20. Juli 1933

Charlotte von Kirschbaum an Eduard Thurneysen (sowie Nachschrift Karl Barth an Eduard Thurneysen)

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Lieber Eduard,

Wichtige Ereignisse bzw. bevorstehende Ereignisse sind zu melden:

Erstens: Wie du weißt, haben wir am Sonntag Kirchenwahlen. 2 Listen stehen sich da im ganzen Land gegenüber: «Deutsche Christen» und «Evangelische Kirche»1 (letzteres einfach der Block aller Anti-D. Chr.!). Hier in Bonn nun hat, angeregt durch K. L. Schmidt und Prof. Wolf, eine kleine Bewegung eingesetzt bzw. sich eine dritte Front gebildet, die eine «Liste für die Freiheit des Evangeliums» geschaffen hat und — Karl zum Spitzenkandidaten eingesetzt hat.2 Karl hat sich |473 bereit erklärt, weil er die Notwendigkeit einer Entscheidung jenseits der beiden großen Gruppen sieht und so wenig mit der Liste der «Deutschen Chr.» wie mit der «Evang. Kirche» sich begnügen mag und kann, weil ihm auch im 2. Fall das wirklich kirchliche Anliegen nicht genügend gewahrt scheint und sehr üble Kompromisse dort im Gange sind. So wird also nun — vielleicht als praktisch wirkungslose, aber immerhin als Demonstration — zum allgemeinen Erstaunen, sicher auch Unwillen (!), eine Liste 3 auftauchen. Eben geht das beigelegte von Karl verfertigte Flugblatt in Druck3, und am Samstag Abend wird im Bürgerverein (an den Anschlagsäulen bekannt gegeben) ein Wahlvortrag von K. Barth zu hören sein «Was heißt Freiheit des Evangeliums?»4 —

474 Zweitens: Als gestern Abend hier im Studierzimmer eine sehr merkwürdige Gesellschaft sich vereinigt hatte, um über die eben erzählte Wahlsache zu verhandeln, da klingelte D. Hesse aus Berlin an. Man hörte Karl nur antworten: «Ja, ich nehme an.» Und was? Bis zur Einsetzung des endgültigen Kirchenregimentes stellen die reformierte, die lutherische und die unierte Kirche je einen Statthalter (für das geistliche Ministerium) auf, und die reformierte Kirche hat keinen Anderen als Karl vorgeschlagen.5 Die Wahrscheinlichkeit, daß er berufen wird, ist nach seiner bedingungslosen Zusage groß. Das bedeutet, daß er in allernächster Zeit für Wochen nach Berlin abgehen muß. Das weinende Auge, das wir dem Bergli nachblicken lassen, kannst du dir denken. Aber, aber … Ich werde mit nach Berlin gehen, denn gerade dort kann Karl in seinem «Büro» meine Hilfe vielleicht sehr konkret brauchen, und insgeheim auch ein bißchen als «Pflegerin», denn er ist jetzt reichlich müde und erschöpft, und ich habe ein wenig Angst, wenn er so ohne Rast |475 weiterwursteln muß. — Sobald sich die Sache entschieden hat, hörst du wieder von hier. — Hoffentlich gibt das kleine Wahlunternehmen nicht Anlaß zu politischen Störungen. Der Boden ist jetzt heiß, und man munkelt, wer nicht «D. Christen» wähle, sei automatisch aus der N.S.D.A.P. ausgeschlossen!!6

Eine kleine Sendung geht dir dieser Tage wieder zu, darunter ein Briefwechsel mit E. Brunner.7

Grüße Marguerite sehr herzlich.
Deine
Lollo

[Nachschrift von Barth:]

Lieber Eduard!

Ich komme mir vor wie Einer auf einem Seil, der jetzt auf einmal auch noch einen Kopfstand leisten soll. Aber es muß offenbar sein. Wenn sei es das hiesige, sei es das Berliner Abenteuer durch höhere Gewalt verhindert würde, würde ich richtig aufatmen. Aber wer weiß, ob mir die Geschichte das zu Liebe tut!! Hätten wir geschwiegen, Eduard, hätten wir geschwiegen!8 Du bekommst neue Nachricht, sobald sie fällig ist.

Dein
Karl

Sachfußnoten

1
Auf Grund einer von der Glaubensbewegung Deutsche Christen erreichten einstweiligen Verfügung hatte die Liste der Opposition unter Führung der Jungreformatorischen Bewegung ihren Namen «Evangelische Kirche» in «Evangelium und Kirche» geändert; in Bonn konnte die entsprechende Verfügung aus zeitlichen Gründen nicht mehr befolgt werden (vgl. Scholder I, S. 562f. 📖; Hinz-Wessels, S. 145 📖). Zu den Kirchenwahlen vom 23.7.1933 vgl. Scholder I, S. 560–570 sowie Abb. 59 und 62 (Wahlaufruf der Opposition noch unter dem ursprünglichen Listennamen).↩
2
Einige spätere Zeugnisse von Zeitgenossen weisen auf Barth als alleinigen oder Mitinitianten der dritten Bonner Liste hin (so H. Gollwitzer, Erinnerungen …, in: SGKL, Jg. 18 [1966], Sp. 282–288 📖; dort Sp. 288 [= ders., Skizzen …, a.a.O. ‹S. 14, Anm. 23›, S. 66] 📖; W. Koch in seiner Autobiographie Sollen wir K. weiter beobachten? Ein Leben im Widerstand, Stuttgart 1982, S. 64 📖; darauf aufbauend irrtümlich z. B. Hinz-Wessels, S. 138 📖; vgl. Scholder I, S. 577 📖; Mühling, S. 158 📖). Nach einer späten Erinnerung H. Traubs drängte Barths Nachbar und späterer Verteidiger Otto Bleibtreu Barth zur Gründung einer eigenen «Partei» bei der Kirchenwahl, worauf dieser «nach längerem Zögern» eingegangen sei (Brief von Traub an H. Prolingheuer vom 7.6.1976, zitiert bei Prolingheuer, S. 7, Anm. 16 📖). Tatsächlich ging die Initiative, wie Ch. von Kirschbaums Brief aufdeckt, von K. L. Schmidt und E. Wolf aus. Ein Brief Nelly Barths an D. Stoevesandt vom 23.7.1933 nennt zwar keine Namen, bietet aber einen weiteren Beleg dafür, daß nicht Barth die Anregung zur Bildung der Liste «Für die Freiheit des Evangeliums» gab: «Es kam ja plötzlich eine Aktion zustande: 3 Collegen u. 1 Vikar scharen sich um meinen Mann, wollen ihn an die Spitze einer 3. Wahlliste — er willigt ein — 8 andere Namen kommen dazu» (Brief im Besitz von Dr. H. Stoevesandt; Fortsetzung des Zitats s. unten S. 478, Anm. 2). — Zu den Kirchenwahlen in Bonn vgl. Hinz-Wessels, S. 138–154. Im Rheinland gab es nur in Bonn und in Remscheid drei Listen.↩
3
Faksimile-Reproduktion (verkleinert) in: «Dialektische Theologie», München 1966, S. [5] 📖, und in: Prolingheuer, S. 235 📖; Text in: ThBl, Jg. 12 (1933), Sp. 253 📖, und bei Schmidt 1933, S. 47 📖. — Auf dem Flugblatt (ebenso wie auf dem Plakat) ist unten links in Kleindruck vermerkt «Verfasser: Georg Lanzenstiel». Lanzenstiel, Stadtvikar in München und früherer Student Barths, verbrachte gerade einige Ferientage in Bonn und wurde, als das Flugblatt in Eile gedruckt werden mußte, von Barth darum gebeten, es zu einem Drucker zu bringen. Nachdem mehrere den Auftrag als zu brisant abgelehnt hatten, fand er einen Drucker, der zur Herstellung von Flugblättern und Plakaten bereit war, wenn er von Lanzenstiels Namen Gebrauch machen könnte. Sie einigten sich auf die Formel «Verantwortlich: Georg Lanzenstiel», statt derer aber — absichtlich oder irrtümlich — die oben angeführte Formel gedruckt wurde. In Unkenntnis dieser Geschichte, aber ohne an der Verfasserschaft des Flugblattes zu zweifeln, schrieb K. Stoevesandt Barth daraufhin am 26.7.1933: «Lieber Herr Professor! Ihr Pseudonym, das ich nun aber doch nicht als Anrede benutzen will, um es nicht zu entweihen, ist so gut, daß es für den ganzen Inhalt des Flugblattes gelten kann» (Auskunft von Dr. H. Stoevesandt nach persönlichen Schilderungen von G. Lanzenstiel und Barth; eine etwas andere Version der Anekdote bei H. Gollwitzer, Erinnerungen …, a.a.O., Sp. 288 📖 [= Skizzen …, S. 66f. 📖], die dort zitierte Formel entspricht jedoch nicht dem Aufdruck auf dem Flugblatt, und daß dieses, wie Gollwitzer sich zu erinnern meinte, von Traub, Barth und Wolf gemeinsam und erst nach der Wahlveranstaltung in der Nacht vor der Wahl verfaßt worden sei, wird durch diesen Brief Ch. von Kirschbaums widerlegt [Erinnerungen…, Sp. 288 = Skizzen …. S. 66]).↩
4
Polizeiliche Bescheinigung vom 20.7.1933 über die Anmeldung der Versammlung am 22.7. durch Barth im Karl Barth-Archiv. Der nach zwei stenographischen Mitschriften nachträglich niedergeschriebene und ergänzte Text des Vortrags wurde im Oktober 1933 mit einem kurzen Vorwort veröffentlicht: K. Barth, Für die Freiheit des Evangeliums (ThExh 2), München 1933. 📖 — Photographie einer Anschlagsäule mit dem Plakat bei Busch, Abb. 46 📖, und Scholder I, Abb. 63 📖 (Ausschnittvergrößerung aus derselben Photographie). Vgl. unten S. 478, Anm. 2.↩
5
Am 20.7.1933 fanden in Berlin gemäß Artikel 5 der Einführungsverordnung Verhandlungen statt mit dem Ziel, die Befugnisse der vorläufigen Kirchenleitung bis zur Wahl des Reichsbischofs zu regeln (vgl. Scholder I, S. 583–585 📖, dem das im folgenden zitierte Manuskript Hesses nicht als Quelle zur Verfügung stand). Die Verwicklungen bei der Bestimmung des reformierten Vertreters schon im Vorfeld und den Verlauf der Verhandlungen selbst schilderte H. A. Hesse in einem Manuskript «Wie es zur vorläufigen Besetzung des Geistlichen Ministeriums kam. Erinnerungen von Pastor D. Hesse» (7 S.; der Durchschlag des Typoskripts im Karl Barth-Archiv trägt den handschriftlichen Vermerk «Vertraulich!» je ein Durchschlag ging an Barth und die Mitglieder des reformierten Moderamens Landessuperintentent Walter Hollweg [Aurich], Kolfhaus, Koopmann und Honorarprofessor D.D. August Lang [Moderator]). Nachdem Hollweg am 14.7.1933 Hesse mitgeteilt hatte, daß er aus Gesundheitsgründen «selber nicht für den reformierten Platzhalterposten in Frage kommen könne, für dessen Übernahme er sich allerdings am 11. Juli bereit erklärt hatte», wurden bei «näheren Beratungen mit einigen hiesigen Freunden» Barth und evtl. Kolfhaus vorgeschlagen. Hollweg leitete die Vorschläge an Marahrens weiter. Am Abend des 19.7. kamen Hesse, der seit dem Vortag auf Marahrens’ Wunsch wieder in Berlin weilte, Koopmann und Pastor P. Ruperti «dahin überein, daß für den reformierten Posten in erster Linie Professor D. Karl Barth und in zweiter Linie Pastor D. Kolfhaus als Platzhalter vorzuschlagen seien. Karl Barth, mit dem ich noch abends telefonierte, sagte fröhlich zu, daß er sich vorschlagen lassen wolle.» Kater berichtet irrtümlich, Barth (und der Hamburger Bischof S. Schöffel) seien als Kandidaten für das Bischofsamt vorgeschlagen gewesen (H. Kater, a.a.O., S. 130 📖).↩
6
Im ganzen Reichsgebiet ergingen Anordnungen an die evangelischen NSDAP-Mitglieder, ihrer «Wahlpflicht» durch Stimmabgabe für die Deutschen Christen nachzukommen (vgl. Scholder I, S. 564f. 📖; Meier I, S. 104–106 📖; Gauger I, S. 92 📖). Die Bonner Kreisleitung verband diese (im Westdeutschen Beobachter veröffentlichte und durch Handzettel verbreitete) Anordnung mit der Androhung des Parteiausschlusses im Falle der Zuwiderhandlung; vgl. Hinz-Wessels, S. 142 📖; Flugblatt der NSDAP-Ortsgruppe Bonn-Süd vom 19.7.1933 mit diesem «Befehl des Führers» im Archiv der Evangelischen Kirchengemeinde Bonn (Signatur: B II 1). Repressalien gegen Parteimitglieder, die nicht deutschchristlich wählten, bis hin zum Parteiausschluß gab es zumindest bis Oktober 1933 (vgl. Rundschreiben des Stabsleiters M. Bormann vom 6.10.1933, zitiert bei Scholder I, S. 668f.; Meier I, S. 354).↩
7
Briefe Brunners vom 1.6. und 14.7.1933; Barth bezog sich in seiner Antwort vom 17.7.1933 vor allem auf Brunners zweiten Brief, in dem dieser die Lage der deutschen evangelischen Kirche als «Selbstmord» beurteilt und angekündigt hatte, das Wort dazu zu nehmen. Barth warnte ihn vor diesem Vorhaben und wies Brunner angesichts seiner Einschätzung der deutschen Kirche darauf hin, daß von mancher Seite Widerstand sichtbar geworden sei, den keine Zeitung erwähne. Es könnten allenfalls sehr zurückhaltende Verlautbarungen aus der Schweiz nützlich sein. Siehe Bw.Br., S. 222–230. 📖 ↩
8
Der später bei Barth und Thurneysen zu einem geflügelten Wort gewordene Ausspruch des Pfarrers Richard Preiswerk «Nur jetzt schwiiige, schwiiige!» (vgl. Bw.Th. I, S. 26 📖) fiel offenbar erstmals im Zusammenhang mit dem — von Preiswerk mißbilligten — Brief Barths an Rade vom 31.8.1914 gegen die Haltung der Christlichen Welt bei Ausbruch des 1. Weltkriegs (zusammen mit Rades Antwort veröffentlicht in: Briefwechsel von Karl Barth und Martin Rade, in: NW, Jg. 8 [1914], S. 429–438 📖; wieder abgedruckt in: K. Barth / M. Rade, Ein Briefwechsel, a.a.O. [S. 284, Anm. 12], S. 95–99.105-113 📖; (vgl. Bw.Th. I, S. 26; Bw.Th. II, S. 222.558 📖).↩