenn sie sich unter Verzicht auf allen religiösen Pomp und Anspruch innerhalb ihrer natürlichen Grenzen halten würde. Das Geheimnis der Welt ist doch die Nichtexistenzdq ihrer Götter. Und es kostet die Welt Tränen und Blut genug, dass sie dieses Geheimnis immer wieder leugnen und die Natur und die Geschichte mit Göttern bevölkern möchte; der Grund ihrer Unruhe ist ihre Weigerung, sich zu ihrer Profanität zu bekennen. Die Kirche weiß um dieses Geheimnis der Welt. Sie darf sich durch keine Vorwürfe und Anklagen darin irremachen lassen. Gerade damit hält sie der Welt Treue.
Aber diese Treue ist doch nur möglich als Kehrseite einer ganz anderen Treue. Kirche ist da, wo der Mensch auf Gott hört. Nicht auf |194 Götter, nicht auf ein Göttliches, sondern auf Gott. dr-Gott ist nicht eine Macht oder Wahrheit, Gott ist nicht das Sein, das der Mensch selbst entdecken kann, um es dann mit dem Titel der Gottheit zu bekleiden, sondern Gott ist der-dr, der dem Menschen als sein wirklicher Herr bekannt wurde, indem er ihm handelnd, richtend, vergebend, heiligend, verheißend entgegentrat, ds-indem er sich ihm offenbarte-ds. Dass das geschehen ist, sagen uns die biblischen Propheten und Apostel. Oder wer sollte es uns sonst gesagt haben? Von Göttern und vom Göttlichen dt-melden uns-dt freilich viele Bücher, von Gott nur diesesdu eine. Indem die Stimme derer gehört wurde, die in der Erwartung und in der Erinnerung Jesu Christi lebten, entstand die Kirche: et in hanc petram aedificabo ecclesiam meam [
197 Ist nämlich wirklich das Hören auf die Schrift, die Unterordnung unter sie, die Bindung an sie das konkrete Lebensgesetz der Kirche, ist es wahr, dass die Kirche immer wieder dadurch entsteht, dass wir durch das Wort der Propheten und Apostel an ihre Seite gerufen werden, um mit ihnen der Initiative Gottes standzuhalten, mit ihnen Zeugen seiner Offenbarung, Hörer seines Wortes zu sein, dann muss das Leben in der Kirche und das Leben der Kirche selbst notwendig ein Leben der Demut und des Dienstes sein. Nicht umsonst gipfeln die Weisungen, die das Neue Testament denen gibt, die auf Gott und also auf das Wort seiner Propheten und Apostel hören wollen, an mehr als einer Stelle in der Mahnung zur tapeinophrosyne43, das heißt zu einem Denken aus und in der Beugung, in der Erniedrigung vor Gott und den Menschen.er Es ist gesorgt dafür, dass im öffentlichen und priva|198ten Leben der Menschen immer wieder geherrscht werden wird. Staat ist Herrschaft, Kultur ist Herrschaft, auch die beste und reinste Entfaltung menschlichen Wesens ist Herrschaft. Niemand von uns ist unbeteiligt an menschlicher Herrschaft, es-niemand strebt nicht irgendwie nach ihr-es. Und menschliche Herrschaft ist immer eineet sündige, verkehrte Herrschaft. Dennoch hat die Kirche, auch darin im Gehorsam gegen die Schrift, immer anerkannt, dass dieseeu sündige, verkehrte Herrschaft ev-unter den Menschen-ev eine notwendige göttliche Anordnung gegen ihreew ebenso sündige und verkehrte Freiheit sei. ex-Die Kirche-ex hat aber ihren eigenen Beruf immer ebenso bestimmt anderswo gesucht als in der Aufrichtung und Aufrechterhaltung solcher Herrschaft. Sie ey-wird darum dem Kaiser geben, was des Kaisers ist [vgl.
III. Theologie
Unter allen Wissenschaften ist die Theologie die schönste, die den Kopf und das Herz am reichsten bewegende, am nächsten kommend der menschlichen Wirklichkeit und den klarsten Ausblick gebend auf die Wahrheit, nach der alle Wissenschaft fragt, am nächsten kommend dem, was der ehrwürdige und tiefsinnige Name einer «Fakultät» besagen will,48 eine Landschaft mit fernsten und dochgc immer noch hellen Perspektiven, wie die von Umbrien oder Toskana, und ein Kunstwerk, so wohl überlegt und so bizarr wie der Dom von Köln oder Mailand. Arme Theologen und arme Zeiten in der Theologie, die das etwa noch nicht gemerkt haben sollten! – Aber unter allen Wissenschaften ist die Theologie auch die schwierigste und gefährlichste, diejenige, bei der man am ehesten in der Verzweiflung oder, was fast noch schlimmer ist: im Übermut endigen, diejenige, die, zerflatternd oder verkalkend, am schlimmsten von allen zu ihrer eigenen Karikatur werden kann. Gibt es eine Wissenschaft, die so ungeheuerlich und |203 die so langweilig werden könnte wie gd-die Theologie-gd? Der wäre kein Theologe, der vor ge-ihren Abgründen-ge noch nie erschrocken wäre oder gf-der vor ihnen-gf zu erschrecken aufgehört hätte.
Beides ist wahr und beides hat seinen Grund darin, dass die Theologie ihre eigene Existenz, ihre Notwendigkeit und ihre Möglichkeit, ihre Arbeit und ihre Ergebnisse nicht selbst zu rechtfertigen braucht, nicht selbst rechtfertigen kann und auch nicht selbst rechtfertigen wollen darf. Sie ist die freieste, sie ist aber auch die gebundenste unter allen Wissenschaften. Sie darf allen Fragen nach ihrem Recht gegenüber schlicht auf die Kirche und auf die die Kirche begründende göttliche Offenbarung verweisen. Das ist aber auch die einzige Antwort, die sie zu geben vermag, und gerade mit dieser einzigen Antwort entkleidet sie sich alles selbständigen Rechtes. Es ist eine wahrhaft königliche Voraussetzung, auf Grund derer sie existiert, eine Voraussetzung, von der her auch die beiläufigste theologische Argumentation, wenn sie nur wirklich theologisch ist, einen unvergleichlichen Schwung und Glanz bekommt. Aber sie kann diese Voraussetzung |176| nicht aufzeigen wie der Naturforscher die Phänomene, wie der Historiker die Tatsachen, wie der Philosoph und Mathematiker die Axiome, wie der Jurist und Soziologe die gesellschaftlichen Möglichkeiten und Notwendigkeiten, auf die sich ihre Forschung und ihr Unterricht beziehen. Sie kann nicht einmal die Grenzen ihrer Problematik, ihrer Forschung und ihres Unterrichts allgemein und systematisch aufzeigen, um so ihren Raum und ihre Berechtigung in der Reihe der übrigen Wissenschaften zu sichern undgg ihre Voraussetzung als eine gültige wenigstens indirekt sichtbar zu machen.49 Ihre Voraussetzung ist ja die Offenbarung, das Handeln Gottes selbst in seinem Wort und durch seinen Geist. Wie sollte diese Voraussetzung auch nur indirekt, auch nur negativ, auch nur als Grenze der anderen Wissenschaften aufzuweisen sein? Sie müsste schon umgedeutet und verfälscht, preisgegeben und verraten werden, um Gegenstand eines |204 solchen Aufweises zu werden. Die Theologie müsste schon aufhören, Theologie zu sein, wenn sie sich selbst rechtfertigen wollte und könnte. Sie war noch immer von allen guten Engeln verlassen, wenn sie das dennoch versucht hat. – Gibt es zum Beispiel etwas Trostloseres als den nun seit zweihundert Jahren50 mit zunehmendem Eifer unternommenen Versuch einer systematischen Verknüpfung oder auch Unterscheidunggh zwischen den Bereichen der Theologie und der Philosophie? Hat auch nur ein einziger namhafter Philosoph den Künsten, die die Theologen in dieser Absicht an den Tag gelegt haben, auch nur die geringste Beachtung geschenkt? Hätte nicht schon die Ängstlichkeit undgi Unsicherheit, in der man dieser Sache nachging, daran erinnern müssen, dass man dieser Sache kaum anders als mit schlechtem Gewissen nachgehen kann? Die Theologie kann der Philosophie notorisch erst von dem Augenblick an interessant werden, wo sie ihr nicht mehr interessant sein will. Ihr Verhältnis zu ihr kann notorisch erst von dem Augenblick an ein positives und fruchtbares werden, wo sie nicht nur resolut darauf verzichtet, selbst Philosophie zu sein, sondern resolut auch darauf, ihre Existenz neben der Philosophie prinzipiell aufweisen und begründen zu wollen.51 Und dasselbe gilt von ihrem Verhältnis zu allen anderen Wissenschaften. – Wie Gottes Offenbarung und wie die Kirche nur faktisch existieren – die Offenbarung in sich selbst, die Kirche in der Offenbarung begründet –, so kann und soll auch die Theologie nur faktisch existieren. Sie beweisegj1 ihre Existenz, ihre Möglichkeit und Notwendigkeit, indem sie existiertgj2! Sie beweise die Berechtigung ihres Vertrauens zu ihrer Voraussetzung dadurch, dass sie |177| ihr vertraut und aus diesem Vertrauen denkt und redet! Sie wage es also, sich selbst zu sein und ihren eigenen Weg zu gehen! Alle Verzweiflung und aller Übermut, alle Langweiligkeit und alle Ungeheuerlichkeit der Theologie haben ihren |205 Grund noch immer darin gehabt, dass sie zu wenig Theologie gk-zu sein wagte-gk. Sie schäme sich nicht, dann hat sie auch keinen Anlass, sich zu schämen. Sie verteidige sich nicht, dann wird sie unangreifbar sein. Sie meide alle Künste außer der einen, die ihr befohlen ist, dann wird sie gl-gewiss nicht isoliert sein-gl: sie ist nur so lange isoliert, als sie sich vor der Isolierung fürchten zu müssen meint.
Die Kunst, die der Theologie befohlen ist, die sie ausüben soll und darum auch ausüben kann, ist der Dienst, den sie der Kirche und in der Kirche dem Herrn der Kirche zu leisten hat. Theologie ist eine bestimmte Funktion in der kirchlichen Liturgie, das heißt in jener anbetenden Verkündigung oder verkündigenden Anbetung, in der die Kirche auf Gott hört. Theologie existiert also nicht im leeren und nicht in irgendeinem willkürlich gewählten Raum, sondern in dem Raum zwischen Taufe und Abendmahl, zwischen der Heiligen Schrift und ihrer Auslegung und Verkündigung. Theologie ist wie alle anderen Funktionen der Kirche ausgerichtet auf das Faktum, dass Gott gesprochen hat und dass der Mensch hören darf. Theologie ist ein besonderer Akt der Demut, die gm-dem Menschen-gm durch dieses Faktum geboten ist. Darin besteht dieser besondere Akt der Demut: in der Theologie versucht die Kirche, sich immer wieder kritisch darüber Rechenschaft zu geben, was das heißt und heißen gn-muss vor Gott und vor den Menschen: Kirche zu sein-gn. Existiert doch die Kirche als eine Versammlung von Menschen, und zwar von fehlbaren, irrenden, sündigen Menschen. go-Nichts ist weniger selbstverständlich als dies, dass sie immer aufs Neue Kirche wird und ist.-go Sie existiert untergp dem Gericht Gottes. Eben darum kann es nicht anders sein, als dass sie sich auch selbst richten muss, nicht nach eigenem Gutdünken, sondern nach dem Maßstab, der identisch ist mit ihrem Existenzgrund, also nach Gottes Offenbarung und also konkret nach der Heiligen Schrift. Und eben dies: die immer wieder notwendige und gebotene Selbst|206prüfung der Kirche am Maßstab des göttlichen Wortes ist die besondere Funktion der Theologie in der Kirche.52
Wir vollziehen von hier aus einige notwendige Abgrenzungen:
1. Die Theologie kann sich die Wahrheit, die sie in der Kirche geltend zu machen hat, nicht selbstgq1 wählen. Sie hat sie geltend zu machen nicht als die einleuchtendste, nicht als die wahrscheinlichste, nicht als die prak|178|tischste – das alles schmeckt nach Wahl und kann hier nicht in Betracht kommen –, sondern als schongq2 gewählte, und zwar nicht von ihr, sondern für sie gewählte Wahrheit: als Wahrheit, über deren Wahrheit schon entschieden ist, indem siegr sie geltend macht. Wo die Theologie sich herausgenommen hat, die göttliche Wahrheit selbst wählen zu wollen, da hat sie noch immer irgendeine diskutable menschliche Wahrheit gewählt; da hat sie sich selbst noch immer aufgegeben. Ich nannte die Theologie die freieste, aber auch die gebundenste Wissenschaft. Ihre Freiheit ist die Freiheit Gottes: Gibt es einen souveräneren Akt als den gs-theologischen Denkakt, den Akt-gs der Anerkennung und Geltendmachung gt-des Wortes Gottes-gt als des Wortes des Herrn des Himmels und der Erde [
2. Die Theologie kann sich darum nicht gebärden, als wäre sie ein Zweig und eine Anwendung der heute unter idealistischem, morgen unter positivistischem, übermorgen unter skeptischem Vorzeichen getriebenen Geschichtswissenschaft. Gewiss gehören die Dokumente der Offenbarung zu den Monumenten der menschlichen Geschichte. Gewiss wird ihre Erforschung darum immer eine geschichtliche, also zum Beispiel immer auch eine geschichtskritische sein müssen. Und |207 gewiss wird jeder, auch der theologische Geschichtsforscher, immer bestimmte philosophische Voraussetzungen, also zum Beispiel die idealistische, die positivistische oder die skeptische, an seinen Stoff, also in unserem Falle an die Bibel, an das Dogma des 4. und 5. Jahrhunderts, an die Reformation schon heranbringen. Aber es ist etwas anderes, ob man je nach der Art dieser Voraussetzung eine unabhängige, von letzter Würde umgebene, sogenannte «historische Wahrheit» oder ob man Gottes Wort in den Dokumenten der Kirche zu finden erwartet.53 Es ist etwas anderes, ob man bei ihrer Erforschung und Auslegung sich selbst als Idealist, Positivist oder Skeptiker oder sich selbst als Hörer dieses Wortes das letzte und eigentliche Zutrauen schenkt. Es ist etwas anderes, ob man als Historiker entschlossen ist, im letzten Grund von seiner Eigenschaft als Glied der Kirche, oder ob man entschlossen ist, gw-im letzten Grund-gw von seiner Eigenschaft als Idealist, Positivist oder Skeptiker zu abstrahieren. Die historische Technik und Methode gx-wird hier und dort-gx keine andere sein, wohl aber die |179| Fragen, die Gesichtspunkte, die Interessen und damit schließlich doch der Sinn, in welchem die Geschichte hiergy und dort erforscht und ausgelegt wird. Wer die durch seine Weltanschauung bestimmte «historische Wahrheit» absolut, wer sie wohl gar mit der Wahrheit Gottes gleichsetzt, der kann ein großer Historiker sein, aber als theologischer Historiker wird er nicht oder nur unvernünftig mitreden können.
3. Die Theologie kann sich aber auch nicht als Wahrheitsforschung und Wahrheitslehre im Allgemeinen gebärden. Indem sie sich der Wahrheit der Offenbarung beugt, versteht sie dasgz, was die verschiedenen Weltanschauungen ha-«Wahrheit» nennen-ha, im besten Fall als relative, vorläufige, beschränkte Wahrheit. Es ist aber nicht ihres Am|208tes, sich sozusagen zwischen oder über den Gegensatz zwischen Gottes Offenbarung und die menschliche Vernunft hb-und ihre Weltanschauungen-hb zu stellen und die Relation, den Zusammenhang zwischen beiden als solchen, die Offenbarung als Vernunfthc oder die Vernunft als Offenbarung darzustellen und so beide in ein System zu bringen. Das ist’s, was die Gnosis aller Zeiten und Spielarten immer wieder versucht hat. Gnosis meint Offenbarung und Vernunft, Gott und Mensch, Gnade und Natur vom Standpunkt Gottes aus zusammenschauen und zusammendenken zu können.54 Das Ergebnis war noch immer, dass sie beide missverstanden hat. Theologie ist nicht Gnosis. Theologie stellt sich nicht auf den Standpunkt Gottes. Theologie hört auf Gottes Offenbarung und versteht darum ihr Verhältnis zur menschlichen Vernunft als eine Begegnung, als ein Gespräch, in welchem die erste zu reden, die zweite zu hören, die Gnade zu geben und die Natur zu empfangen, Gott zu regieren und der Mensch zu gehorchen hat. Sie anerkennt menschliche Wahrheit da und schlechterdings nur da, wo dieses Ereignis stattfindet, wo also Gottes Wahrheit zum Menschen gesprochen hat.
4. Die Theologie ist nicht die Versöhnung des Menschen mit Gott. Das ist auch die Kirche nicht, auch nicht ihre Sakramente, auch nicht ihre Predigt, auch nicht ihre Liebeswerke. Die Versöhnung des Menschen mit Gott ist der in Jesus Christus handelnde Gott selber. Die Theologie ist ein menschliches, sie ist nicht das göttliche Werk. Sie ist Dienst am Wort, nicht selber das Wort Gottes. Das muss ausdrücklich gesagt werden, weil man die Theologie immer wieder damit meint diskreditieren zu können und zu sollen, dass man ihr vorhält: sie sei nur Theorie, nicht Praxis, nur intellektuelle Arbeit, nicht Leben, nur Wahrheit, nicht Wirklichkeit.55 In der |180| Tat: sie ist nicht dashd |209 Ganze, nicht einmal im Leben der Kirche, geschweige denn in der Beziehung zwischen Gott und Mensch. Sie ist, wie schon gesagt wurde, eine bestimmte Funktion in der Liturgie der Kirche. Man sehe aber wohl zu, was man tut, wenn man sie darum, weil sie eben nur diese eine bestimmte Funktion ist, verdächtigthe, weniger ernst nimmt und damit vielleicht praktisch ausschaltet. Unter den Funktionen der kirchlichen Liturgie ist keine einzige zu entbehren, wenn sie nicht als Ganzes zerstört werden soll. Und es ist heute am Platz, sehr bestimmt zu sagen: gerade diese Funktion, die Theologie, die kritische Selbstbesinnung der Kirche auf ihren Grund und Ursprung, ist auf keinen Fall zu entbehren. Man treibe nur eine Praxis ohne Theorie! Man lobpreise nur das Leben auf Kosten der intellektuellen Arbeit, hf-der Erkenntnis und des Bekenntnisses-hf! Man verehre nur die Wirklichkeit unter Verachtung der Wahrheit! Es wird sich bald genug zeigen, dass diese Praxis sachlichhg auch nicht das Ganze, auch nur menschliches Werk ist, in seiner eigenmächtigen Isolierung aber sicher kein gutes menschliches Werk! Wohin das führen kann, steht uns heute in einem großen Exempel vor Augen, über das man in der Kirche aller Länder gründlich nachzudenken allen Anlass hätte.56 Eine Kirche ohne ordentliche Theologie müsstehh über kurz oder lang notwendig eine heidnische Kirche werdenhi.
Was aber ist Theologie? Versuchen wir es nun noch, positive Antwort auf diese Frage zu geben.
Die Aufgabe der Theologie besteht darin, die Menschen in der Kirche, die Prediger und die Gemeinden, immer wieder daran zu erinnern, dass das Leben und Handeln der Kirche unter dem Evangelium und unter dem Gesetz stehen, dass hier Gott gehört werden soll. Sie |210 hat also zu prüfen, wie hier von Gott geredet, was hier «Gott» genannt und als Gottes Willen und Werk ausgegeben wird. Sie hat ein Wächteramt zu versehen gegenüber demhj immer wieder drohenden und tatsächlich hereinbrechenden hk-Irrtum, dem-hk das Leben der Kirche ausgesetzt ist, weil sie eine Kirche fehlbarer, irrender, sündiger Menschen ist, hl-gegenüber dem theologischen Irrtum, der-hl die Kirche sich selbst entfremden und siehm zu einem «dummen Salz» [vgl.
Wo sie das wirklich tut, da wird sie ihre Aufgabe zuerst und vor allem in der Exegese der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testamentes erblicken. Die Kirche vertraut und gehorcht der Offenbarung, wenn sie sie kennt. Sie kennt sie aber, wenn sie ihre biblischenhp Zeugnisse kennt. Kennen heißt aber verstehen. Darum muss die entscheidende Funktion der kirchlichen Liturgie, die Predigt, in der Auslegung der heiligen Texte, hq-das heißt in der Anleitung zu ihrem Verständnis-hq bestehen. Darin hat ihr die Theologie mit ihrer Exegese voran und zur Seite zu gehen. Theologische Exegese ist eine historisch-grammatikalische Aufgabe wie eine andere, nur dass der theologische Exeget sich grundsätzlich nicht mit seiner philosophischen Weltanschauung über den Text, sondern in der Erwartung, dass dieser Text ein Offenbarungszeugnis sei, unter ihn zu stellen hat. In der Erwartung – das ist alles, was sich hier sagen lässt. Dass er das Zeugnis als solches hr-vernimmt und in seiner Erklärung als solches vernehmlich macht, das ist nicht in seine Hand gegeben-hr. Offenbarung redet |211 auch in der Bibel dann, wennhs, und da, wo Gott es will.57 Die Besonderheit der theologischen Exegese reduziert sich also auf diese Erwartung und auf den Respekt, die Aufmerksamkeit und Offenheit, die dieser Erwartung entsprechen. In dieser Erwartunght wird der theologische Exeget nicht ohne den Leitfaden sein, der ihn den ursprünglichen – den wirklich ursprünglichen! – Sinn des Textes nicht ganz verfehlen lassen wird. In dieser Erwartung gelesen und ausgelegt, ist die Bibel in den Händen der hu-Kirchenväter, der-hu Reformatoren und unzähliger bescheidenerer Ausleger das Buch des Zeugnisses und damit der Offenbarung selbst gewesenhv und immer aufs Neue geworden. In ihrer Nachfolge hw1-und nach ihrem Vorbild-hw1 muss sie von der Theologie weiter gelesen hw2-und ausgelegt-hw2 werden.
Aber die Predigt der Kirche beschränkt sich ja nicht darauf, das Zeugnis der Propheten und Apostel als solches, als das vor Jahrtausenden gesprochene und geschriebene Wort zu erklären. Schon indem sie es in eine andere Sprache übersetzt, noch mehr indem sie die Worte, Begriffe und Sätze des Textes durch andere umschreibt, die nicht im Text stehen, und erst recht indem sie die Linien des Textes verlängert, so dass hx-sein Wort zu einem Wort an die jeweilige Gegenwart wird-hx, wagt hy-es der Prediger-hy, die Gedanken der biblischen Zeugen heute, hier, selber zu denken, im Namen der gegenwärtigen Kirche auszusprechenhz als deren eigene Erkenntnisia. Aus dem Gehörten muss das Gesprochene werden. Wie sollte es sonst wieder und weiter gehört werden? Aus der Erkenntnis wird notwendigib das |182| Bekenntnis. |212 Ein notwendiger, aber auch ein gefährlicher Übergang! Entsteht nun nicht ein sozusagen neutrales Gebiet, auf dem sich der Irrtum ic1-des modernen Menschen-ic1 breitmachen wird? In der Tat, und eben darum muss jetzt auch das Wächteramt der Theologie eine neue Gestalt annehmen: die Gestalt der Dogmatik, das heißt der kritischen Untersuchung dieser an die Auslegung der Texte sich anknüpfenden, relativ freien, jeweils «modernen» ic2-Begriffsbildungen und-ic2 Gedankengänge der kirchlichen Verkündigung. id-Das Dogma hat sie zu prüfen-id auf ihre Angemessenheit im Verhältnis zu ihrem Gegenstand. «Das Dogma»58 ist der Inbegriff dieser Angemessenheit, über die «die Dogmen» der Kirche in einigen (langeie nicht allen) Punkten gewisse Bestimmungen getroffen haben. Die Dogmatik hat die Aufgabe, diese Bestimmungen, also «die Dogmen» zu erklären, aber darüber hinaus in umfassender Erforschung der ganzen kirchlichen Sprache, Begriffe, Sätze und Gedankengänge if-der jeweiligen Gegenwart,-if in stetem Kontakt mit der biblischen Exegese und unter kritischem Vergleich der Aussprüche der alten und neuen Ausleger, Prediger und Lehrer der Kirche nach «dem Dogma» zu fragen. Wieder steht der Ertrag dieser kritischen Bemühung nicht in ig-menschlicher Hand-ig. Der Dogmatiker sitzt so wenig im Rate Gottes wie der Exeget. Wenn er nur als Mensch ih-auf Erden-ih ehrlich vor der Bibel und vor gewissen unentbehrlichen Dokumenten ii-kirchlicher Erkenntnis und kirchlichen Bekenntnisses sitzt und nicht etwa heimlich mit dem Bau eines pseudo-philosophischen (eines «religionsphilosophischen»!) Systems59 beschäftigt ist-ii, so wird seine Bemühung wohl nicht völlig vergeblich |213 sein. Wir haben es hier, in der Dogmatik, mit der am spezifischsten theologischen unter den theologischen Disziplinen, mit dem eigentlichen Zentrum der ij-theologischen Wissenschaft,-ij zu tun.
Aber nun ist die Predigt mit den übrigen Funktionen der kirchlichen Liturgie zusammen und als deren Mittelpunktik keine Dissertation und keine Meditation, sondern eine Aktion: die Aktion, in der die Kirche dem Worte Gottes dienen möchte, damit sie selbst und damit die Welt es wieder und wieder höre. Der Prediger ist ein Mensch, und die die Predigt hören sollen sind Menschen einer bestimmten Zeit und geschichtlichen Lage, und damitil erhebt sich zwischen beiden noch einmal das Problem der Sprache, nun in dem praktischen Sinne der Frage: mit welcher Gestalt der Predigt im-und des ganzen kirchlichen Dienstes-im dem Worte Gottes so gedient sein möchte, dass es von diesen und diesen Menschen als das |183| Wort Gottes gehört werden kann? Die sogenannte praktische Theologie, die hier eingreift, ist sehr zu Unrecht weithin als ein Stiefkind der Wissenschaft behandelt worden, zu deren Betreuung an den Fakultäten man oft genug allerlei herzlich unbedeutende Gestalten für gerade gut genug gehalten hat.
Zum Schluss: Die Theologie ist keine Privatsache der Theologen. Keine Privatsache der Professoren: es hat zum Glück immer wieder Pfarrer gegeben, die von Theologie mehr verstanden als die meisten Professoren. Aber auch keine Privatsache der Pfarrer: es hat zum Glück immer wieder Gemeindeglieder und manchmal ganze Gemeinden gegeben, die die Funktion der Theologie still, aber energisch erfüllten, während ihre Pfarrer theologische Kinder oder Barbaren waren. Die Theologie ist eine Sache der Kirche. Es geht nicht gut ohne iw-Pfarrer und Professoren-iw. Aber das Problem der Theologie: die |215 Reinheit des kirchlichen Dienstes, ist der ganzen Kirche gestellt. Es gibt in der Kirche grundsätzlichix1 keine Nicht-Theologen. Der Begriff «Laien» vollendsix2 ist einer der schlechtesten Begriffe der religiösen Sprache, ein Begriff, der aus der christlicheniy Sprache iz-ganz einfach-iz verschwinden sollte. Also: die Nicht-Professoren und Nicht-Pfarrer sind mitverantwortlich dafür, dass die Theologie ihrer Professoren |184| und Pfarrer keine schlechte, sondern eine gute seija. Und weil die Offenbarung, weil die Kirche in ihrem Wesenjb und in ihrer Absicht, eine menschliche Sache ist, darum sagen wir jetzt auch von der Theologie in getroster Allgemeinheit: sie ist eine menschliche Sache. jc-Und es gibt Zeiten, die der Theologie so dringend bedürfen, dass man dann wohl sagen darf: sie-jc ist, wie wenige auch darum wissen mögen, die menschliche Sache.
Anhang: Fragment des ersten Entwurfs von «Offenbarung»61
Offenbarung
Das Wort «Offenbarung» gehört zu den Grundworten der menschlichen Sprache, die nicht die Ergebnisse einer von Menschen unternommenen Betrachtung und Besinnung, sondern die den Inhalt eines ihm widerfahrenen Ereignisses wiedergeben wollen. Es gibt ein ruhiges, freies Beschauen, Bedenken und Beschreiben der menschlichen Dinge, deren letztes Wort vielleicht lauten wird: «das Sein» oder: «die Wirklichkeit» oder: «die Natur» oder: «die Geschichte», vielleicht auch: «die Wahrheit» oder gar: «Gott». Es gibt aber auch ein Denken und Reden mitten auf dem Schlachtfeld des menschlichen Lebens, |216 mitten in seinen Gefahren, Überraschungen und Nöten, und es gibt militärische Meldungen, Heeresberichte von diesem Schlachtfeld, Feststellungen, die ganz und gar eine bestimmte Kampfsituation meinen und die ganz und gar als solche gehört und verstanden werden müssen. Unter diesen Meldungen hört man da und dort das Wort «Offenbarung». Man hört auch andere Meldungen von diesem Schlachtfeld: vielleicht das Wort: «die Tat» oder: «der Schmerz», die Worte «Sieg» und «Niederlage» und immer wieder das Wort: «der Tod». Allen diesen anderen Worten ist dies gemeinsam: sie sind Feststellungen über das, was der Mensch auf jenem Schlachtfeld vollbracht oder auch erlitten hat, sie sind Meldungen über Ereignisse auf der menschlichen Front als solcher. Zu dieser Art Meldungen gehört auch das große Wort «Schicksal», sofern es zusammenfassend ausdrückt, dass es dem Menschen bestimmt und beschieden ist, anzuhalten, zu kämpfen, zu leiden, sich zu freuen, zu sterben. Das Wort «Offenbarung» steht neben allen diesen Worten ganz für sich, sofern es nicht eine Meldung von dem Tun und Leiden des Menschen als solchem, sondern eine Meldung von einer freien und überlegenen Maßnahme und Handlung des Gegners enthält, einer Maßnahme und Handlung, die als solche in vollem Gang ist und zur Geltung kommt, ohne dass sich ihre volle, ihre endgültige Auswirkung auf die menschliche Front schon überblicken und abschätzen ließe. «Offenbarung» heißt, in diesem Vergleich gesprochen: der Feind hat die Initiative ergriffen.
Wir verlieren die mit «Offenbarung» bezeichnete Wirklichkeit sofort aus den Augen, wenn wir dem Wort diese seine Bedeutung als Kampfbericht, und zwar als Bericht von einer freien, mächtigen Handlung des Gegners wieder nehmen. Offenbarung sagt: An den Menschen mit seinem Tun und Leiden, mit seinem so oder so bestimmten Schicksal ist Gott so herangetreten, dass dem Menschen keine Möglichkeit mehr geblieben ist, sich selbst ohne dieses Gegenüber zu verstehen, so herangetreten, dass der Mensch sich auf alle Fälle vor diesem Gegenüber verantworten muss. Wenn wir uns das vor Augen halten, muss es uns z. B. sofort deutlich sein, dass überall da, wo von «Offenbarung» in einem ernsthaften Sinn gesprochen wird, von einer Diskussion über das Dasein und Wesen Gottes keine Rede sein kann. Das Dasein und Wesen des Feindes im Angriff? Was sollen diese Fragen? Wo Gott handelnd auf dem Plan ist, da ist eben damit über die Fragen: ob er ist? und: wer er ist? entschieden. Die Antwort auf diese Fragen wird nur nachsagen können, was Gott selbst in seiner Handlung vorgesagt hat. Weiter: Wo von Offenbarung in einem ernsthaften Sinn gesprochen wird, da ist die Frage nach «andern» Offenbarungen gegenstandslos. Der Notschrei eines Ertrinkenden, der Hilferuf eines auf Leben und Tod Angegriffenen wird nicht ernsthaft gehört, wenn er nicht in seiner ganzen Einmaligkeit gehört, sondern gemächlich mit andern Lebensäußerungen dieser Art verglichen wird. Ebenso einmalig ist die Meldung, die mit dem Wort «Offenbarung» hinsichtlich des Handelns Gottes gemeint ist. Hört man sie mit der Erwägung, dass Gott vielleicht auch noch anderswo und anderswie gehandelt haben könnte, dann ist sie sicher nicht ernsthaft gehört. Weiter: Wo |217 von «Offenbarung» in einem ernsthaften Sinn gesprochen wird, da ist ausgeschlossen die Verwechslung zwischen Gott und Mensch. Spreche ich von meinem Tun und Leiden, dann meine ich eindeutig mich selber. Und wenn ich von meinem Schicksal oder wenn ich von «Sein», von «Natur» und «Geschichte» spreche, meine ich wohl immer noch eindeutig mich selber, den Menschen. Spreche ich von Offenbarung und weiß ich, was ich damit sage, dann spreche ich eindeutig von einer Begegnung mit einem Andern. Gerade das Unangemessene der Vergleichung der Offenbarung mit einem Kampfbericht und also Gottes mit dem Feind kann hier lehrreich sein: den Feind, der mich eben auf Leben und Tod angreift, werde ich gewiss nicht mit mir selbst verwechseln. Und so wird ein ernsthaftes Wort von Gottes Offenbarung gewiss nicht mit einem Bericht über menschliches Sein, Wollen, Tun und Erleiden zu verwechseln sein. Endlich: Wo von «Offenbarung» in einem ernsthaften Sinn gesprochen wird, da kann nicht gefragt werden, ob und wie wohl Gott mit seinem Handeln den Menschen erreichen, berühren und bestimmen möchte. Offenbarung meint die Begegnung von Gott und Mensch, die auf Grund göttlicher Initiative, wie unbegreiflich das immer sein möge, schon stattgefunden hat. Offenbarung meint nicht den abstrakten Gott und den abstrakten Menschen. Offenbarung meint den konkreten Gott, der den Menschen gesucht hat, und also den konkreten Menschen, der von Gott gefunden ist, vielleicht den glaubenden, vielleicht den nichtglaubenden, vielleicht den durch ihn begnadigten, vielleicht den durch ihn verurteilten Menschen (Offenbarung ist Entscheidung über ihn!), aber den konkreten Menschen, der von Gott gefunden ist. Wie Gott und Mensch zusammenkommen, das ist gerade kein Problem mehr, wo von Offenbarung ernsthaft gesprochen wird.
Aber wo wird von Offenbarung ernsthaft gesprochen, mit jenem Ernst einer keinen Zweifel erlaubenden Meldung von dem, was der Gegner auf dem Schlachtfeld schon unternommen und getan hat, mit jenem Ernst, der die Wirklichkeit Gottes, die Ewigkeit seines Tuns, seine Unterscheidung von uns selbst und zugleich seine Beziehung zu uns zu diskutieren nicht erlaubt? Ich62