Dieses Vorwort reiht sich in Barths Vorworte «zur Lage»1
ein, und nichts illustriert die damalige Bedeutung, Bekanntheit und Zugkraft speziell dieser Äußerungen Barths wohl besser als der Umstand, dass der Text, mit dem der Verlag für das neue Heft warb, sich zur Hälfte allein auf das Vorwort bezog: «Diese Schrift enthält wieder ein Vorwort zur Sache, auf das die Leserwelt bereits schon wartet, und darin Auseinandersetzungen mit D. E. Hirsch und D. Fr. v. Bodelschwingh.»2
Zugleich aber ist dieses Vorwort doch auch ein Sonderfall, weil Barth mit diesem Text versuchte, bewusst auf eine ganz konkrete Situation Einfluss zu nehmen, und deshalb sogar den Erscheinungstermin des Heftes vorziehen ließ.
In einem Brief an Eduard Thurneysen hatte Barth am
25. März 1934 noch eher beiläufig geschrieben, er wolle einen Text, den er als Antwort auf Schweizer Zeitungsartikel zum deutschen Kirchenkampf entworfen hatte3
, doch nicht veröffentlichen, sondern ihn nach Möglichkeit im Vorwort zum nächsten Heft von ThExh verwenden.4
Dann aber traf am 28. März nachmittags ein Eilbrief Hellmut Traubs5
aus München ein, in dem er unter anderem schilderte, dass die Situation in der bayerischen Landeskirche gerade sehr in Bewegung gekommen sei. Unter dem Eindruck der Freien Synoden und Gemeindetage im Westen6
habe auch dort ein Umdenken begonnen.7
Char|219lotte von Kirschbaum berichtete Nelly Barth am gleichen Tag über den weiteren Inhalt des Briefes und seine Folgen: dieses Umdenken drohe «zum Teil wieder in den breiten bayrischen Sumpf zu entgleiten. In dieser bedrängenden Situation stieß Traub nun einfach einen Hilferuf nach Karl aus, ohne sich wohl ganz klar zu sein, was Karl konkret an Hilfe leisten könnte. Das Sachlichste scheint uns nach einigem Überlegen, dass Karl in die Gesamtsituation hinein, in der die bayrische einbezogen ist und die ja in der Tat im Augenblick eine höchst brenzliche ist – wieder einmal seine Stimme erhebt und die 3 Pariser Vorträge jetzt schon mit einem aktuellen Vorwort in den Druck gibt».8
Auch Hellmut Traub war von diesem Vorschlag, mit dem Barth zugleich einem Wunsch seines Verlegers entsprechen konnte,9
angetan, so dass Ch. von Kirschbaum noch im selben Brief weiter schreiben konnte: «der gute Karl sitzt nun eben schon wieder mit sorgenvoller Stirne am Tisch und schreibt bereits S. 2 des Vorwortes».10
Erste Stichworte dafür finden sich am Rand der letzten Seite des Traub-Briefes in Barths Handschrift: «‹Absetzung›? / Junge Kirche / Hirsch / Dabeisein konkret?» Den – nicht erhaltenen – ersten Entwurf hatte Barth allerdings am Abend des darauffolgenden Tages «nicht als ganz gelungen empfunden»;11
so sollte das Vorwort erst weitere drei Tage später, nachdem eine «Drucksendung aus München» mit «neuestem Material» sowie weitere Briefe von Traub und Karl Gerhard Steck12
eingetroffen waren, seine endgültige Form erhalten: Unter dem 31. März notierte Ch. von Kirschbaum in ihrem Taschenkalender: «Karl liest E. Hirsch ‹Die geistige Lage›, beginnt abends das Vorwort ein 2. Mal zu |220 schreiben bis 22 Uhr nachts», und zum darauffolgenden Ostersonntag: «Karl steht früh auf und schreibt weiter – Frühstück vor dem Haus mit bunten Eiern – den ganzen Vormittag im A.T. gelesen, Karl am Vorwort – festliches Mittagessen – abends Vorwort getippt». Das auf den 1. April datierte Vorwort wurde umgehend an den Verleger geschickt, die Druckbogen kamen bereits am 5. April aus München zurück und wurden am selben Tag noch korrigiert.13
Als Barth und Ch. von Kirschbaum zwei Tage später nach Paris aufbrachen, stand der angestrebten Fertigstellung des Heftes bis Mitte April14
somit nichts mehr im Wege.
Das fertige Heft übersandte Barth – inzwischen fast gewohnheitsgemäß – auch an Hitler.15 Zu einer heftigen Reaktion führte es bei Friedrich von Bodelschwingh, der als Antwort auf Barths Angriffe gegen seinen Brief an Pfarrer und Gemeindeglieder16 einen Brief an Barth entwarf, in dem er seinen Text verteidigte und auf seine sonstigen öffentlichen Äußerungen und seine Mitarbeit bei den Bekenntnissynoden verwies.17 Stenografisch notierte er am Rand: «War es außerhalb aller Möglichkeit, vor dem öffentlichen Angriff einmal bei mir nach den Gründen meiner Stellungnahme zu fragen? Ich werde den Eindruck nicht los, daß Sie, verehrter Herr Professor, an dieser brüderlichen Weise bewußt vorübergeeilt sind.»18 – Dieser am
11. Mai 1934 entworfene Brief erreichte jedoch nie seinen Empfänger, da Bodelschwingh mit Blick auf das inzwischen veröffentlichte weitere Vor|221wort Barths19 «eine Verständigung auf brieflichem Wege aussichtslos» erschien.20
Der Erstdruck dieses Vorwortes, auf den sich die zwischen senkrechten Strichen kenntlich gemachte Originalpaginierung bezieht, erfolgte in: K. Barth, Offenbarung, Kirche, Theologie (ThExh 9), München 1934, S. 3–14.
📖 Vorarbeiten sind nicht erhalten.
Vorwort
Seit dem Erscheinen des letzten von mir verfassten Heftes dieser Reihe21 hat sich auf dem Feld der deutschen Kirchengeschichte des Bewegenden und Erregenden genug zugetragen und manche haben sich wohl gewundert darüber, dass ich so lange dazu geschwiegen habe. Aber was war schon dazu zu sagen, dass sich die Reichskirchenregierung Müller, deren Tage am Anfang dieses Jahres schon gezählt schienen,22 noch einmal aufgerafft und, über alles geschriebene und ungeschriebene Kirchenrecht hinweggehend, mit Gesetzeserlassen und Absetzungen ihre Existenz gewaltig unter Beweis gestellt hat?23 Es war immer damit zu rechnen, dass das Unheil auch nur in seiner äußeren handgreiflichen Gestalt sich so rasch nicht erschöpft haben möchte, wie es eine Weile aussehen konnte. Und dass andererseits die Art von Existenzbeweis, wie er nun von den D.C.-Gewaltigen geführt worden ist, auf die Dauer nicht genügen kann, dass eine Kirchenregierung mit der bloßen Autorität des tatsächlichen Gewaltbesitzes und Gewaltgebrauchs gar nichts ausrichten wird, dass sie geistiger und dass sie vor allem geistlicher Autorität bedürfte, welche dieser Kirchenregierung nun völlig, aber auch völlig abgeht, darüber |222 ist sich wohl auch im Lager ihrer Freunde der und jener im Stillen ganz klar. Was war schon zu sagen dazu, dass dann Ende Januar die sogenannten Kirchenführer in einer Situation, in der sie nur schlicht an die Kirche statt an Allotria hätten denken müssen – die klassische Illustration dazu, dass es mit dem ganzen Bischofswesen nun einmal nichts ist! –, wieder einmal umfielen24 und dass in ihrem Gefolge dann auch manche kleineren Leute, die eben ein bisschen Mut gefasst hatten, wieder schüchtern und korrekt wurden?25 Wer jenen Männern wohl eine Weile persönliches Vertrauen entgegengebracht hatte, braucht sich dessen nicht zu schämen; aber es ist auch kein Wunder zu nennen, dass sie es dann nicht gerechtfertigt haben. Auf dem Boden des Systems 4 der grundsätzlichen Ungrundsätzlichkeit werden wir in einer Zeit, wo auf Grundsätzlichkeit gerade alles ankäme, auch mit den wackersten und vertrauenswürdigsten Persönlichkeiten notwendig immer wieder solche Überraschungen erleben. Und wenn es sich dann doch zeigte, dass die Lage eine andere geworden ist als im Sommer 1933: wenn der Pfarrernotbund keineswegs «am Ende» war und der deutsche Protestantismus keineswegs in «Agonie» geriet, wie man es im März in schweizerischen Zeitungen lesen konnte,26 wenn vielmehr der Widerstand, und zwar ein nicht nur kirchenpolitisch, sondern geistlich gemeinter Widerstand an allen Ecken und Enden aufflammte, wenn eine freie Bekenntnissynode der anderen folgte,27 |223 wenn jedenfalls im Westen weithin tatsächlich die Gemeinden aufgestanden sind und gesprochen haben,28 wenn auch jene erwünschte Einmütigkeit zwischen Lutheranern und Reformierten in dieser Sache schon weithin (und nicht nur im Westen) Ereignis geworden ist29 – was ist dazu zu sagen als dies, dass Jeder, der heute streng und ernst nach der Kirche fragt, diese Geschehnisse mit Dankbarkeit und Hoffnung begrüßt und begleitet hat als glaubensstärkende Symptome einer verheißungsvollen Entwicklung? Wir haben sehr viel mehr Zeichen, auf die mit Zuversicht zu schauen sich lohnt, als die armen Reichsbischöflichen. Wer darüber noch nicht orientiert ist, der kaufe und lese die beiden Hefte: «Freie reformierte Synode 1934»30 (zu be|224ziehen von Montanus und Ehrenstein, Wuppertal-Wichlinghausen, Postscheck Köln 25 18, einzeln postfrei 0,50 RM.) und «Bekennende Gemeinde im Kampf»31 (Kommissionsverlag: Emil Müller, Wuppertal-Barmen, einzeln postfrei 0,50 RM.). – Das Alles kann nun, teils kopfschüttelnd, teils verstehend, teils freudig, auch nachträglich gesagt werden. Aber nun – wie wird und wie soll es nun weitergehen?
Ich komme von der Lektüre des neuen Buches von Emanuel Hirsch: «Die gegenwärtige geistige Lage im Spiegel philosophischer und theologischer Besinnung» (Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht 1934).32 Man versäume ja nicht, es zu studieren! Es ist, im Unterschied zu nahezu allem, was ich von den Hervorbringungen des deutsch-christlichen Lagers bis jetzt gelesen habe, ein nach allen Seiten wohlüberlegtes und endlich auch einmal ein lesbar und interessant geschriebenes Buch, in welchem sicher bis auf weiteres das Beste am besten gesagt ist, was sich für die 5 Sache der D.C. allenfalls sagen lässt. Man kann und muss ihm auch das nachrühmen, dass sein Verfasser mit dem, was er heute vorträgt, im Unterschied zu manchen seiner Glaubensgenossen durchaus in der Linie dessen bleibt, was er immer gemeint, gewollt und vertreten hat. Wenn irgendeiner in dieser Sache echt und zum Reden legitimiert ist, dann Emanuel Hirsch. Umso deutlicher und gewisser kann es einem gerade angesichts dieses Buches werden, dass und warum man zu dieser Sache Nein, Nein und |225 noch einmal Nein sagen muss: genau so diskussionslos, wie sie selber sich in ihrer Grundthese einführt und darstellt. Diese Grundthese besteht nämlich darin, dass die gegenwärtige geistige Lage, das heißt die sogenannte «deutsche Stunde» als eine «Gottesbegegnung» zu «deuten» sei.33 Auf diesen Felsen will Hirsch die Kirche bauen [vgl. Mt. 16,18]: gewiss die Kirche, aber auf diesen und nur auf diesen Felsen. Von ihm her versteht er ihre Erhaltung, von ihm her ihre Erneuerung, von ihm her ihre Aufgabe.34 An ihm orientiert sich seine Geschichtsbetrachtung. An ihm trennen sich für ihn die Geister. An ihm entscheidet sich nach ihm der Wert oder Unwert aller Philosophie und Theologie gleicherweise.35 Im Rahmen der Anerkennung dieser These lässt er über alles oder vieles mit sich reden, außerhalb dieses Rahmens |226 über gar nichts. In die in dieser These behauptete Wirklichkeit hat die Theologie und hat die Kirche sich einzuweben, sich einweben zu lassen, an ihr hat sie mitzuweben.36 Ein Glaubensbekenntnis im Sinn dieses Buches müsste schlechterdings mit dem Eingeständnis anfangen, dass Gott, dass Jesus Christus «der Herr der Geschichte»37 in dem speziellen Sinn dessen sei, was nach der Schau von Hirsch im Jahr 1933 mit dem Anspruch und mit der Kraft letzter, tiefster, geschichtlicher Herrschaft fragend und antwortheischend auf den Plan getreten ist.38 Hirsch weiß natürlich auch, dass das Christentum nicht nur als Geschichtsmacht, Volksordnung und allgemeine Geistigkeit zu verstehen ist; aber als das Andere, als was es auch zu verstehen ist, weiß er doch nur zu nennen: Frage an das Gewissen, Herzensverhältnis zu Gott, Glaubensgeheimnis.39 Was Wunder, wenn in dieser beschränkten Entgegensetzung die erste Seite und damit die Heils- und Offenbarungsbedeutung der «deutschen Stunde» faktisch in jedem, aber auch jedem Zusammenhang seines Buches so überwiegt, dass der, der bei dieser großen Deutung nicht mitzutun vermag, 6 sich unter dringendstem Verdacht, überhaupt nicht zu wissen, was Entscheidung ist,40 zuletzt nur noch als Exoteriker «in die Stille» verweisen lassen |227 kann.41 «Sind wir in Theologie und Kirche zu klein für diese Stunde, können wir uns nicht unter Preisgabe alles aus der Vergangenheit stammenden Vorurteils und alles Bedürfnisses nach Sicherung und Bürgschaft an das brausende Neue, an unser eigenes Volk in seiner lebendigen Bewegung, wagen, dann sind wir verworfen. Es gibt keinen Mittelweg, es gibt nur das Entweder–Oder. ‹Wer die Hand an den Pflug leget und siehet zurück, der ist nicht geschickt zum Reich Gottes.› Und das neue Deutschland kann so einen auch nicht brauchen» (S. 132f.). In der Tat: Bei Hirsch fehlt alle und jede «Sicherung und Bürgschaft» etwa durch biblische Exegese, etwa durch Anknüpfung an die kirchliche Tradition. In der Tat: Da ist nicht nur im Grunde, sondern offenkundig Alles, Alles «Wagnis»,42 das heißt freie Spekulation oder Grübelei, eine Spekulation, in die «das Evangelium», in die Luther an bestimmter Stelle einbezogen werden, in der sie ihren durchaus wichtigen und würdigen Ort haben, aber Spekulation, willkürliche Erfindung, Themapredigt ohne Text43 (es wäre denn, dass man jene von Hirsch erlebte «Stunde» als ihren Text verstehen wollte), theologisch gehaltlose und alle theologischen Elemente entleerende Kairosphilosophie genauso wie die seines religiössozialen Antipoden |228 Paul Tillich44. – Und dies ist’s, was als die Grundthese nicht nur des Buches von Hirsch, sondern der Lehre und des Handelns der Kirchenregierung Müller und der D.C. insgemein ihr Grundirrtum ist. Denn das ist, wie klug und umfassend und wie fromm und christlich es immer gedacht und gesagt sein möge, nach Maßgabe alles dessen, was in der Kirchengeschichte bis jetzt so geheißen hat – ich denke gar nicht daran, dieses «Vorurteil» aufzugeben! – pure Schwärmerei, mit der man, wenn man damit durchdränge, die evangelische Kirche auflösen und verdientermaßen dem Papst überantworten würde, der das nun wirklich noch besser kann! Jenem Irrtum ist entgegenzuhalten: das christliche Zentrum, das der theoretische und praktische, innere und äußere Grund der Kirche und der Gegenstand der Theologie ist: das Wort Gottes oder Jesus Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene, steht als Herr, als Schöpfer, als Versöhner, als Erlöser über jenem bewegten Auseinander 7 und Ineinander von Germanentum und persönlichem Christentum45, mit dem es jene Anschauung allein zu tun hat. Seine Stunde fällt sicher nicht zusammen mit einer willkürlich ausgewählten und gedeuteten Stunde christlich-deutscher Geschichte, und die Grenze46, die er uns steckt, sicher nicht mit einem |229 eigenmächtig bezeichneten Moment christlich-deutscher Wirklichkeit; sondern seine Stunde ist seine Stunde und seine Grenze ist seine Grenze. Ihm gegenüber ist es nichts mit dem Weben und Sichwebenlassen. Ihm gegenüber haben wir gar nichts zu wagen. Ihm gegenüber gilt nur Glaube und Gehorsam. Von ihm her sind wir auch hinsichtlich des vermeintlich noch so sicher erkannten «Herrn der Geschichte» gefragt und immer wieder gefragt, ob wir nicht vielleicht doch bloß einen Dämon gemeint haben. Und was wir gemeint haben, wird dann wohl als solches immer der Dämon gewesen sein. Denn von ihm her gilt – durch ihn selber und in ihm selber, so dass er der Herr ist und bleibt – Rechtfertigung und Heiligung des Sünders und nicht eine solche Begnadung des Wagenden, durch die dieser selber zum kleinen Herrn und Meister würde. Er ist wohl bei uns alle Tage bis an der Welt Ende [vgl. Mt. 28,20], aber nicht so, dass er unseren Tagen und dem kecken Zugriff, der der Sinn unserer Tage ist, verfallen wäre, nicht so, dass wir den Auftrag und die Vollmacht hätten, unsere Tage zu deuten, wie es uns gefällt, um dann dem Geschöpf unserer Deutung zuversichtlich seinen heiligen Namen beizulegen. Es ist genug und übergenug, wenn wir mit unserem Wagen, Zugreifen und Deuten in großen und kleinen Dingen in Furcht und Freude vor ihm wandeln dürfen, anbetend, dankend und lobend, weil in Gnaden angenommen – und darum wahrhaftig in keiner Hinsicht in öder Distanz von ihm, aber auch in keiner Hinsicht als seine Geheimräte und Mitregenten, die mit ihrem Wagen, Zugreifen und Deuten verkündigen und verfügen könnten, wo, was und wie hier und jetzt seine Wirklichkeit und sein Wille ist. Wenn in der einen heiligen allgemeinen Kirche irgend etwas «in die Stille» zu gehen hat, dann ist es die freie Privatmeinung (ob sie nun die eines Einzelnen oder die Unzähliger sei), auf Grund deren wir Gott als den «Herrn der Geschichte» heute hier und morgen dort, dieser so und jener so aufzusuchen und zu verehren hätten. Kirche ist da und nur da, wo Gott so und dort gesucht wird, wie und wo er gesucht sein will, 8 das heißt aber in der |230 Bindung an seine Zeugnisse, in der Erinnerung, Erforschung, Auslegung und Anwendung jener Botschaft des Alten und Neuen Testamentes, die die Kirche ganz allein begründet hat und die sie auch ganz allein erhalten kann und je und je ganz allein erneuern will und wird. Es ist gesorgt dafür und es wird immer dafür gesorgt sein, dass auch dieses Suchen Gottes immer ein menschlich-allzumenschliches sein, dass es ganz und gar im Raum der Welt und unter den Eindrücken von allerlei geschichtlichen Stunden vor sich gehen und deren Art an sich tragen wird. Es kann und soll darum doch dieses ganz bestimmte, die Kirche als Kirche konstituierende und auszeichnende, dieses an die Schrift gebundene Suchen sein und bleiben. Es darf darum doch nicht zu einem eigenmächtigen Suchen in jenem Raum und in diesen Stunden werden. Die Kirche müsste nicht nur sich selbst aufgeben, sondern ihren Auftrag und Dienst verleugnen, ja ihren Herrn verraten, wenn sie dazu übergehen wollte, ein solches eigenmächtig Gesuchtes und Gefundenes als den «Gott» auszugeben, zu dem sie aufzurufen, dessen Güte und Strenge sie zu verkündigen, dessen Namen sie zu lieben und zu loben habe. Die Kirche, auch und gerade die deutsche evangelische Kirche, lebt von dem einen Wort Gottes, aus dem sie geboren ist,47 und von keinem zweiten neben ihm. – Dies ist’s, was der Kirchenregierung Müller und den D.C. insgesamt ebenso unermüdlich entgegenzuhalten ist, wie sie selber vorläufig unermüdlich scheinen, das irrige Gegenteil nicht nur zu sagen, sondern mit List und Gewalt, teils im zwingenden Propagandaton des Volksredners, teils im nüchternen Überredungston des akademischen Theologen, teils im barschen Verordnungston des Kirchenmannes als das Fundament der Kirche auszurufen und geltend zu machen. Hirsch hat ganz recht: «Es gibt nur das Entweder–Oder».48
Warum sage ich das gerade in diesem Augenblick? Ich sage es darum gerade in diesem Augenblick, weil in der Frage, wie es nach den Geschehnissen des vergangenen Vierteljahres weitergehen wird und soll, Einiges oder vielleicht Alles davon abhängt, ob und wie das verstanden ist und bleibt: «Es gibt nur das Entweder–Oder». Wird es so |231 scharf und grundsätzlich verstanden sein und bleiben, wie es Hirsch sichtbar macht und wie es im Widerspruch zu Hirsch auch von der anderen Seite formu9liert werden muss? Oder wird es nun doch wieder von der einen oder anderen Seite oder von beiden her zu Vernebelungen, zu träg-klugen oder klug-trägen Verwischungen und Vermischungen kommen? Vor mir liegen zwei weitere wichtige Dokumente: die Karfreitagsbotschaft des Reichsbischofs Müller an die Pfarrer49 und der am 15. Februar ergangene «Brief an Pfarrer und Gemeindeglieder über den Weg zum Frieden in der Kirche» von Pastor D. Friedrich von Bodelschwingh.50 Es bleibt mir nichts übrig als zu gestehen, dass ich bei aller in diesem Fall selbstverständlichen Unterscheidung der Geister beiden Schriftstücken sachlich mit der Frage gegenüberstehe: Ob ihre Verfasser um den ganzen Ernst der vor uns liegenden Entscheidung und um die Notwendigkeit, sie unter allen Umständen zu vollziehen, wissen oder ob hier eine Abschwächung jenes Ernstes und eine Verhüllung dieser Notwendigkeit stattfindet, vor der man gerade in diesem Augenblick nicht dringend genug warnen kann?
Bei der Karfreitagsbotschaft des Reichsbischofs lässt sich diese Frage eindeutig beantworten. Es ist geradezu erschütternd zu sehen, mit welcher ahnungslosen Selbstverständlichkeit (er sagt: in «schonungsloser Sachlichkeit»51) dieser Mann, während irgend eine Bezie|232hung zwischen Schrift und Kirche für ihn überhaupt nicht zu existieren scheint, wieder und wieder das Dogma von der Heils- und Offenbarungsbedeutung des Jahres 1933 als das Maß aller Dinge voraussetzt und vorträgt, um dann die Pfarrer «im Angesicht des Gekreuzigten» zu fragen, ob sie wirklich meinten, ihm im Gehorsam gegen Gott ungehorsam sein zu müssen52 – als ob für diesen Ungehorsam wirklich nur Gründe wie «pastorale Zaghaftigkeit, Bedenklichkeit, Unsicherheit» oder aber «kirchenpolitisches Aufregungsbedürfnis» und noch finsterere Zustände und Regungen in Betracht kommen könnten!53 Auf dieser Basis dann: Friede, Friede! [vgl. Jer. 6,14] «Es geht ja nicht um den Kampf zweier Richtungen, sondern um die Aufrechterhaltung der kirchlichen Ordnung.»54 Dass längst nicht mehr nur zwei «Richtungen», sondern nächstens zwei Kirchen sich gegenüberstehen und dass es seine, die deutsch-christliche Kirche gewesen ist, die mit der Proklamierung jenes neuen und falschen Dogmas den Widerstreit nötig und, wenn jenes Dogma nicht verschwindet, unheilbar gemacht hat – das scheint man in Charlottenburg55 10 noch nicht gemerkt zu haben. Und so ruft man dort in geradezu klassischer Weise da Friede, wo kein Friede ist [vgl. Jer. 6,14], noch sein kann, noch sein darf. So empfiehlt man dort Unterwerfung unter eine |233 «kirchliche Ordnung», die in der Permanenzerklärung der kirchlichen Unordnung besteht.56 So will man dort den Pfarrern mit dem Hinweis auf den Gekreuzigten57 in dem Augenblick ein richtiges Narkotikum eingeben, wo auch der letzte von ihnen gerade in der Erinnerung an Karfreitag und Ostern aus dem Schlaf aufwachen und aufstehen müsste. Man sollte denken, dass es nicht nötig wäre, es erst ausdrücklich auszusprechen, dass es sich hier um eine unerlaubte Vernebelung notwendigster Gegensätze handelt, dass auf diese Stimme selbstverständlich nicht zu hören ist. Aber man kennt sich nie aus: Ich höre eben von einer großen Landeskirche, wo man sich, ermuntert durch die Vorgänge in Westfalen, endlich gerade zur Besinnung und zur Tat aufraffen wollte und wo auf dieses reichsbischöfliche Votum hin von der dort höchsten kirchlichen Stelle aus zum soundsovielten Male dann doch wieder halbwegs zum Rückzug geblasen worden ist.58
|234 Es ist also doch nötig, ausdrücklich zu sagen: das deutsch-christliche Dogma ist darum nicht weniger falsch, weil es dem Reichsbischof, wenn er nicht eben dabei ist, mit seinen Gegnern viel rauere Worte zu reden, auch einmal gefallen kann, sich mehr an Frieden, Vergebung und Kreuz zu halten – und man sollte sich weder durch diese noch durch jene seiner Methoden darin irre machen lassen, dass die Kirche von ihm und den Seinigen in ihrer Grundlage angegriffen ist und dass man ihm darum auch und gerade in Erinnerung an Karfreitag und Ostern ins Angesicht zu widerstehen hat. So lange eine Kundgebung wie diese Karfreitagsbotschaft noch Eindruck machen und führende Männer aus der schon angetretenen Verantwortung wieder herausholen kann, so lange steht es trotz aller besseren Regungen noch bitterbös in der Kirche. Es ist freilich anzunehmen, dass der kirchenpolitische Gehalt dieser Botschaft (auf den ich hier nicht eintrete) genügt hat, um sie im Ganzen doch unwirksam zu machen. Aber wenn die Kirchenregierung in dieser Hinsicht nun nicht mit Blindheit geschlagen gewesen wäre, wenn sie die Klugheit besessen hätte, mit einer Amnestie herauszurücken?59 Hätte wohl ihr falsches Dogma für |235 sich allein genügt, die immer wieder zufallenden Augen so Vieler offen zu halten? Hätte die 11 Karfreitagserbaulichkeit der Botschaft dann nicht doch zum Fluch der Kirche die Herzen Vieler gewonnen, die theologisch jeden Augenblick bereit wären, fünfe gerad sein zu lassen,60 für die also jenes deutsch-christliche Dogma gar keine Entscheidungsfrage bedeutet? Ich frage nur. Doch wahrhaftig: so wie die Dinge in unzähligen Köpfen und Herzen immer noch stehen oder auch liegen, muss man heute so fragen!
Hinsichtlich des Sendschreibens von Pastor von Bodelschwingh ist eine so eindeutige Stellungnahme selbstverständlich ausgeschlossen. Aber das ist es ja eben: Warum nur kann man nun zu diesem Dokument nicht, wie ich es wirklich gerne möchte, ebenso eindeutig Ja wie dort Nein sagen? Es stehen viele gute Worte darin, Worte persönlich-seelsorgerlicher Ermahnung, die gewiss jeder jederzeit irgendwie brauchen und sich sagen lassen kann, und manche kirchliche Weisung, die wohl verdient, gehört und beherzigt zu werden. Und es liegt mir wirklich fern, nicht einzusehen, dass Pastor von Bodelschwingh für seine Person nicht auf dem Boden jenes falschen Dogmas steht und nach seiner ganzen Geistesart fraglos zu denen gehört, deren Wille ein anderer ist als der in den D.C. in unserer Kirche aufgebrochene verderbliche Wille. Aber wo steht er und was will er eigentlich? Das ist mir beim Lesen seines Manifestes undeutlich, und ich muss sagen: angesichts seiner anerkannten Führerstellung schmerzlich undeutlich geblieben. Warum sagt er außer den Dingen, die jederzeit wahr und nötig zu hören sind, kein einziges Mal, um was es heute geht und in welcher Richtung heute eindeutig Stellung zu nehmen ist? Warum redet auch er von den verschiedenen «Gruppen» und «Lagern» in der bekannten Weise, in der man streitenden Brüdern zuredet, die vorhandenen Spannungen nicht weiter zu verschärfen, sondern zuzusehen, ob sie sich nicht in einem höheren Dritten finden und verständigen möchten, unterdessen aber aufeinander zu hören und voneinander zu lernen?61 Kann er denn immer noch meinen, dass z. B. |236 Hirsch und ich aufeinander zu hören und voneinander zu lernen hätten, wie man es weiland einem «Positiven» und einem «Liberalen» vielleicht mit einigem Recht zumuten konnte?62 Steht es auch heute gar nicht so gefährlich in der Kirche, dass es unaufgebbare Verantwortlichkeiten gäbe, dass man wählen und nicht nur selber wählen, sondern mit Josua und Elia jedermann zum 12 Wählen aufrufen und herausfordern müsste [vgl. Jos. 24,14f.; 1.Kön. 18,21]? Bedeutet das deutsch-christliche Dogma, ohne dass Bodelschwingh es gut heißt, doch auch für ihn keine Entscheidungsfrage? Aber wenn es das nicht bedeutet, warum sagt er uns dann nicht aus überlegener Einsicht, warum und inwiefern nicht? Denn wenn es nun z. B. für Hirsch und mich eine Entscheidungsfrage bedeutet, eine Frage, mit deren Entscheidung nach unserer beiderseitigen Einsicht die Kirche steht und fällt – was hilft uns dann alle Paränese, alle Versicherung, dass sich «unter der alles regierenden Macht des Wortes» unsere Gegensätze ohne Kompromisse und Unwahrhaftigkeiten überwinden ließen?63 Das müsste uns nicht nur versichert, das müsste uns theologisch erklärt werden! Oder ist am Ende doch auch Bodelschwingh der Ansicht, dass es eine Entscheidung in der theologischen Frage, mit anderen Worten in der Wahrheitsfrage, gar nicht gebe und gar nicht zu geben brauche, dass die Kirche ebenso gut in der Schrift allein wie in der Schrift und in der «deutschen Stunde» ihre Offenbarungsquelle erkennen könne, wenn nur dem von ihm vorgetragenen moralisch-praktischen Anliegen Gehör geschenkt werde und alle einander lieb hätten? Wo stünden wir, wenn Bodelschwingh – ich hüte mich, es ihm |237 zuzuschieben – etwa diese letzte Frage bejahen sollte? Aus welchem Jenseits welcher Liebe oder – aus welchem Liberalismus des 19. Jahrhunderts käme diese Bejahung? Aber wo stehen wir, wenn Bodelschwingh diese Frage nicht bejaht und nun doch so redet, als ob eine schlechterdings ernsthafte theologische Verantwortung und Entscheidung gar nicht in Frage komme, als ob die Kirche auch heute nur jene immer wahre und nötige allgemeine Ermahnung nötig habe? Ich kann auch hier nur fragen. Ich muss aber fragen, weil ich tatsächlich bei allem Respekt vor Bodelschwingh nicht verstehe, wie er es meint. Und ich muss offen und dringlich fragen, weil es gerade in Westfalen und nicht nur dort wesentlich auch von Bodelschwingh abhängen wird, welchen Weg der nun erwachte kirchliche Widerstand nehmen oder nicht nehmen wird.64 Bleibt er belastet mit jener theologischen Unentschiedenheit, wie ich die Haltung jenes Sendschreibens vorläufig neutral nennen möchte, so möchte ich wohl fragen: Was will dann eigentlich dieser Widerstand? Aus welcher letzten bitteren Notwendigkeit heraus – wenn es die theologische nicht ist – erfolgt er dann? Mit welchem Sinn 13 und Ernst ist dann in Barmen, in Berlin und Dortmund Bekenntnis abgelegt worden?65 Wofür haben dann die gemaßregelten Pfarrer gelitten? Siehe oben, S. 221, mit Anm. 23 Um was haben wir alle dann nun bald ein Jahr lang gekämpft? Und mit welchem Mut, mit welcher Verantwortlichkeit und mit welchem Glauben steuert man dann der Freikirche entgegen, von der doch allenthalben immer deutlicher die Rede ist?67 Soll sie etwa auch eine Kirche der theologischen Unentschie|238denheit werden, in der Dogma friedlich neben Gegendogma steht, bei deren Gründung nach der Wahrheit ebenso wenig entscheidend gefragt werden wird wie etwa seinerzeit bei der Gründung der preußischen Unionskirche, deren Ausgang wir nun schaudernd miterlebten?68 Bis dann auch aus dieser neuen freien Kirche ebenso folgerichtig wie aus jener die offene Häresie hervorgeht? Ich kann und will das Alles nur sozusagen in Klammer fragen; denn ich weiß, wie viele Jüngere mir mit Entrüstung antworten werden, dass sie das nicht wollen. Aber wenn man das in den Kreisen der Opposition wirklich und ernsthaft nicht will, darf man dann einen solchen Wortführer und Repräsentanten dieser Opposition wie Bodelschwingh nicht bitten, dass er das laut und hart ausspreche und diejenigen, die das jetzt schon tun, nicht mehr als ein «Lager» anspreche, dem gegenüber es ein anderes «Lager» gebe, zwei Lager, zwischen denen man nun doch wieder irgendwo in die Mitte treten könne und wohl gar müsse? Wenn die Verheißung, unter der wir alle die kirchliche Opposition heute zu sehen meinen, sich erwahren soll, müssen wir dann nicht zugeben, dass die Liebe zu Gott und zum Nächsten, die wir in der heutigen deutschen evangelischen Kirche zu betätigen haben, darin besteht, dass wir uns die theologische Frage, die Wahrheitsfrage, die Frage «Schrift oder 1933?» unerbittlich gestellt sein und dass wir ohne Vorbehalt von ihr her über uns entscheiden lassen?
Den übrigen Inhalt dieses Heftes bilden drei Vorträge, die ich, wenn nichts dazwischen kommt, wenn das Heft in den Händen der Leser ist, vom 10.–12. April auf Einladung der dortigen Freien prot. theol. Fakultät in Paris gehalten haben werde.69 Die deutschen Leser mögen sich vor Augen halten, dass Vieles oder das Meiste von dem Gesagten |239 in jenem Raum zum ersten Male zu sagen war und darum von der deutschen Ge14sprächslage her gesehen verhältnismäßig einfach und summarisch gesagt werden musste. Mag es denn in deutscher Sprache Diesem und Jenem zur Wiederholung gesagt sein. Im Übrigen ist mir und gewiss vielen guten Deutschen mit mir der Gedanke überaus tröstlich und erfrischend, dass diese Dinge wirklich ebenso gut französisch wie deutsch gesagt werden können, weil sie hüben wie drüben gleich wahr sind.
Ostersonntag,
1. April 1934.