6. Oktober 1933

Charlotte von Kirschbaum an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard,

mit der gleichen Post geht als eingeschriebene Drucksache der «Kolosserbrief»1 an dich ab. Magst du bald mit der «Bergpredigt»2 antworten?—

Der «Figaro 📖» war noch sehr schön. Das Gespräch mit Putz3 noch ganz wichtig und eigentlich hoffnungsvoll.4 — Hier geht Alles gut. Nelly darf morgen heimkommen. Die Stille des Krankenhauses hat ihr in mancher Hinsicht wohlgetan, nachdem die ersten Schmerzen vorüber waren.5 — Der Nachmittag brachte schon lange Gespräche mit Karl Ludwig6, — |504 Fuchs ist bereits fortgezogen.7 Über Karl laufen tolle Gerüchte, die aber noch jeder wahren Grundlage entbehren. Er läßt dich grüßen. Euch beiden einen herzlichen Gruß.

Lollo

Sachfußnoten

1
Manuskript der Vorlesung «Erklärung des Kolosserbriefes», die Barth erstmals im WS 1924/25 in Göttingen gehalten hatte.↩
2
Manuskript der Vorlesung «Erklärung der Bergpredigt», erstmals gehalten im SS 1925 in Göttingen, wiederholt im WS 1933/34. Thurneysen hatte es im Oktober 1925 erhalten; vgl. Bw.Th. II, S. 532. 📖 Manuskript der Vorlesung von 1925 und Typoskript aus dem WS 1933/34 (redigierter Text) im Karl Barth-Archiv.↩
3
Eduard Putz (1907–1990), Mitglied der NSDAP und 1927 Gründer des NS-Studentenbundes in Tübingen, 1933 theologischer Hilfsreferent im Landeskirchenrat in München, seit der Barmer Synode im Mai 1934 einer der Vertreter der bayerischen Lutheraner in der Bekennenden Kirche, 1935–1947 Pfarrer in Fürth, 1954–1972 Dekan in Erlangen.↩
4
Zu dem Besuch einer Vorstellung von «Figaros Hochzeit 📖» und dem Gespräch mit Putz in München kam es nach Thurneysens Abreise.↩
5
Nelly Barth hatte sich einer Operation unterziehen müssen.↩
6
Nach einem Brief K. L. Schmidts an Barth vom 24.9.1933 (Teilabdruck des Briefes bei Mühling, S. 160f. 📖) war die Auflösung von Schmidts Haushalt für Mitte Oktober vorgesehen. Die Kinder wohnten, solange Schmidt mit seiner Frau in Süddeutschland und später in der Schweiz nach einer neuen Stelle suchte, bei verschiedenen befreundeten Familien; der Sextaner Andreas Georg Johannes wurde bei Barths untergebracht.↩
7
E. Fuchs war gleichzeitig mit K. L. Schmidt entlassen worden, obwohl er — erst seit Februar 1933 Mitglied — am 9.6.1933 aus der SPD ausgetreten war und sich in einem Schreiben wegen seiner Parteizugehörigkeit vor den Behörden gerechtfertigt hatte (vgl. Bizer, S. 257 📖). Später Mitglied der «Bekennenden Kirche», schwankte er in seiner politischen und theologischen Haltung 1933 stark. Am 25.5.1933 hatte H. Traub in einem der Rundbriefe, die er regelmäßig mit seinen Freunden G. Eichholz, H. Gollwitzer, B. Locher, H. Otten, Fr. Schipper und K. G. Steck wechselte, über ihn geschrieben: «Fuchs merkt, daß das mit der SPD kein guter Griff war, vielleicht geht ihm auch auf, daß die theologische Begründung seines Beitritts, die ihm die entscheidende war, nicht gültig genug ist, ja, fehlerhaft durch u. durch ist. Das versuchte ihm Barth schon vor 4 Monaten klar zu machen in einem langen Gespräch, das aber unverstanden blieb: daß man einer politischen Partei aus wesentlich nur politischen Gründen beitreten kann. Wie es nun mit F. immer auch sei, es reut ihn: er hat auch subj. wie obj. berechtigte Sorgen um seine Zukunft, da er auch am ungeschütztesten ist — austreten mag er nicht um des Renomées willen, andererseits hat er via Sozialismus eine starke u. positive Neigung zum Nat.-Sozialismus. Kurz: er schnaubt und ist etwas unglücklich, und ich habe den Eindruck, daß K. L. S. auch hier kein guter, sondern ein zu beteiligter Lehrmeister u. Erzieher ist» (Brief abgedruckt in: H. Traub, «Unerschrocken …», a.a.O. [S. 303, Anm. 5], S. 57–65; Zitat dort S. 60f 📖). In einem weiteren Rundbrief vom 29.6.1933 berichtete H. Gollwitzer seinen Freunden von Fuchs’ unverhohlener Begeisterung für den Nationalsozialismus; er spreche u. a.« — natürlich mit geistreicher Begründung — von neuer Kirche, neuem Staat, neuem Volk, von der Dämonie des Judentums, in deren Bekämpfung die Kirche Bundesgenossin sein müsse, daß die Erneuerung von Art und Rasse auch für die Kirche heute wichtigste Aufgabe sei, und so fort, u. s. f.» (Brief abgedruckt a.a.O., S. 83–85; Zitat dort S. 85). Am 24.9.1933 schrieb K. L. Schmidt über seinen Assistenten an Barth: «Auch er hat den blauen Brief bekommen und soll ganz zerschmettert sein. Er steht mit einem Schlag — wirklich ‹schlagartig› ist das gekommen — vor dem radikalen Nichts. Er ist sofort nach seiner schwäbischen Heimat gefahren und will schon in wenigen Tagen mit Frau und 2 Kindern nach Stuttgart übersiedeln, obwohl nicht sicher ist, ob seine Heimatkirche in ihrer jetzigen Struktur ihn zurücknimmt. … Es ist grausam, daß sich der Ärmste zwischen alle nur vorhandenen Stühle gesetzt hat» (Teilabdruck des Briefes bei Mühling, S. 160f. 📖). Fuchs selber schrieb am 6.10.1933 an Barth: «Vielleicht freut Sie’s, wenn ich hiermit auch meinerseits zugebe, daß Sie mit Ihrer Broschüre in allen Punkten Recht behalten haben, auf die es in unserer kirchenpolitischen Lage ankam», und dankte Barth für die ihm zuteilgewordene theologische Belehrung. Am 16.10.1933 wurde er «Stadtverweser» in Freudenstadt im Schwarzwald.↩