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20. Juli 1933
Wichtige Ereignisse bzw. bevorstehende Ereignisse sind zu melden:
Erstens: Wie du weißt, haben wir am Sonntag Kirchenwahlen. 2 Listen stehen sich da im ganzen Land gegenüber: «Deutsche Christen» und «Evangelische Kirche»1 (letzteres einfach der Block aller Anti-D. Chr.!). Hier in Bonn nun hat, angeregt durch K. L. Schmidt und Prof. Wolf, eine kleine Bewegung eingesetzt bzw. sich eine dritte Front gebildet, die eine «Liste für die Freiheit des Evangeliums» geschaffen hat und — Karl zum Spitzenkandidaten eingesetzt hat.2 Karl hat sich |473 bereit erklärt, weil er die Notwendigkeit einer Entscheidung jenseits der beiden großen Gruppen sieht und so wenig mit der Liste der «Deutschen Chr.» wie mit der «Evang. Kirche» sich begnügen mag und kann, weil ihm auch im 2. Fall das wirklich kirchliche Anliegen nicht genügend gewahrt scheint und sehr üble Kompromisse dort im Gange sind. So wird also nun — vielleicht als praktisch wirkungslose, aber immerhin als Demonstration — zum allgemeinen Erstaunen, sicher auch Unwillen (!), eine Liste 3 auftauchen. Eben geht das beigelegte von Karl verfertigte Flugblatt in Druck3, und am Samstag Abend wird im Bürgerverein (an den Anschlagsäulen bekannt gegeben) ein Wahlvortrag von K. Barth zu hören sein «Was heißt Freiheit des Evangeliums?»4 —
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Zweitens: Als gestern Abend hier im Studierzimmer eine sehr merkwürdige Gesellschaft sich vereinigt hatte, um über die eben erzählte Wahlsache zu verhandeln, da klingelte D. Hesse aus Berlin an. Man hörte Karl nur antworten: «Ja, ich nehme an.» Und was? Bis zur Einsetzung des endgültigen Kirchenregimentes stellen die reformierte, die lutherische und die unierte Kirche je einen Statthalter (für das geistliche Ministerium) auf, und die reformierte Kirche hat keinen Anderen als Karl vorgeschlagen.5 Die Wahrscheinlichkeit, daß er berufen wird, ist nach seiner bedingungslosen Zusage groß. Das bedeutet, daß er in allernächster Zeit für Wochen nach Berlin abgehen muß. Das weinende Auge, das wir dem Bergli nachblicken lassen, kannst du dir denken. Aber, aber … Ich werde mit nach Berlin gehen, denn gerade dort kann Karl in seinem «Büro» meine Hilfe vielleicht sehr konkret brauchen, und insgeheim auch ein bißchen als «Pflegerin», denn er ist jetzt reichlich müde und erschöpft, und ich habe ein wenig Angst, wenn er so ohne Rast |475 weiterwursteln muß. — Sobald sich die Sache entschieden hat, hörst du wieder von hier. — Hoffentlich gibt das kleine Wahlunternehmen nicht Anlaß zu politischen Störungen. Der Boden ist jetzt heiß, und man munkelt, wer nicht «D. Christen» wähle, sei automatisch aus der N.S.D.A.P. ausgeschlossen!!6
Eine kleine Sendung geht dir dieser Tage wieder zu, darunter ein Briefwechsel mit E. Brunner.7
Grüße Marguerite sehr herzlich.
[Nachschrift von Barth:]
Lieber Eduard!
Ich komme mir vor wie Einer auf einem Seil, der jetzt auf einmal auch noch einen Kopfstand leisten soll. Aber es muß offenbar sein. Wenn sei es das hiesige, sei es das Berliner Abenteuer durch höhere Gewalt verhindert würde, würde ich richtig aufatmen. Aber wer weiß, ob mir die Geschichte das zu Liebe tut!! Hätten wir geschwiegen, Eduard, hätten wir geschwiegen!8 Du bekommst neue Nachricht, sobald sie fällig ist.