Veranlasst wurde dieser Artikel durch die Anfrage Wolfgang von Einsiedels, damals Mitglied der Feuilleton-Redaktion und Schriftleiter der Vossischen Zeitung Berlin,1
ob Barth zum 100. Todestag Schleiermachers, dem
12. Februar 1934, für die Zeitung einen Aufsatz schreiben könne: «Wir könnten uns vorstellen, dass gerade vom Standpunkt der dialektischen Theologie sich Perspektiven ergeben, die sich in keinem der sonstigen Gedenkartikel finden.» Ausdrücklich bat er Barth darum, «nur für unsere Zeitung einen solchen Aufsatz zu schreiben», und stellte dafür auch ein höheres Honorar in Aussicht.2
Barth sagte zu, und obwohl er seinen Entwurf nicht pünktlich absandte, erschien der Artikel rechtzeitig zu Schleiermachers Geburtstag. Damit das Erscheinungsdatum eingehalten werden konnte, wurde der Text vermutlich telefonisch durchgegeben.3
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Barths Ausführungen weisen z. B. bei Zitaten und Schlüsselbegriffen weitgehende Parallelen zu seiner Schleiermacher-Deutung in früheren Veröffentlichungen und Vorlesungen auf.4
Die Besonderheit dieses Artikels liegt darin, dass Barth seine Deutung hier auf die aktuelle kirchenpolitische Situation hin zuspitzt.
Der Aufsatz erschien am Sonntag, dem
11. Februar 1934, im Unterhaltungsblatt der Vossischen Zeitung, Nr. 36, S. 25
📖. Manuskript und Typoskript des Aufsatzes sind erhalten. Das Manuskript – Barth benutzte die Rückseiten zweier Blätter des Typoskripts für KD I/1
📖 – umfasst zwei eng beschriebene Seiten, an die jeweils noch ein kleiner Zettel für eine Korrektur angeklebt ist.5 Das Typoskript besteht aus drei einzeilig beschriebenen Schreibmaschinenseiten.6 Die recht große Zahl der Abweichungen zwischen dem als Druckvorlage vorgesehenen Typoskript und der dann gedruckten Fassung wird zum einen auf eine bewusste redaktionelle Bearbeitung, aber vermutlich auch auf Fehler bei der wohl telefonischen Übermittlung zurückgehen. Daher wird hier die dem Abdruck zugrundeliegende Druckfassung korrigiert, wenn Manuskript und Typoskript den besseren Text bieten.
Friedrich Schleiermacher Zum 100. Todestag am 12. Februara
Schleiermacher ist mit Abstand der glänzendste und wichtigste Mann gewesen, den der b-kirchliche Protestantismus-b seit den Tagen der Reformation hervorgebracht hat. Man kann ihn nicht kennen und verstehen, ohne durch den Reichtum und die Tiefe der Aufgabe, die er |147 sich gestellt, durch die sittliche und intellektuelle Ausrüstung, mit der er an sie herantrat, durch die männliche Beharrlichkeit, in der er seinen Weg ging, durch die gediegene Kunst aller seiner Leistungen und nicht zuletzt durch seine vornehmec Menschlichkeit in jenen Respekt versetzt und auch zu jener Liebe aufgerufen zu werden, die man so nur den großen Wenigen schenken kann. Und man weiß nicht um das Problem des kirchlichen Protestantismus, wenn man nicht um Schleiermacher d-weiß und-d seine geschichtliche Schlüsselstellung als Vollender und Anfänger zugleich, als der wahrhaft klassische, ein scheinbares Vielerlei souverän in sich versammelnde, seine Einheit original herausstellende Vertreter jenes Verständnisses protestantischer Kirchlichkeit, das ihr zur Schicksalsfrage werden musste und – wenigstens im deutschen Raume – heute unzweideutig zur Schicksalsfrage geworden ist.
Schleiermacher war genial genug, dass sein Name auch in der Geschichte der Philosophie7, der Philologie8, der Pädagogik9,e aber auch in der politischen Geschichte Preußens10 immer mit Ehren zu nennen sein wird. Sein Herz, seine persönlichste Teilnahme gehörte doch, daran kann kein Zweifel sein, dem Phänomen der evangelischen Kirche. Er hat sich der f-Pflicht und-f schweren Aufgabe der Predigt jahraus, jahrein fast allsonntäglich gestellt. Er hat die Aufgabe der Theologie an ihrer schwierigsten Stelle angefasst, indem er sein Hauptwerk |148 ausgerechnet der lehrhaften Entwicklung des christlichen Glaubens g-widmete, und -g diese seine Glaubenslehre11 kreist wie wenige ihrer Art um die wirkliche h-zentrale Frage-h des christlichen Glaubens: Wer ist und was bedeutet uns Jesus Christus?12 Den religiösen Ernst dieses Mannes und die Sachlichkeit, in der er ihn betätigte, kann man nicht genug würdigen.
Das Zeichen, unter dem er die Kirche, das Evangelium und den Glauben verstand, war nun freilich ausgesprochen das der i-sittlich-technischen Lebensgestaltung-i als des königlichen Werks, in demj der Mensch seine Bestimmung zu erfüllen hat. In Schleiermacher lebte wie in allen bedeutenden Menschen seiner Zeit jener selbstverständliche Absolutismus des Humanen, der im 18. Jahrhundert Kampf und Sehnsucht gewesen war, um im 19. zum Siege auf der ganzen Liniek fortzuschreiten. l-So war es-l ihm schlechterdings natürlich, dass der Sinn auch des Evangeliums und des Glaubens nur der sein könne, als Geist, Kraft und Leben den Menschen auf dem Wege der Kulturm13 (im umfassendenn Sinne des Begriffs) immer weiter vorwärts zu treiben, immer mehr in die Höhe und in die Tiefe zu führen. «Christus» im Munde Schleiermachers zielt auf den Staat, auf den Beruf, auf Ehe |149 und Familie, auf die Gesellschaft, auf Charakterbildung. Als mächtigstes, als unentbehrliches Mittel zum wahren Menschentum o-schätzt Schleiermacher die Religion und schätzt-o er das Christentum als die vollendete Religion.14 Unter diesem Gesichtspunkt wurde er – mitten in der Goethe-Zeitp kein geringes Wagnis – zu ihrem klugen und beredten Verteidiger vor dem Forum der «Gebildeten unter ihren q-Verächtern» – unter-q diesem Gesichtspunkt lag ihm alles an der Stiftung eines «ewigen Vertrages»15 zwischen ihr und der neuzeitlichen Bildung. Unter diesem Gesichtspunkt hat er aber die Frage des r-Lebenswerkes, d. h. des Bildungswerkes-r, auch unerbittlich zum Kanon des richtigen Verständnisses von Kirche, Evangelium und Glauben erhoben. Als moderner Mensch, als Ethiker, als preußischer Mann wollte er Christ,s Kirchenmann und Theologe sein. So und nicht anders. Sein Standort war, indem er dem Christentum dieses Programm und diese Bedingung stellte, nach einer von ihm selbst gebrauchten Wendung: «Über dem Christentum.»16
150 Schleiermacher wusste – im Unterschied zu der «Aufklärung» des vorangehenden Jahrhunderts, im Unterschied auch zu seinem großen Zeitgenossen Hegel – sehr wohl und sehr lebendig um die Eigenart, um die Selbständigkeit, um die Ursprünglichkeit, umt die «hohe Willkür»17 der Religion und insbesondere des Christentums. Seine berühmten «Reden»u von 1799 waren ein einziger flammender Protest gegen die Verwechslung der Religion mit «Metaphysik» oder mit «Moral».18 Er ist diesem Protest zeitlebens treu geblieben. Er wollte darum zeitlebens die staatsfreiev Kirche.19 Aber er wusste und lehrte: |151 gerade inw dieser Eigenart ist die Religion ein unveräußerliches Wesensmoment der menschlichen Natur, ein bedeutsamerx in Rechnung zu stellender Faktor in der menschlichen Wirklichkeit. Seelische Eigenart hat er der Religion, geschichtliche Eigenart hat er dem Christentum zugesprochen.20 Mit y-psychologisch-historischen-y Gründen hat er sie darum verteidigt und mit der modernen Kultur in geordnete Beziehung zu setzen gesucht. Und mit z-psychologisch-historischem-z Maßstabaa hat er die Bibel und das Dogma kritisiert, das heißt auf ihreab Haltbarkeit, auf den Wert ihrer Aussagen geprüft.
Eben als Kenner der menschlichen Seele und der menschlichen Geschichte, der als solcher auch der Religion ihren besonderen Ort, auch dem Christentum sein eigentümliches Wesen anzuweisen wusste, stand er offenbar wieder «über dem Christentum». Das gibt seiner Verteidigung und seiner Darstellung des Christentums den großen überzeugenden Zug und Schwung. Hier redet einer, der seinen Gegenstand überblickt und ac-beherrscht. Er-ac hat, wie Heinrich Scholz |152 schön von ihm gesagt hat, seine Aufgabe «in dem Vertrauen in Angriff genommen, daß er wisse, was Christentum sei, und sich durch keine noch so beglaubigte Kirchenlehre an diesem Grundgefühl irre machen lassen»21. Er wusste aber, was Christentum sei, weil und sofern er zuvor um den Menschen, seine Möglichkeit und seine Wirklichkeit wusste. Kraft dieses höheren Wissens, wir dürfen auch sagen: in genialer Betätigung ursprünglichster, befreitester Menschlichkeit konnte und durfte er als «Virtuos» (wie es in den «Reden» heißt)22 das christliche Instrument spielen, zum Klingen und zum Verstummen bringen, so und so meistern. Seine in der Berliner Dreifaltigkeitskirche gehaltenen Predigten23 insbesondere müssen ein für die mitwissenden Zeitgenossen überwältigender Beweis dieses seines Könnens, dieser seiner Meisterschaft über Evangelium und Glauben ad-kraft dessen, was ursprünglich in ihm lebte,-ad gewesen sein.
Über dem Christentum stehend, hat Schleiermacher im Christentum das gefunden und ae-das Christentum als das-ae gepredigt, was er für das Tiefsteaf der menschlichen Natur und Wirklichkeit undag für das mächtigste Vehikel allerah humanen Kultur hielt: die Vermittlung24 zwischen den Gegensätzen des Natürlichen undai Geistigen, des All|153gemeinen und des Besonderen, des Äußern und des Innern, des Seelischen und des Geschichtlichen – den «Frieden»25, wie er gern sagte. Vermittlung bedeutet aj-bei ihm-aj: Ausgleichung und schließlicheak Aufhebung dieser Gegensätze in die Einheit des frommen Gefühls. Dies war ja das höhere Wissen, die ursprüngliche befreite Menschlichkeit, der archimedische Punkt, von dem aus Schleiermacher an das Christentum herantrat: das unmittelbare fromme Gefühl oder Selbstbewusstsein,26 in demal der Mensch die Einheit aller Gegensätze schon erlebtam, um sie nun überall und am vollkommensten nach Schleiermacher eben im Christentum wieder zu erlebenan. Aber handelt es sich nicht etwa geradeao auch im Christentum um Gegensätze? Redet es nicht deutlich von Gott und Mensch, von Offenbarung und Vernunft, vom Himmelreich und von der Welt, vonap Christus und vom Glauben an ihn, von Gnade und von Sünde, von Ewigkeit und Zeit? Werden aq-auch diese-aq Gegensätze sich als aufhebbar erweisen? Aufhebbar in der Einheit des frommen Gefühls? Sollte der «Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft» [Phil. 4,7], wirklich auch in der Vermittlung zwischen diesen Gegensätzen bestehen? Schleiermacher hat diese Frage absolutar bejaht. as-Über dem Christentum-as stehend, das im Christentum suchend, was er schon gefunden hatte, konnte und |154 musste er at-sie bejahen-at. Das ist das einfache Geheimnis seiner Glaubenslehre, dass er auch und gerade die christlichen Gegensätze als fließende27, vergehende, verschwindende Gegensätze behandelt hat. Was immer ihm die christliche Überlieferung an ernstenau letzten Worten bieten mochte: av-der Zorn Gottes28, ein ewiges Verlorengehen29, die Gottheit Christi30, die Rechtfertigung des Sünders, seine Wiedergeburt und Bekehrung-av31… Schleiermachers Dialektik war um ein milderndes «Und» nie verlegen, fand den Ausgleich unter allen Umständen, wusste Harmonie über jede Höhe aw-und jede-aw Tiefe auszubreiten – die Harmonie des frommen Gefühls, das auch in diesen Höhen und Tiefen sich ax-selber,-ax das heißt: die siegreiche Einheit des Menschen, wiedererkennt.ay
Es herrscht heuteaz Einverständnis darüber, dass Schleiermachers Unternehmen gerade an dem Punkt am wenigsten überzeugend durchgeführt ist, der ihm mit Recht der wichtigste war und auf den er die größte Mühe verwendet hat, ba-an der zentralen Frage-ba: bb-Wer ist |155 und was bedeutet uns Christus?-bb32 Man versteht nämlich, obwohl Schleiermacher gerade dies mit allen Mitteln zu beweisen trachtet, nicht, warum und inwiefern Christus für den christlichen Glauben unentbehrlich sein soll? bc-Die Vermittlung im Gefühl musste offenbar auch den Gegensatz zwischen Christus und dem christlichen Glauben aufheben. Schleiermacher hat das nicht ausdrücklich gesagt, er hat aber auch nicht klarmachen können, warum er es nun doch nicht sagen wollte.-bc Mit welchen unsichtbaren Widerständen hatte seine Dialektik es gerade hier zu tun? Wir können die Frage offen lassen. Dass sie sich erhebt, ist der Hinweis auf die innere Problematik dessen, was Schleiermacher wollte und alsbd der stärkste Mann des modernistischen Protestantismus ebenso vollendet wie angebahnt hat: die Humanisierung des Christentums. Wenn sich das Christentum humanisieren lässt, wenn es eine Angelegenheit ist, die man verteidigen und darstellen kann, indem man sich darüber stellt – wenn es wirklich so ist, dass das fromme Gefühl im christlichen Glauben nur wiederfindet, was es schon zuvor in sich selbstbe gefunden hatte, dann bf-wäre jene schwächere Stelle-bf in Schleiermachers Werk ein Schönheitsfehler, der angesichts des im Ganzen erreichten Triumphes wenig |156 zu besagen hätte, den irgendein anderer bg-an Schleiermachers Stelle-bg gutmachen könnte. Aber vielleicht ist hier doch gerade im Ganzen ein Versuch am ungeeigneten Objekt und darum auch mit untauglichen Mittel unternommen worden und vielleicht ist es dies, was an jener schwächeren Stelle warnend zum Vorschein kommt. Als einen «großen Mann»33 hätten wir Schleiermacher bh-allen Ernstes-bh auch dann zu ehren. Eine Denkwürdigkeit würde sein Werk für den kirchlichen Protestantismus auch dann bedeuten,bi aber dann freilich eine denkwürdige Warnung. Wir hätten bj-uns dann zu sagen, dass wirbj in Kirche und Theologie einen radikal anderen Weg anzutreten haben als den Weg Schleiermachers.bk