Mit diesem auf den
4. Mai 1934 datierten Text endet die Reihe von Barths Vorworten «zur Lage»,1
in denen er die Geschehnisse in Kirche und Kirchenpolitik über ein halbes Jahr lang kommentierte.2
Der im Vergleich zu den vorhergehenden Vorworten und angesichts der Fülle der Ereignisse im April3
recht kurze Text scheint in größerer Eile geschrieben worden zu sein. Noch am Tag seiner Fertigstellung trafen Rudolf Bultmann, Heinrich Schlier4
und Hans von Soden5
in Bonn ein, um mit Barth und Ernst Wolf6
den Text der auf von Soden zurückgehenden Erklärung «Bekenntnis und Verfassung in den evangelischen Kirchen»7
zu redigieren.8
Charlotte von Kirschbaum berichtete am folgenden Tag: «Dann kamen die Marburger herüber und wir hatten Bultmann im Hause. Da war der Tag besetzt und des Abends |245 die Müdigkeit doch so erheblich von dem vielen Reden, dass es nur noch zum – – Kino langte.»9
Am gleichen Tag konnte sie auch notieren: «Heft 10 ist gestartet.»10
Das Heft enthielt die von Barth Mitte April in Paris und in Osnabrück gehaltenen Predigten.
Die im vorliegenden Abdruck zwischen senkrechten Strichen kenntlich gemachte Originalpaginierung bezieht sich auf den Erstabdruck in: K. Barth, Der gute Hirte (ThExh 10), München 1934, S. 3–5.
📖 Vorarbeiten sind nicht erhalten.
Vorwort
Die Predigt, die das erste Stück dieses Heftes bildet,11 wurde am 15. April d. J. in der evangelisch-lutherischen Christuskirche an der Rue Blanche in Paris gehalten.12 Das zweite Stück ist eine Schrifterklärung, die ich als Eröffnungsansprache zum Reformierten Kirchenkonvent am Abend des 18. April in der Bergkirche zu Osnabrück vorgetragen habe.13
Zur kirchlichen Lage und Sache mag diesmal nur Weniges gesagt sein. Es ist gerade im Rückblick auf die Wochen14 seit Ostern15 wohl |246 am Platz, dankbar dafür zu sein, dass die Kirche einen guten Hirten [vgl. Joh. 10,11 u. ö.] hat, der sich heimlich bestimmt immer gerade dann am meisten als solcher erweist und bewährt, wenn es am offenkundigsten wird, dass es mit allem menschlichen Führenwollen in der Kirche nichts ist. Es besteht aber auch Anlass, sich sehnsüchtig umzusehen nach den Zeichen dieses seines heimlichen Waltens: «Hüter, ist die Nacht bald hin?» [Jes. 21,11]
Die Kirchenregierung Müller hat fortgefahren zu experimentieren – oder soll und kann man dieses Hin und Her zwischen christlichen und politischen Motiven, diesen Wechsel von Zuckerbrot und Peitsche, soll und kann man etwa eine Sache wie die letzte mit dem neuen «Rechtswalter» anders als so kennzeichnen?16 – und zwar so zu ex|247perimentieren, dass es fast mit Händen zu greifen ist, wie ihr die richtigen Mittel zur Erreichung ihres bösen Zweckes dauernd nicht oder zu spät einfallen, dafür ebenso dauernd allerhand Mittel, mit denen sie das Gegenteil ihres Zweckes erreichen wird. Es soll und kann eben nicht sein, dass eine schlechte Sache auch nur technisch gut durchzuführen ist. Man wagt freilich nicht daran zu denken, wie viel durch dieses Regiment landauf-landab unterdrückt, gelähmt, verbogen, zerstört worden sein mag unter den Schwachen und Törichten, die doch auch unsere Brüder sind [vgl. 1.Kor. 8,9–11]. Gründlicher konnte die Kirche sich selber nicht kompromittieren als durch diese Leute, denen man nicht einmal das Zeugnis geben kann, dass sie, wenn es denn nicht das Gute sein sollte, wenigstens das Böse ordentlich getan hätten. Ande4rerseits ist doch kaum zu verkennen, dass sie gerade in dieser ihrer Unschönheit Werkzeug in einer höheren Hand sind und aller Halbheit, Weichheit, Mittelmäßigkeit und Gedankenlosigkeit gegenüber sehr gegen deren Willen, um von ihrem eigenen nicht zu reden – eine sowohl bewahrende als auch erweckliche Funktion ausüben müssen, angesichts derer man es sich immer wieder verbieten muss, ihren längst verdienten Sturz allzu eifrig herbeizuwünschen.17 Wo stünden wir, was für ein fades Gebilde wäre aus der evangelischen Kirche in dieser Zeit geworden, wenn sie in ungestörter Kontinuität aus dem zweiten in das dritte Reich18 hätte hinüberschlummern dürfen, wenn |248 uns nicht diese Deutschen Christen und dieses Regime Müller mit allen seinen Irrtümern, Gewalttaten und beschämenden Lächerlichkeiten verordnet – richtig wie eine Giftpille verordnet worden wären? Damit endlich wieder einmal gehörig gefragt werde nach Schrift, Bekenntnis, Gemeinde, Amt, Predigt, Theologie, damit es endlich zu Erinnerungen, Prüfungen und Wiedergutmachungen alter Verfehlungen und Unterlassungen komme, damit die Kirche sich wieder als Kirche verstehen lerne im deutschen Protestantismus – dazu hat es vielleicht zu dem, was gekommen ist, kommen müssen. Kundige wissen, dass ich damit nur wiederhole, was die Kirchenväter regelmäßig gesagt haben, wenn sie darüber nachdachten: warum wohl Gott die Häresie, den Abfall in der Kirche zulasse? Antwort: damit die Kirche umso fester stehen und die Wahrheit ganz neu erkennen lerne.19 Sie hatten recht. Vielleicht stehen wir noch immer nicht fest genug und vielleicht ist es noch nicht weit genug mit dem neuen Erkennen der Wahrheit, als dass wir nicht die Deutsche Christen-Wirtschaft20 doch noch eine Weile nötig hätten!
Und wenn wir sie einmal in Ehren los sein werden, dann – man muss immer wieder daran erinnern –, dann werden die eigentlichen Probleme und Sorgen erst anfangen. Es wird sich ja dann erst zeigen müssen, ob wir in dieser Zeit der akuten Not etwas gelernt haben hinsichtlich der notwendigen Auferbauung der Gemeinde durch das Wort und im Geiste und ob wir gewillt sind, uns der Zucht, die diese |249 Zeit uns gebracht hat, auf die Dauer zu fügen.21 Sie erweist sich ja wahrlich schon jetzt immer wieder nicht nur im Blick auf die Deutschen Christen, sondern auch im Blick auf so Manches, was in den sogenannten «Bekenntnis5fronten»22 geschieht und nicht geschieht, als eine rechte Notzeit. Ach Gott vom Himmel sieh darein!23 möchte man immer wieder seufzen: Lass uns endlich gerade in den Augenblicken und Situationen einfältig sein, wo wir immer noch und immer wieder klug sein möchten! Lass uns endlich die Theologie primär und die Kirchenpolitik sekundär werden, damit sie so und in diesem Verhältnis eine gute Kirchenpolitik werde! Lass uns endlich insgesamt Eines denken und Eines wollen statt immer wieder heimlich ein Doppeltes! Lass die im Norden und die im Süden endlich zuverlässig werden24 – wenigstens so zuverlässig als es Menschen möglich ist! Lass uns endlich nach unseren Bekenntnissen handeln! Denn was helfen sonst alle Bekenntnisse und Bekenntnisfronten? Der Friede, den der Notbund in Schleswig-Holstein mit den Deutschen Christen und mit dem dortigen Bischof unter Absingen eines Pfingsthymnus geschlossen hat,25 war eine ungute Sache, die hoffentlich keine Nachahmung |250 findet. Und wie ernst die sogenannte «Ulmer Deklaration»26 nun eigentlich gemeint war und von denen, die dahinter standen, gemeint sein konnte, das wird sich mindestens erst zeigen müssen. Hätte man mit der Anrufung der heiligen Trinität, mit der man dort vorgegangen ist,27 nicht besser noch so lange gewartet, bis man für die Einigkeit im |251 Geiste, für die Reinheit der verschiedenen Absichten, für die Gewissheit seiner Positionen wenigstens etwas bestimmtere Zeichen gehabt hätte? Es liegt doch immer noch und immer aufs Neue ein dicker Nebel auch auf dieser Landschaft. Und wenn man sich fragt, wo und wie denn nun hier die Kirche Christi neu auf den Plan treten möchte, könnte man wohl verzagen. Der Blick auf den einen guten Hirten [vgl. Joh. 10,11 u. ö.], der immer recht macht, was wir schlecht machen [vgl. Gen. 50,20], dürfte also wohl im Gedanken an die Zukunft fast noch nötiger sein als im Gedanken an die Vergangenheit und Gegenwart.
Bonn,
4. Mai 1934.