22. Juli 1933

Für die Freiheit des Evangeliums [Rede]

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FÜR DIE FREIHEIT DES EVANGELIUMS
[REDE]

1933

Bei der vorliegenden Rede Barths handelt es sich um das Kernstück des Wahlkampfes der Liste «Für die Freiheit des Evangeliums!», die unter seiner maßgeblichen Mitwirkung angesichts der unmittelbar bevorstehenden Kirchenwahlen im Juli 1933 ins Leben gerufen worden war.1

Die Rede wurde gehalten am Abend des 22. Juli 1933, dem Vorabend der Kirchenwahl,2 um 20.30 Uhr, auf der einzigen Wahlkundgebung der Liste im Bonner Bürgerverein. Barth selbst hatte diese Veranstaltung am Morgen des 20. Juli 1933 bei der Ortspolizeibehörde Bonn angemeldet als «eine öffentliche politische Versammlung [...] mit dem Verhandlungsgegenstand: Was heißt Freiheit des Evangeliums? (Vortrag zu den Kirchenwahlen der Evangel. Gemeinde Bonn).»3 Ein Plakat4 und Handzettel 5 hatten für den Abend geworben und viele Zuhörer angelockt.6 Nach Berichten von Augenzeugen dürften diese ihr Kommen nicht bereut haben: «Karls Vortrag war vielleicht das |391 Beste, was ich überhaupt noch an Vorträgen von ihm hörte. Er [...] sprach frei und wurde auch nicht einmal unterbrochen.»7 – «Der Abend, in [sic] dem er für die Bonner Gemeinde seinen Wahlvortrag [...] hielt, wird vielen, die ihn miterlebten, als eine wahrhaft prophetische Stunde unvergeßlich sein. Als Barth vom Podium herunter kam, umarmte ihn Gustav Hoelscher mit Tränen in den Augen».8 – «Und wie Barth ankommt! Man merkt es gleich nach seinen ersten Sätzen. Als er geendet hat, herrscht eine geradezu fröhliche Stimmung im Saal.»9

Barths Engagement führte zu einem beachtlichen Teilerfolg für die von ihm geführte Liste: Zwar konnte auch in Bonn ein klarer Sieg der Deutschen Christen, deren Liste10 hier rund 57% der abgegebenen gültigen Stimmen erhielt, nicht verhindert werden, doch gewann man neben der unter dem Namen «Deutsche Evangelische Kirche» angetretenen Liste,11 die sich der Jungreformatorischen Bewegung zurechnete,12 immerhin noch sechs Sitze in der größeren Gemeindevertretung, die von Barth selbst, Charlotte von Kirschbaum, Otto Bleibtreu, Gustav Hölscher, Margarete Gordan13 und Ernst Wolf eingenommen |392 wurden.14 Für die Wahl des Presbyteriums am 30. Juli 1933 wurde eine Einheitsliste aufgestellt, in der die drei Gruppen nach Proporz vertreten waren. Barth selbst übernahm das seiner Liste zustehende Presbyteramt.15 Für die Kreissynode allerdings wurde in der Sitzung der größeren Gemeindevertretung vom 1. August 1933 entgegen der sonst üblichen Verfahrensweise von den beiden großen Gruppen übereinstimmend kein Vertreter der Liste «Für die Freiheit des Evangeliums!» nominiert.16 Nachdem G. Hölscher, E. Wolf und auch Ch. von Kirschbaum und Barth bis Mitte 1935 Bonn verlassen hatten, wurde in das der Liste zustehende Presbyteramt keiner ihrer Vertreter mehr nachgewählt.17

393 Als Grundlage seiner frei gehaltenen Rede diente Barth ein dreiseitiges Typoskript, das die Hauptgedanken des Vortrages in neun thesenartig formulierten Abschnitten zusammenfasst und samt einer Vorstufe18 erhalten ist (Entwurf). Die Druckfassung erstellte er nach eigener Aussage «anhand von zwei stenografischen Wiedergaben», die er, «ohne den sachlichen Gehalt zu verändern [...] da und dort ergänzt» hat.19 Mitschriften der Rede sind im Karl Barth-Archiv lediglich in Form von Typoskripten erhalten. An der mit «Hans Weidmann»20 gezeichneten Mitschrift (14 S., eineinhalbzeilig, Durchschlagpapier) ist eine Bearbeitung anhand handschriftlicher Zusätze und Korrekturen deutlich sichtbar (Mitschrift Weidmann21). Daneben liegen drei weitere einzeilig getippte Mitschriften vor, die hinsichtlich des gebotenen Redetextes – abgesehen von Abweichungen in Schreibweise, Zeichensetzung und Satzbild – identisch sind, eines davon ist in ein DIN A 5-Heft eingebunden und umfasst 12 Seiten (Mitschrift B22), die beiden anderen bestehen aus je fünf zusammengehefteten Seiten Durchschlagpapier (Mitschriften B*23 und B**24). Die von Barth in der genannten Weise erstellte maschinenschriftliche Druckvorlage existiert nur noch als Fragment.25 Erhalten sind jedoch die Druckfahnen des Heftes 2 der Reihe «Theologische Existenz heute 📖», in dem die Rede im November 1933 erschien.26 Ein Wiederabdruck ist nicht erfolgt.

394 Mit dem gedruckten Heft liegt der von Barth so gewünschte und durch eigene Bearbeitung der Mitschriften entstandene Text vor. Deshalb wird unten lediglich vermerkt, wenn alle Mitschriften vom vorliegenden Text abweichen, weil dies dafür spricht, dass an diesen Stellen der ursprüngliche Redetext von Barth für den Druck verändert bzw. ergänzt wurde.

Für die Freiheit des Evangeliums

Liebe Gemeindegenossen!27

Wir sollen morgen zur Wahl gehen, zur Wahl unserer kirchlichen Gemeindevertretung. Wer an diesem Wahlakt teilnimmt, und auch, wer das nicht tut, übernimmt damit an seinem Teil eine ganz bestimmte Verantwortung: die Verantwortung für die künftige Gestalt unserer evangelischen Kirche. Von dem Ergebnis dieser Wahl wird es abhängen, was für ein Presbyterium wir in Zukunft in unserer Bonner Gemeinde haben werden, in welchem Geist sie geleitet und in welchem Geist sie auch in den höheren Räten der Kirche bis hinauf zur General- und Nationalsynode vertreten sein wird. Es ist zunächst eine Entscheidung für unsere Gemeinde Bonn, die wir zu treffen haben. Aber indem wir das tun, nehmen wir teil an einer Entscheidung, die für die ganze deutsche evangelische Kirche fällt. Ich brauche nicht zu sagen, dass die Verantwortung jedes einzelnen Wählers in diesem Jahr 1933 eine ganz besonders schwere ist.28

395 Eine Kirchenwahl ist ein Akt des Glaubensbekenntnisses. Wenn ich in der Kirchenwahl Diesem oder Jenem meine Stimme gebe, so will ich damit weder dieser oder jener Persönlichkeit meine Anerkennung oder meinen Beifall aussprechen, noch diese oder jene materiellen oder auch geistigen Interessen vertreten, noch meiner politischen Überzeugung Ausdruck geben, sondern dann will ich meinen Glauben bekennen: meinen Glauben an eine bestimmte Gestalt der Kirche, die ich für notwendig halten muss. Dieses Müssen – kein Meinen oder Wollen – ist mein Glaube. Indem ich wähle, bekenne ich diesen oder jenen Glauben an die Kirche. Glauben haben heißt aber ein Geschenk Gottes haben, das niemand sich selbst nehmen kann, sondern das aus Gottes freier Gnade kommt. So kommt in unserem Wählen, ob wir’s wollen oder nicht, ein Gewähltsein eines Jeden, sein Gewähltsein von Gott, zum Ausdruck.

Meine Freunde und ich haben Sie zu dieser Versammlung eingeladen, um Sie vor der Wahl zu gemeinsamer Besinnung aufzurufen. Aus welchem Glauben werden wir morgen wählen? Welches Glaubens Bekenntnis werden wir morgen ablegen? 4 Wir haben die Liste, die wir Ihnen vorgelegt haben, überschrieben mit den Worten: «Für die Freiheit des Evangeliums». Wir wollen damit sagen: Darum geht es, das ist’s, was heute zu glauben ist; dazu sich zu bekennen ist uns heute geboten: zur Freiheit des Evangeliums!

Es geht um das Evangelium. Eine evangelische Gemeinde nennen wir uns. Das bedeutet: eine Gemeinde, die durch das Evangelium aufgerufen und um das Evangelium versammelt ist. Was heißt Evangelium? Muss ich das noch besonders sagen? Ja – und es ist keine Schande, dass man gerade das immer wieder besonders sagen muss. Denn dass es das gibt, das Evangelium, das ist immer wieder etwas so unerhört Großes und Neues, dass es nicht anders sein kann: wir alle müssen es uns immer wieder von Neuem sagen lassen. – Ich darf es zu sagen versu|396chen, wie ich es verstehe: Evangelium ist eine Botschaft, die an uns ergangen ist und ergeht und wieder ergehen will. Sie lautet: Wir Menschen sind nicht allein. Wir sind nicht unserem Schicksal überlassen. Wir sind nicht unseren guten und bösen Mitmenschen überlassen. Wir sind auch nicht dem Tod überlassen, der auf uns alle wartet. Und wir sind vor allem nicht uns selbst überlassen, weder unseren guten noch unseren schlechten Eigenschaften, weder unseren Tugenden noch unseren Fehlern, weder unserer eigenen Klugheit noch unserer eigenen Dummheit. Sondern wir haben einen Herrn und dieser Herr steht gut für uns, weil wir zu ihm gehören. Wie ein reicher Mann gut steht für einen armen Mann, weil dieser sein Bruder ist. Und wir gehören darum zu diesem Herrn, weil er für uns gut steht, weil unsere Sache für Zeit und Ewigkeit bei ihm wohl aufgehoben ist. Dieser unser Herr hat alles, was uns angeht und angehen kann, in Ordnung gebracht für uns. Da ist keine Sorge, die er uns nicht im Voraus abgenommen hätte, da ist keine Sünde, für die bei ihm nicht Vergebung bereit wäre. Da ist keine Eigenwilligkeit und Eitelkeit, die vor ihm nicht zum Vornherein in ihrer Torheit gerichtet wäre. Da ist keine Last, die er nicht längst getragen und hinweggetragen hätte. Das ist unser Trost, dass wir diesen Herrn haben: unser Trost, unsere Freude, unsere Hilfe, unsere Leitung für unser Leben in guten und bösen Tagen. Wer ist dieser Herr? Ich antworte mit dem 5 heute viel (wahrscheinlich viel zu viel!) gesungenen Liede: «Fragst du, wer der ist? Er heißt Jesus Christ, der Herr Zebaoth, und ist kein anderer Gott, das Feld muss er behalten».29 Also der Herr heißt: Jesus Christus. Jesus Christus aber heißt: Gott |397 für uns Menschen und mit uns Menschen. Und das heißt an das Evangelium glauben: diese Botschaft annehmen, die Botschaft, dass Gott für uns und mit uns ist, diesen Herrn für unseren Herrn halten.

Es geht aber um die Freiheit des Evangeliums. Nicht das ist damit gemeint, dass Menschen frei seien oder frei sein möchten. Sondern das ist gemeint: das Evangelium selbst ist frei und will und muss frei bleiben und als freies Evangelium verstanden werden. Was heißt das? Vor allem dies: Wir haben zu verstehen, dass das Evangelium eine Botschaft ist, die zu uns kommt, ohne dass wir zu ihr kommen könnten. Was wir eben gehört haben als Inhalt des Evangeliums, das kann kein Mensch sich selber sagen, das können wir uns nur gesagt sein lassen. Kein Mensch kann das von sich aus entdecken in der Natur oder in der Geschichte oder im Schatz seiner Lebenserfahrung, dass Gott für uns und mit uns ist. Sondern das ist zu hören in der Freiheit, in der Gott selbst sein Wort zu den Menschen gesprochen hat und wieder sprechen will. Er hat es nicht immer und überall gesprochen, sondern zu bestimmter Zeit und Stelle: zu den Propheten des Alten und zu den Aposteln des Neuen Testamentes, die uns nun ihrerseits Zeugnis geben von seinem Wort. Aus den Tagen Ihres Konfirmandenunterrichtes kennen Sie die Stelle aus Luthers Katechismus: «Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesum Christum meinen Herrn glauben oder zu ihm kommen kann, sondern der heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen…»30 Das Evangelium hören heißt: berufen sein. Das Hören des Evangeliums ist also nicht eine Fortsetzung oder Ergänzung oder Erhöhung oder Bereicherung unseres natürlichen Menschenlebens. Das Hören des Evangeliums ist eine neue Geburt, die wir nicht selber schaffen können, die «von oben» [Joh. 3,331], vom Evangelium selbst her geschehen muss.32 Das ist die Freiheit des Evangeliums. Und das ist weiter die Freiheit des Evangeliums, dass seine Botschaft, dass Jesus Christus der Herr nach |398 den Worten des Heidelberger Katechismus unser einiger Trost ist im Leben und im 6 Sterben.33 Unser einiger Trost! Man kann diese Botschaft nicht hören, ohne das Gebot zu hören: Du sollst keine anderen Götter haben neben mir [Ex. 20,3]! Es gibt auch andere, hohe, ideale und werte Güter: Kunst, Sittlichkeit und Erkenntnis, Familie, Besitz und Volkstum. Aber es gibt nur einen Gott und darum nur einen Trost im Leben und im Sterben, ganz und gar unvergleichlich mit jedem anderen Gut, so hoch es uns stehen, so teuer es uns sein mag. Das Evangelium bedeutet uns entweder allein den ganzen Trost, den wir brauchen, oder es bedeutet uns gar nichts. Das Evangelium hat entweder unser ganzes Herz oder es hat unser Herz gar nicht. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir! An das Evangelium glauben heißt also: im Evangelium seinen Meister gefunden haben, den Meister, dem gegenüber der Mensch nicht mehr frei sein wollen kann, dem er umgekehrt alle Freiheit zuschreibt und zuerkennt, dem er sich unterwirft als dem, der allein die Herrschaft haben darf. Nur wenn wir das Evangelium in dieser seiner Freiheit haben, haben wir es wirklich, und nur wenn wir es in dieser seiner Freiheit verstehen, können wir es recht verstehen.

In der evangelischen Kirche muss es also um die Freiheit des Evangeliums gehen. Die Kirche ist die menschliche Gemeinschaft, in der das Evangelium verkündigt und gehört wird. Weil sie eine menschliche Gemeinschaft ist, darum ist das, was heute so laut und nachdrücklich verkündigt wird, nichts als selbstverständlich: die Kirche nimmt teil an den Gestaltungen der Natur, der Kultur und der Geschichte; sie ist die Kirche dieser und dieser Völker im Raume dieser und dieser Staatsformen. Wie sollte es anders sein? Die Kirche anerkennt ihre Verbundenheit mit der Welt der Schöpfung und des Sündenfalls. Sie gibt dem Kaiser, was des Kaisers ist [vgl. Mt. 22,21 parr.]. Wie sollte es anders sein, da doch Evangelium heißt: Gott für den Menschen! und da doch, wer «Mensch» sagt, eben dies sagt: Schöpfung, Sündenfall, Natur, Kultur, Geschichte. Aber: nicht dies, dass die Kirche teilnimmt an der menschlichen Wirklichkeit und an dem, was wir als die Ordnungen dieser Wirklichkeit verstehen zu können meinen – nicht dies macht die Kirche zur Kirche und nicht von daher ist die Kirche als |399 Kirche zu verstehen. Evangelium heißt ja nicht: der Mensch für Gott!, sondern ganz und gar und allein: Gott für den Menschen! Will die Kirche Kirche sein und bleiben, dann 7 muss sie zäh und eifersüchtig über dieser Verkündigung wachen als über ihrem Wesen, von dem sie keinen Finger breit lassen kann. Dazu muss sie immer wieder zurückkehren, nichts Anderes sein zu wollen als der Ort, da Gottes Ehre wohnt [vgl. Ps. 26,8], das heißt aber: da dieses «Gott für den Menschen!», da Jesus Christus verkündigt und gehört wird. Nur wenn sie darüber wacht, kann sie nämlich auch ihrer Verbundenheit mit der menschlichen Wirklichkeit, ihrer Beziehung zu all dem, was den Menschen zum Menschen macht, gerecht werden. Gerade die menschliche Natur und Kultur, gerade Volk und Staat bedürfen einer Kirche, die nicht an sie gebunden ist, die nicht ihrerseits Natur und Kultur, Volk und Staat, sondern die, sich selber getreu, rein und lauter das Evangelium verkündigt. Gerade die Kirche, die rechtschaffen Kirche auf Gottes Erdboden ist, kann nicht stehen oder fallen mit dieser oder jener Naturmöglichkeit und Kulturgestalt und auch nicht mit dieser oder jener Phase der Geschichte eines Volkes oder Staates. Die Kirche steht und fällt ihrem eigenen Herrn [vgl. Röm. 14,4]. Und wenn der wirkliche Mensch etwas von ihr erwartet, dann eben dies, dass sie Kirche sei, dass sie ein ewiges und nicht wiederum ein zeitliches Wort für ihn habe. Gehorsam dem Gebote Gottes, das sie geschaffen hat, muss und wird die Kirche frei sein inmitten der menschlichen Wirklichkeit, frei, indem sie dem Evangelium seine Freiheit lässt. Das bedeutet praktisch Folgendes:

1. Die Kirche hat dem Volk, sie hat im Staat das Wort Gottes auszulegen nach der heiligen Schrift. Die Freiheit des Evangeliums hängt daran, dass es keine anderen Quellen kirchlicher Verkündigung gibt: kein Buch des Schicksals, der Geschichte, der Natur, der Erfahrung, der Vernunft und auch nicht das heute so eifrig zitierte Buch der «geschichtlichen Stunde»34, das in der Kirche neben das Buch der heiligen |400 Schrift gelegt oder der Auslegung der heiligen Schrift zugrunde gelegt werden dürfte.

2. Die Kirche hat dem Menschen, dem Menschen im Volk und im Staat, den Herrn, nämlich Gott als den Herrn in seiner Gnade und Strenge anzuzeigen. Sie hat dem Menschen nichts Anderes als diesen Herrn, also gerade keine Moral, weder eine private noch eine öffentliche, weder eine internationale noch eine nationale Moral zu verkündigen.35 Das Evangelium als helfen8des Wort ist das Wort von Gott – für den Menschen, aber von Gott und von keinem Anderen mehr.

3. Die Kirche hat in der Zeit und unter den Menschen dieser Zeit, auf dem Erdboden und angesichts der Eigentümlichkeit dieses und dieses Stückes Erdboden, auf dem Boden dieser und dieser irdischen Heimat ihr eigenes Leben zu leben, ihren eigenen Weg zu gehen und gerade so dieser irdischen Heimat Treue zu beweisen. Gliedschaft in der Kirche kann darum nicht bedingt sein durch die Gliedschaft der Rasse und des Blutes.36 Der heilige Geist und die Taufe allein machen den Menschen zum Glied der Kirche. Darum muss die Kirche nicht nur an der Unabhängigkeit ihres unsichtbaren, sondern auch an der Selbständigkeit ihres sichtbaren Wesens, auch an der Freiheit ihrer äußeren Ordnung gegenüber allen irdischen Gewalten festhalten. Sie hat die Freiheit des Evangeliums nicht im luftleeren Raum, sondern in der Zeit und auf dem Erdboden und darum wahrhaftig auch äußerlich zu bezeugen.

Wenn die Kirche neben die heilige Schrift andere Bücher legt, wenn sie Moral predigt neben oder statt Gottes Wort, wenn sie kein eigenes Leben in die Sichtbarkeit zu stellen sich getraut, dann ist die Freiheit |401 des Evangeliums in ihr dahin. Und täuschen wir uns nicht: dann hat das Evangelium in ihr aufgehört, Evangelium zu sein, dann hat sie selbst aufgehört, evangelisch und Kirche zu sein. Hier gibt es kein «Sowohl-als-auch», hier gilt: Entweder-Oder.

Und nun, liebe Gemeindegenossen, stehen wir vor einer Entscheidung. Soll es bei der Freiheit des Evangeliums bleiben in der deutschen evangelischen Kirche? Sie fragen mich: Ist sie denn bedroht? Ich antworte: Jawohl, sie ist bedroht. – Sie ist nicht bedroht vom heutigen nationalsozialistischen Staate her. Der heutige nationalsozialistische Staat versteht sich selbst freilich als totalen, d. h. als alle Lebensbereiche umfassenden und beherrschenden Staat. Aber er hat bisher die Kirche jedenfalls theoretisch als Ausnahme von dieser Regel behandelt. Er hat sie [nicht] – ebensowenig wie dies der Staat von 1918 ­getan. hat – aufgefordert oder genötigt, zur Staatskirche zu werden:37 zu einer Kirche, die das Evangelium mit einer staatlichen Weltanschau9ung und Moral verknüpfen oder gar durch diese ersetzen müsste. Feierlichste Erklärungen von hoher und höchster Stelle stellten es in Abrede, dass der heutige Staat uns eine solche Staatskirche aufnötigen wolle.38 Wir halten uns an diese Erklärungen. Die deutsche evangelische Kirche ist nicht von außen gezwungen, Staatskirche zu werden. Sie kann, wenn sie selber den Willen und den Mut dazu hat, Kirche des freien Evangeliums sein und bleiben nach wie vor. – Wir müssen aber zu unserem Schmerz sehen, dass heute die Freiheit des Evangeliums gerade von innen heraus bedroht ist. Geht uns die Freiheit des Evangeliums und geht uns damit das Evangelium selbst verloren und hört damit die Kirche auf, Kirche zu sein, so wird das nicht die Schuld des nationalsozialistischen Staates, sondern die Schuld der Kirche selber sein. Die Kirche, die sich hier schuldig zu machen droht, |402 ist aber nicht nur in Berlin, wo jetzt ihre Verfassung beraten und beschlossen wurde39 und von wo aus sie in Zukunft bischöflich regiert werden soll40, sondern die Kirche ist auch hier in Bonn und wir alle sind selber diese Kirche. Wir stehen morgen bei unserer Wahl vor der Entscheidung: Soll und wird uns die Freiheit des Evangeliums und wird uns damit das Evangelium und wird uns damit die Kirche selbst erhalten bleiben oder soll und wird uns das alles verloren gehen? Indem wir diese Frage in diesem Wahlkampf stellen, sagen wir das ungemein Schwere: die Einheit, der Friede, die Liebe, die Gemeinschaft unter uns, die wir angeblich eine Gemeinde, eine Kirche bilden, sind dahin.41 Wir sind offenbar nicht einig, sondern so uneinig wir nur möglich in der Kirche, wenn das wahr ist, dass die Freiheit des Evangeliums aus der Kirche selbst heraus angegriffen und bedroht ist. Es ist aber wahr, dass dem so ist. Das macht unsere Entscheidung morgen so bitter. Glaube steht gegen Glaube mitten in der Kirche: der Glaube an das freie Evangelium und ein Glaube … ich weiß nicht, wie ich seinen Gegenstand beschreiben soll. Sollen wir schweigen, wir, die wir die Kirche in äußerster Gefahr sehen? Etwa um der Einheit der Kirche willen? Aber wäre sie noch die Einheit der Kirche, wenn sie nicht mehr die Einheit in der Wahrheit wäre? Die Einheit der Kirche, wie wir sie jetzt zu kennen meinen, muss der Einheit in der Wahrheit geopfert werden. Wir kommen nicht darum herum, dass wir morgen aufgefordert sind, zur Rechten oder zur Linken zu treten [vgl. Mt. 25,31–46].

10 Indem ich zu zeigen versuche, dass und wie die Freiheit des Evangeliums aus der Kirche selbst heraus bedroht ist, muss ich auf die beiden Listen zu sprechen kommen, die hier in Bonn vor der von uns |403 vorgelegten auf dem Plan waren. Im Blick auf die beiden Fronten, die hinter diesen beiden Listen stehen, ist zu sagen:

1. Die Freiheit des Evangeliums ist bedroht durch einen offenen Angriff. Ich meine damit die Lehre und das Wollen der sogenannten «Glaubensbewegung Deutsche Christen».

2. Die Freiheit des Evangeliums ist bedroht durch einen heimlichen Angriff. Damit meine ich die Gesinnung und Haltung, die hinter der Liste «Deutsche evangelische Kirche» steht.

3. Diese beiden Angreifer sind in Wahrheit einer. Eine und dieselbe alte Krankheit unserer Kirche ist in diesen beiden Gestalten zum Ausbruch gekommen.42 Um der Freiheit des Evangeliums willen kann man diesen beiden Listen seine Stimme nicht geben.43

Ich muss ein offenes Wort sagen über die «Glaubensbewegung Deutsche Christen». Hören Sie ruhig an, was ich ruhig sagen will!44 Die «Glaubensbewegung Deutsche Christen» hat sich angekündigt als eine Bewegung der Erneuerung unserer evangelischen Kirche.45 Wer hätte da nicht aufgehorcht? Wahrlich nicht nur die Kreise, die sich heute in diesem Lager zusammengefunden haben, haben sich längst gesehnt nach Erneuerung unserer evangelischen Kirche, jawohl, nach einer Erneuerung aller Glieder von dem einen Haupte her [vgl. Eph. 4,15f.]! Heißt Erneuerung nicht Reformation? Und sind wir nicht die Kirche der Reformation, der Reformation, die wir nicht als eine vor vierhundert Jahren glücklich vollbrachte, son|404dern als eine weitergehende, in jedem Jahrzehnt neu zu erwartende und neu zu vollziehende verstehen müssen? Hat unsere Kirche eine Reformation nicht nötig genug seit vielen Jahrzehnten, schon seit Jahrhunderten vielleicht?46 Ja, aber was heißt Reformation? Wohin wollen uns die Deutschen Christen mit ihrer Reformation führen? Fordern sie uns auf, von den anderen Büchern zurückzukehren zu dem einen Buch der heiligen Schrift? Von der groben und feinen Moralpredigt zur Verkündigung der großen Taten Gottes? Von einer unselbständigen, schwachen, den Gewalten dieser Welt ausgelieferten zu einer 11 aus ihrem eigenen Grund lebenden und darum lebendigen Kirche? Sie haben das nicht getan – leider nicht getan. Was sie getan haben und tun, ist genau das Gegenteil davon. Sie sagen uns nämlich so unzweideutig wie nur möglich:47 die Verkündigung des Evangeliums schöpft und muss schöpfen aus zwei verschiedenen Quellen. Die heilige Schrift ist die eine, die andere aber ist – nun eben die «geschichtliche Stunde», die gegenwärtige politische Lage, das Erlebnis der deutschen Revolution von 1933.48 Aus ihr soll die Kirche mit ihrem einen Auge mit demselben Ernst ablesen, was Gottes Wort ist, wie sie es mit dem anderen aus der Bibel abliest. Wie es die katholische Kirche immer gesagt hat: es gibt das Buch der Natur und es gibt das Buch der Gnade.49 Das Buch der Natur ist für die Deutschen Christen |405 das Ereignis des 30. Januar50 und was dazu gehört. Die Deutschen Christen sagen uns darum weiter, wiederum ganz unzweideutig: die Verkündigung des Evangeliums muss heute (um den Menschen von heute zu erreichen, wie sie sagen) eine ganz bestimmte Form annehmen. Was die Bibel sagt, muss nämlich in einen notwendigen positiven Zusammenhang gebracht werden zu der Weltanschauung und Moral des heutigen nationalsozialistischen Staates.51 Diese sollen sozusagen das Gesetz Gottes sein, das die Kirche vor allem als solches vorauszusetzen und zu anerkennen und auf das sie dann ihre Verkündigung des Evangeliums zu beziehen hat. Genau so, wie sich die katholische Kirche zuvor von Aristoteles die Form geben lässt, der sich nachher der christliche Inhalt anzupassen hat.52 Und darum sagen uns die Deutschen Christen drittens und wieder ganz unzweideutig: Dass wir der arischen Rasse, dem deutschen Volk und der nun im nationalsozialistischen Staat verfassten deutschen Nation angehören, das ist eine Sache, durch welche unser Glaube, durch welche das unter uns verkündigte und zu vernehmende Evangelium, durch welche die ganze Gestalt der Kirche sich wesentlich und entscheidend bestimmen und bedingen zu lassen hat.53 Das Evangelium ist der tiefste, innerste geis|406tige Besitz des deutschen Menschen und das mächtigste Mittel, um dem deutschen Volk dazu zu verhelfen, wirklich Volk, Volk in diesem neuen Staat zu sein. Von unserem Deutschsein her soll es von nun an verstanden werden und zu unserem Deutschsein soll es uns von nun an dienen.54. Genau so hat die katholische Kirche das Evangelium von jeher dem Ideal 12 des Menschen und der menschlichen Gesellschaft, wie sie es verstand, unterzuordnen und dienstbar zu machen gewusst.55 – Als Reformation können wir dieses Unternehmen nicht verstehen. Das ist nicht Reformation, das ist Deformation. Da ist das Auge nicht einfältig [vgl. Mt. 6,22 par.56], wie es von der Kirche verlangt ist, sondern da wird geschielt.57 Da wird faktisch ein zweiter Gott neben Gott gestellt, der auch und zwar selbständig Autorität hat: der deutsche Mensch, wie er sich selbst und seine Anliegen zu verstehen meint. Aber neben Gott kann kein anderer Gott treten oder Gott hört auf Gott zu sein und die da nebeneinander stehen, sind in Wahrheit zwei Götzen. Das Evangelium in der Verkündigung der |407 Deutschen Christen ist in geradezu klassischer Gestalt ein unfreies Evangelium. Denn da entscheidet über den Glauben nicht mehr allein die göttliche Berufung, da ist der Glaube auch nicht mehr der einige Trost im Leben und im Sterben.58 Da wird neben Gott als dem Spender der deutsche Mensch geehrt als notwendiges und geeignetes Gefäß der seligmachenden Gnade. Ist das Evangelium aber nicht mehr frei, so hat es aufgehört, Evangelium zu sein. Darum müssen wir hier radikal und bedingungslos Nein sagen, Nein schon zum Ansatz dieses ganzen Denkens und Nein zu allem, was daraus folgt. Die Lehre der Deutschen Christen ist eine Irrlehre, d. h. sie ist nicht nur eine verkehrte Ansicht, über die man streiten, über die man aber allenfalls auch hinwegsehen kann, die man als einen immerhin möglichen Ausdruck gemeinsamen christlichen Erkennens und Wollens allenfalls auch59 noch gelten lassen könnte, sondern sie ist eine Lehre, die die Kirche zerstört, wo immer sie verkündigt und geglaubt wird, eine Lehre, von der und deren Vertretern wir uns gerade christlich verstanden in den letzten Voraussetzungen geschieden wissen.

Neben diesem offenen Angriff auf die Freiheit des Evangeliums steht der heimliche. Ich weiß: die Anhänger der Richtung, die sich hier in Bonn «Deutsche Evangelische Kirche» nennt,60 wollen nicht Deutsche Christen sein. Sie wollen sogar ebenfalls Nein sagen zu den Deutschen Christen. Ich anerkenne das. Aber ich möchte die Anhänger dieser Richtung fragen, ob sie denn etwa zu den Deutschen Christen Nein sagen müssen? Könnten sie nicht vielleicht doch auch anders?61 Haben sie nicht gerade in der Sache, auf die alles ankommt, merk|408würdig viel mit jenen angeblichen Gegnern gemeinsam? Ich behaupte, dass sie einer recht13schaffenen, innerlich notwendigen Ablehnung der Deutschen Christen nicht fähig sind. Was ist denn in ganz Deutschland herum geschehen in diesen Tagen? Warum konnten sich die Evangelisch-Kirchlichen an so und so viel Orten mit den Deutschen Christen ganz schön zusammenfinden zu sogenannten Einheitslisten, wenn sie nicht gar mit jenen zusammen und immer zum Vorteil jener auf eine Wahl überhaupt verzichteten?62 Und warum sieht das hier verbreitete Flugblatt dieser Richtung, gerade was den entscheidenden Punkt betrifft, dem der Deutschen Christen so zum Verwechseln ähnlich?63 Hier besteht keine ehrliche und grundsätzliche Feindschaft. Wenn der Pulverdampf dieses Wahlkampfes sich ein bisschen verzogen haben wird, dann werden sich die Vertreter dieser beiden Richtungen doch wieder brüderlich an einen Tisch setzen, wie sie es in diesem Sommer in Loccum und Berlin auch immer wieder getan haben,64 im tiefsten nicht wissend, worum sie stritten, und |409 darum unnötig streitend.65 Vielleicht sind persönliche Gegensätze maßgebend in diesem Streit. Vielleicht soziologische Unterschiede. Vielleicht – böse Zungen behaupten es, obwohl es das doch gar nicht mehr geben sollte – politische Unterschiede.66 Einen theologisch-kirchlichen Gegensatz kann ich hier jedenfalls nicht entdecken. Die Evangelisch-Kirchlichen sagen heimlich, gedämpft und zurückhaltend, was die Deutschen Christen offen, laut und ungebrochen sagen. Das ist alles. Unfrei, und zwar im selben Punkte, kraft desselben fatalen «und», mit dem ein Gott neben den andern gestellt wird,67 ist das Evangelium auch hier. Ich weiß nicht, ob ich, wenn ich zwischen diesen beiden Fronten zu wählen hätte, schließlich nicht doch noch lieber den wenigstens kräftigeren Irrtum der Deutschen Christen wählen würde. Ich bin froh, nicht zwischen diesen beiden Fronten wählen zu müssen.68

Aber es geht in diesen Tagen letztlich gar nicht um den Kampf gegen diese beiden Fronten als solche, sondern um den viel schwereren Kampf gegen den ihnen gemeinsamen alten Schaden, an dem unsere ganze Kirche leidet. Er ist in diesem stürmischen Jahr nur offen sichtbar geworden.

Ich habe mich, wenn ich über die «Glaubensbewegung Deutsche Christen» nachdachte, oft gefragt, ob die Leute, die sich Deutsche Christen nennen, mit ihrem merkwürdig unruhigen Fragen und Suchen nicht vielleicht etwas geahnt haben möchten von dieser 14 alten, |410 großen Not der Kirche und von der Notwendigkeit einer durchgreifenden Heilung? Ob sie nicht vielleicht um Beides sogar besser wissen möchten als ihre allzu satten und sicheren evangelisch-kirchlichen Gegner? Leider kann kein Zweifel darüber bestehen, dass sie doch nur mit diesen zusammen, ausgezeichnet allein durch ihre größere Unbesonnenheit, den alten Weg gegangen sind, auf dem man nur von Schuld in immer schwerere Schuld dem Evangelium gegenüber fallen kann.

Was ist es um diese alte Not? Darin besteht sie, dass die evangelische Kirche ganz allgemein seit mindestens zweihundert Jahren69 über dem Menschen und seinen Fähigkeiten, Bedürfnissen und Anliegen immer mehr ganz einfach – Gott vergessen hat,70 Gott, den offenbar gerade die Kirche, die ja Gott dienen und Gott verkündigen möchte auf Erden, am allerwenigsten je vergessen dürfte. Die Kirche hat in ihrer Lehre und in ihrem Leben immer mehr Gott vom Menschen statt den Menschen von Gott aus verstanden, Gott an den Menschen statt den Menschen an Gott gebunden. Sie hat auch und gerade, wenn sie «Gott» verkündigte, das verkündigt, was der Mensch sich selber über sich selber sagen will und sagen kann anstelle dessen, was ihm von Gott über sich selber gesagt ist. Die Kirche weiß gar nicht mehr recht, was das ist: die Freiheit des Evangeliums, weil sie gar nicht mehr recht weiß, was das ist: einen Herrn haben.71 Daher die große, traurige Unselbständigkeit und Ohnmacht der evangelischen Kirche im 18., 19. und 20 Jahrhundert. Ich sage es nicht übermütig, ich möchte niemand kränken und ich möchte das Gute, das diese Zeit auch gehabt hat, nicht übersehen und gering schätzen, wenn ich sage: die Predigt der evangelischen Kirche war schon lange, bevor es «Deutsche Christen» mit ihrer heillosen Lehre vom deutschen Menschen gab, von ferne nicht mehr reine, starke, glaubwürdige Predigt des Evangeliums, das heißt aber des göttlichen Wortes, der freien Gnade. Wir waren und sind auch ohne die Deutschen Christen – die Deutschen Christen haben es nur ausgeplaudert – ganz, ganz anderswo, und zwar näher bei dem viel gefürchteten «Rom» als wir denken.72

411 Die Heilung von dieser Not ist überall da, «wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen» [Mt. 18,20], das heißt, wo zwei oder drei eins gemacht werden durch die unwiderstehliche Er15kenntnis: dass wir zurück müssen und vorwärts – eben zu dem, was wir die Freiheit des Evangeliums genannt haben.

Wir möchten Sie, liebe Gemeindegenossen, aufrufen, heute dieser Möglichkeit einer Heilung unserer ganzen Kirche zu gedenken. Ich weiß nicht, ob man uns hören wird und ob Viele unsere Liste wählen werden. Wir sind eine Handvoll Menschen inmitten der großen Gemeinde Bonn. Wir sind Vielen unbekannt. Der bescheidene Aspekt, unter dem unsere Liste äußerlich auftreten muss, weist nicht eben darauf hin, dass wir morgen einen großen Erfolg zu verzeichnen haben werden. Nun, ich kann Ihnen im Voraus sagen, dass man uns auch im schlimmsten Fall nicht trostlos finden wird. Blickt man gar über Bonn hinaus, so ist erst recht nicht zu leugnen: es bestehen viele Anzeichen dafür, dass wir von morgen ab eine Kirche haben werden, deren Gestalt an Vertrauenswürdigkeit und deren Gehalt an Ernsthaftigkeit gegenüber der heutigen noch erheblich verloren haben wird, eine Kirche, in der man für die Freiheit des Evangeliums gegen eine erdrückende Mehrheit und vor allem gegen die Kirchenregierung schlechterdings wird kämpfen müssen.73 Wir führen diesen Kampf heute im Voraus und wir werden ihn morgen erst recht führen. Und nochmals: wir paar Menschen, die diese Liste vorgelegt und die Sie zu dieser Kundgebung eingeladen haben, wir werden morgen Abend, komme es wie es wolle, fröhlich und getrost sein. Die Kirche Jesu Christi hat schon manche Katastrophe durchgemacht. Immer war es die eigene Schuld der in dieser Kirche versammelten Menschen, wenn es zu solchen Katastrophen kam. Wer die neuere Geschichte der Kirche, nicht zum Wenigsten in unseren deutschen Landen, kennt, der wird sich nicht wundern, wenn es so sein sollte, dass wir heute am Vorabend einer ungewöhnlich gründlichen kirchlichen Katastrophe stehen. Aber auch wenn sie kommen, wenn uns Gott nicht in Gnaden davor bewahren, wenn uns Gottes Gericht ereilen sollte in Form eines Sieges dieser Deutschen Christen – oder vielmehr: wenn uns Gott |412 seine Gnade gerade in diesem Gericht erweisen sollte – auch dann bleibt es dabei: Über der kommenden und gehenden, gedeihenden und verderbenden menschlichen Gestalt der Kirche steht als der, der das Heft in der Hand hält, der Herr der Kirche. Die Freiheit des Evangeliums kann von den Menschen in der Kirche verleugnet und zu Boden getreten werden. Es kann da16mit die Kirche für Jahrzehnte und Jahrhunderte verwüstet werden. Aber das Evangelium bleibt frei, so gewiss Gott selber frei bleibt. Und auch in der verwüsteten Kirche lebt dann verborgen die Kirche des Herrn unter denen, die ihre Knie nicht beugen dem Baal [vgl. 1.Kön. 19,18],74 da, wo das einfältige und fröhliche Bekenntnis seines Namens ist.

Und nun, liebe Gemeindegenossen, gehen Sie hin und wählen Sie so, wie das Wort Gottes, das zu Ihnen Allen gesagt ist, Ihnen gebieten wird.75

Die Kundgebung wurde geschlossen mit dem Lied:

Erhalt uns Herr bei deinem Wort
Und steure deiner Feinde Mord,
Die Jesum Christum, deinen Sohn,
Wollen stürzen von deinem Thron.

Beweis dein Macht, Herr Jesu Christ,
Der du Herr aller Herren bist,
Beschirm dein arme Christenheit,
Dass sie dich lob in Ewigkeit.

Gott heiliger Geist, du Tröster wert,
Gib dein Volk einrlei Sinn auf Erd;
Steh bei uns in der letzten Not,
G’leit uns ins Leben aus dem Tod.76

Sachfußnoten

1
Vgl. oben S. 384f. Zum Ganzen vgl. auch A. Hinz-Wessels, Die Evangelische Kirchengemeinde Bonn in der Zeit des Nationalsozialismus (1933–1945) (SVRKG 119), Düsseldorf 1996, S. 138–154, bes. S. 145–148. 📖↩
2
Barth sprach kurz vor der Rundfunkrede Hitlers, in der dieser sich massiv für die Wahl von Kandidaten der Deutschen Christen aussprach (Gauger I, S. 94 📖; DKPDR I, S. 119–121 📖; vgl. Scholder I, S. 566f. 📖).↩
3
«Bescheinigung über die Anmeldung» vom 20.7.1933 (KBA 16090.11).↩
4
Ein Exemplar ist im Karl Barth-Archiv erhalten. Ein Foto eines auf einer Litfasssäule klebenden Plakates findet sich in: Busch, S. 250, Abb. 46 📖.↩
5
Text: «Kundgebung! Prof. D. Karl Barth spricht über: Was heißt Freiheit des Evangeliums! Samstag, den 22. Juli ­20½ Uhr, im Bonner Bürgerverein» (KBA 16090.10); der Text des bei O. Nehrdich in Bonn gedruckten Handzettels erschien auch als Anzeige im «General-Anzeiger für Bonn und Umgegend» vom 22.7.1933 📖 (vgl. Hinz-Wessels [Anm. 1], S. 146, Anm. 6 📖).↩
6
Charlotte von Kirschbaum schrieb an Eduard Thurneysen (Brief vom 24.7.1933 [KBA 9270.599; Bw.Th. III, S. 478 📖]): «Er hatte sehr viel Zuhörer - der große Saal war dicht besetzt». Vgl. auch W. Koch, Sollen wir K. weiter beobachten? Ein Leben im Widerstand, Stuttgart 1982, S. 64 📖: «Als wir den Saal betreten, sind wir überwältigt: eine Viertelstunde vor Beginn ist kaum noch ein Stehplatz zu finden!»↩
7
Brief Ch. von Kirschbaums an Thurneysen vom 24.7.1933 (Bw.Th. III. S. 477f. 📖).↩
8
H. Gollwitzer, Erinnerungen, in: Stimme 18 (1966), Sp. 281–288, Zitat Sp. 288. 📖↩
9
Koch (Anm. 6), S. 64. 📖↩
10
Angeführt wurde die Liste der «Deutschen Christen» in Bonn von Studienrat Dr. Dieter Grasshoff (1884–1977); prominentester Vertreter war Barths Kollege Emil Pfennigsdorf (1868–1952), der seit 1913 Prof. für Praktische Theologie und Apologetik in Bonn war und 1933 zum Dekan gewählt wurde. Vgl. Evangelisches Sonntagsblatt für Bonn und Umgebung, Nr. 30, 23.7.1933, S. 463. 📖↩
11
Auf dieser von Karl Klingemann (1859–1946; 1913–1928 Generalsuperintendent der Rheinischen Kirchenprovinz, anschließend Honorarprofessor in Bonn, Abgeordneter der DNVP im Preußischen Landtag) angeführten Liste kandidierten u. a. Barths Kollegen Friedrich Horst (1896–1962), seit 1930 ao. Prof. für Altes Testament in Bonn (1936 entlassen, 1945 restituiert), und Hans Emil Weber (1882–1950), seit 1913 Prof. für Neues Testament und Systematische Theologie in Bonn (1935 nach Münster strafversetzt, 1946 wieder in Bonn). Vgl. ebd.↩
12
Vgl. Hinz-Wessels (Anm. 1), bes. S. 139f.143. 📖↩
13
Ob Margarete Gordan die Wahl zur Gemeindeverordneten wirklich annahm, ist unsicher, da Ernst Wolf in einem Brief an Barth vom 2.8.1933 (KBA 9333.566) über die Nominierung der Vertreter für die Kreissynode (s. unten) als Teilnehmer der Gruppe an dieser Sitzung in Kürzeln lediglich Bl[eibtreu], Hö[lscher], Fr[au] H[ellbardt?] und sich selbst angibt, was nahelegt, dass von den ursprünglichen Kandidaten nicht M. Gordan, sondern Doris Hellbardt der größeren Gemeindevertretung angehörte, auch wenn sie auf der Liste weiter hinten stand (s. oben, S. 385).↩
14
Von 4117 abgegebenen Stimmen erhielt die Liste der Deutschen Christen 2342 (31 Sitze in der großen Gemeindevertretung), die Liste «Deutsche Evangelische Kirche» 1321 (19 Sitze), die Liste Barths 439 Stimmen (6 Sitze), 15 Stimmen waren ungültig (alle Angaben nach: Art.«Ergebnisse der evangelischen Kirchenwahl in Bonn», in: General-Anzeiger für Bonn und Umgegend, 24.7.1933 📖 [KBA 16090.13]). Das Ergebnis für die Deutschen Christen blieb damit deutlich unterhalb des durchschnittlichen Anteils von 70% der Sitze, die sie reichsweit durch die Wahlen oder vorher getroffene Absprachen erhielten (vgl. Gauger I, S. 95 📖; Scholder I, S. 567–570 📖).↩
15
Vgl. Brief Barths an Friedrich Mummenhoff vom 25.7.1933 (KBA 9233.180; Br. 1933, S. 302 📖). Dieses Ergebnis kommentierte Barth in einem Brief an Paul Althaus vom 3.8.1933 (KBA 9233.182; Br. 1933, S. 305): «Ob es wohl auch schon zu Ihren Ohren gedrungen ist, dass wir in Bonn am 23. Juli eine kleine Wahlschlacht geschlagen haben mit dem Erfolg, dass ich nun neben 7 Hakenkreuzlern und vier Violetten als Fraktion für mich (in welcher das unbedingte Führerprinzip gelten wird) im Presbyterium sitze?» – Die Einführung Barths als Mitglied des Presbyteriums erfolgte, wohl aufgrund seiner Abwesenheit in den Semesterferien, erst am 8. Oktober 1933 (vgl. Brief Friedrich Fricks [1880–1952; seit 1926 Pfarrer in Bonn] an die Mitglieder des Presbyteriums vom 5.10.1933 [KBA 9333.734]).↩
16
Vgl. Brief Wolfs an Barth vom 2.8.1933 (Anm. 13); Hinz-Wessels (Anm. 1), S. 153f. 📖↩
17
Vgl. a.a.O., S. 206–208. 📖↩
18
Die Vorstufe (KBA 10042) ist mit handschriftlichen Zusätzen versehen, die alle in den endgültigen Text des Entwurfs (KBA 10042.1) eingearbeitet wurden. Da der Entwurf lediglich eine stichpunktartig formulierte Zusammenfassung des in der Rede ausgeführten Textes bietet, wird hier auf eine komplette Wiedergabe verzichtet und beispielhaft nur der erste Abschnitt angemerkt (vgl. unten, Anm. 28).↩
19
Vorwort [zu: Für die Freiheit des Evangeliums] (unten, S. 489). 📖↩
20
Hans Weidmann (1910–1995), 1934 Vikar in Madiswil, später Pfarrer in Lauenen, Biglen, Thun und Olten.↩
21
KBA 10039.↩
22
KBA 10040.↩
23
KBA 10038.↩
24
KBA 10041.↩
25
Erhalten sind die Seiten 9–11, auf deren Rückseiten sich Barths Manuskript der Gegenthesen zu den Rengsdorfer Thesen (s. unten, S. 558–566) 📖 befindet (KBA 10047/1). Die erhaltenen Seiten des Typoskripts bieten – von satzbedingten Veränderungen abgesehen – den Text der Druckfahnen.↩
26
An den Druckfahnen (KBA, Dokumente und Materialien 1933–35) sind wenige und nur kleinere Fehlerkorrekturen und stilistische Verbesserungen vermerkt. Die ursprüngliche Absicht, die Rede gemeinsam mit dem Vortrag Sorge und Hoffnung der Kirche heutzutage (s. unten, S. 413–421) 📖 abzudrucken, wurde bald wieder aufgegeben (vgl. unten, S. 488). Zur Gründung der Reihe, als deren erstes Heft die achte Auflage der gleichnamigen Schrift Barths erschienen war, s. oben S. 278.↩
27
In Mitschrift B** werden vor dem Redetext Barths die einleitenden Worte eines nicht namentlich genannten Vikars wiedergegeben: «Über das Warum unserer Liste soll der heutige Abend sie aufklären. Wir hoffen, dass uns angesichts der zugesicherten Freiheit das zu sagen erlaubt ist, was wir sagen zu müssen glauben. Wir haben keinen unserer Gegner gehindert, das zu sagen, was er sagen zu müssen meinte. Ich hoffe, dass auch uns das zugebilligt wird.»↩
28
Der den ersten Absatz des Textes zusammenfassende Abschnitt im Entwurf lautete: «1. Mit dem kirchlichen Wahlakt übernimmt jeder die Verantwortung für die künftige Gestalt der Kirche. Presbyterium: Leitung und Vertretung der Gemeinde. Entscheidung für Bonn und Deutschland 1933!» Vorgeschaltet waren die – in der Vorstufe zum Entwurf in Barths Handschrift geschriebenen – einleitenden Sätze: «Liebe Gemeindegenossen. Wir sollen morgen zur Wahl gehen. Die Wahl unserer kirchlichen Gemeindevertretung.»↩
29
«Ein feste Burg ist unser Gott», Strophe 2 (EG 362,2; RG 32,2). 🎵 Dieses «Luther-Lied» gehörte zum Rahmen-Programm zahlreicher kirchenpolitischer Veranstaltungen (s. oben, S. 329, Anm. 133) und wurde v. a. von den «Deutschen Christen» gerne in eine Reihe mit dem Deutschland- und dem Horst-Wessel-Lied gestellt, so z. B. bei der Amtseinführung des rheinischen Staatskommissars Gottfried Adolf Krummacher am 27.6.1933 in Koblenz (vgl. National-Zeitung, Nr. 176, 29.6.1933 📖; Zeitungsspiegel, Nr. 73, 29.6.1933, S. 1 📖) und auch auf einer Kundgebung anlässlich dieser Ernennung einen Tag später in Köln, bei der die «vieltausendköpfige Gemeinde» dem Vortrag Krummachers antwortete «mit dem im Wechselgesang mit dem Kampfchor gesungenen und von Fanfarenklängen begeleiteten Lutherlied» (G. van Norden, Der deutsche Protestantismus im Jahr der nationalsozialistischen Machtergreifung, Gütersloh 1979, S. 177, vgl. S. 172–178 📖).↩
30
Erklärung zum 3. Artikel des Glaubensbekenntnisses aus Luthers Kleinem Katechismus (BSLK, S. 511,46–512,13, Zitat S. 511,46–512,3 📖 [leicht modernisiert]).↩
31
In der Fassung der Zürcher Bibel.↩
32
In allen Mitschriften steht statt: «die wir nicht selber schaffen können, die ‹von oben›, vom Evangelium selbst her geschehen muss» nur: «die / die uns geschenkt werden muss».↩
33
Heidelberger Katechismus, Frage 1 📖.↩
34
In nahezu allen Aufrufen und Kundgebungen zur im April 1933 begonnenen Reform der Reichskirche begegnet an hervorgehobener Stelle ein Hinweis auf die (geschichtliche) «Stunde», auf die «Wende der Geschichte» o. ä., die je nach (kirchen-)politischem Standort mehr oder weniger direkt mit dem Handeln Gottes in Verbindung gebracht wird. Vgl. z. B. aus dem Aufruf der Reichsleitung der Glaubensbewegung «Deutsche Christen» zur Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler: «Ach daß wir Gottes Wort hörten aus der Stunde, die Gott am 30. Januar 1933 über dem Volk der Deutschen aufgehen ließ [...]. Gott will zu uns reden. – Land, Land, höre des Herrn Wort!» (van Norden [Anm. 29], S. 147 📖), und aus dem «Wort der ostpreußischen Pfarrer zur Stunde» vom 14. Mai 1933 (Schmidt I, S. 36f., Zitat S. 36 📖): «Wir stehen in einer großen geschichtlichen Stunde. Gott ruft uns als Volk; Gott ruft uns zur Arbeit am Staat; Gott ruft uns zur Arbeit an der Kirche; …» (von Barth im Zeitungsspiegel, Nr. 28, 12.5.1933 📖, rot angestrichen). – Siehe auch oben, S. 293f.↩
35
Zur Kritik an diesem Anliegen der Deutschen Christen s. oben, S. 322f.326f. Siehe auch unten, S. 405f.↩
36
Zur Ablehnung dieses zentralen Programmpunktes der Deutschen Christen s. oben, S. 323.327. Siehe auch unten, S. 405.↩
37
Mitschrift Weidmann (ähnlich auch die Mitschriften B): «Dieser Staat hat so wenig wie der Staat von 1918 die Kirche aufgefordert oder gar die Kirche zwingen wollen, Staatskirche zu werden.» Im gedruckten Text war die nach Einfügung der Parenthese nötige Ergänzung des Hauptsatzes durch eine Verneinung unterblieben.↩
38
Barth dachte hier besonders an Hitlers Regierungserklärung vom 23. März und eine Rede des preußischen Kultusministers Rust vom 7. Mai 1933. Siehe dazu oben, S. 296f.↩
39
Abgesehen von den Loccumer Beratungen im Mai (s. oben, S. 242f.) fanden alle Verhandlungen über die Verfassung der zu gründenden Reichskirche in Berlin statt. Vgl. oben, S. 366f.383f.↩
40
Art. 6, Abs. 4 der Verfassung vom 11. Juli 1933 (GDEK 1 [1933], Nr. 1, 7.10.1933, S. 3 📖) bestimmte Berlin zum Amtssitz des künftigen Reichsbischofs. – Der erläuternde Nebensatz zum Stichwort «Berlin» («wo jetzt … regiert werden soll») fehlt in allen Mitschriften.↩
41
Mitschriften: «sind in schwerer / schwerster Gefahr» statt: «sind dahin». Die vier folgenden Sätze haben in den Mitschriften keine Entsprechung; in ihnen schließt unmittelbar der mit «Sollen wir schweigen [...]?» beginnende Gedankengang an.↩
42
Die folgende Beschreibung der Positionen der «Deutschen Christen» und der hinter der Bonner Liste «Deutsche Evangelische Kirche» stehenden «Jungreformatorischen Bewegung» sowie den Gedanken der starken Affinität zwischen beiden hatte Barth schon in Theologische Existenz heute! 📖 ausführlich entfaltet (s. oben, S. 320–330.340–359).↩
43
Diese Zusammenfassung des im Folgenden Ausgeführten in drei Thesen fehlt noch im Entwurf, findet sich aber schon in den Mitschriften. Der schlussfolgernde Gedanke des letzten Satzes fehlt aber auch dort.↩
44
Der Unwillen einiger Zuhörer, der sich in diesem Satz andeutet, kommt in der Mitschrift Weidmann deutlicher zum Vorschein: «Hören Sie mich geduldig an, auch wenn Sie dieser Bewegung angehören. Ein offenes Wort darf, wenn es ruhig gesprochen wird, auch ruhig gehört werden.» (S. 8).↩
45
Vgl. z. B. aus dem ersten Absatz der «Richtlinien der ‹Glaubensbewegung Deutsche Christen›» von 1932: «Diese Richtlinien wollen allen gläubigen deutschen Menschen Wege und Ziele zeigen, wie sie zu einer Neuordnung der Kirche kommen» (Gauger I, S. 67 📖; Schmidt I, S. 135 📖).↩
46
Zu dieser Frage findet sich in den Mitschriften keine Entsprechung.↩
47
Die Reihenfolge und Zuordnung der beschriebenen Positionen der ­Deutschen Christen weichen vom Entwurf und von den Mitschriften ab, in denen in dieser Reihenfolge genannt sind: 1. Bedingtheit der Verkündigung des Evangeliums durch Rasse-, Volks- und Staatszugehörigkeit; 2. Die Kirche muss dem Volk durch die Verkündigung des Evangeliums helfen, seinen Beruf zu erfüllen; 3. Gründung der Verkündigung des Evangeliums auf zwei Quellen; 4. Notwendiger, positiver Zusammenhang der Verkündigung mit der nationalsozialistischen Weltanschauung. Vgl. auch oben, S. 377f.↩
48
Siehe oben S. 294, Anm. 65.↩
49
Die Gegenüberstellung zweier «Bücher» als Erkenntnisquelle begegnet schon bei Augustin (vgl. Enarr. in Ps. XLV, 7, CCSL 38, S. 522,4–7 📖). Bei ihm wie auch in der Scholastik wird jedoch das dem «liber naturae» gegenübergestellte Buch in der Regel als «liber Scripturae» bezeichnet. Vgl. zur theologiegeschichtlichen Einordnung des Begriffs «Buch der Natur»: J. A. Steiger, Bibel-Sprache, Welt und Jüngster Tag bei Johann Peter Hebel. Erziehung zum Glauben zwischen Überlieferung und Aufklärung (APTh 25), Göttingen 1994, S. 119–138, bes. S. 119–125. 📖↩
50
Tag der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler.↩
51
Gottfried Adolf Krummacher etwa bezeichnete es bei seiner Amtseinführung als Staatskommissar für die Rheinprovinz (s. oben, Anm. 29) als die anstehende Aufgabe, «die neue Form der Kirche, die ja, wie alle menschliche Form, der Wandelbarkeit unterliege, in tiefste und innerste Übereinstimmung zu bringen mit dem neuen nationalsozialistischen Geiste, der heute unser Volk beseele. Nur so wäre es möglich, das Evangelium wieder lebendig zu machen im ganzen Volke» (van Norden [Anm. 29], S. 172, vgl. S. 170–172 📖).↩
52
Vgl. P. Petersen, Art. «Aristotelismus», in: RGG², Bd. I, Sp. 527–530, Zitat Sp. 529 📖: «Thomas von Aquin vollbringt die bis heute als orthodox geltende Vereinigung des Augustinismus mit dem Aristotelismus. [...] Er bietet in seiner Vereinigung der Gegensätze der kirchlichen Lehre die geistige Struktur, um den Eintritt der Kirche unter die weltlichen Großmächte, ihr politisches Machtstreben, ihren sozialen Aufgabenkreis zu rechtfertigen.» – Der Vergleich mit der Lehre der katholischen Kirche fehlt in allen Mitschriften.↩
53
Vgl. etwa J. Hossenfelder, Begrüßungsansprache im ehemaligen Herrenhause zu Berlin, in: Volk und Kirche. Die amtlichen Berichte der ersten Reichstagung 1933 der Glaubensbewegung «Deutsche Christen» (Schriftenreihe der «Deutschen Christen», Heft 4), Berlin 19332, S. 5 📖: «Vom Volk her bekommt der Glaube der Gegenwart seinen eigentlichen Sinn. [...] Das ist das hohe Ziel der Glaubensbewegung ‹Deutsche Christen›, daß Christus und Volkstum sich begegnen, daß Kirche und Volk zusammenklingen.» – In einem anlässlich der anstehenden Kirchenwahl erschienenen Artikel hieß es: «Wir erkennen demütig und dankbar in dem völkischen Erwachen Gottes Gabe, aber auch Gottes Aufgabe. Gott hat uns in die Schöpfungsordnungen hineingestellt, und diese Schöpfungsordnungen heißen Familie, Stamm, Volk. Wir erkennen sie neu im gewaltigen Erleben der Gegenwart, nun hat die Kirche an ihnen ihren priesterlichen Dienst zu tun. Damit wird ihre Verkündigung und ihre Tat nicht aufgelöst, sondern erfüllt. [...] Volk und Familie, Stamm und Rasse sind natürliche Grundlagen, die hat Gott gesetzt. In diesen Bindungen läuft nach Gottes Willen das Blut, und auch das von Christus gereinigte und erlöste Blut kann keine andere Bahn finden» («Was wollen die ‹Deutschen Christen›?», zit. nach: van Norden [Anm. 29], S. 178–181, Zitat S. 179 📖).↩
54
Vgl. S. Nobiling, Kirchliches Führertum, in: Volk und Kirche (Anm. 53), S. 43–50, Zitat S. 48 📖: «Das eine Ziel ist die Erfüllung des Volkstums mit den erlösenden und heiligenden Kräften des Evangeliums. Evangelium im Dritten Reich, das ist die eine Parole. [...] Darum stehen wir nicht auf der Verabsolutierung der Rasse, sondern auf der Heiligung und Reinigung der Rasse durch die erlösenden Kräfte des Evangeliums.» – Vgl. oben, S. 321–323↩
55
Der Vergleich mit der Lehre der katholischen Kirche fehlt in allen Mitschriften.↩
56
Nach der Lutherübersetzung von 1912: «Das Auge ist des Leibes Licht. Wenn Dein Auge einfältig ist, so wird Dein ganzer Leib licht sein».↩
57
Zu diesem Satz gibt es in den Mitschriften keine Entsprechung.↩
58
Siehe oben, Anm. 33.↩
59
Tskr. und Druckfahne: «doch».↩
60
Im Allgemeinen nannte die «Jungreformatorische Bewegung» ihre Liste zur Kirchenwahl «Evangelium und Kirche», nachdem ihr der Name «Evangelische Kirche» untersagt worden war (vgl. Scholder I, S. 563 📖). Ein Verbotsantrag gegen den Namen auch der Bonner Liste «Deutsche Evangelische Kirche»  wurde vor der Wahl nicht mehr wirksam, da er erst einen Tag vor dem Wahltermin gestellt worden war (vgl. Hinz-Wessels [Anm. 1], S. 145 📖). Nach der Wahl setzte sich allgemein die Bezeichnung der Liste nach ihrem an erster Stelle genannten Vertreter als «Liste Klingemann» durch (vgl. ebd.), so auch schon im Art. «Ergebnisse der evangelischen Kirchenwahl in Bonn» (Anm. 14).↩
61
Vgl. oben, S. 87, Anm. 61.↩
62
In zahlreichen, in vielen Landeskirchen sogar in der Mehrheit der Gemeinden hatten die Deutschen Christen und die Jungreformatorische Bewegung Einheitslisten aufgestellt, die durchweg mehrheitlich mit Deutschen Christen besetzt waren. Häufig wurde auf die Wahl deshalb ganz verzichtet (vgl. Gauger I, S. 95 📖; Scholder I, S. 567f. 📖). Das Scheitern einer auch für Bonn angestrebten Einheitsliste lasteten die «Deutschen Christen» im Wahlkampf den beiden anderen Gruppierungen an (vgl. Hinz-Wessels [Anm. 1], S. 140f. 📖).↩
63
Barth dürfte an die folgenden Sätze aus dem «Aufruf zu den Kirchenwahlen der Evangelischen Gemeinde Bonn» der Liste «Deutsche Evangelische Kirche: Wahlvorschlag Klingemann» (KBA 16090.8) gedacht haben: «Wir stehen vorbehaltlos zum dritten Reich und zu seinem Führer. Als deutsche evangelische Christen wollen wir, daß die Kirche unserm Volke in tiefster Verbundenheit diene und sich für seine innere Erneuerung restlos einsetze.» Der – gesamte – Text des mit Hakenkreuzen versehenen Aufrufs des Bonner Wahlvorschlags «Deutsche Christen» lautete knapp: «Jeder evangelische Volksgenosse, der sich zu Hitler und damit zum Dritten Reich bekennt, wählt am Sonntag, den 23. Juli Wahlvorschlag ‹Deutsche Christen› (Studienrat Dr. Graßhoff)» (KBA 16090.4). – Auch sonst ließ der Aufruf der Liste «Deutsche Evangelische Kirche» «bis auf den knappen Hinweis, man wolle allein mit den Kräften des Evangeliums von der Gnade Gottes in Christo Jesu wirken, keine Auseinandersetzung mit der deutsch-christlichen Theologie erkennen» (Hinz-Wessels [Anm. 1], S. 143 📖).↩
64
Gemeint sind die Verhandlungen des Drei-Männer-Kollegiums über die Reichskirchenverfassung, die regelmäßig im Beisein Ludwig Müllers stattfanden (vgl. oben, Anm. 39). An der intensiven Mitarbeit und Einflussnahme Ludwig Müllers hatte Barth schon in Theologische Existenz heute! 📖 scharfe Kritik geübt (s. oben, S. 336–340).↩
65
In der Mitschrift Weidmann schließt an diesen Gedanken noch der Satz an: «Wer den Frieden wünscht, nun ja, den Frieden, bei dem nicht die Wahrheit und die Freiheit des Evangeliums berücksichtigt wird, der wähle immerhin diese Liste; man wählt sie aber auf Kosten der Freiheit des Evangeliums.» Die Mitschriften B bieten diesen Gedanken ebenfalls, jedoch ohne den Einschub: «nun ja … berücksichtigt wird».↩
66
Die Mitschrift Weidmann vermerkt an dieser Stelle «Heiterkeit» als Reaktion der Zuhörer.↩
67
Vgl. Barths Kritik an der «ganze[n] moderne[n] Theologie des ‹und›» schon in: Das erste Gebot als theologisches Axiom 📖 (s. oben, S. 230–239, Zitat S. 232).↩
68
Die Mitschrift Weidmann vermerkt hier «Beifall» der Zuhörer.↩
69
Vgl. oben, S. 32, Anm. 49.↩
70
Die folgende Erläuterung bis zum Satzende fehlt in allen Mitschriften.↩
71
Zu diesem Satz gibt es keine Entsprechung in den Mitschriften.↩
72
Der Hinweis auf die Nähe zu «Rom» fehlt in allen Mitschriften.↩
73
Zum hier richtig prognostizierten Ergebnis der Kirchenwahl s. oben, Anm. 14.↩
74
Die Anspielung auf 1.Kön. 19,18 fehlt in allen Mitschriften.↩
75
In den Mitschriften B folgt noch: «Ich habe gesprochen.» Dies wurde in der Mitschrift Weidmann von Barth handschriftlich ergänzt.↩
76
Lied Martin Luthers (EG 193; RG 255 🎵). Der Hinweis auf das Lied und das Lied selbst fehlen in allen Mitschriften.↩