11. Juli 1933

Eduard Thurneysen an Charlotte von Kirschbaum

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Liebe Lollo,

du bist mit einer Treue und Unermüdlichkeit, für die ich nicht genug danken kann, am Werke, uns auf dem Laufenden zu erhalten. Und doch fehlt es auch dir weniger als je an Arbeit und aufreibendem Dienst. Laß dir sagen, daß jede deiner Sendungen und jedes deiner Worte auf angespannte, alles mitbewegende Teilnahme stößt. Wir sind, so aufmerksam als es uns über alle Berge und Ebenen hinweg möglich ist, dabei und erwägen alle Wege mit, so gut es geht, auf denen eure Geschicke augenblicklich abrollen. Gestern nacht — wir lagen ferienmä|464ßig bei Zeiten schon im Bett — kam um 10 Uhr noch von irgendwoher ein Expreßbrief: wir fuhren auf, und unser erster Gedanke war: Bonn! Zum Glück war’s nicht so (so Schwieriges im übrigen er zu melden hatte), auch war ja eben vorher dein ausgiebiger Brief eingetroffen und hatte keine besonders beunruhigenden Dinge enthalten.

Was ich im Augenblick zu denken und zu sagen habe, ersiehst du aus dem Brief an Karl. Vor allem, daß mir Georg zu denken gibt. Aber das wird ja auch euch immer wieder beschäftigen. Doch liegt mir einfach daran, dir selber wieder einmal einen Händedruck zu senden. Ich kann mir denken, ich weiß und sehe es, wie viel du gerade jetzt in dieser umkämpften Lage Karl bist. Wenn er jetzt einsam durch alles hindurch müßte, wie arm wäre er dran! Wie froh und dankbar ist man aus der Ferne, dich an seiner Seite zu wissen. Du wirst das ja selber getrost und froh empfinden. Und hoffentlich ist auch die Lage im Haus, Nelly gegenüber, durch all die größeren Sorgen, die Ihr zu tragen habt, ein wenig entlastet. Dein letzter Brief darüber hatte mir eigentlich sehr zu denken gegeben. Aber ich möchte dir vor allem dafür Dank sagen. Du schriebst mir so rückhaltlos, und gerade so konnte ich die ganze, große, bleibende Not, wie sie auf dir liegt, so deutlich sehen und dich in ihr verstehen. Zu mahnen, zu raten habe ich ja nichts. Du weißt alles, alles, was da immer neu zu bedenken ist, von selbst und besser als ich aus der Ferne. Mir schien, nach einem Brief von Nelly selbst an Marguerite (vor vielen Wochen) zu schließen, daß Nelly doch in einer tieferen Resignation und Müdigkeit auch ihrerseits drin lebe, als es für mich aus deinem Briefe an mich herauszulesen war. Ich sehe nach all dem, was uns dieser Frühling brachte, Nellys Schwachheit, innere Unkraft und Lebensmühe als so groß und bleibend, daß ich mir keine wirklich durchgreifende Lösung mit ihrem Einverständnis, ihrem wirklich aktiven Dabeisein mehr denken kann. Aber wird diese Einsicht, die dir ja noch ganz anders offensteht, uns nicht auch helfen, allen Groll gegen Nelly als unmöglich bei Seite zu tun? Sieh, ich denke gerade jetzt in Adelboden an die schwierigen Wochen von vor drei Jahren zurück, wo in mir richtig etwas gegen Nelly aufgekocht war, wo ich ihre Art, sich die Fassade zu retten, ganz schwer ertrug — aber es war ja doch nicht recht. Nelly ist immer wieder so arm dran und kann sicher so wenig dafür. Ich denke manchmal, ganz primitiv ausgedrückt, so: ihr Schwachsein und Versagen hat euch, Karl und dich, zusammengeführt und ein|465ander gegeben, ihr Schwachsein ist aber freilich auch das große Hindernis, das euch so unerhört hemmt, das keinen klaren Weg ermöglicht, das also immer neu als das schlechthin nur zu Tragende, und zwar — ach, Lollo, wie du ja selber schreibst — in Liebe oder, wie Karl eben gepredigt hat, barmherzig zu tragen wäre!1 Ich weiß, ich ahne auf alle Fälle, was das für dich bedeutet. Aber, Lollo, laß es dich nicht ärgern, nicht ermüden — um des Großen willen, das letztlich hinter Euerm Wege steht! Du mußt das nicht als unnützen Zuruf hören, den du nicht nötig hast (das weiß ich!) — aber es ist mein inneres, an dich sich richtendes Hoffen und Wünschen und Bitten, so oft ich an euch denke. Es liegt eigentlich gerade in der jetzigen Situation fast alles an dir, auf dir, so scheint mir wenigstens. Sei versichert, Lollo, so gut ich’s kann, begleite ich euch weiter und weiter auch und gerade auf diesem so schweren Wege. Laßt Nelly nicht dahinten! Es wird und wird gehen, wenn auch nur von einem Tag zum andern.

Hoffentlich reichen bei euch beiden die Kräfte noch bis zum Ende dieses so unerhört beladenen Semesters. Das Bergli winkt. Aber die drei Wochen bis dahin werden noch mühsam genug sein. Man möchte sie für euch beschleunigen können. Und nun nochmals allen, warmen Dank für deine viele Mühe, deine vielen, guten, hilfreichen Zeichen an uns. Du weißt, was es mir bedeutet, auch jetzt in besonderer Weise an Karls Seite gehen zu können. Ohne dich wär’s gar nicht möglich. Marguerite grüßt!

Herzlich
dein
Eduard