14. Oktober 1933

Eduard Thurneysen an Charlotte von Kirschbaum

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Liebe Lollo,

mit diesem Brief geht die «Bergpredigt» an dich ab. Das wäre eine ganz ausgezeichnete und seltene Sache, wenn es dir gelänge, sie langsam umzuschreiben1! Es ist eine der Vorlesungen, in denen Karl einfach in ein paar großen Zügen eine Stellung schachmatt setzt, um die alle, aber auch alle anderen völlig vergeblich herumkämpfen. Mir hat sie die Bergpredigt überhaupt erst zugänglich gemacht. Wie gern hätte man diese Blätter in Händen! Ich habe selber immer schon daran gedacht, sie abzuschreiben, und habe sie darum so lang behalten — aber es geht der Zeit wegen einfach nicht. Vielleicht wird es auch dir kaum möglich werden! Der Kolosserbrief ist gut in meine Hand gekommen — vielen Dank!

Und nun, Lollo: ich bin sehr beschämt, denn ich bin plötzlich nicht mehr sicher, ob ich dir das Geld für das von dir besorgte Jäcklein für Marguerite in München gegeben habe! Gelt, du schreibst mir sofort den Betrag, falls ich ihn dir (was ich vermute) schuldig geblieben bin! Wahrscheinlich wäre auch das von «symbolischer Bedeutung»! Auf alle Fälle, Lollo. du hast wirklich keinen, aber auch gar keinen Grund zu dem schrecklichen Gedanken: ich «verachte» dich! Das wirst du jetzt hoffentlich selber gesehen haben. Lassen wir unsere Freundschaft unbelastet, es gibt daneben belastete genug! Und fürchte nur ja nicht, daß ich nicht alles Verstehen habe auch für ganz eindeutige Erklärungen «pro Karl!» wie an jenem Abend nach dem Theater2: mir leuchtet alles, ja, Lollo, immer wieder alles ein, was von dir kommt, du weißt gar nicht, wie sehr, wenn es nur nicht gegen mich geht!

Sei herzlich gegrüßt. Möchte der deutsche Winter für euch nicht allzu hart werden!

Dein
Eduard

Sachfußnoten

1
Am 17.10.1933 schrieb Thurneysen an K. Lindt: «Frl. von Kirschbaum sagte mir, sie hätte die Absicht, eben jetzt in den nächsten Wochen diese ganze kleine Vorlesung (sie ist seinerzeit einstündig in einem Sommersemester in Göttingen gelesen worden und reicht bis in die 2. Hälfte des 5. Kapitels) aus Karls handschriftlichem Manuskript heraus zu entziffern und in die Schreibmaschine zu übertragen.»↩
2
Gemeinsamer Besuch einer Aufführung von W. Shakespeares Komödie «Was ihr wollt» 📖 in München (laut Brief von K. Barth an seinen Bruder Peter vom 5.10.1933).↩