15. Juli 1933

Charlotte von Kirschbaum an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard,

da kommt noch einmal eine, nun wohl die letzte Sendung vor den Ferien. Es liegt ihr ein «Entwurf» bei, der in dieser Form natürlich nicht in Druck geht, da alles darin Geschriebene längst überholt ist.2 Aber Karl meint, er interessiere dich doch als Produkt jener Tage, und er kann dir gleichzeitig anzeigen, daß immerhin noch Weiteres auf dieser Linie geschrieben werden wird. Wir sind ja jetzt wirklich geschlagen dran mit einer Verfassung, die Alles möglich werden läßt (noch ist sie nicht öffentlich herausgegeben)3 und zu der das Kirchenvolk nur mehr ein freudiges Ja wird sprechen dürfen4, ein Ja zu dem — «Wunder der |468 Einigung der deutschen evangelischen Kirche», wie es wörtlich heißt.5 Darin besteht die «Wahl», von der nun die Zeitungen reden.6 — Karl wird dazu nicht schweigen können, wobei kaum zu vermeiden sein wird, daß der Widerspruch gegen diese «Einigung» — so wie die Dinge jetzt stehen — auch den Widerspruch gegen den Staat bedeutet, der den nun geschlossenen «Frieden» nicht hoch genug preisen kann. — Die übrigen Beilagen sind ja wesentlich noch Stimmen zur Broschüre, die nun in 4.(!) Auflage bereits durchs Land geht.7 —

Inzwischen ist hier mitten in allen Stürmen ein Schifflein eingelaufen, dessen Ankunft dich auch mitbewegen und erfreuen wird: der Römerbrief 📖 in der englischen Übersetzung von Hoskyns.8 Wir planen, es Ruedi zum 25. zu überreichen9, so daß du es dann auf dem Bergli einsehen kannst. Es liegt leider bis jetzt nur in diesem einen Exemplar vor, abgesehen von dem, das in Karls Bibliothek steht. — Außerdem ist zu melden, daß ein junger württembergischer Pfarrer Steinbach ein sehr gutes Wort zur Lage geschrieben hat, das demnächst erscheinen und |469 von einem Vorwort von Karl begleitet sein wird, damit es vielleicht etwas weniger ungeschützt seine Reise in die Welt antritt. K. wollte es erst sogar als Beiheft zu Z.d.Z. nehmen, ließ den Plan aber wegen gewisser Differenzen in der Bischofsfrage und überhaupt in der Frage der positiven Vorschläge zur Lage dann doch fallen.10 — Du wirst dich freuen an diesem offenen und tapferen Wort, das den entscheidenden Gegensatz auch jenseits der Gegensätze: D. Chr. und J. Ref. sieht. — Am Mittwoch [19.7.] erwarten wir Georgs Besuch, nicht ohne Herzklopfen, denn alle zu uns dringenden Äußerungen seinerseits sind nicht ermutigend. — Am 29. beginnen die Ferien. Am 31. wollen wir reisen. Der Termin hängt ab von Fränzelis Heimkehr11, die wir noch hier abwarten wollen und die auf den 30. angesetzt ist. Nelly fährt mit dem Kindern wohl erst am 2. August, da die Schulen in diesem Jahr später schließen. —

Und nun habe ich dir noch gar nicht gedankt für deinen guten Brief, der mir doch so wichtig war und für den ich dir von Herzen dankbar bin. Hör bitte nicht auf, so zu mir zu reden. Es geht schon nicht ins Leere, und du bist der einzige Mensch, der das kann, weil du unsere Lage so siehst, wie sie ist, und weil nahezu alles Mitreden Anderer daran vorbeigeht. Ich möchte ja lieber mündlich mit dir sprechen. Es war kein gutes Semester im Blick auf unsere innere Lage und das «B[este]»12 dar|470an vielleicht wirklich das, daß dieses Ungute übertönt wurde durch andere Sorgen. Aber gerade darum steht es im Hintergrund umso beschwerender. Ich lebe in einem so wehtuenden Müdesein nach dieser Seite, daß ich fast unfähig bin, noch eine Bewegung zu machen, deren jede ich ja doch zum vornherein mißverstanden weiß. Ich sehe das schon, was du meinst. Lieber Eduard, du siehst, ich muß ganz konkret «zudecken» an diesem Punkt. Und auch das mag dir sagen: es steht nicht gut. — Aber erlaß es mir, davon zu schreiben. — Grüße Marguerite sehr herzlich bitte. Sie weiß ja, daß meine Briefe an dich auch an sie gehen. Habt noch schöne Wochen in Adelboden und dann auf Wiedersehen im Bergli.

Deine
Lollo
Karl läßt dich und Marguerite herzlich grüßen. Die Predigt ist im Druck!

Sachfußnoten

1
Original: «16.7.1933». Da der hier vorliegende und der folgende, ebenfalls auf den 16.7. datierte Brief an zwei aufeinanderfolgenden Tagen geschrieben worden sein müssen (vgl. unten S. 472 den Ausdruck «Korrektur zu dem gestrigen Schreiben») und Ch. von Kirschbaum im folgenden Brief Ereignisse des 15.7. als «gestern» erfolgt erwähnte (s. unten S. 471 mit Anm. 3), ist anzunehmen, daß der hier vorliegende Brief am 15.7., der folgende am 16.7. verfaßt wurde.↩
2
Das Manuskriptfragment «Theologische Existenz heute II»; vgl. oben S. 429, Anm. 11.↩
3
Gemeint ist wahrscheinlich der Barth von Hesse am 8.7.1933 zugesandte Verfassungsentwurf vom 7.7.1933 (vgl. unten S. 471, Anm. 4).↩
4
In einem Aufruf Jägers und L. Müllers, erschienen am 14.7.1933, heißt es: «Der Gedanke liegt nicht fern, zu allem das Volk ein gläubiges und freudiges Ja sprechen zu lassen. Dadurch sind alle bisherigen Maßnahmen in eine hohe Sphäre der Vollwertigkeit erhoben worden. Wenn die Stimme des Volkes die Stimme Gottes ist, dann sind jetzt alle Bedenken zurückzustellen. Nachdem der Punkt der Verwirrung mit einem Schwertstreich gelöst ist, muß anerkannt werden, daß das Ziel allen Tuns ist: / Volk und Kirche, die vielfach in großer Entfremdung lebten, wieder ineinanderzuführen. Das Volk selbst soll in festlicher Freude im Gotteshaus einziehen./ Dies ist der Sinn der Wahlen, zu denen die gesamte evangelische Kirche in kürzester Frist schreitet» (An das deutsche Kirchenvolk!, in: Der Reichsbote, Nr. 157 vom 14.7.1933 📖, abgedruckt im Zeitungsspiegel vom 14.7.1933, Nr. 86/1–2, Zitat dort Nr. 86/2 📖). — Ein «dankbares Ja» zu «dieser Wende der Geschichte» hatte auch schon das Dreimännerkollegium in seinem Aufruf vom 25.4.1933 ausgesprochen (vgl. van Norden, S. 77 📖). Diesen Passus hatte Barth in seiner Schrift «Theologische Existenz heute!» als typisches Beispiel kirchlicher Verlautbarungen zitiert und angegriffen (vgl. Th.Ex.h. 1933, S. 37 [Originalpaginierung S. 10] 📖).↩
5
Der Wahlaufruf von Jäger und Müller (s. Anm. 4) beginnt mit dem Satz: «Gott hat das Wunder der Einigung in der deutschen evangelischen Christenheit vollzogen.» Im Verfassungstext erscheint die Formulierung nicht.↩
6
Von einer Kirchenwahl sprach öffentlich erstmals Hitler in einem Telegramm an Hindenburg vom 12.7.1933 anläßlich der Fertigstellung der Kirchenverfassung: «… Der innere Neubau der Landeskirchen wird nach kirchlichem Recht durch freie Wahl des evangelischen Kirchenvolkes einer baldigen Vollendung entgegengeführt werden» (Abdruck bei Gauger I, S. 92 📖; Kretschmar/Nicolaisen I, S. 87f. 📖; Michaelis/Schraepler, S. 591 📖; Scholder I, S. 480 📖). In dem die Verfassung bestätigenden Reichsgesetz, Art. 5, wurden für den 23.7. «Neuwahlen für diejenigen kirchlichen Organe» angeordnet, «die nach geltendem Landeskirchenrecht durch unmittelbare Wahlen der kirchlichen Gemeindeglieder gebildet werden» (Abdruck bei Kretschmar/Nicolaisen I, S. 107–109 [Zitat dort S. 106]; vgl. Gauger I, S. 92; Scholder I, S. 560f.).↩
7
Lempp schrieb am 14.7.1933 an Barth: «Nachdem nun von Ihrer Schrift 12000 Exemplare gedruckt und bis 2500 versandt sind, möchte ich Ihnen nocheinmal sagen, wie ungeheuer der Eindruck Ihrer Worte überall war. … Etwas scheint allerdings seltsam: daß, seit nun die Kirchenverfassung fertig ist, d. i. also seit zwei Tagen, der Absatz mit einem Schlag kolossal zurückgeht.»↩
8
K. Barth, The Epistle to the Romans, translated from the sixth edition by E. Cl. Hoskyns, with a new preface by the author, London 1933. 📖↩
9
Am 25.7.1933 feierte R. Pestalozzi seinen 51. Geburtstag.↩
10
Ernst Steinbach (1906–1984), Pfarrer in Reusten bei Tübingen, hatte Barth am 11.7.1933 einen am 24.6. in Tübingen gehaltenen Vortrag zugeschickt, dessen Druck er plante. «Wäre es nicht möglich, daß Sie gleichsam als Schutzbrief meinem opusculum ein oder zwei Sätze mitgäben, die man ihm als Waschzettel auf den Bauch kleben könnte und die den Zensor vor Leichtsinnstaten eo ipso warnen und dem Leser in erwünschter Weise andeuten würden, woher der Wind weht?» Nach anfänglicher Irritation über diese Bitte versprach Barth Steinbach ein Vorwort (Brief vom 12.7.1933). Wenn dieser zudem bereit wäre, die «letzten ‹episkopalen› Seiten» umzugestalten oder ganz wegzulassen, könne er den Vortrag auch als Beiheft von ZZ drucken lassen. Steinbach bot am 13.7. stattdessen die Hinzufügung einer erläuternden Anmerkung an. Doch erneute Lektüre hatte Barths grundlegende Bedenken gegen den letzten Vortragsteil verstärkt, so daß er das Angebot zum Druck in ZZ zurückzog, weiterhin aber ein Geleitwort anbot. Am 17.7. riet Barth angesichts der veränderten Lage mit Verweis auf den Absatzrückgang seiner eigenen Schrift (s. Anm. 7) von der Veröffentlichung ganz ab. Obwohl Steinbach zunächst an seinem Vorhaben festhielt, kam es auf Grund einer Reihe ungünstiger Umstände nicht zur Veröffentlichung (weitere Briefe zu dieser Sache: Steinbach an Barth vom 19.7. und 28.7., Barth an Steinbach vom 7.8.1933).↩
11
Siehe oben S. 425, Anm. 4.↩
12
Durch Lochung unleserlich.↩