14. Juli 1933

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Ich übersende dir hier einen Notenwechsel, der zwischen Heiner und mir eben stattgefunden hat.1 Ich nehme an, im wesentlichen teilest du |466 meinen Einspruch gegen Heiners Thesen. Aber ich bin natürlich froh um gelegentliche Besprechung, denn das Gefecht wird ja weiterlaufen. — Was geht wohl auf Eurer so viel wesentlicheren Front? Der Mann aus Amerika, Homrighausen, war da, hat mich aber fatalerweise verfehlt, ließ jedoch einen Zeddel zurück, auf dem vermerkt stand, die Dinge um dich herum stünden immer noch gefährlich genug. Ich kann damit nicht viel anfangen, sondern nehme nun doch mit einer gewissen Zuversicht an, das Semester werde für euch schließlich noch einigermaßen gut zu Ende gehen. Was hat wohl die nun also fertiggestellte Verfassung2 zu bedeuten? Hartenstein hat zwar allerlei Nachrichten, auch die D[eutsche] A[llgemeine] Z[eitung] trifft täglich bei ihm ein. Aber er weiß doch nicht so sehr viel mehr. Seine schwäbischen Prälaten3 sind eher zuversichtlich gestimmt, meinen, alles werde schließlich nicht so lätz4 herausgekommen sein. Aber eben … Ich verbrachte den gestrigen Abend unter langen Gesprächen mit Hartenstein über die Lage. Er weiß natürlich durchaus auch, um was es geht. Nur die Stimme des Blutes ist immer irgendwie Mitunterredner. Ich bin aber natürlich froh um seine Nähe. Denn mit den Zuschauerschweizern läßt sich über|467haupt nicht viel austauschen. Auch für euch rücken die Ferien näher. Möchte das Ziel noch endgültig gut erreicht werden.

Wir grüßen euch vielmal, vielmal!
Dein
Eduard

Sachfußnoten

1
Im Juli 1933 versandte H. Barth an die Mitglieder der Philosophisch-Theologischen Vereinigung 12 Thesen über «Humanität und christlicher Glaube», deren Redaktion «im Wesentlichen von der Hand des ersten Unterzeichneten», H. Barth, stammte; der mitunterzeichnende H. Gauß freue sich aber, «die hier umschriebene Basis mit seinem philosophischen Kollegen gemeinsam vertreten zu dürfen» (Nachlaß H. Barth 📖). H. Barths Begleitbrief an Thurneysen ist nicht erhalten, wohl aber dessen Antwort vom 14.7.1933, in dem er zu den Thesen einzeln Stellung nahm, aber zugleich kritisch anmerkte: «Auch ohne dein freundliches Begleitschreiben wäre mir klar gewesen, was für eine Front Ihr vor Augen gehabt habt. Ein klein wenig kopfschüttelnd sehe ich ja dieser Versendung von Spezialnoten über mich hinweg an unsere Gesprächsfreunde schon zu. Genügen wirklich die mündlichen Aussprachen nicht? Und das weitere: du hast schon mehrfach zu verstehen gegeben, daß du es nicht gerne siehst, wenn an den Ausspracheabenden selbst der dissensus zwischen deinen und meinen Auffassungen allzu deutlich zu Tage tritt. Ich kann das verstehen, obschon ich taktische Rücksichten auch in dieser Hinsicht nicht allzu ernst nehmen kann. Aber geht es dann an, daß die immerhin völlig einseitige Information der Mitglieder durch solche Zirkulare ungehemmt und ohne daß mir Gelegenheit geboten wäre, mich eventuell gleichzeitig mit Anmerkungen oder Fragen zur Sache auch zu beteiligen, vor sich geht? Ich bin aber — his dictis — durchaus dabei, wenn die Auffassungen in der so trefflich geübten Redaktion, wie sie auch und gerade in diesen neuesten Thesen vorliegt, scharf heraustreten, so daß das Gespräch wirklich in lehrreicher Weise weitergeht» (Nachlaß H. Barth; vgl. auch Zitat oben S. 450, Anm. 4).↩
2
Gemeint ist die neue Kirchenverfassung; s. oben S. 453f., Anm. 2.↩
3
Das Amt des Prälaten in Württemberg entspricht dem des Generalsuperintendenten in der früheren Kirche der Altpreußischen Union bzw. des Landessuperintendenten in der Evangelisch-lutherischen Kirche Hannovers.↩
4
= falsch, verkehrt.↩