Während der Frühjahrssemesterferien, die Barth in der Schweiz verbrachte, waren in der «Neuen Zürcher Zeitung» und in den «Basler Nachrichten» drei Artikel zur kirchlichen Lage in Deutschland erschienen,1
die seinen Widerspruch herausforderten. Besonders der letzte, von Albert Oeri2
verfasst und am
22. März 1934 veröffentlicht, reizte ihn zu einer Stellungnahme, die er am 24. März in Zürich3
niederschrieb: «Der neueste Schrieb von Oeri hat mir gestern die Feder in die Hand gedrückt zu einem Aufsatz zur Lage, wie man sie von der Schweiz aus sehen und nicht sehen solle.»4
Nachdem Charlotte von Kirschbaum und auch Rudolf Pestalozzi diesen Aufsatz «weniger wegen seines Inhalts als wegen der damit vollzogenen Geste überhaupt […] eindeutig als inopportun erklärt» hatten,5
verzichtete Barth wohl eher unwillig auf den ursprünglich vorgesehenen Abdruck in den «Basler Nachrichten».6
Stattdessen beabsichtigte er nun, den Text für das nächste zu schreibende Vorwort der Reihe «Theologische Existenz heute»7
zu verwenden.8
Auch als |158 Thurneysen und der mit Barth verwandte Herausgeber der «Basler Nachrichten», Karl Sartorius9
, ihm eine anonyme Veröffentlichung vorschlugen,10
ließ er sich nicht umstimmen.
Von dem bisher nicht veröffentlichten Text existiert lediglich das dreiseitige, eng beschriebene Manuskript von Barths Hand (KBA 11060).
Zur Lage der «protestantischen Opposition» in Deutschland
Die kirchlichen Vorgänge in Deutschland und speziell die Geschicke der sogenannten «protestantischen Opposition»11 sind in der letzten Zeit in mehreren ernst zu nehmenden Äußerungen der schweizerischen Presse (Die Offensive des Reichsbischofs, B[asler] N[achrichten], 3./4. März12; Der Pfarrernotbund am Ende?, N[eue] Z[ürcher] Z[eitung], 5. März13; Agonie des deutschen Protestantismus, B[asler] N[achrichten], 22. März14) in einem Licht und Ton dargestellt worden, dessen Pessimismus einiger Einschränkungen bedarf. Die Entstehung des Fernbildes: als ob die kirchliche Opposition in den letzten Monaten ungefähr zusammengebrochen,15 als ob die Ungrundsätz|159lichkeit der Führung des Pfarrernotbundes eindeutig erwiesene Tatsache,16 als ob der völlige Triumph der Reichsbischofspartei nur noch eine Frage der Zeit,17 als ob weitere Hoffnung nur noch auf das «Leiden» der Unterlegenen zu setzen sei18 – die Entstehung dieses Fernbildes ist wohl verständlich. Ich zweifle nicht daran, dass die Verfasser der erwähnten Aufsätze allerlei ihnen zugekommene Stimmen aus dem Reiche für sich geltend machen können. Und es ist doch ein Fernbild: Alles stimmt, und wer draußen lebt und die Gestalten und Ereignisse aus der Nähe kennt, wird dennoch sagen müssen, dass Alles auch wieder gar nicht stimmt. Wer vom Ausland her zu verfolgen versucht, was in der deutschen Kirche vorgeht, kann sich gar nicht genug klarmachen, dass unsere Lebensäußerungen schon lange nur noch zum geringsten Teil den Weg der Zeitung und Zeitschrift, son|160dern in der Hauptsache den des Briefes, des Telephons, des Vervielfältigungsapparats und des Gesprächs hinter vier Wänden gehen.19 Wer ohne dauernden Zugang zu diesen Quellen unsere Existenz zu definieren sucht, wird mindestens ein großes Risiko auf sich nehmen, uns trotz aller Aufmerksamkeit misszuverstehen. Man könnte Bücher schreiben und man wird wohl später einmal Bücher schreiben über das, was sich in diesem Jahr nur auf dem Gebiet des kirchlichen Lebens in Deutschland in Wirklichkeit zugetragen hat. Es ist nicht meine Absicht, dazu hier auch nur einen Anlauf zu nehmen. Ich erlaube mir nur einige Zurechtstellungen hinsichtlich der in jenen schweizerischen Aufsätzen erörterten letzten Phase der Entwicklung.
Es ist richtig, dass sich die Reichsbischofspartei nach den schweren Erschütterungen, die sie im November durchgemacht,20 seit Neujahr noch einmal gewaltig zusammengerafft und unter einem Beistand der Staatsregierung, dessen Wesen in Grenzen (anders als im Sommer |161 1933! 21) etwa als «sehr wohlwollende Neutralität» zu bezeichnen wäre, in Form der bekannten Sportpalastreden22 und Gesetzeserlasse23 |162 zu einigen gewaltigen Schlägen ausgeholt hat. Ihre Absichten sind objektiv eindeutig schlimm. Man stelle sich aber ihre tatsächliche Macht nur ja nicht zu groß vor. Wenn eine Kirchenregierung und Kirchenregierungspartei keine (wirklich keine!) geistliche Autorität hat, wenn ihre geistige Autorität steht und fällt mit der einen Handvoll aufgeregter Professoren und Journalisten, wenn ihre faktische Autorität schließlich nur darin besteht, dass sie nun einmal im Namen der Kirche das Wort führen darf und im Besitz der Schlüssel – zu gewissen Verwaltungsräumen und Kassen ist, dann muss auch «wer rein rationalistisch mutmaßt»24 zugeben, dass eine dauernde Aufrechterhaltung eines solchen Regimentes wenig wahrscheinlich ist. Sollte nicht schon eine ruhige Betrachtung der Photographien der Hauptbeteiligten das Ausland einigermaßen darüber beruhigen, dass der Schrecken, der jetzt tatsächlich von ihnen ausgeht, irgendeinmal seine Grenzen finden wird?25 Sie wissen nicht allzu genau, was sie wollen, und sie sind der Güte dessen, was sie zu wissen meinen, nicht allzu sicher. Sie sind nicht einmal dessen allzu sicher, wie lange und wie weit sie sich jenes eingeschränkten Beistandes seitens der Staatsregierung zu erfreuen haben werden.
Es ist ferner richtig, dass die Opposition, sofern sie durch die Bischöfe Meiser, Wurm, Schöffel und die andern «Kirchenführer» vertreten war, im Januar eine gründliche moralische und faktische Schlappe erlitten hat,26 über deren Ursache und Hergang wohl erst |163 jene spätere Geschichtsschreibung wird urteilen können, die aber zweifellos eine Schlappe war, die vom Gegner gründlich ausgenutzt wurde27 und die allerhand weitere Haltlosigkeiten auf Seiten der Opposition28 zur Folge hatte. Immerhin: es wurde entfernt nicht wieder so schlimm mit dem «Umfallen» wie im vergangenen Sommer.29 Es ist nicht wahr, dass der vom Reichsbischof diktierte Friede mit «tödlichem Schweigen» hingenommen wurde;30 man hat es in der Schweiz nur nicht hören können, wie kräftig und wirksam dagegen in allen |164 Tonarten geredet und geschrieben worden ist!31 Es ist nicht wahr, dass jetzt auch nur «der Pfarrernotbund am Ende» sei bzw. vor seiner «automatischen» Auflösung stehe.32 Abwarten! Noch ist er durchaus auf dem Plan, und zwar mindestens mit demselben preußischen Schneid wie seine Gegner. Und es ist nicht wahr, wenn der in dem B[asler] N[achrichten]-Aufsatz vom 22. März zitierte Otto Petras33 (man kann auch ein zu sehr «abseits stehender kühler Beobachter» sein!34) uns Alle miteinander, die wir uns draußen für den Protestan|165tismus zu wehren haben, als Melanchthoniden bezeichnet, die, «um Schlimmeres zu verhüten», «lächerlich schnell» jeden noch so bescheidenen Vorbehalt gegen den Einbruch des Heidentums in den Raum der Kirche preisgegeben hätten.35 Man frage in der Schweiz etwa die Besucher der diesjährigen Aarauer Konferenz36, ob sie etwa von dem für die «protestantische Opposition» draußen im besten Sinn repräsentativen Hans Asmussen den Eindruck eines solchen Melanchthoniden gehabt haben.37 Herr Otto Petras war einfach nicht gut informiert, als er so redete.
Es ist endlich richtig, dass die kirchliche Opposition an jenen grundsätzlichen innern Unklarheiten leidet, auf die die erwähnten schweizerischen Aufsätze hinweisen. Es ist auch nach meiner Ansicht richtig, dass insbesondere der Führer des Pfarrernotbundes mehrfach den Fehler gemacht hat, die Sache der kirchlichen Opposition im Wettlauf mit den «Deutschen Christen» durch jene unnötigen und ausgesprochenermaßen unerwünschten Reverenzerweisungen vor dem nationalsozialistischen Staat stärken und empfehlen zu wollen.38
|166 Es ist richtig, dass die ganze Problematik des Landeskirchentums als solchen weiten Kreisen der Opposition eben erst aufzudämmern beginnt.39 Und es ist insbesondere richtig, was der wohlverdiente Schreiber in der N[euen] Z[ürcher] Z[eitung] hervorhebt: man hat lange Zeit viel zu politisch-kirchenpolitisch, viel zu wenig geistlich-bekenntnismäßig gekämpft,40 und es hat sich Ende Januar gezeigt, dass eine gewisse oppositionelle «Gschaftlhuberei» im entscheidenden Augenblick weder Weisheit noch Tapferkeit an den Tag zu legen verstand.41 Es ist aber entschieden nicht richtig, wenn man an diesen Phänomenen hängen bleibt und nach ihrer Feststellung der protestantischen Opposition draußen das Grablied meint singen zu sollen. Ich bin nicht Nationalsozialist; ich habe aber Verständnis dafür, dass einem jüngeren grundehrlichen und tapferen, aber theologisch nicht unbedingt taktfesten Mann wie M. Niemöller, der nun einmal Nationalsozialist ist,42 die Kategorien zeitweise durcheinander gehen konnten. |167 Wer sicher ist, dass er sich in der Schlacht unter ähnlichen Umständen besser gehalten und geschlagen hätte, der werfe den ersten Stein auf ihn [vgl. Joh. 8,7]. Was ich auch gegen ihn einzuwenden habe, dabei könnte ich nicht mittun. Entsprechendes wäre aber auch zu den sonstigen an sich unleugbaren Fehlern der protestantischen Opposition draußen zu sagen. Man muss sich klarmachen, was es heißt, dass es mitten in der auf Herz und Nieren gehenden [vgl. Ps. 7,10; Jer. 11,20; 17,10; Apk. 2,23] Umwertung aller Werte43 in einer Kirche, die auf solche Dinge wahrlich innerlich nicht vorbereitet war, überhaupt zu einem Widerstand gegen den scheinbar und angeblich durch die neue Staats- und Lebensgestalt notwendig bedingten Einbruch gekommen ist. Und dass man sich dann erst mitten im Sturm der Überrumpelung klarmachen musste, dass dieser Widerstand in Form eines geistlich-bekenntnismäßigen Kampfes geleistet werden müsste und was das etwa heißen möchte. Dass es dann immer auch eine Art Naturnotwendigkeit ist, wenn der alte Adam [vgl. Röm. 5,12–21; Eph. 4,22; Kol. 3,9] immer noch und immer wieder in ordinärer Kirchenpolitik macht. Und dass er sich vollends, auch wenn er ein Bischofskreuz trägt, solche weittragenden Probleme wie das des Landeskirchentums als solchen nicht von einem Tag auf den andern – und man vergegenwärtige sich, was für Tage unsere Tage draußen sind – in seiner prinzipiellen Schärfe vor Augen zu stellen vermag. Es ist darum doch nicht alles nichts, was die kirchliche Opposition in Deutschland geleistet |168 hat und tatsächlich Tag für Tag leistet. Ich bin m. W. einer der Ersten gewesen, die sie öffentlich kritisiert haben,44 und darf es darum ebenso öffentlich sagen: man soll ihr ihr Bekennen, ihren geistigen und physischen Widerstand, ihren ernsten Versuch (gibt es hier mehr als Versuche?), «sich allein auf den Glauben zu stellen»45, in den Kirchen außerhalb Deutschlands erst einmal in ähnlicher Situation nachmachen! Man wird dann verstehen, wie versuchlich eine solche Situation sein kann, wie schwer es ist, in solcher Situation einigermaßen das Rechte zu treffen, und – wie leicht, es aus der Ferne und in der Ruhe tatsächlich besser zu wissen. Was mich betrifft, so habe ich noch nie so freudig an die Kirche – ja wirklich an die Kirche, ich hätte das früher auch nicht gedacht – geglaubt wie in diesem Jahr und auch in diesen letzten Monaten, in denen ich in meiner Weise in den Reihen der – zugegeben fragwürdigen – protestantischen Opposition mittun durfte. Ich habe ja das Beste, was für diese Opposition zu sagen wäre, nicht gesagt und will es zum Schluss nur andeuten: Sie hat, was auch gegen sie zu sagen sein und was ihr auch noch widerfahren mag, die Sache für sich, von der mit eindeutiger Bestimmtheit zu sagen ist: sie wird nicht geschlagen werden.46