1934

Geleitwort [zu: Kirken i Dag!]

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GELEITWORT [zu: Kirken i Dag!]

1934

Im März 1933 hatte Barth in Kopenhagen und Aarhus den Vortrag Das erste Gebot als theologisches Axiom1 gehalten und bei dieser Gelegenheit auch den dänischen Pfarrer Peter Gadeberg2 näher kennengelernt.

Am 22. Januar 1934 bat Gadeberg Barth brieflich um die Erlaubnis, eine seiner Schriften ins Dänische zu übersetzen, «z. B. ‹Theologische Existenz heute›». Für Gadeberg trugen Barths Schriften «zur größeren Klarheit im Kampfe gegen die Irrlehre» bei, «die auch in der dänischen Kirche existiert».3 Barth antwortete umgehend und gab Gadeberg die erbetene Erlaubnis.4 Bereits am 30. Januar schrieb Gadeberg erneut, weil er nun auch Das erste Gebot als theologisches Axiom übersetzen und gemeinsam mit Theologische Existenz heute! auf Dänisch veröffentlichen wollte. Zugleich kündigte er an, dass er Barth um «ein erklärendes Vorwort» bitten werde, wenn die Übersetzungsarbeit abgeschlossen sei.5

Am 24. April 1934 konnte Gadeberg Barth mitteilen, dass die Übersetzung der beiden Schriften vollendet sei. Er fragte auch, ob die Übersendung des Manuskripts an Barth zur Prüfung der Übersetzung, die vom Chr. Kaiser Verlag als Voraussetzung einer Drucklegung verlangt worden war, wirklich notwendig sei. Außerdem erneuerte er die Bitte um ein Vorwort: «Es darf sehr gerne mehr als ein gewöhnliches, kurzes Vorwort sein. Bitte, machen Sie uns die Freude, dass Sie sich an die dänischen Leser überhaupt und besonders wenden.»6

241 Bereits am 26. April schickte Barth das Geleitwort an Gadeberg. Auf eine Vorlage der Übersetzung, die er ohnehin selbst nicht hätte kontrollieren können, verzichtete er, äußerte aber einige Wünsche:

«1. Die beiden Schriften sollen in der Reihenfolge: 1. erstes Gebot, 2. Theologische Existenz gedruckt werden. 2. Die Datierung, die die beiden Schriften tragen, soll auch in der dänischen Übersetzung erscheinen. 3. Es soll zum Schluss ein Hinweis darauf gemacht werden, dass die Schrift Theologische Existenz in einer Reihe von andern Schriften fortgesetzt worden ist, unter Anführung der Titel. 4. Sie senden mir bitte gleich nach Erscheinen einige Exemplare der Schrift.»7

Die Wünsche Barths wurden erfüllt. Als Buchtitel wurde «Kirken i dag!» («Die Kirche heute!») gewählt.8

Barths Geleitwort ist bisher nur auf Dänisch erschienen: Karl Barth, Forord, in: ders., Kirken i dag!, paa dansk ved P. Gadeberg, Købnhavn 1934, S. 5–7. 📖 Im Folgenden wird das deutsche Typoskript wiedergegeben, von dem sich eine Fotokopie im Karl Barth-Archiv in Basel befindet (KBA 11062). Das Typoskript umfasst eine einzeilig beschriebene DIN A 4-Seite. Am rechten Rand der Fotokopie fehlen in einigen Zeilen ein oder zwei Zeichen, die sich aber zweifelsfrei ergänzen lassen; die Ergänzungen sind durch eckige Klammern kenntlich gemacht.

Geleitwort

Der Übersetzer und Herausgeber dieser Schriften hat mich freundlich gebeten, ihnen ein besonderes Wort an die dänischen Leser mit auf den Weg zu geben. Ich tue das gerne: weil ich die schöne Stadt Kopenhagen und die Hügel, Felder und Dörfer von Jütland seit meinem Besuch im Frühjahr 1933 in guter fröhlicher Erinnerung habe, weil ich |242 gerne die Gelegenheit benütze, den verschiedenen Freunden, die ich dort gefunden habe, einen Gruß zu schicken und vor Allem: weil ich es gerne ausspreche, wie dankbar ich bin für die Teilnahme, die man in der evangelischen Kirche von Dänemark meiner Arbeit, meinen Sorgen und Hoffnungen schon geschenkt hat und offenbar fernerhin schenken will.

Die beiden hier übersetzten Schriften sind in einem mehr als gewöhnlichen Si[nn] Kampfschriften. Wer sie verstehen will, muss sie auf dem Hintergrund der deutschen Ereignisse des Jahres 1933 verstehen: es ging auf den deutschen Straßen nicht eben ruhig zu, als dies an einem deutschen Schreibtisch geschrieben wurde.9 Es wird in Dänemark im Ganzen bekannt sein, in welcher Weise jene Ereignisse die deutsche evangelische Kirche in Mitleidenschaft gezogen haben. Einiges Konkrete wird man sich besonders durch die zweite dieser Schriften in Erinnerung rufen lassen. – Als ich die erste Schrift, den Vortrag für Kopenhagen und Aarhus, niederschrieb, war das Gewitter, was die Kirche betrifft, erst im Aufste[i]gen. Der Vortrag blickt noch wesentlich rückwärts und handelt nur von dem, was das erste Gebot für die Theologie bedeutet oder bedeuten sollte. Dass es so schnell zu einem so tief eingreifenden Kampf um die Geltung gerade des erste[n] Gebotes in der Kirche kommen sollte, habe ich damals so wenig geahnt wie sons[t] jemand. Man wird dem Vortrag immerhin entnehmen, mit welchen Voraussetzungen i[ch] in diese bis heute nicht abgeschlossene kirchliche Kampfzeit hineingegangen bin. Und man wird dann umso besser die Stellungnahme begreifen, die in der Schrift «Theologische Existenz heute!» sichtbar wird. Sie konnte auf Grund jener Voraussetzungen offenbar keine andere sein. Ich war, als das Unheil da war, gar nicht gefragt, was ich nun zu denken und zu sagen hatte, sondern ich hatte nur einige Konsequenzen und Anwen|243dungen zu vollziehen. Vielleicht mag sich de[r] Eine oder Andere in Dänemark die Lehre daraus entnehmen, dass es gut ist, bei Zeiten, d. h. bevor solche Anfechtungen kommen, wie sie 1933 in Deutschland gekommen sind, auf eine ordentliche Theologie bedacht zu sein. Es hat sich nämli[ch] in Deutschland gezeigt, dass es zum Studium der Theologie für Viele zu spät war, als es nun galt, die Theologie anzuwenden. Sie verfielen dem Irrtum wie di[e] Mücken dem Licht in einer warmen Sommernacht – und wohl denen, die sich wenigstens nachträglich ein wenig davon befreien konnten. Die Kirche im Ganzen mus[s]te in diesem Jahr der großen Versuchung schwer dafür bezahlen, dass sie die theologische Aufgabe vorher so merkwürdig leicht genommen hatte. Der kirchlic[he] Aktivismus, der gerade in den letzten Jahren bei uns geherrscht hatte, erwies sich gegenüber der mit Gewalt hereinbrechenden Häresie als machtlos. Ich kann nicht darüber urteilen, ob sich die dänische Theologie in einem solchen Jah[r] der Versuchung besser bewähren würde als die deutsche. Sie möge sich jedenfal[ls] – und auch die dänische Kirche möge sich jedenfalls deutlich vor Augen halte[n:] Noah muss die Arche (Nota bene: auf Befehl und nach Anweisung Gottes!) schon gebau[t] haben, wenn die Sündflut kommt. Sonst ertrinkt er mit allen Andern [vgl. Gen. 6f.]. Eine Theolo[gie] ist, menschlich geredet, so viel wert, als sie der Kirche, wenn die Stunde der Not da ist, Klärendes, Tröstendes und Richtunggebendes zu sagen hat. Um eine Th[eo]logie, die dazu fähig sein möchte, habe ich mich vor dem Frühjahr 1933 bemüht und um eine solche Theologie möchte ich mich auch in Zukunft bemühen. Denn mi[r] ist sehr wohl bewusst, dass die Sache vorher und jetzt sehr, sehr viel be[s]ser hätte gemacht werden können, als ich sie gemacht habe und noch mache, und dass zu tun sehr, sehr viel übrig bleibt, 10-wenn die Theologie-10 der Kirche in kommenden, vielleicht noch schlimmeren Stürmen wirklich dienen soll. Das wäre mir der liebste Ertrag dieser dänischen Übersetzungen meiner Schriften: nicht dass die dänischen Theologen «Barthianer»11 werden, aber dass sie mit mir die Größe und Dringlichkeit der der Theologie gestellten Aufgabe erkennen möchten.

Sachfußnoten

1
Abgedruckt in: V.u.kl.A. 1930–1933, S. 209–241. 📖 ↩
2
Peter Gadeberg (1904–1975), 1931–1937 Pfarrer in Aarslev und Hørning; Barth war Gadeberg 1927 auf der Ostseekonferenz der Deutschen Christlichen Studentenvereinigung (vgl. dazu V.u.kl.A. 1925–1930, S. 60–62 📖) erstmals begegnet (vgl. Brief Gadebergs vom 8.5.1928 [KBA 9328.193]) und war an einem Tag seines Aufenthalts in Dänemark auch Gast in dessen Haus gewesen. ↩
3
Brief Gadebergs an Barth vom 22.1.1934 (KBA 9334.125). ↩
4
Ein entsprechendes Schreiben Barths ist nicht erhalten. Die Erlaubnis lässt sich aber aus dem folgenden Brief Gadebergs ableiten. ↩
5
Brief Gadebergs an Barth vom 30.1.1934 (KBA 9334.164). ↩
6
Brief Gadebergs an Barth vom 24.4.1934 (KBA 9334.447). ↩
7
Brief Barths an Gadeberg vom 26.4.1934 (KBA 9234.129). ↩
8
Laut Gadeberg sprachen vor allem zwei Argumente für den von ihm vorgeschlagenen und dann auch gewählten Titel «Kirken i dag!» / «Die Kirche heute!»: «Theologische Existenz heute klingt nicht gut auf Dänisch» (Brief an Barth vom 30.4.1934 [KBA 9334.474]), und: «Dänemark […] ist ein kleines Land mit einem kleinen Haufen Theologen. Aber wenn auch die Laien das Buch kaufen und lesen sollen, dann darf der Titel des Buches nicht zu ‹gelehrt› klingen» (Brief an Barth vom 5.5.1934 [KBA 9334.490]). ↩
9
Möglicherweise eine Anspielung auf ein Thema der Gespräche, die Barth in Aarhus geführt hat. Skat Hoffmeyer (1891–1979), seit 1931 Stiftspropst in Aarhus, hatte darüber am 16.3.1933 an Barth geschrieben (KBA 9333.140): «Trotzdem bleibt doch die Frage zurück: was ist das Verhältnis zwischen unserer Schreibtisch-Philosophie und der Theologie der Predigt? Das ist das Problem, und darüber haben Sie uns in Ihrer Vorlesung ja nur Andeutungen gegeben; oder besser: nicht einmal Andeutungen an eine Lösung, sondern nur eine Angebung der Fragestellung.» ↩
-10
Tskr.: «wenn die Theologie, wenn die Theologie». ↩
11
Zu den dänischen «Barthianern», denen Barth eher distanziert gegenüberstand, vgl. V.u.kl.A. 1930–1933, S. 210f. 📖↩