22. September 1933

Karl Barth an Eduard Thurneysen

500
Lieber Eduard!

Hier mit Dank deine Sachen zurück. Mit diesem Brief an Jacobi bin ich sehr einverstanden. Ich habe selber schon mehr als einen Brief nach draußen geschrieben mit der Warnung, schon jetzt an Austritt und freie Kirche zu denken1, wie es bereits an allen Ecken zu geschehen scheint. Wenn das so weiter geht wie jetzt eben mit der Geschichte von Isaaks Opferung [Gen. 22,1–19], dann kann man es freilich immer besser verstehen, daß manche aus der Haut fahren wollen, und am Ende wird man sich doch auch noch dazu entschließen müssen.2 Denk, heute morgen bekam ich von K. L. Schmidt die Nachricht, daß er Knall und Fall, ohne Angabe von Gründen, nur unter Verweis auf den § 4 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Beamtentums 📖 «aus dem Staatsdienst» entlassen sei.3 Vielleicht gibst du die Nachricht an K. Sartorius durch, |501 wenn sie sie noch nicht haben sollten.4 Die nötigen Angaben über K. L. S. werden sie ja im RGG 📖5 selber nachschlagen können. Es wird schon immer toller. Heute morgen wurde ich vom Bonner Kurator telegraphisch aufgefordert, meinen Ariernachweis unverzüglich einzusenden.6 Ich weiß nicht, ob das bedeutet, daß um mich herum auch noch |502 etwas im Werke ist auf den kritischen 30. September.7 Die Büchersendung nach Leysin habe ich in Auftrag gegeben.8

Lollo schreibt mir eher beunruhigt und beunruhigend über die Verfassung, in der sich unser Freund Georg befinden muß.9 Es wird ein schwieriges Gespräch werden, bei dem du mit deinen bekannten Eigenschaften höchst unentbehrlich sein wirst. Unglücklicher Weise wird auch Line — eine Gestalt, die mir immer grundungemütlich war — auf dem Plane sein. Und da auch Gerty mitfahren will und Hertha ohnehin in der Nähe ist und auftauchen wird, wird die Arche Noah, wenn wir erst bei Lempp beieinander sind, voll sein mit Tieren jeglicher Art, ein Männlein und ein Weiblein [vgl. Gen. 6.19f.], und von den in der gewiß dicken Luft befindlichen psychologischen, soziologischen, theologischen und doch auch erotischen Spannungen könnten leichtlich ihre Wände platzen.

Alles weitere dann im Auto. Rudi sollte es eigentlich panzern lassen für diese Fahrt in dieses Deutschland!

Die Schwaben scheinen sich auf ihrer Synode tüchtig die Meinung gesagt zu haben. Ich habe die mir gewordene Ehrenmeldung (von Oeri, oder wer es war, emserdepeschenartig10 in Sperrdruck gesetzt!)11 mit Vergnügen zur Kenntnis genommen.

503Ich bin an meinem Vortrag für Meiringen12. Der erste Teil liegt vor. Ein zweiter und dritter sind noch zu gebären.

Mit herzlichem Gruß an dich und Marguerite!
Dein
Karl

Sachfußnoten

1
Z. B. am 11.9.1933 α an D. Bonhoeffer (Abdruck in: D. Bonhoeffer, Gesammelte Schriften, Bd. II, hrsg. von E. Bethge, München 1959, S. 127–130 📖; vgl. Scholder I, S. 611 📖) und an Renatus Hupfeld, am 16.9.1933βan den Theologiestudenten Walter Liebing und an Pfarrer Friedrich von Baussnern.↩
2
Nach der Einführung des «Arierparagraphen» («Isaaks Opferung») auf der «braunen Synode» (s. oben S. 499, Anm. 11) war nun auch ein entsprechender Entschluß der Nationalsynode (am 27.9.) zu erwarten. Die Niederlegung des Amtes, der Kirchenaustritt und die Bildung einer Freikirche schien einer Minderheit der kirchlichen Opposition (darunter führend D. Bonhoeffer und Fr. Hildebrandt) die gebotene Konsequenz. Aus den Auseinandersetzungen über diese Frage in Berlin entstand unmittelbar nach der «braunen Synode» der Pfarrernotbund; vgl. Scholder I, S. 610–612 📖; E. Bethge, Dietrich Bonhoeffer …, a.a.O. (S. 197, Anm. 7), S. 359–362; unten S. 532, Anm. 15. 📖 Vor dem Kirchenaustritt und der Freikirche als Möglichkeit warnte Barth unter den damals gegebenen Umständen auch in seinen Gesprächen mit Notbund-Pfarrern in Berlin am 31.10.1933 (s. unten S. 532, Anm. 15; vgl. Reformationstag 1933. Dokumente der Begegnung Karl Barths mit dem Pfarrernotbund in Berlin, hrsg. und eingeleitet von E. Busch, Zürich 1998, S. 72f.81f.89.91.102-104 📖), und am 14.11.1933 (s. unten S. 541, Anm. 3; vgl. Reformationstag 1933 …, S. 125f.); s. aber unten S. 584f.↩
3
Am 21.9.1933 hatte K. L. Schmidt aus Frankfurt am Main an Barth geschrieben: «… da erreicht mich … die telefonische Nachricht meiner Frau, daß ich aus dem Staatsdienst auf Grund des § 4 des Gesetzes zur usw. entlassen bin. Die Mitteilung ist üblich lakonisch und bringt den Schlußsatz, daß über meine Bezüge weitere Mitteilungen eingehen.» Die Entlassung erfolgte auf den 15.9.1933. § 4 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7.4.1933 (vgl. oben S. 386, Anm. 3) lautet: «Beamte, die nach ihrer bisherigen politischen Betätigung nicht die Gewähr dafür bieten, daß sie jederzeit rückhaltlos für den nationalen Staat eintreten, können aus dem Dienst entlassen werden. Auf die Dauer von drei Monaten nach der Entlassung werden ihnen ihre bisherigen Bezüge belassen. Von dieser Zeit erhalten sie drei Viertel des Ruhegeldes (§ 8) und entsprechende Hinterbliebenenversorgung» (zitiert nach Michaelis/Schraepler, S. 284 📖; Schmidt erhielt allerdings bis Ende 1933 keine, vom 1.1.1934 an nur 30 % seiner Bezüge; vgl. Mühling, S. 159, Anm. 571 📖). In seiner Antwort vom 22.9.1933 bot Barth Schmidt seine Hilfe für die Suche nach einer Stelle in der Schweiz an. Vgl. Mühling, S. 145f.152-157.159-161. ↩
4
Ein Artikel Entlassungen an deutschen Universitäten, in: BN, Jg. 89 (1933), Nr. 263 vom 25.9.1933 📖, berichtet vor allem ausführlich über K. L. Schmidt: «Ein bekannter schweizerischer Theologe [Thurneysen] schreibt uns: Wie wir vernehmen, ist der bekannte Theologieprofessor Karl Ludwig Schmidt, Ordinarius für Neues Testament an der Universität Bonn, plötzlich aus dem Staatsdienst entlassen worden. Die Gründe hiefür sind nicht bekannt. Doch steht das eine fest, daß diese aufsehenerregende Entlassung nicht zusammenhängen kann mit dem Arierparagraphen und noch weniger damit, daß Schmidts wissenschaftliche Leistungen irgendwie zu beanstanden gewesen wären. Im Gegenteil, Karl Ludwig Schmidt gehört zu den hervorstechendsten wissenschaftlichen Forschern, die Deutschland auf dem Gebiete der Theologie seit dem Kriege besaß. Die theologische Wissenschaft verdankt ihm auf seinem Fachgebiet, dem Neuen Testament, bedeutende Anstöße und Förderungen. Schmidt ist, um nur das eine zu nennen, einer der wichtigsten und hervorragendsten Mitarbeiter an dem eben in Erscheinung begriffenen, ein Standardwerk europäischer Wissenschaft darstellenden ‹Theologischen Wörterbuch zum Neuen Testament 📖›. Auch ist er der Herausgeber der weitverbreiteten, gerade auch im Ausland besonders geschätzten ‹Theologischen Blätter› die unter seiner Leitung ihren Aufstieg zum führenden Blatte genommen haben. Das erzwungene Ausscheiden Schmidts aus der Professur bedeutet einen schweren Verlust. Die Vermutung liegt nahe, daß auch hier der Einfluß der sogenannten ‹Deutschen Christen› sich geltend gemacht hat, denen Schmidt sich nicht angeschlossen hatte, und die ihre unbestreitbare Macht in der Kirche dazu benützen, Prominente, die sich ihrem Einfluß entziehen oder gar widersetzen, aus ihren Stellungen zu verdrängen. In diesem Falle handelte es sich überdies um einen Mann, der sich als Kriegsteilnehmer und Kriegsverwundeter reichlich über seine vaterländischen Qualität ausgewiesen hat. Dem Ausland werden solche Vorgänge immer wieder absolut unverständlich sein.»↩
5
A. Meyer, Art. «Schmidt, 13. Karl Ludwig», in: RGG2 V, Sp. 208. 📖 ↩
6
Telegramm nicht erhalten.↩
7
Bis zum 30.9.1933 lief die Frist, «bis zu der die Nachprüfungen auf Grund des Gesetzes über die Wiederherstellung des Berufsbeamtentums 📖 zumindest eingesetzt haben» mußten (Keesings Archiv der Gegenwart, Jg. 3 [1933], S. 1060, Buchstabe K 📖). Unter anderem weil ihm der Rektor der Universität Bonn wegen eines Fragebogens in die Schweiz telegraphierte hatte, hielt Barth es für sehr wahrscheinlich, daß solche «Nachprüfungen» über ihn im Gange waren.↩
8
Siehe oben S. 497, Anm. 3.↩
9
Ch. von Kirschbaum und Merz waren bereits in München.↩
10
Im Juli 1870 veröffentlichte Bismarck in der Presse — in stark gekürzter Form — eine Depesche über diplomatische Forderungen des französischen Botschafters Benedetti an Wilhelm I. in Bad Ems. Die Veröffentlichung des durch die Kürzung verschärften Inhalts der «Emser Depesche» verhalf Preußen in der deutschen Öffentlichkeit zum moralischen Vorteil gegenüber der französischen Außenpolitik. Die eigenmächtige Verschärfung und Publikation durch Bismarck gehört zum propagandistischen Vorfeld des deutsch-französischen Krieges von 1870/71.↩
11
In einem Artikel Süddeutsche Landessynoden (in: BN, Jg. 89 [1933], Nr. 259 vom 21.9.1933, 2. Beilage) 📖, der u. a. über die Sitzung des württembergischen Landeskirchentags vom 12./13.9.1933 berichtete, heißt es: «Aus der Debatte, die sich in durchaus versöhnlichem Geiste bewegte, sei noch angeführt eine Bemerkung des Sprechers der Deutschen Christen in der Entgegnung auf die Rede des Landesbischofs [Wurm]: Weite Kreise der Theologen seien leider unter den geistigen Einfluß Barths gekommen, der ihnen das Rückgrat gebrochen habe, weil er kein Deutscher, sondern ein Schweizer sei.»↩
12
Am 24.9.1933 hielt Barth auf dem Kirchlichen Bezirksfest der Ämter Interlaken und Oberhasli (Kanton Bern), bei dem die Meiringer Unterweisungskapelle eingeweiht wurde, den Vortrag «Sorge und Hoffnung der Kirche heutzutage» (dreiseitiges mit Bleistift bearbeitetes Typoskript im Karl Barth-Archiv). Bericht über den Vortrag: epd-Korrespondenz (vgl. unten S. 765, Anm. 3), Sorge und Hoffnung der Kirche, in: BN, Jg. 89 (1933), Nr. 267 vom 29.9.1933, 2. Beilage 📖; weitgehend abgedruckt in: Kaiser, S. 377f. 📖 ↩