Sorge und Hoffnung der Kirche heutzutage
SORGE UND HOFFNUNG DER KIRCHE HEUTZUTAGE
Am Ende des Sommersemesters 1933 erreichte
Die «Kühnheit» seiner Bitte erklärte der ihn einladende Pfarrer der Gemeinde,
Barth antwortete noch vor seiner Abreise in die Schweiz, dass er sich über diese Anfrage freue, weil er an «jene vier Wochen in Meiringen [...] immer mit besonderer Liebe zurückgedacht» habe.6 Er sagte unter der Voraussetzung zu, dass das Fest vor seiner Rückkehr nach Deutschland, also am Sonntag, dem 24. September 1933, stattfände: «Es freut mich richtig, bei dieser heimatlichen Sache dabeisein und mittun zu dürfen.»7
Man überließ Barth die freie Entscheidung, ob er eine Predigt oder einen
Vortrag halten wolle, und versprach ihm für beide Fälle, dass man seine «Darbietung in den
Mittelpunkt der ganzen Feier stellen |414 und die sogen[annten]
‹Einweihungsfeierlichkeiten› auf ein Minimum reduzieren» werde.8
Den Vortrag hielt Barth frei, «eben nur nach Notizen»11, die er erst kurz vor dem 24. September
niedergeschrieben hatte.12 In der Presse
fand eine vom Schweizerischen Evangelischen Pressedienst verbreitete
Zusammenfassung des Referats13
«gute Aufnahme»14, und gut acht
Monate später veröffentlichte die «
Sorge und Hoffnung der Kirche heutzutage
«Kirche»
Besinnen, was gemeint ist.
Deutsches Wort: «kreisförmig abgesonderter Ort» (verwandt: Cirkel, Cirkus).18 Hl. Ort mit hl. Bau und Werk. Aber nicht menschl[iche] Wahl und Tat macht christl[iche] Kirche, sondern Tat Gottes, an die Ort, Bau, Werk allenfalls erinnern. Kirche als Ort, Bau, Werk schon in heidn[ischer] Vorzeit: Zeichen menschl[ichen] Suchens[,] Ahnens, Wollens. Fremde kamen hie[r]her: Gottes Tat (Wort!) macht Ort, Bau, Werk heilig, macht K[irche] zur K[irche]! ecclesia, Versammlung von Menschen durch Ruf (Aufgebot) Gottes. Hören – Gehören. Das ist K[irche]! Daran erinnert Ort…!
Fremde brachten diesen Sinn in fremder Sprache. Das[,] was immer wieder zu lernen in Bez[iehung] auf K[irche]! Wir wissen es nicht, wir müssen es uns sagen lassen, es muss zu uns kommen, was K[irche] zur K[irche] macht, dass wir K[irche] sind!
416 (Analyse:) «Ruf (Gottes)»[:] Nicht Teil eines Selbstgesprächs, sondern
Anruf an Vergessliche, Schlafende, ja Tote. Wir sind an Anderem, nicht nur
im Natürlichen, oder Bösen, auch in unserm Guten, auch an diesem bes[onderen] Ort. Ruf ist
«Offenbarung»,
Enthüllung eines Verborgenen, das uns unzugänglich. Hören ist Wunder. Wunder macht K[irche] zum Heiligtum, zur K[irche]! «Was kein Auge…!» [
Was ruft Gott?
a) dass er bei uns. Wirklich? Ja:
Nicht nur wie Luft, Sonne, Blut, Gedanken, sondern wie Mensch - als Mensch:
Jes[us] Chr[istus]. Gott bei uns [vgl.
b) dass er für uns. Brauchen und sollen nicht selbst für unser
Guthaben und Gutsein zu sorgen. Gott nicht gegen uns[,] wenn Leid oder weil Sünde. In beidem
für uns! Nicht für dich! Hilfe zu groß! Ist schon geschehen! Ist Gottes
Herrlichkeit! «Jeder hat auf seinem Gleise…!»19 Weg-getragen durch Opfer und Leben. Ich? Dieser An|417dere? Diese Welt? Doch! Unsere Zeit: der kurze Tag zwischen Karfreitag und Ostern. Vergangenheit und Zukunft
für Alle und Alles. «Der Herr lässt leuchten…» [vgl.
c) dass er mit uns. Als unser Herr! Wir gehören nicht uns selbst.
Hochmut und Verzagtheit, Meisterlosigkeit und Bruderlosigkeit. Mahnung und Trost: Das Alte ist
vergangen [
Ruf schafft Kirche, indem er ergeht. Darum Ort, Bau, Werk[.] Ruf wurde vernommen, kann wieder vernommen werden. Darum neben Staat, Wirtschaft, Schule, Kunst die Kirche. Darum Pfarrer20 und Kirchgemeinde. Abgesondert wegen (der Verheißung und Erwartung) der Versammlung derer[,] die hörten und wieder hören werden. Ort, Bau, Werk erinnert an das Wunder der Offenbarung. Insofern Heiligtum. Was ist K[irche]? Wir Alle, sofern uns dies Wunder angeht. Wirklich? Es ist uns gesagt: hl. Schrift. Wir haben’s gehört: Bekenntnis. Kirche ist da[,] wo Schrift redet und Bekenntnis antwortet. Das ist der kreisförmig abgesonderte Ort!
«Sorge der Kirche»
Gibt es das? Sorge: Befürchtung schlimmer Zukunft, Ende,
Abgrund des Nichts, Tod. Versammlung der Aufgerufenen kann keine
Sorge haben. Wo Schrift redet und Bekenntnis antwortet, da hat man Gott hinter sich und darum
vor sich. Sorge? «Sorget nicht!» [vgl.
Es gibt das! Heutzutage? Zu allen Zeiten! Nicht in Gott[,] aber in den
Gott hörenden (?!) Menschen begründet. Möglichkeit, dass sie den Ruf nicht mehr, nicht wieder
hören. Dann Versammlung von Menschen unter sich, sich selbst gehörend, für sich selbst
einstehend |418 wie überall sonst. Dann schweigt die Schrift und das Bekenntnis. Dann wird Versammlung zwecklos. Ort, Bau, Werk bleiben übrig. Heiligtum?
Eine wüste gelassene Stätte [vgl.
Wie kommt das? Der hört nicht[,] der selber redet. – Menschenleben: der Versuch uns und Andern selbst zu sagen, was nützlich, wahr, schön, gut. Doppelte Grenze dieses Versuchs: Tod (du wirst nichts mehr zu sagen haben!) und – Kirche: Du hast etwas zu hören, was du dir nicht selbst sagen kannst. Schrift und Bekenntnis sagen, für Pfarrer und Gemeinde gilt: «Gott ist gegenwärtig…»21 Dann Fortsetzung unsres Versuchs, aber nicht ohne diese Unterbrechung. Sonntag! – Wenn statt dessen auch in der Kirche Selbersagen (Meinungen, Ansichten, Erfahrungen, Wünsche, Bestrebungen – gute! – von Pfarrer und Gemeinde[)], dann Hören unmöglich. Kirche dann auch nur Teil des allgemeinen Versuchs. Sonntag Werktag. Kirche unnötig, leer, «Kirche ist aus» und: «Gott ist tot»22. Das ist die «Sorge der Kirche». Sorge heutzutage. Inbegr[iffen] die Zeit unsrer Väter und Großväter! Welcher Anlass? Wo die Forderung gilt u[nd] die Meinung besteht:
- a) In der Kirche müsse Erziehung zum Guten stattfinden. Nötig genug! Und Wort G[ottes] erzieht gewiss. Aber soll K[irche] erziehen wollen? Erziehung setzt voraus, dass Erzieher und Zöglinge wissen[,] was gut ist. Versuch muss gemacht sein. Aber Hören ist etwas Anderes. Als Schule wird K[irche] überflüssig. Wo Gott, wenn K[irche] nur Schule? Sorge!
- b)In der Kirche müsse Wissenschaft regieren. Bildung ist berechtigtes Anliegen. W[ort] G[ottes] ist die Wahrheit! Aber K[irche] ist nicht die Stätte zur Pflege dessen, was wir jeweils für Wahrheit halten. Bildung ist Selbstgespräch. Hören etwas Anderes! K[irche] hält moderne Konkurrenz nicht aus:
G. Keller .23 Sorge! - c)419In der Kirche müsse die Erneuerung der Gesellschaft vorbereitet werden. Sozialismus, Pazifismus, Lebensreform. Nötig!! Und W[ort] G[ottes] erneuert und ist Wort der Hoffnung. Aber K[irche] als «Bund der Verschworenen einer bessern Zukunft»24? Das Hören hört dann auf. Ideen regieren, über die man streiten kann und die sich nur teilweise bewähren. Sorge!
- d)In der K[irche] müssen die Grundlagen des menschl[ichen] Lebens verkündigt und verstanden werden. («Schöpfungsordnungen»25: Ehe, Familie, Volk, Staat) Das gibt es, Mensch ist gebunden durch Schöpfung. Und W[ort] G[ottes] ist Erneuerung der Schöpfung. Aber W[ort] G[ottes] sagt uns[,] was Sch[öpfung][,] als solchen[,] die es vergessen. Unsre Erinnerungsversuche sind nicht Hören! Verwechslung nimmt der K[irche] ihre eigene Aufgabe. Sorge!
Sowohl – als auch? Eins tun, das Andere nicht lassen? Hören und Selbersagen? Glauben und Leben? Christentum26
und
Wissenschaft?27
|420 Ev[angelium] und
Sozialismus? Ev[angelium] und
Volkstum?28 Nein!
Sonst Sorge! Wirkl[iches] Menschenleben freilich: «und». Gerade um des Mensche[n]lebens willen
darf K[irche] nicht auch noch «und» sagen, Sonntag zum Werktag machen. Hier hat der ganze
Mensch mit seinem Versuch zu hören, Pfarrer und Gemeinde. Weil Leben dieses
Hörens bedarf und nicht im Selbersagen aufgehen darf. Im «und» gewinnt es immer der Mensch,
fällt das Hören aus, wird K[irche] leer, entsteht die große Lücke. Darum: «Ich bin der Herr
dein Gott…» [
«Hoffnung der Kirche»
Nicht selbstverständlich, dass es das auch gibt. Soweit das Auge reicht, Anlass zur Sorge. Gesch[ichte] der
prot[estantischen] Kirche zeigt seit 200 Jahren ein Nachlassen des Hörens, ein Überhandnehmen
des Selbersagens. Größte kirchl[iche] Bewegung der Gegenwart (Deutschland!) steht in diesem Zeichen.30 Auch vermeintliche
Erneuerungsbewegungen (
Wenn Hoffnung, dann größer als Sorge. Sorge das Menschliche. (
Wo und wie Hoffnung?
a) gerade wenn in der K[irche] die Sorge um die
K[irche] lebendig. Wer diese Sorge wirklich teilt, der macht sich ja bereit zum Hören. Die hungern und dürsten
nach Gerechtigkeit [vgl.
b) wenn die Pfarrer ihre Aufgabe wieder besser verstehen. Sie liegt vor ihnen33. Schrift kann reden und Bekenntnis wird folgen. Für keinen zu spät. Und Aufruf der Jungen zur Umkehr. Reformation.
c) wenn Pfarrer und Gemeinde beten: Erhalt uns Herr bei deinem Wort!34 Wort ist Gabe, Gabe will erbeten sein.
Aber das Alles ist menschliche Hoffnung. Bedürfnis, Theologie, Gebet können
täuschen und Hoffnung in neue Sorge umschlagen. Alles ist auszurichten auf göttliche Hoffnung:
das Wort selber der Herr der Kirche. Er
hat sie gebaut. Er muss sie erhalten. Er allein kann es. Hoffnung: Gott bei, für, mit uns.
Gott treu in unsrer Untreue. Ist das wahr? Ja, wie Taufe
und Abendmahl: als Gnade vor unsrem Glauben, trotz unsrem
Unglauben [vgl.
Ich hebe meine Augen auf… [