500
Wabern bei Bern, 22. September 1933
Hier mit Dank deine Sachen zurück. Mit diesem Brief an Jacobi bin ich sehr einverstanden. Ich habe selber schon mehr als einen Brief nach draußen geschrieben mit der Warnung, schon jetzt an Austritt und freie Kirche zu denken1, wie es bereits an allen Ecken zu geschehen scheint. Wenn das so weiter geht wie jetzt eben mit der Geschichte von Isaaks Opferung [Gen. 22,1–19], dann kann man es freilich immer besser verstehen, daß manche aus der Haut fahren wollen, und am Ende wird man sich doch auch noch dazu entschließen müssen.2 Denk, heute morgen bekam ich von K. L. Schmidt die Nachricht, daß er Knall und Fall, ohne Angabe von Gründen, nur unter Verweis auf den § 4 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Beamtentums
📖 «aus dem Staatsdienst» entlassen sei.3 Vielleicht gibst du die Nachricht an K. Sartorius durch, |501 wenn sie sie noch nicht haben sollten.4 Die nötigen Angaben über K. L. S. werden sie ja im RGG
📖5 selber nachschlagen können. Es wird schon immer toller. Heute morgen wurde ich vom Bonner Kurator telegraphisch aufgefordert, meinen Ariernachweis unverzüglich einzusenden.6 Ich weiß nicht, ob das bedeutet, daß um mich herum auch noch |502 etwas im Werke ist auf den kritischen 30. September.7 Die Büchersendung nach Leysin habe ich in Auftrag gegeben.8
Lollo schreibt mir eher beunruhigt und beunruhigend über die Verfassung, in der sich unser Freund Georg befinden muß.9 Es wird ein schwieriges Gespräch werden, bei dem du mit deinen bekannten Eigenschaften höchst unentbehrlich sein wirst. Unglücklicher Weise wird auch Line — eine Gestalt, die mir immer grundungemütlich war — auf dem Plane sein. Und da auch Gerty mitfahren will und Hertha ohnehin in der Nähe ist und auftauchen wird, wird die Arche Noah, wenn wir erst bei Lempp beieinander sind, voll sein mit Tieren jeglicher Art, ein Männlein und ein Weiblein [vgl. Gen. 6.19f.], und von den in der gewiß dicken Luft befindlichen psychologischen, soziologischen, theologischen und doch auch erotischen Spannungen könnten leichtlich ihre Wände platzen.
Alles weitere dann im Auto. Rudi sollte es eigentlich panzern lassen für diese Fahrt in dieses Deutschland!
Die Schwaben scheinen sich auf ihrer Synode tüchtig die Meinung gesagt zu haben. Ich habe die mir gewordene Ehrenmeldung (von Oeri, oder wer es war, emserdepeschenartig10 in Sperrdruck gesetzt!)11 mit Vergnügen zur Kenntnis genommen.
503Ich bin an meinem Vortrag für Meiringen12. Der erste Teil liegt vor. Ein zweiter und dritter sind noch zu gebären.
Mit herzlichem Gruß an dich und Marguerite!